im hof versammelt sich eine gruppe männer sie blicken auf das dach eines schuppens wirf es ordentlich weit weg, ruft der erste von ihnen im widerhall der geschosse und in die luft fliegen körner.
die tauben picken sie dann schon auf, spricht ein zweiter haben wir was gegen magenschmerzen, fragt der dritte und geht in deckung.
im baum flattert ein weißer fetzen …
Olav Amende, 7.2.2023
Hallo Walter, ich schicke Dir anbei mein Gedicht. Ich habe mich für eine Binnenvariante entschieden, weil mich eine Szene aus „Mariupolis 2“ von Mantas Kvedaravičius nicht mehr losgelassen hat.
Olav Amende, Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler.
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Olav Amende, Schriftsteller
Zur Person _ Olav Amende (*1983 in Berlin) ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (MA) an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke (u. a. „Das Versprechen“ – Cammerspiele Leipzig, „Die Ungeliebten“ – Die Bühne Dresden, „Im Arrest“ – Neues Schauspiel Leipzig, „Führ‘ mich ans Licht!“ – Anhaltisches Theater Dessau) und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen (u. a. „metamorphosen“, „Maulkorb“, „mosaik“, „GYM“, „apostrophe“). Sein Gedicht „Phantasie in Eile“ wurde im Rahmen der „Superpreis-Anthologie“ der „metamorphosen“ veröffentlicht.
Im Sommer 2021 brachte er sein Theaterstück „Zwischen Dingen“ am Anhaltischen Theater Dessau zur Uraufführung. Im Sommer 2022 erschien sein Langgedicht „abwesenheiten“ im Kölner Lyrik-Verlag „parasitenpresse“. Im Herbst 2022 produzierte er seinen ersten Dokumentarkurzfilm, der 2023 erscheint. Derzeit arbeitet er an einem weiteren Langgedicht für die „parasitenpresse“.
Mein Tagesablauf ist im Moment sehr hektisch, weil ich mich gerade selbstständig gemacht habe. Aber ich bin überzeugt davon, jemand zu sein, der eine Abwechslung braucht. Es liegt wohl in meinen Genen, dass ich mich insgesamt doch wohler fühle, wenn zu viel los ist als zu wenig.
Eva Mühlbacher, Schriftstellerin, Pädagogin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Gerade rutschen wir gefühlt von einer Krise in die nächste. Zusammen mit der Dunkelheit, die in dieser Jahreszeit noch sehr präsent ist, kann das zu einem Zustand der Erschöpfung führen, der uns im Augenblick alle sehr umklammert hält. Deshalb denke ich, es ist im Moment sehr wichtig, die Hoffnung nicht aufzugeben. Schon im Schreiben dieses Wortes merke ich, wie altmodisch es klingt. Aber das Prinzip „Hoffnung“ ist für uns alle entscheidend, um in eine Zukunft blicken zu können, von der wir das Gefühl haben, sie selbst positiv gestalten zu können. „Hoffnung“ ist nicht das naive Warten, dass irgendwann irgendwie alles besser wird, sondern eine aktive Entscheidung, das Gute im Leben zuzulassen und ein gewisses Vertrauen in die Welt, in unsere Fähigkeiten und in das Gute zu behalten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ja, ich denke, wir leben in einer Zeit des Aufbruchs, aber du hast schon sehr bewusst ein positives Wort dafür gewählt. Aufbruch bedeutet immer, dass etwas Neues beginnt und Beginne sind gut, weil sie uns weiterführen. Der Anfang als negatives Konzept des „Vor-Scheiterns“, weil wir noch nicht das können, was wir eines Tages hoffentlich können werden, ist ein Zeichen unserer Zeit. Man darf mit nichts beginnen dürfen, weil es heißt, dass man etwas noch nicht kann. Aber Anfänge können auch bedeuten, endlich die nötigen Schritte zu gehen, die man schon lange aufgeschoben hat. Dort wird uns die Literatur begleiten können: ihr werden zwei wichtige Rollen zukommen: jene des Spielerischen und jene der Fantasie. Als Menschen brauchen wir beides. Das Spielerische hilft uns, mit Humor und Neugier neue Wege zu suchen und zu finden – und aufzustehen, wenn wir hinfallen. Die Fantasie hilft uns, uns vorzustellen, was wir alles erreichen könnten im Positiven. Bei negativen Erfahrungen kann sie in der Verarbeitung derer ein wichtiges Werkzeug sein. Ich habe das in dunklen Lebensphasen selbst so erlebt – und in den hellen umgekehrt auch.
