Im Nieselregen (Hamburg) steigen Yuliia, Georgii, Natalia und Nika aus einem Mercedes
V8, ich weiß nicht, keine Ahnung von Zündkerzen, von Motoren, ob ein Panzer Zündkerzen braucht, auf jeden Fall aber aus
Einem Mercedes (der Stern).
Polen, dort ist mein Mann, sagt Yuliia, eine Woche vor dem Krieg nach Polen, zum Arbeiten.
Ein Glück.
Aber Natalias Mann, sagt Yuliia, ist immer noch dort. Kiev.
Ceylon-Tee, unsere Nachbarn haben nichts anderes. Wir trinken ihn schwarz, in winzigen Schlucken zwischen den Blicken aufs Handy, do you have wi-fi, weil Natalias Mann so lange überlebt, wie sein Gesicht im Display aufscheint, die Stirn müde, in Falten.
Es sind Nudeln für euch da, sage ich, Kekse und Sauce.
Auf dem Klavier spielt Georgii und singt:
Cold Heart, Dua Lipa
Hannover, dort waren sie zuletzt.
Aus dem Hotel mussten sie ausziehen, jetzt ein paar Tage hier, dann weiter. Papiere, Anmelden, Behörde, Schule. We all gonna learn German, it’s a chance for us, I tell Georgii, but he misses his friends.
Nicht nur die Freunde, alles andere auch.
Chaos im Flur. Sie schieben die Plastiktüten (irritierend für mein grünes Auge, darin das Nötigste) eng zusammen, wollen nicht im Weg stehen, nicht zur Last fallen. Bald weiter, soon gone. We are
Lieber Lothar, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zurzeit gibt es für mich weniger Auftritte mit meinen Solo-Theaterstücken, deshalb arbeite ich an zukünftigen Theaterprojekten und mache mehr Skulpturen und ähnliches. Ich bin froh, als Künstler in mehreren Bereichen aktiv sein zu können. Dazu kommen kleinere handwerkliche Projekte. Ich bin nicht der Typ für feste Tagesabläufe. Mal sitze ich bis mittags am PC, lese Artikel und arbeite erst spät abends, mal fange ich morgens gleich mit dem Arbeiten an.
Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist für mich die schwierigste der 5 Fragen. Das muss – nein, das kann jeder für sich entscheiden, je nachdem an welcher Stelle er Möglichkeiten hat, etwas für sich und andere zu tun. Einige Vorschläge: Schlechte Laune nicht an denen auslassen, die nichts für die Ursachen können, KEINE PANIK! (Sagt auch der Reiseführer durch die Galaxis), die kosmopolitische Sicht nicht verlieren – aber wenn du mitten drin steckst – stecken wir nicht alle mitten drin? Vielleicht doch besser PANIK, da diese auch des Klimas wegen angemessen ist? Und jetzt auch noch ein Krieg der zusätzlich Kräfte und Ressourcen bindet…! Oder nur eine kurze Panik, um dann wieder besonnen handeln zu können, soweit möglich… Man merkt, ich bin nicht besonders begabt für alle zu sprechen. Ich persönlich versuche mein Ding weiter zu machen und hier und da ein paar Sonderdinger einzubauen, die der momentanen Lage Rechnung tragen. Durchatmen!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Nach Corona ist der Sinn von Kunst durch den Krieg erneut und doppelt in Frage gestellt. Natürlich ist primär das Überleben wichtig, die großen Räder der Welt werden mit dem ganz großen Besteck gedreht und manchmal auch weggesprengt. Können wir als Künstler da überhaupt was ausrichten? Ist Kunst Luxus für bessere Tage? Abgesehen von konkreten Aktionen ist es gerade jetzt wichtig, den Wert der Kunst zu sehen. Kunst ist der Humus für unsere Kultur im weitesten Sinne! Auch für den Erhalt der grundlegenden zivilisatorischen Errungenschaften. Um bei dem Vergleich zu bleiben: Lange hat man in der Landwirtschaft die Wichtigkeit der Mikroorganismen im Boden unterschätzt. Sie sind es, die ein nachhaltiges Wirtschaften mit gesunden Böden überhaupt erst ermöglichen. In der Kultur der Gesellschaft hat die Kunst diese Aufgabe – aber auch die vielen anderen menschlichen Interaktionen, die von Verständnis und Einfühlungsvermögen – aber auch vom Humor leben, in vielen Berufen, im Privaten usw. Vielleicht passt hier ganz gut der erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys. Zerstören ist immer einfacher. Gewaltvolle Politik schafft Fakten aber keine Werte, die müssen wir alle nach der Zerstörung umso mehr wieder einbringen, um – ja um was zu tun? Letztendlich um zu heilen. Ich habe mal Workshops bei einem französischen Clown gemacht. Er sagte: Vielleicht haben unsere Väter oder Großväter im Krieg aufeinander geschossen, was wir hier machen, ist „Healing Work“.
