50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Martina Hefter, Schriftstellerin _ Leipzig
Bachmannpreisnominierte 2005
Liebe Martina, Du hast 2005 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Erstens: Lustige und lange Zugfahrten mit einigen lieben Kolleginnen und Kollegen nach Klagenfurt und wieder zurück.
Zweitens, dass ich mit einem halbgaren, unfertigen Text hinfuhr, mit dem ich selber nicht zufrieden war. Ich hatte mich nicht beworben, sondern wurde von einer Jurorin eingeladen, mich zu bewerben. Ich hatte damals aber keinen neuen Text, da mein Roman gerade erst erschienen war, und musste mir irgendwas aus den Fingern saugen. Damals habe ich intensiv mit Lyrik begonnen und dann relativ unmotiviert einen Prosatext geschrieben.
Ich war nicht erfahren genug, um die Einladung auszuschlagen, das habe ich später bereut.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Dass er im Fernsehen übertragen wird. Das ist ein Stück weit natürlich auch eine Crux, aber auch eine Chance für Sichtbarkeit und Vermittlung. Eine größere Öffentlichkeit kann Schreibweisen entdecken und sehen, wie über Literatur gesprochen werden kann.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Dafür, dass ich so unzufrieden war mit meinem Text, war die Diskussion ganz gut. Es gab ein paar Meckereien von wenigen Juroren, bei denen ich es sowieso erwartet hatte. Sonst aber viel Lob.
Bei der Preisverleihung – ich hatte mit gar nichts gerechnet- ist mir dann dieses typische Schicksal passiert, das öfter vorkommt: Mein Name wurde für alle Preise außer dem Hauptpreis genannt, es gab ja noch diese Abstimmungen mit Zetteln und mehreren Runden, und ich bin dann immer durchgerutscht und am Ende ganz ohne Preis rausgegangen. Das fand ich aber nicht schlimm.
Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?
Das war meine allererste Begegnung überhaupt mit einem größeren Literaturbetrieb, und damals erschien mir das Ganze ein bisschen wie eine Bussi-Bussi-Gesellschaft. Das war sicher übersteigert von mir wahrgenommen, aber es hat mich zu der Zeit ziemlich abgestoßen, und ich habe mich tatsächlich lange Zeit gefragt, ob ich mich da überhaupt bewegen will.
Das sehe ich jetzt aber entspannter. Ich bewerbe mich zwar keinesfalls nochmal, die Vorstellung, beim Bachmannpreis zu lesen, fände ich sehr, sehr merkwürdig. Aber so aus Spaß würde ich eigentlich sehr gerne nochmal in den Wörthersee springen. Allein schon wegen meiner Tattoos.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Das kann ich ganz schwer sagen. Vielleicht weiterhin so gute Juror*innen wie jetzt gerade. Ich mag die derzeitigen Leute alle sehr, tatsächlich. Ich finde, sie haben auch wirklich eine Entwicklung durchgemacht, vielleicht sogar in kathartischem Sinne 🙂 im Ernst, ich finde, die sind an sich gewachsen und haben an sich gearbeitet, sowas mag ich.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Vielleicht so viel: Es geht nicht um Leben und Tod, das meine ich ganz im Ernst.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Martina Hefter ist Schriftstellerin und arbeitet auf dem Gebiet der Performance. Sie lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. Ihr Roman »Hey guten Morgen, wie geht es dir?« wurde 2024 mit dem Deutschen Buchpreis sowie dem europäischen Prix Grand Continent ausgezeichnet und war ein SPIEGEL-Bestseller. Für ihre schriftstellerische Arbeit erhielt Martina Hefter den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds und den Wiesbadener Literaturpreis. Zuletzt erschienen von ihr die Gedichtbände »Es könnte auch schön werden« und »In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen«. (Text/Verlag _ Klett-Cotta)
Aktueller Roman:

„Tagsüber hilft Juno ihrem schwerkranken Mann Jupiter dabei, seinen Alltag zu meistern. Außerdem ist sie Künstlerin, tanzt und spielt Theater. Und nachts, wenn sie wieder einmal nicht schlafen kann, chattet sie mit Love-Scammern im Internet. Martina Hefter hat einen berührenden Roman über Bedürfnisse und Sehnsüchte im Leben geschrieben. Und darüber, wie weit man bereit ist, für die Liebe zu gehen.
Juno schreibt online mit Männern, die Frauen online ihre Liebe gestehen und so versuchen, sie um ihr Geld zu bringen. Doch statt darauf hereinzufallen, werden genau diese Männer zu einer Form von Freiheit für Juno. In den Gesprächen kann sie sein, wer sie will und sagen, was sie will – und das vermeintlich ohne Konsequenzen. Ganz im Gegensatz zu ihrem sonstigen Leben, in dem sie immer unterwegs, immer besorgt um Jupiter, immer beschäftigt und eingebunden ist. Also flüchtet Juno ab und zu vor ihrem Alltag ins Internet und spielt dort Spielchen mit Männern, die sie anlügen. Sie selbst wird zur Lügnerin. Aber ist es nicht so, dass man sich beim Lügen zuallererst selbst belügt?
Eines Tages trifft Juno auf Benu, der ihre Behauptungen ebenso durchschaut wie sie seine. Und trotz der Entfernung zwischen ihnen entsteht eine Verbindung. »Hey guten Morgen, wie geht es dir« ist ein tiefgehender Roman, aber so leichtfüßig wie eine Komödie.“ (Pressetext/Verlag)
13. Druckaufl., 2024, Erscheinungstermin: 13.07.2024, 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98826-0
22 EUR

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Martina Hefter _ Maximilian Gödecke Photography
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 9.6.2026