Liebe Irmgard Gottschlich, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ein Miteinander von Haushalt, soziale Begegnungen und Arbeit an künstlerischen Konzepten, auch soziokulturell. Aus all dem zusammen schöpft sich mein künstlerisches :Thema.:die Kulturgeschichte der Frau
Irmgard Gottschlich, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wache Selbstaufmerksamkeit auf die Probleme der Erde.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die Selbstaufmerksamkeit in selbstmögliches Handeln umsetzen. Die Kunst muss noch besser vermittelbar sein und somit zum freien Denken anregen, weniger belehrend, mehr kommunizieren. Gut für das wirklich soziale, gut für das finden von Lösungen oder haltbaren Kompromissen.
Was liest Du derzeit?
Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie/ Wolfgang Ullrich
Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht/ Margherita Costa/ Übersetzt und ausgewählt von Christine Wunnicke
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Leben mit dem ANDEREN
Vielen Dank für das Interview liebe Irmgard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Irmgard Gottschlich, Künstlerin
Zur Person_Irmgard Gottschlich, Künstlerin
1939 geboren in Hamburg
1970 –76 Studium der Malerei und Grafik in Hamburg
1993- 2013 Initiierung von Ausstellungs- und Werkstattgesprächen
Juroren- und Kuratorentätigkeit für die Kulturstiftung Stormarn der Sparkasse Holstein
2013 Projektentwicklung „Amelinghausener Kunststücke“ ( Sculpturen im Lopaupark) zusammen mit Harald Finke
wiederkehrend Konzeptentwicklung und Kuratorentätigkeit
ab 2017 Jurymitglied im KV Buchholz
ab 1977 Ausstellungen im In- und Ausland, u.a. Hamburg, Lübeck, Kiel, Berlin, Mannheim, Dortmund, Trier, Norköpping, Erfurt, Magdeburg, Ahrensburg, Soltau, Buchholz, Brunsbüttel, Bonn, Freiburg, Essen, Kirchberg an der Jagst
Lieber Gerd Alois Wildbacher, wie sieht Dein Tagesablauf aus?
Ich habe überwiegend keinen geregelten Tagesablauf. Jedenfalls nicht so, wie viele andere Menschen ihn kennen, die feste Arbeitszeiten haben. Ich orientiere mich also weitgehend an meinen beruflichen Anforderungen. Die können tatsächlich sehr unterschiedlich sein. Wenn ich Theater spiele, dann stehe ich beispielsweise abends auf der Bühne, eben dann, wenn die meisten anderen Freizeit haben. Sehr oft auch am Wochenende. Bei einem Film-Dreh kann es dagegen schon mal vorkommen, dass ich um halb vier Uhr morgens aufstehen muss. Dazwischen gibt es Proben und es sind organisatorische Dinge zu erledigen. Bei mir verschwimmen die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf sehr oft. Da hilft es mir, dass ich prinzipiell spontan und flexibel bin. Ich mag das. Von meinem Wesen her bin ich aber grundsätzlich eine Nachteule. Früh aufstehen ist also nicht so mein Ding!
Gerd Alois Wildbacher, Schauspieler, Sprecher und Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es fällt mir schwer allgemein gültige Ratschläge zu erteilen. Menschen sind sehr unterschiedlich und haben daher sehr individuelle Bedürfnisse. Ich selbst erinnere ich immer wieder daran, dass es gilt jetzt und im Moment zu leben. Nichts aufzuschieben. Morgen kann ja alles bereits vorbei sein. Wer weiß das schon? Leider gelingt mir das noch immer viel zu selten. Es gibt da ein Sprichwort, das ich sehr gerne mag: „Yesterday is history, tomorrow is a mystery, but today is a gift. That is why it is called the present.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Menschen standen wohl schon seit jeher und immer mal wieder vor einem Aufbruch, vor einem Neubeginn. Vermeintlich. Ich kann daran nichts Neues erkennen. Jedenfalls, weil wohl jede Generation das so empfindet. Vielleicht, weil wir uns selbst zu wichtig nehmen. Was soll denn Neubeginn heißen? Und für wen soll dieser Neubeginn gelten? Für alle? Es ist doch nie etwas allgemeingültig. Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit, hat angeblich Aulus Gellius mal gesagt. Die Schönheit übrigens auch! Es gibt keine Wahrheit für alle. Die Wahrheit hat viele Gesichter, sagt beispielsweise Luigi Pirandello. Und ich gebe ihm recht.
Die Geschichte hat vieles an Neubeginn und Aufbruch gezeigt, das ich heute nicht erleben würde wollen. Radikale Weltverbesserer machen mir Angst. Aber: Ich bin kein Philosoph. Und ich möchte auch nicht die Welt retten. Persönlich versuche ich mich stetig weiterzuentwickeln. Und ich hinterfrage mein Tun.
Die Kunst beispielsweise kann aufmerksam machen. Aufrütteln. Aber sie kann auch einfach bloß unterhalten. Auch hier gibt es alle nur erdenklichen Möglichkeiten. Bis hin zu gehirnwaschender Propaganda. Ich erlebe eine zunehmende Radikalisierung in unserer Gesellschaft. Es scheint vermehrt nur noch „schwarz oder weiß“ zu gelten. Die Welt ist aber bunt. Lassen wir sie doch bitte weiterhin bunt bleiben. Bunt und friedlich!
Was liest Du derzeit?
Ich lese grade erneut „Als ich ein kleiner Junge war“, von Erich Kästner. Daneben lese ich immer wieder Lyrik, da ich Gedichte sehr liebe. Und selbstverständlich auch Theaterstücke. Im Moment „Endspiel“, von Samuel Beckett.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da gäbe es ganz viele Möglichkeiten. Ich entscheide mich spontan für eines meiner absoluten Lieblingsgedichte.
