Lieber Carsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wache meist sehr früh auf und setze mich dann spätestens um 4.30 Uhr morgens an den Schreitisch. Das b esse ich zum Frühstück, trinke Kaffee und bleibe bis zum Mittag dort sitzen, um mein Interesse zwischen -net, Büchern und Manuskripten wandern zu lassen. Das geht dann bis circa 18.00 so weiter bis ich von Grunz auf beleidigt (Grundsicherung), den Fluchtweg vom Briefkasten zum TV antrete. Meist ist nix drin. Da mache ich lieber zwei Zeichnungen und prüfe mit einem Handgriff den strammen Sitz der sechs Saiten auf der Telecaster. Zwischendurch Telefonate, Supermärkte, Straßen, Schulterblatt, PflegerInnen, Tabletten, Fitnesscenter, Maskenwechsel, Schanze, Taxifahrten, Arztbesuche, Online-Einkäufe. Später gemütliches Absacken zwischen Abs-inth-ackern und *Innen. Nach außen hin nimmt’s eher ab. Jedenfalls gerade in der an- und abschwellenden Pandemie. Hin und wieder gibt’s auch Mal eine Lesung für zwei bis drei Personen.
Carsten Klook, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einzusehen, dass wir alle sehr verletzbar sind und wie schnell wir am seidenen Faden hängen können. Und trotzdem dabei stark zu bleiben und zu tun, was noch möglich ist.
Und zwar nicht wegen verhängter Corona-Maßnahmen, sondern aus Trotz und Gegenwehr zu den Versprechen, die nach einer Wahl von den Parteien schnell vergessen sind. Es geht eben in erster Linie doch immer nur ums Geld, dass das Motiv für Handlungen abgibt. Wichtig ist, an diesem Trauerspiel nicht zu verzweifeln und die Lust am Leben nicht zu verlieren. Denn Lust ist wunderbar. Schöner als Geld und dessen Mangel.
Und also: Freedom of speech! Der Kampf um Meinungsfreiheit beginnt aber nicht erst dort, wo sie eindeutig verboten ist. Sondern bereits hier direkt bei uns in den Medien und Verlagen, in die man nicht wirklich ganz hineinkommt, weil diese mit der funktionalisierten Meinung und der Form, in die diese gegossen ist und geäußert wird, auch wieder in erster Linie Geld verdienen wollen. Selbst das Setting, das in einem Text aufgeschlagen wird, kann insofern verboten werden, weil es bei Nichtverlegen zum Ausschluss an der Teilnahme vom Markt führt. Nicht nur jede Themenwahl, jedes (Satz-)Zeichen ist politisch und kann als zu prekär oder zu intellektuell und somit für den Konsum als unbrauchbar deklariert werden – von denen, die die Produktionsmittel besitzen oder im Namen derer glauben, handeln zu müssen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst kann die Sensitivität des Menschen fördern und ihn sich seiner selbst gewahr werden lassen. Und das sein, wonach wir uns die ganze Zeit gesehnt haben: ein Bart in der Menge. Nur nicht der des Profit-Propheten.
Kunst kann aber auch der Schmelz sein, der unseren inneren Seehund ins Eis zieht und ihn dort fast zum Ertrinken bringt. Kunst kann alles. Daher darf man ihr nicht den Spaß verderben.
Was liest Du derzeit?
Die Stäbchen zwischen den Fragen. Kurz zuvor: die Codenummer auf dem 2 Euro-Verbilligungs-Bon für den erneuten Burgerkauf vom Burgergeld. Wenn ich nicht an meiner AUTOBIOGORAPHOBIE und meinem entstehenden Poesie-Band REGELWIDRIGIDE TAGESSÄTZE arbeite, lese ich „Blank Generation“, die stellenweise erstaunlich literartistische Autobio von Richard Hell, dem miesen Bassisten und energischen Sänger aus der Frühphase der CBGB-Punkszene Mitte der Siebziger in New York. Zudem stöbere ich im neuen Roman „Null“ von Gine Cornelia Pedersen und schlage, was auf den Tisch kommt und dann unter den Nägeln unweit der Lebenslinie im Handteller brennt: Francis Ponge – „Der Tisch“. Mein Spielfeld eben. Dazu höre ich immer wieder rein in „Finn’s Hotel“ von James Joyce auf CD und taste mich langsam durch die artifiziell geschachtelten, recht vertrackten Geschichten mit extremer Wortspiel-Dichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
a) „Sein Binsenweisheitszahn lockerte sich proportional zu seinen fester werdenden Überzeugungen.“ b) „Wie sag‘ ich’s meinem Unterbewusstsein?“ c) „As the veneer of democrazy starts to fade“ (Mark Stewart & The Maffia) d) Genugtuung durch Wahrheit!
Carsten Klook bis auf c)
Vielen Dank für das Interview lieber Carsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Yongbo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
06.00 Uhr Aufstehen
09.00 Uhr Fahrt zum Atelier. Im abklingenden Berufsverkehr sind die Schnellbahnen des ÖPNV der Ort eines kontemplativen Kreativitätsangebotes. Zwischen den Stationen warten all die Ideen, die sich ganz wunderbar auf einem Blatt skizzieren lassen.