Was liest Du derzeit?
Im Moment lese ich „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami. Ich liebe die Literatur dieses Kulturkreises, weil ich das Gefühl habe, dort geht es noch mehr um die Erzählung einer Geschichte, aus der man hunderte Facetten mitnehmen kann. Im Gegensatz dazu ist mir die europäische Art zu schreiben in den letzten Jahren zu kalt, förmlich und stellenweise uninspiriert. Im Buch von Schami wird geweint, geflucht; es wird gehasst und geliebt und alles mit einer Intensität, die einen erschöpft, aber auch sehr erfüllt zurücklassen kann. Dieser Zugang zum Leben liegt mir persönlich viel näher.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die wichtigste Zeit ist immer die Gegenwart. Der wichtigste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht. Und das wichtigste Werk ist immer die Liebe.“ – Meister Eckhart.
Meister Eckhart lebte im 13. Jahrhundert und immer wieder fasziniert es mich, wie aktuell ein Zitat sein kann, das 700 Jahre alt ist. Wir dürfen – gerade jetzt und im Hinblick auf deine dritte Frage – nicht vergessen, dass wir im Hier und Jetzt leben, mit allen Möglichkeiten, die sich uns bieten. Wir dürfen nie vergessen, uns auf die Menschen in unserer Umgebung wahrhaft einzulassen anstatt sie, weder gedanklich noch physisch, bloß von rechts nach links zu wischen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Liebe und Freundschaft unser Leben unendlich bereichern und uns die Kraft geben für alles, was kommen mag.
Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Eva Mühlbacher, Schriftstellerin, Pädagogin
Foto_privat
6.2.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Armseliger Bruder, da drüben, auf der anderen Seite. Der stolz im
Chor der Angreifenden schreit. Nicht einmal ein
Einzelkämpfer. Blutiges Kanonenfutter.
Abkehr! Hörst du?
Cherson als Beispiel: Beschossen und umkämpft.
Hasserfüllter, aussichtsloser Krieg. Wozu? Zur Befriedung deiner
Angst, du Schwächling. Winzig klein vor
Neid und Missgunst, du jämmerlicher Häuptling.
Charon in Wartestellung. Ob du dir den Obolus leisten kannst?
Eingeständnis der Schuld. Einsicht. Reue.
Roland Freisitzer, 3.2.2023
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Zur Person_
1973 in Wien geboren, wuchs Roland Freisitzer in Moskau, Warschau, Kapstadt und St. Pölten auf, bevor er sich 1989 erneut nach Moskau begab, um Komposition zu studieren. Der Komponist und Dirigent ist Dozent im Bereich der zeitgenössischen Musik an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie stellvertretender Schulleiter an der Friedrich Gulda School of Music in Wien. 2021 erschien sein Debütroman Frey bei Septime Verlag. Im März 2023 erscheint sein zweiter Roman Die Befreiung und mit Emily Maguires Ein Einzelfall auch seine erste Romanübersetzung bei Septime
Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Man kann sich meinen Tagesablauf aktiv vorstellen, mit Hunderunden von Zeit zu Zeit (wenn ich zu Hause bin), Fußwegen zur Uni (statt Öffis) und eigener künstlerischer Arbeit- die eigentlich nie aufhört (Bleistift und Papier sind immer vorrätig). Ich bin in 3 Bereichen tätig: Bildhauerei (eigene künstlerische Arbeit), Kuratieren (Befassung mit den Werken anderer Künstler*innen), Lehre an der Angewandten (Aktzeichnen) – die Tage sind also ausgefüllt. Das Wochenende unterscheidet sich nur wenig von der Woche, zum Beispiel durch ein Frühstücksei und das genüssliche Lesen der Wochenendausgabe. Es gibt viele spannende Aufgaben, Ideen und Projekte. Dazu kommt der Kontakt mit den Studierenden (- das hat mir in den Lockdown-Phasen 2020/21 wohl am meisten gefehlt). Der Ablauf des Tages ist immer unterschiedlich und doch gleichbleibend- nach dem Motto: ein Kaffee zwischendurch, wann immer es passt.
Judith P. Fischer, Bildende Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
WELTFRIEDEN!