Wie soll ich meine Seele halten, daßsie nicht an deine rührt? Wie soll ich siehinheben über dich zu andern Dingen?Ach gerne möcht ich sie bei irgendwasVerlorenem im Dunkel unterbringenan einer fremden stillen Stelle, dienicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.Auf welches Instrument sind wir gespannt?Und welcher Geiger hat uns in der Hand?O süßes Lied.
Rainer Maria Rilke
Vielen Dank für das Interview lieber Gerd, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Gerd Alois Wildbacher, Schauspieler, Sprecher und Musiker
5 Fragen an Künstler*innen:
Gerd Alois Wildbacher, Schauspieler, Sprecher und Musiker
Zur Person_Gerd Alois Wildbacher wurde in Eibiswald geboren und ist in Bad Schwanberg aufgewachsen. Er studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz. Danach folgten unterschiedliche Engagements unter anderem am Schauspielhaus Graz und an diversen Bühnen, vor allem in der freien Theaterszene.
Er lebt als Schauspieler, Sprecher und Musiker derzeit in Graz.
Liebe Sylvia Caba, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Alltag beschäftige ich mich mit meiner Malerei und allem was damit zusammenhängt.
Sylvia Caba (folgende) _ Shaking head 20x 30 cm oel auf Papier.Boxing Elena, 20x30cm , oel auf PapierO. T. , 2023, 20x30cm, oel auf Papier
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke Offenheit als eine unserer wichtigsten Persönlichkeitsdimensionen zu praktizieren, ohne sich selbst und seine Grenzsetzung aufgegeben zu müssen. Offenheit bedeutet auch sich selbst nicht übermäßig ernst zu nehmen. Auf individueller und kollektiver Ebene. Es ist bei allem und für alle wichtig, die Balance zwischen den Gegensätzen zu finden, wenn man annehmen darf, dass Sicherheit eine Illusion ist.
In Bescheidenheit anzunehmen, dass subjektive Gefühlsurteile keine Basis für gesellschaftliche Maßstäbe bilden können, halte ich in der Zeit der Social media für uns alle als besonders wichtig.
Königin der Nacht, 2023, 60x70m, oel auf Papier
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
…Virtuelle Welten und multiple Kontexte werden jedem Einzelnen immer zugänglicher. Kunst kann helfen, Festgefahrenes aufzubrechen, Rollen zu hinterfragen, und Witz zu haben, was hilfreich sein kann in herausfordernden Zeiten der Ressourcenkappheit.
Deception, 2023 , 20×30 cm, oel auf Papier
Was liest Du derzeit?
“ Fluss ohne Ufer “ (Hans Henry Jahn)
Sylvia Caba _ Madea’s falling, 2023, 60×70 cm, oel auf Papier
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Though this is madness there is method in it.“ (Hamlet)
Vielen Dank für das Interview liebe Sylvia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Sylvia Caba, Künstlerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Sylvia Caba, Künstlerin
Zur Person_Sylvia Caba,bis 2017 Studium am Mozarteum Salzburg – Bildnerische Erziehung , Psychologie Philosophie auf Lehramt. Nach Abschluss freie künstlerische Praxis. Wohne und male in Wien.
Alle Fotos _ Sylvia Caba.
24.7.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Liebe Betka Fislova,wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Mit „Undine geht“ tauche ich jedes Mal mit Neugier in die (Un-)Tiefen von Bachmann‘s Sprache ein. Getragen von der Leidenschaft und Präzision ihrer Worte, entdecke ich jedes Mal neue Aspekte und Nuancen, entdecke ein Stück von mir selbst – in der Hingabe, in der Wut, in der Klarheit, in der Zerrissenheit, in der Zärtlichkeit. Und in der Betroffenheit, mit der sie die Auswirkungen der in Rollenbildern erstarrten Machtgesellschaft auf den Lebensraum eines jeden Menschen zum Ausdruck bringt. Die Erzählung ist für mich ein Ruf aus den Tiefen der Existenz – ein Weckruf, ein Erinnern daran, dass wir alle „vom gleichen Geist sind“.
Wie siehst Du „Undine“?
Undine ist die Ahnende, die Ringende, die Hörende. Die Stimme einer Welt, die werden will, sich aus dem Urmeer der Existenz erhebend, in eine Freiheit des Miteinanders, der Verbundenheit, der Akzeptanz als elementare Treibkraft der menschlichen Evolution.
„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Es hat sich zweifellos v.a. im Westen Einiges in Richtung Gleichberechtigung bewegt; es sind neue Handlungsräume entstanden, die den traditionellen Rollenbildern entgegenwirken und die sowohl für Frauen als auch für Männer mehr Freiheit in der Lebensgestaltung bieten. Gleichzeitig ist nach wie vor spürbar, wie tief die Rollenbilder im kollektiven Unterbewusstsein verankert sind. Und hier wirkt eine wesentliche Dynamik – die des Traumas – auf der kollektiven, kulturellen, persönlichen und Generationsebene. Sie fragmentiert, verzerrt die Sicht und verhindert die Wandlung. Wir müssen ein breites Bewusstsein dafür schaffen, auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Und sichere Räume schaffen, in denen die Integration dieser Kräfte möglich ist. Das ist eine sehr praktischer, pragmatischer Prozess und auch keine Utopie mehr – es gibt viele Ansätze und Projekte rund um den Globus, die greifen und eine nachweisliche Wirkung zeigen.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Die patriarchale Gesellschaft basiert auf Überlebensangst und dem daraus resultierenden Bedürfnis nach Beherrschung und Ausgrenzung. Ein solches System hat einen hohen Energieaufwand, um sich selbst am Leben erhalten zu können. Es muss immer etwas verteidigt oder erobert werden. In seiner absurden Logik wird das Strategiespiel immer komplizierter und unüberschaubarer. Ein Spiel, in dem es keine echte Gewinner gibt.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im gesellschaftlichen Lebens aus. Welche Auswege siehst Du da?