Was liest Du derzeit?
Ich beschäftige mich gerade sehr viel mit dem polnischen Autor Stanisław Lem, zu dem ich, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Blümel, ein Kunstprojekt und ein Theaterstück mache. Ich lese aktuell eine Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel „Die Technologiefalle“. Lem war ein humorvoller Pessimist, der die Diskrepanz zwischen technologischer und moralischer Entwicklungsfähigkeit der Menschheit klar gesehen hat.
Dann lese ich noch einen Bildband mit Aufsätzen zu Kunstwerken von Kurt Schwitters, die er im englischen Exil zur Zeit des zweiten Weltkriegs geschaffen hat. Ich bewundere Schwitters künstlerisches Durchhaltevermögen. Schwitters war gezwungen auszuwandern, die meisten Künstlerkollegen mit denen er vorher interagiert hatte waren in der Welt verstreut, sein wichtigstes Werk, der Merzbau in Hannover, war zerstört worden. Trotzdem sammelte er weiter Material für seine Kollagen, wo er sie nur finden konnte, machte weiter an seiner ganz eigenen Kunst, ohne wissen zu können, ob das nicht alles auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen wird. Doch, es hat sich gelohnt! Schwitters Kunst hat überlebt und hat unzählige andere Menschen inspiriert. Ansonsten wäre die Kunst nur für ihn eine Überlebenshilfe gewesen und hätte so auch schon einen Wert gehabt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Der Niederrheinische Kabarettist und Literat Hanns Dieter Hüsch schreibt in einer seiner „Hagenbuch“ Geschichten: „[…] Und Hagenbuch habe am neunten Tage gesagt, dass man die Schwachen immer hänsele und erniedrige, obwohl jeder wisse, dass nur die Schwachen Güte und Großzügigkeit in die Welt gebracht und die Starken immer die Welt am Ende zerstört. Aber immer seien die Schwachen ob ihrer Schwäche gehänselt und erniedrigt worden, bis sie an Schwäche gestorben. Aber auch die Starken wären gestorben Und alles Durchsetzen habe ihnen nicht weitergeholfen, so wenig wie alles Aufgeben den Schwachen weitergeholfen. Aber die Schwachen hätten die Güte unterirdisch aufrechterhalten und die Starken wären nur stark gewesen, weil sie in Wirklichkeit schwach und die Schwachen wären immer viel stärker gewesen weil sie in Wirklichkeit stark. Aber die Welt sei aus einem völlig falschen Verständnis heraus geschaffen und so sei auch diese Erkenntnis wiederum falsch und umsonst und bringe niemanden weiter, obwohl dies die älteste Menschenkrankheit sei, die Hoffnung weiterzukommen undsofort undsofort […]“
Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Lothar, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler
Liebe Sabrina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Bunt, abwechslungsreich und organisiert. Ich beginne mit mir und balanciere dann zwischen Sprechaufnahmen, Castings, Rollenvorbereitung, Coachings, Menschen, Hunde und Pferd.
