„Ist Kunst Luxus für bessere Tage?“ Lothar Lempp, bildender Künstler _ Bad Mergentheim 8.4.2022

Lieber Lothar, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit gibt es für mich weniger Auftritte mit meinen Solo-Theaterstücken, deshalb arbeite ich an zukünftigen Theaterprojekten und mache mehr Skulpturen und ähnliches. Ich bin froh, als Künstler in mehreren Bereichen aktiv sein zu können. Dazu kommen kleinere handwerkliche Projekte. Ich bin nicht der Typ für feste Tagesabläufe. Mal sitze ich bis mittags am PC, lese Artikel und arbeite erst spät abends, mal fange ich morgens gleich mit dem Arbeiten an.

Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist für mich die schwierigste der 5 Fragen. Das muss – nein, das kann jeder für sich entscheiden, je nachdem an welcher Stelle er Möglichkeiten hat, etwas für sich und andere zu tun. Einige Vorschläge: Schlechte Laune nicht an denen auslassen, die nichts für die Ursachen können, KEINE PANIK! (Sagt auch der Reiseführer durch die Galaxis), die kosmopolitische Sicht nicht verlieren – aber wenn du mitten drin steckst – stecken wir nicht alle mitten drin? Vielleicht doch besser PANIK, da diese auch des Klimas wegen angemessen ist? Und jetzt auch noch ein Krieg der zusätzlich Kräfte und Ressourcen bindet…! Oder nur eine kurze Panik, um dann wieder besonnen handeln zu können, soweit möglich… Man merkt, ich bin nicht besonders begabt für alle zu sprechen. Ich persönlich versuche mein Ding weiter zu machen und hier und da ein paar Sonderdinger einzubauen, die der momentanen Lage Rechnung tragen. Durchatmen!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Nach Corona ist der Sinn von Kunst durch den Krieg erneut und doppelt in Frage gestellt. Natürlich ist primär das Überleben wichtig, die großen Räder der Welt werden mit dem ganz großen Besteck gedreht und manchmal auch weggesprengt. Können wir als Künstler da überhaupt was ausrichten? Ist Kunst Luxus für bessere Tage? Abgesehen von konkreten Aktionen ist es gerade jetzt wichtig, den Wert der Kunst zu sehen. Kunst ist der Humus für unsere Kultur im weitesten Sinne! Auch für den Erhalt der grundlegenden zivilisatorischen Errungenschaften. Um bei dem Vergleich zu bleiben: Lange hat man in der Landwirtschaft die Wichtigkeit der Mikroorganismen im Boden unterschätzt. Sie sind es, die ein nachhaltiges Wirtschaften mit gesunden Böden überhaupt erst ermöglichen. In der Kultur der Gesellschaft hat die Kunst diese Aufgabe – aber auch die vielen anderen menschlichen Interaktionen, die von Verständnis und Einfühlungsvermögen – aber auch vom Humor leben, in vielen Berufen, im Privaten usw. Vielleicht passt hier ganz gut der erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys. Zerstören ist immer einfacher. Gewaltvolle Politik schafft Fakten aber keine Werte, die müssen wir alle nach der Zerstörung umso mehr wieder einbringen, um – ja um was zu tun? Letztendlich um zu heilen. Ich habe mal Workshops bei einem französischen Clown gemacht. Er sagte: Vielleicht haben unsere Väter oder Großväter im Krieg aufeinander geschossen, was wir hier machen, ist „Healing Work“.

Was liest Du derzeit?

Ich beschäftige mich gerade sehr viel mit dem polnischen Autor Stanisław Lem, zu dem ich, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Blümel, ein Kunstprojekt und ein Theaterstück mache. Ich lese aktuell eine Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel „Die Technologiefalle“. Lem war ein humorvoller Pessimist, der die Diskrepanz zwischen technologischer und moralischer Entwicklungsfähigkeit der Menschheit klar gesehen hat.

Dann lese ich noch einen Bildband mit Aufsätzen zu Kunstwerken von Kurt Schwitters, die er im englischen Exil zur Zeit des zweiten Weltkriegs geschaffen hat. Ich bewundere Schwitters künstlerisches Durchhaltevermögen. Schwitters war gezwungen auszuwandern, die meisten Künstlerkollegen mit denen er vorher interagiert hatte waren in der Welt verstreut, sein wichtigstes Werk, der Merzbau in Hannover, war zerstört worden. Trotzdem sammelte er weiter Material für seine Kollagen, wo er sie nur finden konnte, machte weiter an seiner ganz eigenen Kunst, ohne wissen zu können, ob das nicht alles auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen wird. Doch, es hat sich gelohnt! Schwitters Kunst hat überlebt und hat unzählige andere Menschen inspiriert. Ansonsten wäre die Kunst nur für ihn eine Überlebenshilfe gewesen und hätte so auch schon einen Wert gehabt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der Niederrheinische Kabarettist und Literat Hanns Dieter Hüsch schreibt in einer seiner „Hagenbuch“ Geschichten: „[…] Und Hagenbuch habe am neunten Tage gesagt, dass man die Schwachen immer hänsele und erniedrige, obwohl jeder wisse, dass nur die Schwachen Güte und Großzügigkeit in die Welt gebracht und die Starken immer die Welt am Ende zerstört. Aber immer seien die Schwachen ob ihrer Schwäche gehänselt und erniedrigt worden, bis sie an Schwäche gestorben. Aber auch die Starken wären gestorben Und alles Durchsetzen habe ihnen nicht weitergeholfen, so wenig wie alles Aufgeben den Schwachen weitergeholfen. Aber die Schwachen hätten die Güte unterirdisch aufrechterhalten und die Starken wären nur stark gewesen, weil sie in Wirklichkeit schwach und die Schwachen wären immer viel stärker gewesen weil sie in Wirklichkeit stark. Aber die Welt sei aus einem völlig falschen Verständnis heraus geschaffen und so sei auch diese Erkenntnis wiederum falsch und umsonst und bringe niemanden weiter, obwohl dies die älteste Menschenkrankheit sei, die Hoffnung weiterzukommen undsofort undsofort […]“

Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Lothar, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler

https://www.lothar-lempp.de/

Alle Fotos_Lothar Lempp.

12.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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