Dazu fällt mir ein Zitat von Bern Kolb ein: „Erst wenn Frauen aufhören, Frauen sein zu wollen und Männer aufhören, Männer sein zu wollen, erwacht das Bewusstsein der Ganzheit.“
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Die Bereitschaft, immer wieder hinzuschauen und sich zu artikulieren. Den Mut zu einer großzügigen und mitfühlender Auseinandersetzung mit der Widersprüchlichkeit der Welt.
Was bedeutet Dir Natur?
Sie ist meine Kraftquelle und mein Anker.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Dazu braucht es das (Wieder-)Ankommen im Körper. Denn er ist der Ort der Defragmentierung.
Als Kind und Jugendliche versteckte ich meinen Tanzdrang und lebte ihn heimlich aus – für mich allein im Zimmer tanzend und von der großen Bühne träumend. Ich erinnere mich an den Tag, als der Film „Chorus Line“ in unsere Kinos kam – es war ein Blitzschlag, eine Offenbarung! In der Trostlosigkeit meiner Jugendzeit hinter dem eisernen Vorhang waren Musik und Bewegung meine Rettungsringe. Doch schien der Traum, Tänzerin zu werden, unerreichbar und ich beschloss, Anglistik und Germanistik zu studieren. Mein Sprachstudium führte mich 1993 nach Wien; hier entdeckte ich den modernen Ausdruckstanz und dann war ich nicht mehr zu stoppen – es folgte das Studium der Tanzpädagogik am Konservatorium Wien, ein Stipendiumaufenthalt „Accademia Isola Danza“ in Venedig und viele erfüllende Jahre als Bühnentänzerin in Wien und in Italien. In dieser Zeit kam der argentinische Tango dazu – auch eine Art Offenbarung und ein besonderer Weg der Selbsterkenntnis, Bewegungspräzision und Präsenz.
Welche Berührungspunkte/Impulse mit/von Literatur gab es bisher in Deinen künstlerischen Projekten?
Die Wechselwirkung zwischen Wort und Bewegung ist bei mir sehr präsent und oft verwende ich Sprache in meinen Performances. Den Zugang finde ich vor allem über Gedichte, die einen eigenen Raum und Dynamik erschaffen. Ich habe eine Vorliebe für Haikus. Immer wieder schreibe ich die Texte selbst.
Welche Impulse gibt es von der Natur für Dich persönlich?
Wasser ist für mich allgegenwärtig, ich nehme es um mich und in mir wahr. Es ist der Lebensraum per se. Wasser ist eine defragmentierende, vereinigende, heilende,befähigende Kraft – auch im menschlichen Körper. Ein Lebenlang treibt mich die Sehnsucht nach der Auflösung erstarrter Muster auf – in meinem (Tänzer)Körper und auch im Bewusstsein. Ein freies, fließendes, sinnliches Sein und Miteinander. Kein Wunder, dass die von mir entwickelte somatische Methode „Liquid Space“ heißt und die Verbindung mit der (Wasser)-Körperintelligenz fördert.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Ich liebe die Jahreszeiten und ihren zyklischen Rhythmus. Diese wiederkehrende Wandelbarkeit wahrzunehmen und anzunehmen gibt mir Kraft, Frieden und Perspektive. Ich erlebe mich in der Kontinuität des Lebens eingebettet und kann aus dieser Verbindung heraus mein Leben kreativ gestalten.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
Wenn ihr allein wart, ganz allein, und wenn eure Gedanken nichts Nützliches dachten, nichts Brauchbares, wenn die Lampe das Zimmer versorgte, die Lichtung entstand, feucht und rauchig der Raum war, wenn ihr so dastandet, verloren, für immer verloren, aus Einsicht verloren, dann war es Zeit für mich. Ich konnte eintreten mit dem Blick, der auffordert: Denk! Sei! Sprich es aus!
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten?
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Liebe Lydia Steinbacher, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Undine hat eine starke Stimme. Sie spricht klar über die menschlichen Verfehlungen, die sie beobachtet und erlebt hat, die Unterdrückung und Ausbeutung, die Liebe und das Leid. Undine geht aufs Ganze, sie klagt an („Verräter!“) und verleiht ihrer Enttäuschung Ausdruck („Ich gehe ja schon.“). Für mich geht es in dem Text um „beinahe mörderische“ Machtstrukturen, auch um die Instrumentalisierung von Sprache.
Wie siehst Du „Undine“?
Einerseits sehe ich in Undine die personifizierte Versuchung, man könnte sagen, sie sei aus Sehnsüchten derer, die sich Hans nennen, gesponnen. Gleichzeitig wird sie selbst verlockt, auch durch die Sprache.
In Undines Monolog wird dieser Zwiespalt deutlich: Auf der einen Seite ein mögliches Leben in geregelten Bahnen, das aber mit Zwängen verbunden ist. Auf der anderen Seite die Grenzenlosigkeit und Unergründlichkeit, wo Sprachlosigkeit herrscht. Man kann von der einen in die andere Welt eintauchen, aber wie lange dort verweilen? – Undine geht.
