„„Mein Großvater hieß Franz Kafka““ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Walter Müller, Schriftsteller _ Salzburg 22.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview  _ Walter Müller, Schriftsteller _ Salzburg

Bachmannpreisnominierter 1979

Text „Apokalypso“ _ Gewinn des Stipendiumpreises

Lieber Walter, Du hast 1979 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Ich wurde in letzter Minute nachnominiert, da ein Schriftsteller aus der DDR kein Einreisevisum bekommen hatte und somit einer von insgesamt 27 „Leseplätzen“ zur Verfügung stand. Meinen Text („Apocalypso“) hab ich in der Nacht vor der Abreise von Salzburg nach Klagenfurt ins Reine geschrieben. Die Texte mussten noch nicht vorab von einem Jurymitglied begutachtet werden. Die Auslosung für die Startreihenfolge hab ich in meinem Pensionszimmer buchstäblich verschlafen, kein Mensch wusste, ob ich überhaupt angekommen war. Zum Glück wurde ich „in Abwesenheit“ für einen Termin notiert … falls „Müller aus Salzburg doch noch auftauchen sollte“.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Das schmerzhaft-emotionale Ausgeliefertsein des Autors, der Autorin an famose, redebegabte Beurteiler und Beurteilerinnen (nicht zynisch gemeint!)

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Ich war 29, Journalist und Musiker – und eine leere, weiße Seite im Literaturbetrieb, Juror Rudolf Walter Leonhard schrieb in seinem Bachmann-Preis-Bericht: „…auch emsigen Verfolgern der Gegenwartsliteratur bis dato unbekannt.“

Also setzte ich mich ohne große Aufregung oder gar Erwartung an den Lesetisch. Unmittelbar vor meinen ersten Sätzen protestierten junge Kärntner Kunstschaffende für ein Kulturzentrum und gegen Marcel Reich-Ranitzki. Aber auch das ging vorbei. In meiner Geschichte kommt dieser Satz vor: „Mein Großvater hieß Franz Kafka.“ In der Jurydiskussion meldete sich Reich-Ranitzki vorwurfsvoll: „Man kann doch den Namen Franz Kafka nicht in so einem Text verwenden!!!“ Damals herrschte absolutes Redeverbot für die Wettbewerbs-Teilnehmer während der Beurteilungen durch die Literaturgrößen. Da war eisernes Schweigen angesagt. „Mein Großvater hieß aber wirklich Franz Kafka“, der Satz ist einfach so aus meinem Mund herausgesprungen. Gelächter im Publikum, Mitgefühl und Zuspruch von anderen Juroren – und am nächsten Tag eine Schlagzeile in einer Kärntner Zeitung: „Mein Großvater hieß wirklich Franz Kafka“. Nur soviel: Er war nicht der Schriftsteller sondern ein Lastwagenfahrer, der im Zweiten Weltkrieg vermisst gemeldet worden ist.

Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit ausgewirkt?

Wie gesagt: Ich war ein Newcomer, ich hatte nichts zu verlieren und hätte viel zu gewinnen gehabt. Nach dem Bewerb und dem Stipendien-Gewinn kamen Anfragen von großen namhaften Verlagen aus Österreich und Deutschland. Mein Pech: Ich hatte noch nicht sehr viel geschrieben und ließ mir zu viel Zeit, bis das Interesse verraucht war oder ich „auf die Schnelle“ die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Bestärkt hat mich die Anerkennung in meinem Interesse am Geschichten-Recherchieren, den Stil beim Schreiben hab ich mehrmals für mich neu entdeckt. Der Großvater im Text hat mich zum Ergründen der eigenen Familiengeschichte gebracht („Die Häuser meines Vaters“ etc.) – Neben der literarischen Arbeit, neben zwei Dutzend Büchern auch zwei Dutzend Theaterstücke, hat mich die Tätigkeit als Abschiedsredner voll und ganz begeistert – („Wenn es einen Himmel gibt“ z.B.)

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Themenvielfalt, mutige Autorinnen und Autoren, mit überraschenden Einblicken von allen Seiten in und auf diese Welt, zum Bersten neugierige Juroren und Jurorinnen, waches, begeisterungsfähiges Publikum.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

All das, was ich grad formuliert habe, Glück, Segen, Tumult, Aufbegehren, Kühnheit, den Glauben an das Wort, die Sprache, das Schweigen, das Lachen und den vitalisierenden Zauber der Wörthersee-Wellen.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Walter Müller, Schriftsteller

Zur Person: Walter Müller, Schriftsteller, Journalist, Dramaturg, 1950 geboren in Salzburg, Hat bisher 17 Bücher veröffentlicht, zwei Dutzend Theaterstücke, drei CDs mit eigenen Liedern für Kinder; er schreibt Essays und Feuilletons, ist Trauerredner und wurde mit etlichen Preisen und Auszeichnungen bedacht, unter anderem mit dem Ingeborg Bachmann-Förderpreis, dem Rauriser Förderungspreis und dem Georg-Trakl-Stipendium. Die Stadt Salzburg ehrte ihn für seine kulturellen Verdienste mit dem Stadtsiegel in Silber und in Gold. Müller Walter – Edition Tandem – Verlag Salzburg Wien 22.6.26

Bachmannpreisjury _ Vorsitzender Marcel Reich-Ranicki

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Bachmannpreisgründer und langjähriger Juror _ Autor und Journalist Humbert Fink
Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Klagenfurt/Rathaus _ Bachmannpreisankündigung
Wörthersee

Foto: Walter Müller _ Anna Aicher

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/ORF Archiv_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 22.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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