10.00 Uhr Ankunft im städtischen Atelierhaus in der Domagkstrasse 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr Warmmalen mit Übungen zur Verbesserung der Pinselhaltung
12.00 Uhr bis 14.00 Uhr Erholungsschlaf im Atelier
14.00 Uhr bis 18.00 Uhr Arbeit an Bildern
18.00 Uhr bis 19.00 Uhr Sport, Tischtennis
Ab 19.00 Uhr je nach Auftragslage fortführen der Arbeit an Projekten
Yongbo Zhao, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig, und ich glaube, das gilt wirklich für jeden, ist das Nachdenken über Globalisierung.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Kunst ist ein Forschen und Nachdenken über Gesellschaft, Systeme, Religion und Globalisierung, ohne sich eingrenzen zu lassen.
Was liest Du derzeit?
Keine Bücher oder Zeitungen. Denn die Augen sind bei den Bildern und arbeiten, während die Ohren die Nachrichten, Radiofeatures oder Podcasts hören.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Lebe dein Leben nie ohne ein Lachen, denn es gibt Menschen, die von deinem Lachen leben.
Vielen Dank für das Interview lieber Yongbo, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist ein Meilenstein. Ein persönlicher und ein kultur-, weltgeschichtlicher. Und es beginnt in einer Burg. Verurteilt, geächtet und verfolgt. Doch nicht ohne Freunde, die ein Versteck ermöglichen. Die Wartburg. Er bekommt einen neuen Namen. Verändert sein Aussehen. Und in seiner Kammer ist ein Schreibtisch und Bücher. Darunter Bibeltexte. Und jetzt beginnt es. Der Weg der Sprache in äußerster persönlicher Bedrängnis. Wort für Wort findet die Übersetzung in die deutsche Sprache, in das Leben der Menschen. Worte, die eine Geschichte erzählen. Von der Begleitung Gottes, dem Weg mit den Menschen, durch das Hell und das Dunkel, das Nah und das Fern…
Sein Name Martin Luther. Geboren in Eisleben 1483. Universitätsprofessor, Reformator, Familienvater, Bibelübersetzer.
Doch die Bibel hat eine Vorgeschichte. Über Jahrhunderte. Jahrtausende. Menschen. Kulturen. Sprache und Schrift. Ein Weg zum und mit dem Wort…
Bernd Kollmann gibt in dem vorliegenden großformatigen Text- und Bildband einen Überblick über die Entstehung der Bibel wie im Schwerpunkt zur Übersetzung Martin Luthers und weiterer Wirkungsgeschichte. Das Buch zeichnet sich in einer übersichtlichen Darstellung wie kompakten Zusammenfassung wichtiger Entstehungsstationen aus. Ebenso in einem vielfältigen, anschaulichen Bildteil.
„Eine spannende Zeitreise zu Mensch, Werk und Wirkungsgeschichte einer der wesentlichsten Bibelübersetzungen“
Lieber Herbert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
mein alltag ist in den letzten zehn, zwölf jahren ziemlich unverändert: aufstehen, wasser lassen, leitungswasser trinken, am gerät (computer) schreiben, frühstücken, post erledigen, lesen, zeichnen, und wenn nicht lockdown ist, weggehen (cafés, ab und zu eine literatur- oder kunstveranstaltung, freundinnen und freunde treffen), nach hause kommen, musik hören, filme schauen, was arbeiten (texte korrigieren etc.).
Herbert J.Wimmer _ Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
dass wir nicht den kontakt untereinander verlieren, und dass wir gesund und produktiv bleiben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,der Kunst an sich zu?
„aufbruch und neubeginn“ wird wohl nicht so abrupt eintreten, dazu ist der wunsch nach wiederherstellung des alltags zu gross. literatur und kunst können tun, was sie bisher getan haben: mit ihren ästhetischen und intellektuellen mitteln auf die veränderungen der welt reagieren, jede schriftstellerin, jeder schriftsteller, jede künstlerin, jeder künstler nach ihrem, nach seinem vermögen. weniger allgemein kann ich es jetzt nicht sagen.
Was liest Du derzeit?
adagia des desiderius erasmus von rotterdam, der sprichwörtliche weltbürger. hg. von wolfgang hörner und tobias roth. verlag das kulturelle gedächtnis.berlin 2018
friederike mayröcker, da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. bibliothek suhrkamp, berlin 2020
peter stephan jungk, die dunkelkammern der edith tudor-hart. s.fischer-tb, frankfurt am main 2017
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
erasmus: „ein geizhals macht nichts richtig, außer zu sterben. – avarus nisi cum moritur nil recte facit“ – „in der tat, wer seine ganze sorge dem geld widmet, ist während seines lebens niemandem zuträglich. nur sein tod ist für seine erben und seine freunde von vorteil.“
Vielen Dank für das Interview lieber Herbert, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!