„Undine geht“ wurde vor rund 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Ich kann nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber definitiv haben große Veränderungen in dieser Hinsicht stattgefunden. Rollenbilder gibt es allerdings noch immer, das Sortieren der Welt in „geläufige“ Formen, um sie einfacher zu machen. Ein gewisses Schwarz-Weiß-Malen beschleunigt das Beurteilen und das Treffen von Entscheidungen. Wir urteilen und verurteilen aber ohnehin meist viel zu schnell. Zeit also, die Formen wirklich durchlässig werden zu lassen.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Vieles hat sich zum Besseren entwickelt, gesetzliche Grundlagen für mehr Gleichberechtigung wurden geschaffen, zumindest in Österreich. Der öffentliche Diskurs ist da, aber ein bisschen habe ich das Gefühl, wir halten uns zu viel mit wohlklingenden Reden auf. Zur ganzen Wahrheit fehlt noch ein Stück, wie Undine sagt: „Gut war trotzdem euer Reden, euer Umherirren, euer Eifer und euer Verzicht auf die ganze Wahrheit, damit die halbe gesagt wird […].“
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?
Hoffnungsvoll zu reden, ist nicht gerade meine Stärke. Ich glaube, sehr allgemein gesprochen ist unsere Gesellschaft nicht gut darin, Kränkungen zu verkraften und Privilegien zurückzulegen, Anstrengungen und Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen.
Auf kleinerer Ebene: Die Bestrafung von unwesentlichen Fehlern mit (vorgetäuschtem?) Liebesentzug. Immer die tödlichste Waffe zu ziehen und damit herumzuspielen – was für eine Unart!
„Viel zarter als alles Zarte von euren Frauen ist eure Zartheit, wenn ihr euer Wort gebt oder jemand anhört und versteht.“
„Zu loben sind eure Hände, wenn ihr zerbrechliche Dinge in die Hand nehmt, sie schont und zu erhalten wißt, und wenn ihr die Lasten tragt und das Schwere aus einem Weg räumt.“
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Kampfgeist und den Eifer, weiter nach den richtigen Worten für die Welt zu suchen.
Was bedeutet Dir Natur?
Eine schwierige Frage, ich muss zuerst darüber nachdenken, was Natur eigentlich ist … Ein Gegenbegriff zum Lebensraum und Einflussbereich des Menschen, Tier- und Pflanzenwelt, Gewässer und Gesteinsformationen, jedenfalls Systeme, die der Mensch oder ein Mensch noch nicht großzügig umgestaltet hat, Räume, die wir nicht „beherrschen“.
Zeit in der Natur zu verbringen, ist für mich befreiend. Am allerwohlsten fühle ich mich am Ufer der Ybbs – die Geräusche, der Geruch, das reflektierende Sonnenlicht, die Ringelnattern und die hellen runden Steine sind mir so vertraut.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Weder die Welt noch die Natur ist harmonisch – das wäre, glaube ich, ein ziemlich naiver Blick, da folgt dann dicht dahinter die romantisch-verklärte Vorstellung der „edlen Wilden“. Wir leben auf Kosten anderer Lebewesen. Unsere Fähigkeit zu Mitgefühl ist dabei sehr beschränkt. Wir müssten uns beschränken, die Welt und die Natur nicht über ein Maß hinaus verändern, das nicht zuletzt uns selbst bzw. zukünftigen Generationen schadet.
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Den Willen zur Anstrengung im Versuch, das Andere und Fremde zu verstehen. Den Willen zur Anstrengung, das Eigene zu verstehen und dem Anderen mitzuteilen. Genügend Nachsicht, weil es beim Versuchen bleibt.
Was lässt Liebe untergehen?
Da ließe sich wahrscheinlich eine lange Liste erstellen, aber ich würde sagen, Machtgelüste und Gewalt (egal in welcher Form) sind in jedem Fall Gift für die Liebe.
Wie war Dein Weg zum Schreiben?
Als Kind war ich die stille Bewunderin meiner älteren Schwester, die Geschichten so liebte wie ich und gerne schrieb. Ich habe mich früh in die Beständigkeit des geschriebenen Wortes verliebt. Im Teenageralter fing ich dann an, Gedichte zu verfassen, später auch Prosa.
Welche Berührungspunkte/Impulse gab es bisher in Deinen Literaturprojekten mit Ingeborg Bachmann?
Vor unserem Treffen habe ich mein Exemplar von Bachmanns Erzählband „Das dreißigste Jahr“ aus dem Regal genommen und darin gelesen, nicht nur die Erzählung „Undine geht“. Dabei sind mir meine Unterstreichungen und Notizen aufgefallen. Die bildreiche, kraftvolle Sprache ist wahnsinnig inspirierend und impulsgebend, anstoßend, auch beim Wieder-Lesen.
Heuer ist das 50.Todesjahr von Ingeborg Bachmann. Wie siehst Du die Umstände ihres frühen Todes?
Über die genauen Todesumstände nach dem Wohnungsbrand wurde ja viel gemutmaßt, ich weiß eigentlich wenig darüber. Enttäuschungen, Abhängigkeiten und Entzugserscheinungen und dazu ein dummes Missgeschick, etwas, worüber man sich nachher ärgern würde, wenn man es denn noch könnte. Ein tragisches Ende.
Ich für meinen Teil habe manchmal Angst vor einem langen Leben. Das sind Momente, in denen ich das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen für die Zeit, weil andere sie nicht hatten. Als fragte man mich aus dem Off: Du hast diese Zeit, aber was treibst du damit?
Was sind Deine aktuellen Projekte?
Ich arbeite an einem Gedichtband, der nächsten Frühling erscheinen wird. Ansonsten schreibe ich hin und wieder eine Erzählung, habe auch wieder eine Idee für ein längeres Werk, einen Roman, im Kopf.
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?
Unverhofft stehen wir an diesem Punkt
Nicht Hand in Hand
Du hältst nichts vom Blick
Ins Grüne
Nicht Du, will ich sagen, sondern
Einer mit deinem Namen
Gegen den Ruf
Eine Schnecke im Haar
Hier schwemmt die Einsamkeit
Teichrosen an
Herzlichen Dank, liebe Lydia!
