Liebe Regina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich beginne jeden Tag mit tiefen Atemzügen am geöffneten Fenster. Jeder Tag riecht anders und ich bin jedes Mal aufs Neue auf den Duft gespannt. Im Aufwachen des Tages gehe ich mit meinem Hund und genieße die noch leisen Töne. Gestärkt für den Tag beginne ich für meine Auftraggeber zu arbeiten.
Regina Lehrkind, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind. Oftmals vergessen wir das kritische Hinterfragen. Immer und immer wieder werden wir derzeit mit Themen konfrontiert, die unsere Ängste wachrütteln. Füreinander da zu sein, sich zu stützen und einander zu stärken. Wage den Perspektivwechsel!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mit Worten Bilder kreieren, die meine Zuhörer*innen/Leser*innen mit auf eine Reise nehmen, in neue Welten eintauchen lassen. Das ist mein Wunsch als Autorin. Mit Wortbildern neue und eine Vielfalt an Impulsen schenken, die uns weiter mit offenen Augen durch die Welt gehen lassen. Impulse, die zum Hinterfragen der Dinge führen.
Was liest Du derzeit?
Es sind immer mehrere Bücher gleichzeitig, da ich die Bücher meiner Podcast-Gäste lese, bevor ich sie interviewe. Im Moment fasziniert mit „The Happiness Dictionary“ von Dr. Tim Lomas. Es ist eine Entdeckungsreise durch die Sprachen dieser Welt. Durch ihren Klang und ihre Bedeutung bereichern sie und erweitern das Verständnis über das Glück. Tim – Die offizielle Avici Biografie von Mans Mosesson
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ungeschminkte Bilder schenken Klarheit!
Vielen Dank für das Interview, liebe Regina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Crauss, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
es gibt zwei unterschiedliche rhythmen. wenn ich keine anderen termine habe, frühstücke ich um neun bei kaffee, social media und evtl. einer kurzen lektüre. danach beantworte ich mails, räume meinen schreibtisch auf und plane projekte wie lesungen und schreibworkshops. ein- oder zweimal die woche kommt ein praktikant, der mir beim sortieren meiner bibliothek hilft, programme für vorträge zusammenstellt oder lesungsmitschnitte zurechtschneidet.
am frühen nachmittag gibt’s eine kurze schlafpause, danach beginnt die dichterische arbeit. im augenblick schreibe ich einen text zu einem gemeinschaftsprojekt mit einer siegener bildkünstlerin und einem amerikanischen filmausstatter; es geht um die art und weise, wie wir mit unseren körpern geschichten erzählen.
bis zum nachmittag habe ich meist nur eine schnitte brot und einen apfel gegessen und mich ansonsten von ganz unterschiedlicher musik ernährt.
wenn ich unterricht habe – ich mache kreative schuljahresworkshops in verschiedenen lernanstalten und gebe orientierungsunterricht in der sozialen wiedereingliederung – bin ich früher auf den beinen, radle im zwei- oder dreistunden-rhythmus zwischen den verschiedenen brotjobs hin und her und brauche danach umso eher einen kleinen mittagsschlaf zum rebooten.
abends geht die kreative arbeit weiter, geht über in unterrichtsvorbereitung für den nächsten tag oder ins serie schauen, freunde treffen und liebe machen …
Crauss_Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
wir müssen froh sein, dass es trotz vieler einschränkungen noch und wieder möglich ist, fremde, freunde und kollegen von angesicht zu angesicht zu treffen. die direkte menschliche begegnung treibt uns an, ein kurzes, ehrliches lächeln kann einen ganzen tag retten.
wir dürfen nicht verlernen, wie man sich in den arm nimmt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?
nach der krise ist vor der krise. wir brauchen mut! mut, dinge auszuprobieren, um die zukunft lebenswert zu gestalten. wenn ich es schaffe, vom auto aufs lastenrad umzusteigen, schafft es mein nachbar vielleicht auch. wenn luxemburg es schafft, den öpnv für die einwohner kostenlos zu halten, schafft es hamburg vielleicht erst recht.
kleine schritte, die man aber gehen muss. die literatur kann kein gesetz verabschieden, aber impulse geben, kann phantasieren und durch übertreibung möglichkeiten aufscheinen lassen, die wir sonst vielleicht übersehen hätten. kunst ist immer eine lupe.
