50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Boris Schumatsky, Schriftsteller _ Berlin.
Bachmannpreisnominierter 2025
Deutschlandfunkpreisträger
Lieber Boris, Du hast 2025 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?
Auch nach einem Jahr bleibt es eine wichtige Erinnerung, dass ich den Deutschlandfunkpreis gewonnen habe. In Klagenfurt fühlt man sich wie in einem Spiel: Man gewinnt, man verliert. Man bereitet sich auf die Lesung vor wie auf einen Wettlauf, und auch ein Jahr später freut man sich, wenn man eine gute Leistung gezeigt hat. Auch die Jury sah meinen Text „Kindheitsbenzin” sehr positiv, ich habe mich während der Jurydiskussion verstanden gefühlt. Das freut mich besonders, denn in diesem Text sind die wichtigen Motive meines neuen Romans enthalten, der in wenigen Wochen erscheint: das Leben und die Liebe Paul Celans in Paris sowie mein Leben heute in Berlin und früher in Moskau.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
In diesem Jahr wird nicht nur das runde Jubiläum des Bachmannpreises gefeiert, sondern auch das seiner Namensgeberin. Für mich hat das eine besondere Bedeutung, denn Bachmann ist eine Figur in meinem Roman „Die Seine fließt ins Schwarze Meer“. Im Roman ist sie für Paul Celan zwar nicht die Liebe seines Lebens, so doch eine wichtige Geliebte. Ihre Rolle in seinem Leben ist jedoch sehr zwiespältig – sowohl persönlich als auch politisch: Ingeborg Bachmann ist selbst vom Unglück gezeichnet und treibt zugleich andere ins Unglück.
Wie hat sich Deine erfolgreiche Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit und weiteren Weg ausgewirkt?
Mein Schreibstil hat sich durch den Erfolg keinen Millimeter verändert. Erfolge sollten sich idealerweise anders auf das Schreiben auswirken. Schreiben ist ein Risiko, oder sollte es zumindest sein. Wo es Risiken gibt, gibt es auch Ängste. Erfolg ist einer der Faktoren, die dagegenwirken, die einem helfen, trotz allem weiterzuschreiben. So schreiben, wie man sich traut und nicht auf einen Erfolg hin.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Derzeit ist die Preisvergabe für das Publikum und die Teilnehmenden weitgehend eine Blackbox: Alle müssen warten, bis die Jury nach einer geheimen und intransparenten Abstimmung ihr Ergebnis verkündet. Der einzige nennenswerte Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, dass der Hauptpreis als Höhepunkt zuletzt bekannt gegeben wird.
Meiner Meinung nach überwiegen jedoch die Nachteile – eine Kritik, die auch die Literaturwissenschaftlerin und langjährige Jurorin Daniela Strigl bereits geäußert hat. Früher verständigte sich die Jury des Bachmannpreises zunächst intern auf eine Shortlist. Anschließend erfolgte die öffentliche Live-Abstimmung über die verbliebenen Kandidatinnen und Kandidaten. Dabei war jedes Jurymitglied dazu angehalten, seine Entscheidung zu begründen. Dieses Verfahren wurde gegen den Willen der Jury geändert, und ich wäre dafür, die Preisabstimmung wieder so zu gestalten, wie sie bis vor einigen Jahren erfolgreich praktiziert wurde.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Reserviert euch bei der Stadtinformation ein Fahrrad. Glaubt mir, ihr werdet es brauchen.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Boris Schumatsky ist deutschsprachiger Schriftsteller und Publizist. Er ist in Moskau geboren und lebt seit Mitte der 1990er Jahre in Berlin. In seinem ersten Buch „Silvester bei Stalin“ zeichnet er den Weg seiner Familie durch die Zeiten des Krieges und des Terrors nach. 2016 erschien sein Essaybuch „Der neue Untertan. Populismus, Postmoderne, Putin.“ zur Situation der europäischen Politik und Gesellschaften. Sein Roman „Die Trotzigen“, Blumenbar/Aufbau Verlag 2016, spielt am Beginn der neuen Zeit nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus.
Schumatsky studierte in Moskau, St. Petersburg und Berlin Kulturgeschichte und Politologie. Seit 1991 schreibt er für taz, FAZ, NZZ und Die ZEIT und er ist der Autor vieler Hörfunkfeatures bei Deutschlandradio. Seit 2021 kuratiert Schumatsky das Projekt „Stolperworte“, Literaturlesungen an den Stolpersteinen. Er ist Mitglied im PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland und der Gruppe „Writers in Prison“.
2025 erhält Schumatsky den Deutschlandfunk-Preis beim Bachmannwettbewerb. Start < Boris Schumatsky 23.6.2026

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Foto: Boris Schumatsky _ Milena Schloesser
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 23.6.2026