Lydia Steinbacher, Schriftstellerin
Station bei Undine_
Lydia Steinbacher, Schriftstellerin im Interview und szenischem Fotoportrait zu „Undine geht“.
Zur Person_ Lydia Steinbacher, geboren 1993, lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich, studierte Deutsche Philologie an der Universität Wien. Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung sowie des Literaturkreises Podium. Sie wuchs in Hollenstein an der Ybbs auf und sammelte schon früh Erfahrungen im Schreiben, u. a. im Rahmen der Schreibakademie Niederösterreich. Steinbacher ist Trägerin zahlreicher nationaler und internationaler Aufenthalts- und Literaturstipendien. 2017 sorgte ihr Lyrikband Im Grunde sind wir sehr verschieden (Limbus Verlag) für großes mediales Interesse, es folgte die Teilnahme am Poesiefestival Treci Trg in Belgrad. Ihre Erzählungen erschienen in zahlreichen Anthologien. Ihr Erzählband Schalenmenschen erschien 2019. Wolgaland (2022) ist ihr erster Roman.
Lieber Marco Iezzi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Erst mal sehen, was das Wetter so macht. Eine Freundin hat mich gebeten, ihre Pflanzen während ihrer Ferienabwesenheit zu gießen. Darunter sind Bonsais, da heißt es Obacht geben. Dann Arbeiten für Kunden, Arbeiten für mich, oder freies Grübeln. Abends ab und zu Gesellschaft, sonst auch gut.
Marco Iezzi, Autor und Texter
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Konflikt zwischen herrschendem Hyperindividualismus und dringend notwendiger Gemeinschaft überwinden. Könnte mit Kompromissen klappen, findet man leider langweilig. Materialismus abbauen, Konsum abbauen, weniger, eleganter. Schau, das Segelschiff. Mal wieder Götter und Könige abschaffen, von Weltpolitik bis Wirtshaus. Selber machen. Erfahrungen außerhalb der eigenen Peergroup machen. Lesen, lesen, lesen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Den Stier bei den Hörnern packen und sich dabei nicht verrückt machen lassen. Ob ich über Literatur und Kunst genug weiß, um sagen zu können, welche Rolle sie haben soll? Eher nicht. Mein erster Eindruck – weniger Schnickschnack und Schlaumeiereien. Mehr von unten, mehr Alleen für die Straßen, mehr die Menschen mit einbeziehen, Mut machen. Und sonst wie immer – ins Herz und von dort in die Welt.
Was liest Du derzeit?
M. Houllebecq, Serotonin
A. Duvanel, Fern von hier
O. Eliasson, Symbiotic Seeing
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns. – F. Kafka
Vielen Dank für das Interview lieber Marco, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Marco Iezzi, Autor und Texter
Zur Person _ Zur Person_Marco Iezzi gestaltet autodidaktisch verschiedene Medien wie Bild, Foto und Film. Zentral ist immer der Text, von der Miniatur bis zur Reportage. Wohnt in Zürich, wurzelt nach Italien und Österreich.
Foto_privat
25.7.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Iris Antonia Kogler, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich gehe einen Teil der Woche einer geregelten Arbeit nach, was mir als Schriftstellerin sehr wichtig ist. Ich bewundere Kolleginnen und Kollegen, die ausschließlich schreiben. Ich kann das nicht, mir fällt nach spätestens vier Tagen die Decke auf den Kopf.
Ich habe mir ganz bewusst eine Tätigkeit gesucht, bei der ich nicht am Schreibtisch sitzen muss. Ich gleiche meine Arbeit als Schriftstellerin durch einen Arbeitsplatz aus, an dem ich ständig in Bewegung sein darf. Ich stehe an Werkbänken, ich schraube Dinge zusammen, löte mal was oder mache Verkabelungen. Das gibt mir die nötige Ruhe, die ich als Schriftstellerin brauche.
Momentan schreibe ich an einem neuen Roman und mache zusammen mit einer Illustratorin ein Konzept für eine Graphic Novel.
Ruhig bleiben und ein stabiles soziales Umfeld. Es ist viel Unruhe in der Welt und die Medien und sozialen Netzwerke reagieren sehr schnell auf alles. Der Umgangston ist unfreundlicher geworden, es gibt viele Fehlinformationen und gezielte Lügen. Für mich ist wichtig, dass ich mich außerhalb von all dem mit Freunden und der Familie treffe und mich mit ihnen austausche. Gespräche helfen gegen die Unruhe in der Welt. Ein stabiles soziales Umfeld hilft mir ungemein, wenn mir die Welt zu laut wird.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Das ist eine schwierige Frage, die ich so nicht beantworten kann. Literatur und Kunst sind oft erst im Nachhinein einordbar in die Historie. Kunst und Literatur kann und darf alles sein. Kritisch, unterstützend, laut, leise, persönlich, verallgemeinernd. Kunst ist ein Abbild, eine Spiegelung dessen, was geschieht.
Was liest Du derzeit?
Das Mantra-Buch von Eknath Easwaran. Ich habe es durch einen Vortrag der großartigen Vera F. Birkenbihl entdeckt. Es geht in dem Buch darum, den Geist durch die Verwendung eines Mantras zu beruhigen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Hermann Hesse sagte: „Manche Leute glauben, Durchhalten macht uns stark. Doch manchmal stärkt uns gerade das Loslassen.“ Dieser Satz ist sehr wahr. Ich habe es erlebt, mehr als einmal. Loszulassen ist sehr heilsam, allerdings ist der Weg bis zum Moment des Loslassens oft sehr schwer. Das ist auch das Thema des Romans, an dem ich gerade schreibe. Ein solches Buch zu schreiben ist auch eine Form des Loslassens.