Was liest Du derzeit?
mit grosser bewunderung lese ich Mario Osterlands final image (parasitenpresse), kurze poetische einlassungen zu den letzten photographien berühmter menschen. daneben gedichtbände von Karl Krolow (Unsichtbare Hände, Suhrkamp) und Guy Helminger (Die Tagebücher der Tannen, Edition Rugerup) sowie Glitter, die „Gala der Literaturzeitschriften“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„die farbe, die die alten griechen dem meer gaben, war GRÜN. blau in das meer zu mischen, ist eine neue erfindung.“ (Abdelkader Benali)
Vielen Dank für das Interview lieber Crauss, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Crauss, Schriftsteller
Foto_(c)-marvellous
26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Carsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wache meist sehr früh auf und setze mich dann spätestens um 4.30 Uhr morgens an den Schreitisch. Das b esse ich zum Frühstück, trinke Kaffee und bleibe bis zum Mittag dort sitzen, um mein Interesse zwischen -net, Büchern und Manuskripten wandern zu lassen. Das geht dann bis circa 18.00 so weiter bis ich von Grunz auf beleidigt (Grundsicherung), den Fluchtweg vom Briefkasten zum TV antrete. Meist ist nix drin. Da mache ich lieber zwei Zeichnungen und prüfe mit einem Handgriff den strammen Sitz der sechs Saiten auf der Telecaster. Zwischendurch Telefonate, Supermärkte, Straßen, Schulterblatt, PflegerInnen, Tabletten, Fitnesscenter, Maskenwechsel, Schanze, Taxifahrten, Arztbesuche, Online-Einkäufe. Später gemütliches Absacken zwischen Abs-inth-ackern und *Innen. Nach außen hin nimmt’s eher ab. Jedenfalls gerade in der an- und abschwellenden Pandemie. Hin und wieder gibt’s auch Mal eine Lesung für zwei bis drei Personen.
Carsten Klook, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einzusehen, dass wir alle sehr verletzbar sind und wie schnell wir am seidenen Faden hängen können. Und trotzdem dabei stark zu bleiben und zu tun, was noch möglich ist.
Und zwar nicht wegen verhängter Corona-Maßnahmen, sondern aus Trotz und Gegenwehr zu den Versprechen, die nach einer Wahl von den Parteien schnell vergessen sind. Es geht eben in erster Linie doch immer nur ums Geld, dass das Motiv für Handlungen abgibt. Wichtig ist, an diesem Trauerspiel nicht zu verzweifeln und die Lust am Leben nicht zu verlieren. Denn Lust ist wunderbar. Schöner als Geld und dessen Mangel.
Und also: Freedom of speech! Der Kampf um Meinungsfreiheit beginnt aber nicht erst dort, wo sie eindeutig verboten ist. Sondern bereits hier direkt bei uns in den Medien und Verlagen, in die man nicht wirklich ganz hineinkommt, weil diese mit der funktionalisierten Meinung und der Form, in die diese gegossen ist und geäußert wird, auch wieder in erster Linie Geld verdienen wollen. Selbst das Setting, das in einem Text aufgeschlagen wird, kann insofern verboten werden, weil es bei Nichtverlegen zum Ausschluss an der Teilnahme vom Markt führt. Nicht nur jede Themenwahl, jedes (Satz-)Zeichen ist politisch und kann als zu prekär oder zu intellektuell und somit für den Konsum als unbrauchbar deklariert werden – von denen, die die Produktionsmittel besitzen oder im Namen derer glauben, handeln zu müssen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst kann die Sensitivität des Menschen fördern und ihn sich seiner selbst gewahr werden lassen. Und das sein, wonach wir uns die ganze Zeit gesehnt haben: ein Bart in der Menge. Nur nicht der des Profit-Propheten.
Kunst kann aber auch der Schmelz sein, der unseren inneren Seehund ins Eis zieht und ihn dort fast zum Ertrinken bringt. Kunst kann alles. Daher darf man ihr nicht den Spaß verderben.
Was liest Du derzeit?
Die Stäbchen zwischen den Fragen. Kurz zuvor: die Codenummer auf dem 2 Euro-Verbilligungs-Bon für den erneuten Burgerkauf vom Burgergeld. Wenn ich nicht an meiner AUTOBIOGORAPHOBIE und meinem entstehenden Poesie-Band REGELWIDRIGIDE TAGESSÄTZE arbeite, lese ich „Blank Generation“, die stellenweise erstaunlich literartistische Autobio von Richard Hell, dem miesen Bassisten und energischen Sänger aus der Frühphase der CBGB-Punkszene Mitte der Siebziger in New York. Zudem stöbere ich im neuen Roman „Null“ von Gine Cornelia Pedersen und schlage, was auf den Tisch kommt und dann unter den Nägeln unweit der Lebenslinie im Handteller brennt: Francis Ponge – „Der Tisch“. Mein Spielfeld eben. Dazu höre ich immer wieder rein in „Finn’s Hotel“ von James Joyce auf CD und taste mich langsam durch die artifiziell geschachtelten, recht vertrackten Geschichten mit extremer Wortspiel-Dichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
a) „Sein Binsenweisheitszahn lockerte sich proportional zu seinen fester werdenden Überzeugungen.“ b) „Wie sag‘ ich’s meinem Unterbewusstsein?“ c) „As the veneer of democrazy starts to fade“ (Mark Stewart & The Maffia) d) Genugtuung durch Wahrheit!
Carsten Klook bis auf c)
Vielen Dank für das Interview lieber Carsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!