Sabrina Worsch, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke dasselbe wie immer: Sich selbst vertrauen und verzeihen lernen um dies auch mit seinen Mitmenschen zu können.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube es ist immer wichtig mit Neugier und einem konkreten Ziel vor Augen in die Zukunft zu blicken. Es steckt viel Energie in einer Krise, die wir alle individuell und gemeinsam produktiv nutzen können, sodass sie uns motiviert neue Ideen und Wissen in die Tat umzusetzen. Als Schauspielerin ist es mir wichtig Geschichten zu erzählen, die zeitlos sind und die Kraft besitzen Empathie für Fremdes zu erwecken. Wenn es der Kunst gelingt Menschen zu inspirieren ihre eigene Kreativität einzusetzen, dann hat sie ihre Aufgabe erfüllt. Und mit Kreativität meine ich unser aller zur Verfügung stehende Veranlagung eigenständig, offen und spontan zu sein – sei es arbeitstechnisch, zwischenmenschlich oder rein gedanklich mit sich selbst.
Was liest Du derzeit?
Reiten nur mit Sitzhilfe – Ausbildung von Pferd und Reiter.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Nie entscheidet bei einem schöpferischen Menschen, wovon er ausgegangen, sondern einzig, wohin er gelangt ist. (Stefan Zweig)
Sabrina Worsch, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview, liebe Sabrina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Da ist der Händedruck mit Rechtsanwalt Dr.Gehringer. Ein Kräftemessen. Wie das Bewerbungsgespräch. Die erste Hürde scheint geschafft. Dann das Warten danach. Auf den Anruf…und die Gedanken…
Am Weg aus der Rechtsanwaltskanzlei geht er zum offenen Bücherschrank. Ein Geben und Nehmen. Wie im Gespräch vorhin. Er greift nach dem Buch. Doch neben ihm eine Stimme. Ein Besitzanspruch darauf. Ein Wort. Ein Blick. Klaudia…
Und dann geht der Weg weiter. Gemeinsam. In Beruf, Recht und Leben, Liebe. Venedig, Wien…Stationen, Momente des Alltäglichen und Besonderen…bis zum letzten Willen.
Markus Grundtner, Schriftsteller und Jurist, legt mit „Die Dringlichkeit der Dinge“ ein Romandebüt vor, in dem das Leben in allen Facetten direkt, turbulent, spannend, unterhaltsam und tiefgründig zu Wort kommt. Der Wiener Schriftsteller versteht es einmalig Leserin und Leser in eine Lebensgeschichte und dessen Stationen, Herausforderungen und Wirrungen mitzunehmen und gleichsam zu ermöglichen, mittendrin zu sein.
Es ist ein besonders Sprachflorett in Stil und Inhalt, das Grundtner gekonnt führt und damit zu überraschen wie zu begeistern weiß. Hier traut jemand der Sprache alles zu und die Sprache gibt dies tausendmal in eindringlichen Sprachbildern von Lebenssituationen, Erfahrungen und Erlebnissen, zurück.
„Ein Romandebüt, das beeindruckender und mutiger nicht sein könnte!“
„…meine Urgroßmutter war Köchin beim Linzer Bischof, eine meiner Tanten war eine exzellente Pfarrerköchin…“ diese christliche Familientradition in der Verbindung von religiösem Leben und der dazugehörigen Festkulinarik erweitert und vertieft die Psychologin, Ethnologin, Paar- und Familientherapeutin, Renate Riedler-Singer, in dem vorliegenden Buch, das Kultur-, Religions- wie Kochgeschichte wunderbar verbindet, auf eindrucksvolle Weise.
Es ist ein spannender wie vielseitig überraschender Rundgang durch das christliche Kirchenjahr und dessen inhaltlichen wie kulinarischen Stationen. Die Autorin hat hier umfassende Recherchearbeit geleistet und fördert dabei wahre Schätze der christlichen Kochkunst zutage und auch liefert auch kompakte Rezeptanleitungen dazu.
Dabei sind die kulinarischen Highlights auch sprachlich ein Leckerbissen wie etwa „Gefallener Engel“ , „Versüßtes Fegefeuer“ oder „Herrgottsb`scheißerle“. Diese kulinarisch-christlichen Geheimnisse zu ergründen, dazu lädt das Buch wunderbar ein – und vor allem diese auch zu verkosten.
Hervorzuheben ist auch wiederum die großartige graphische Gestaltung in Bild und Wort des Verlages – auch das ein Genuss!
„Eine ganz außergewöhnliche sinnliche Rundreise durch Kirche und Küche übers Jahr“