Vielen Dank für das Interview liebe Iris Antonia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person__ Iris Antonia Kogler wurde 1977 geboren. Nach einer Ausbildung zur Theaterdramaturgin arbeitete sie einige Jahre im Kulturbereich und ist heute neben ihrer Schriftstellerei auch als Lehrkraft für kreatives Schreiben, Schreiben für Theater und Roman tätig. 2018 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung „Von Menschen“ sowie den Roman „221 Tage“. 2019 folgte der Roman „Meerestiere“, 2023 „Inside Underdog“ (Mirabilis Verlag).
2016 gewann Iris Antonia Kogler den Spezialpreis für Science-Fiction beim Literaturwettbewerb Stockstadt, 2017 den ersten Preis dort. 2020 stand sie mit ihrem Roman „221 Tage“ auf der Shortlist des Tolino Media Newcomerpreises. 2022 erhielt Sie den dritten Preis beim Moerser Literaturwettbewerb.
Liebe Anne Mai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Neben den alltäglichen Aufgaben gestaltet sich der Tag im Schreibprozess So stehe ich in aller Frühe auf, wenn ich mich konzentriert mit Texten beschäftigen will. Ist auch mein Tag noch ein unbeschriebenes Blatt, stellt sich die gewünschte innere Schwingungsebene leichter ein.
Seit der Beendigung meines Romans „Pfauenschreie in Treveris“ habe ich mich wieder mit Freude der Lyrik zugewandt. Ein neuer Gedichtband soll entstehen. Schreiben, erst recht die verdichtete Form, begreife ich als intensive Wortarbeit, an der kein Weg vorbeiführt. Worte sind Wege und Wege führen zu Worten. Die Endlosschleife der Lemniskate. So gehe ich immer wieder gerne zu Fuß und habe meine – zuweilen recht langen – Pilger- und Wanderwege als ein tiefes Verbundensein mit dem Element Erde empfunden, ein Entdecken und Begegnen, gleichzeitig Inspiration für das Schreiben.
Anne Mai, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Angesichts der globalen Entwicklung, die einer Zeitenwende gleicht, ist jeder gefordert. Wir sollten uns nicht von aggressiver Meinungsmache mitreißen lassen, sondern uns mittels sachlicher Informationen, um eine objektive Sichtweise bemühen.
Wer Verantwortung für unseren Planeten fühlt, stellt schnell fest, dass es auf Reduktion und Verzicht hinausläuft. Die zukünftigen Aufgaben sind riesig, und doch zählt darin der eigene kleine Mosaikstein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst ist ein Seismograf. Sie nimmt Entwicklungen und Strömungen sehr früh auf, macht sie sichtbar und setzt weiterführende Impulse. Darüber hinaus legt sie den Finger auf gesellschaftliche Wundstellen. Den Mächtigen gilt sie oft als unbequem und wird in autoritären Regimen seit jeher unterdrückt, obwohl sie einen wichtigen Bildungs- und Kulturauftrag erfüllt. Schon deshalb hätte die Politik die Pflicht, ihr diesen im Interesse aller zu ermöglichen, ohne sie zu instrumentalisieren. So wurde in Corona-Zeiten deutlich, wie sehr Kunst mit allem verwoben ist und unserer Gegenwart Sinn schenkt. Ich halte sie einschließlich der Literatur für eine Säule demokratischer Freiheit.
Was liest Du derzeit?
Natürlich Lyrik, mit Vorliebe zeitgenössisch, als nächstes den Gedichtband „Zeit ist eine Mutter“ von Ocean Vuong. Daneben schmökere ich in den „Versnetzen“, in Anthologien, im „Jahrbuch der Lyrik“ … An Prosa lese ich zurzeit Edgar Selge „Hast du uns endlich gefunden“, Ljudmila Ulitzkaja „Ein fröhliches Begräbnis“ und erneut eines meiner Lieblingsbücher, die wunderbar poetische Odyssee „Reise im Mondlicht“ von Antal Szerb.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat von Erich Kästner: Wunder erleben nur diejenigen, die auch an Wunder glauben.
Als Textimpuls gerne eines meiner Gedichte:
Unsere Art
im Genfluss geformt die Krone des Blauen Planeten herrschen wir nun als User im aufrechten Gang glauben an Börse + Wachstum gehen der Leerstelle Liebe nicht auf den Grund dafür den Lügen gern auf den Leim fliegen zum Mond den Mars im Visier – blind für die Zeichen als hätten wir Artenschutz
Vielen Dank für das Interview liebe Anne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Anne Mai, Schriftstellerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Anne Mai, Autorin und Lyrikerin
Zur Person_Anne Mai, Autorin und Lyrikerin, lebt und schreibt in Mandelbachtal, Saarland, in einer UNESCO Biosphärenlandschaft. Seit 2009 veröffentlicht sie Lyrik und Prosa, darunter einen Gedichtband, zwei Reisebücher sowie regelmäßige Beiträge in Anthologien und Literaturzeitschriften, so in 2023 in der eXperimenta, bei Edition Maya und im Poesiealbum neu der Lyrikgesellschaft Leipzig. Im September 2021 erschien ihr historischer Roman „Pfauenschreie in Treveris“.
Trier, das spätrömische Treveris, 380 n. Chr.:Die bedeutendste Stadt nördlich der Alpen ist die Residenz des jungen Westkaisers Gratian. Hier treffen Macht und Religion, Liebe und Intrigen aufeinander. Nach glanzvollen Jahren fürchtet der Dichter und Politiker Ausonius um Gratians Sicherheit und um das friedliche Leben an der Mosella. Auch der städtische Magistrat Armitari und seine Gemahlin Julia ahnen diebevorstehende Zeitenwende. Kann das Augustusfest die Kaisertreue stärken?Da geschieht etwas Ungeheuerliches.Der Roman taucht tief ein in die großartige römische Historie der Moselstadt Trier und in das Dasein einiger Menschen, die hier um ihre Zukunft und ihr Glück kämpfen. (Klappentext)
ISBN/EAN978-3-7543-1882-9
Gebunden, 354 Seiten
Verlag _ Books on Demand
Erscheinungsdatum: 28.09.2021; 2. Auflage
Foto_privat
24.7.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sophia Lunra Schnack, der countdown für die Veröffentlichung Deines ersten Romans läuft. Am 23.August erscheint „feuchtes holz“ im Otto Müller Verlag.
Wie erlebst Du diese Tage jetzt, welche Vorbereitungen gibt es noch und wie gehst Du auf die Veröffentlichung zu?
Ich werde langsam richtig nervös, aber es ist eine positive Nervosität. Eine immer mehr Freude werdende Vorfreude, die sich mit ein bisschen Angst vermischt. Momentan arbeite ich noch an meinen Lesevideos, die in wenigen Tagen vom Verlag gepostet werden, also eines pro Woche. Und ich habe das erste Mal in meinem Leben das Bedürfnis, meine Wohnung richtig zu räumen, zu entrümpeln, zu putzen. Ich weiß nicht, womit das genau zusammenhängt (und es ist keine Reaktion auf den heurigen Bachmannsiegertext!); aber wohl damit, vor der Veröffentlichung noch ordentlich zu entschlacken. Ohne spirituell werden zu wollen, aber auch privat und familiär versuche ich das gerade so sehr wie noch nie. Die erste Veröffentlichung bewegt sehr unterschiedliche Lebensbereiche, damit hatte ich nicht gerechnet.
Wie kam es zum Thema des Romans und wie gestaltete sich der Schreibprozess?
Das Thema hat schon sehr lang in mir geschlummert, aber in völlig ungeschriebener Version. Als nicht materielle Präsenz, sozusagen. Ich habe dann in den 2010er Jahre ab und zu etwas notiert, aber wieder verworfen. Konkret habe ich mich dann im Dezember 2019 an das Thema herangeschrieben, mit dem Text „Crescendo, decrescendo“, der 2021 in den manuskripten erschienen ist. Im Februar 2021 habe ich dann begonnen den Roman zu schreiben. Innerhalb eines halben Jahres habe ich drei zweiwöchige Schreibaufenthalte für den Roman eingelegt, dabei ging es relativ schnell. Eben weil es schon so lang geschlummert hat, war es wie ein Loslassen, ein von-der-Leine-lassen.
Dein Roman „feuchtes holz“ ist eine Reise zu Kindheit, Erinnerungen, Familie, Menschen und Orten „bleibender Bilder“. Welche Bedeutung und Wirkmächtigkeit haben Orte für Dich?
Ich bin davon überzeugt, dass uns Orte genauso prägen wie Personen. Gerade dann, wenn wir sie mit Personen verbinden, mit denen wir dort waren. Ich spreche auch an einer Stelle von „Gesichtern einer Landschaft“: vertraute Gegenden, vor allem Gegenden der Kindheit, bekommen für mich fast menschliche Züge: da kann ein Gebäude einen schon ansehen, entgegenwerfen, wohin man sich verändert hat seit dem letzten Besuch. Und das ist dann auf jeden Fall ehrlich bis schonungslos. Oder ein Baum, der schon immer da war, um den hat man Angst, der darf auf keinen Fall verschwinden.
Was unterscheidet für Dich Erinnerung und Abschied?
Die Erinnerung ist eine Konsequenz von Abschied. Sobald eine Phase, eine Beziehung zu jemandem endet, ein Lebensort sich verschiebt, setzt Erinnerung ein. Ohne dieses Abschiedserlebnis, ist sie nicht notwendig, nicht möglich. Ich kann sehr schlecht mit Abschied umgehen, vor allem, wenn ich mich selbst dazu entschließen muss. Ich denke, es gibt auch zwei Arten von Abschieden. Einen, auf den man sofort mit dem Wunsch reagiert, alle Erinnerungen zu beleben, festhalten zu wollen, präsent zu halten, nichts zu verlieren. Und eine Form von Abschied, wo man versucht, versuchen muss, möglichst nicht präsent zu halten, nicht zu halten, zu vergessen. Erst wenn das Vergessen da gelungen ist, erinnert man sich wieder gern. Das wäre zumindest das aktive Erinnern, das für mich meist positiv besetzt ist; das passive überrumpelt, überfordert oft. Und kommt eher, wenn Abschied nicht wirklich stattgefunden hat.
Das Erinnern, Zurück-Gehen ist in Deinem Roman etwas sehr sinnlich Erfahrbares. Welche Bedeutung kommt dem Körper, den 5 Sinnen im Prozess des Erinnerns wie des Abschied-Nehmens, Weitergehens des Lebens zu?
Der Körper ist meiner Meinung nach immer schlauer und schneller als der Verstand. Ich schreibe und denke nicht primär rational, das Rationale entwickelt sich aus dem Sinnlichen, Körperlichen. So entsteht zwischen Erinnerung und Gegenwart auch etwas Organisches: die Erinnerung geht vom gegenwärtigen Körper aus, wird von Sinneseindrücken geweckt, dann aktiv aufgerufen und weitergesponnen. Bei einem einschneidenden Abschiedserlebnis, ist mein Denken Zuschauer der körperlichen Filme, Bilder in mir. Ich kann diese nur beschreiben und so Verbindung zu meinen Reflexionsprozessen herstellen. Dabei werden meine Gedanken über Geschehenes automatisch zu Gedanken über Jetziges, über Kommendes. Das heißt, es werden aus den körperlichen Filmen, dann dem aktiven Erinnern, letztlich Möglichkeiten von Gegenwart beziehungsweise Zukunft abstrahiert.
Erinnerung ist in Deinem Roman wesentlich mit dem Prozess des Fragens zur persönlichen Existenz, Sinn, Weg verbunden. Wie siehst Du diesen inneren Lebens-Dialog?
Ich glaube, dass wir die Grenzen zu Vergangenem manchmal viel zu strikt zeichnen, zeichnen wollen. Und wir damit etwas abwürgen, das aber Raum braucht. Dann staut es, bricht vielleicht einmal heraus, frisst jedenfalls Energie. Wenn das Vergangene seinen gegenwärtigen Raum bekommt, kann erst die Frage nach der eigenen Lebenslinie Sinn bekommen. Und Lebenslinie bedeutet, eine kontinuierliche Linie, die nicht so genau zwischen Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft unterscheidet. Sie setzt sich immer fort, bricht nicht ab, beginnt auch nicht neu. Das funktioniert nicht. In diesem Sinne ist der Lebensdialog, von dem Du sprichst, immer ein erinnernder und Zeiten übergreifender.
Im Roman sprichst Du von „Schichten von Stille“ am Weg zurück. Welche Bedeutung hat Stille für Dich persönlich und als Schriftstellerin?
Ja, Schichten von Stille. Bei der erwähnten Romanstelle geht es darum, dass die Erzählerin sich erst an die Stille, die sie an ihrem persönlichen Erinnerungsort antrifft, gewöhnen muss. Schicht für Schicht erlegt sie die Stille zunächst, überfordert sie sogar. Bis sie sich in einer neuen Art von Geräuschkulisse einfindet. Eben der Geräuschkulisse, aus der Stille besteht. Beim Übergang von der einen zur anderen Wahrnehmungsebene gibt es einen kurzen Moment, wo sie meint, nichts zu hören. Und dann setzen diese Schichten von Stille ein: ein Wasserplätschern, ein Windhauch, ein Kiesel, der sich unter Zehen verschiebt. Diese Art von Stille, in der eine andere Art von Gehörsinn geweckt wird, brauche ich sehr stark für mein Schreiben. Sie hat auch mit gewählter Langsamkeit zu tun, die Töne nicht zielgesteuert filtern muss, sondern warten und dann alles nehmen darf.
Du verbindest in Deinem Roman verschiedene Textebenen, Prosa und Lyrik, in denen sich das Thema öffnet. Diese ganz spezifische Textform umfängt schon zu Beginn ganz intensiv und lässt begeisternd bis zum Ende nicht los. Wie kommt es diesem ganz besonderen Stil?
Das war keine bewusste Entscheidung, dieser Stil hat sich schon in den ersten Seiten aufgedrängt. Ich habe gemerkt, dass ich so viel mit Tempo, Verlangsamung und Beschleunigung spielen kann. Dass es mir manchmal zu schnell geht, Worte, die in einem Satz aneinandergereiht sind, untergehen, fast verschwinden können. Das wollte ich vermeiden. Das heißt, zu den lyrischen Passagen kommt es insbesondere dann, wenn es dem Text unmöglich wird, weiterzulaufen. Wenn eine Stimmung, ein Bild, ein Wort sich ausdehnen sollen. Sprache nachtropfen soll.
Welchen Platz bekommt der erste Roman in der Wohnung einer Schriftstellerin?
Ich weiß gerade nicht, wie ehrlich ich jetzt sein soll. Momentan steht jedenfalls noch der Versandkarton mit den Freiexemplaren unter meinem Couchtisch, genau unter Mayröckers 1 Nervensommer. Mein persönliches Leseexemplar liegt gerade entweder am Nachtkästchen oder auf dem CD-Player. Und wird hoffentlich noch oft die Wohnung in seinem weißen Seidentäschchen verlassen!
Zur Person_ Sophia Lunra Schnack (*1990) lebt und schreibt überwiegend in Wien. Sie verfasst Lyrik und (lyrische) Prosa, die bisher u.a. in den Manuskripten, in der Poesiegalerie, in Das Gedicht oder in den Signaturen publiziert wurden.
Ihre Texte rücken Materialität, Musikalität und Sensualität von Sprache ins Zentrum.
Die Autorin schreibt sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch. Immer wieder sucht sie eine klanglich-atmosphärische Annäherung zwischen beiden Sprachen.
2022 erhält sie den rotahorn-Förderpreis.
Im August 2023 erscheint im Otto Müller Verlag ihr Debütroman „feuchtes holz“.
Marko Markuš, Komponist, Arrangeur und Hochschullehrer _ Station Bei Malina _ Romanschauplatz Wien
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Marko Markuš, Komponist, Arrangeur und Hochschullehrer
Zur Person _ Marko Markuš (*1990) ist ein in Wien lebender kroatischer Komponist, Arrangeur und Hochschullehrer.
Markuš studierte Komposition bzw. Medienkomposition und angewandte Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Beide Studienrichtungen schloss er mit Auszeichnung 2015 und 2016 ab.
Seine Werke, für die er mehrere Preise und Stipendien erhielt, wurden auf renommierten Festivals aufgeführt – darunter Wien Modern, Grafenegg Festival, Muzički Biennale Zagreb, Glazbena tribina.
Außerdem organisiert er Konzerte zeitgenössischer Musik mit Uraufführungen hauptsächlich jüngerer Generationen. Neben seiner kompositorischen Tätigkeit unterrichtet er Instrumentation am Institut 1 der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und musiktheoretische Fächer an der Amadeus Music & Arts Academy.
Er ist Mitglied des Österreichischen sowie des Kroatischen Komponistenbundes.
Fotos_Walter Pobaschnig _ Station bei Malina 6/23.