Wenn die Frage lauten würde, was mir wichtig ist: Dann würde ich so antworten: Für meinen jugendlichen Sohn eine saubere Welt zu hinterlassen, in der auch er noch gerne lebt. Für meine Mitmenschen würde ich so antworten: wertschätzender Umgang untereinander. Also die Frage, was jetzt für uns alle besonders wichtig ist, greift (bei mir) nicht so richtig, denn jeder Mensch ist anders und diese Andersartigkeit zieht nach sich, dass eben für jede(n) etwas anderes von Bedeutung ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Kunst- und hier antworte ich (denn nur so kann ich überhaupt etwas dazu antworten) persönlich: Kunst ist für mich ein Lebenselixier. Musik, Literatur gehören da genauso dazu wie bildende Kunst. Die Frage ist doch eher, wie würde unser Leben ohne Kunst aussehen. Es wäre eine endlose TO-DO-LISTE an Wichtigkeiten und Dringlichkeiten ohne Sinnlichkeit und Freude (wenn man von der zwischenmenschlichen tiefen Paarbeziehung absieht, die zweifellos auch ohne Kunst Freude machen kann).
Daher die Frage, welche Rolle der Kunst zukommt- meiner Meinung nach:
Sie kann (mich) glücklich machen.
Sie kann das Leben bereichern.
Sie kann aufrütteln genauso wie beruhigen!
Einen Krieg kann sie nicht beenden!
Was liest Du derzeit?
GALSAN TSCHINAG „Die Rückkehr“, Roman meines Lebens
GÜNTHER OBERHOLLENZER „Von der Liebe zur Kunst“ (die 2. Auflage, die erste habe ich schon gelesen)
JANA CERNA=Honza Krejcarová „TOTALE SEHNSUCHT“, Gedichte, Prosa, Liebesbrief
MARIN MONTAGUT „Verborgene Schätze in Paris“, Dumont
Und hin und wieder blättere ich voll Freude in der eigenen (2022 erschienen) Monografie: LINIE FORM RAUM/LINE SHAPE SPACE, De Gruyter Verlag.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ein schönes Buch nicht wieder zu lesen, weil man es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen teuren Freund nicht wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.“ Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_In Linz geboren. Aufgewachsen in Linz und Niederösterreich. Lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich.
AUSBILDUNG Studium der Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst Wien (Prof. Wander Bertoni) Studium für Gesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Studium der Kunstgeschichte 1990 Diplom für Gesang 1991 Diplom für Bildhauerei (Mag. art.)
PREISE|ANERKENNUNGEN|FÖRDERUNGEN (Auswahl) 1997 Trakl- Förderpreis des Landes Salzburg (Ausstellung und Katalog) 1998 Pfann-Ohmann-Preis für interdisziplinäre Kunst im öffentlichen Raum 1998/99 Paris Stipendium des Bundeskanzleramts, Kunstsektion des Bundes/A 2000 Kulturpreis für bildende Kunst (Anerkennung) des Landes Niederösterreich 2018 1. Preis Kunst-am-Bau Wettbewerb Wohnhausanlage Salzburg
WERKE IM ÖFFENTLICHEN RAUM (Auswahl) 1996 skull, Flughafen Wien/Schwechat/NÖ 2004 cascade, Handelsakademie Korneuburg/NÖ 2011 Schöpfung.Gerechtigkeit.Frieden, 3 Glocken für die Pfarre Liechtenberg/OÖ 2013 gate, Stahlskulptur für das Wirtschaftszentrum N/ St. Pölten/NÖ 2015 mutiara, Gedenkraum und Objekt, Pfarre Schönau im Mühlkreis/OÖ 2019 together Wohnhausanlage Glanbogen, Salzburg/S 2022 STEP BY STEP, Kunstschaufenster Nespresso Atelier/Kooperation Künstlerhaus u. Nespresso (temporär) 2022 Ha(SHE)tech, Skulptur für ÖBB INFRA/Praterstern Wien (curated by: zs art)
Aktuelle Ausstellung_Wien
AUSSTELLUNG ÖBV: JUDITH P. FISCHER | RÉFLEXION bis 21. April 2023
MONOGRAFIE:
• JUDITH P. FISCHER LINIE FORM RAUM/LINE SHAPE SPACE
Wer noch auf der Suche nach einem Kunstbuch ist (als Geschenk oder ganz einfach aus Freude am Thema), dem lege ich mein heuer erschienenes Buch ans Herz, das im Buchhandel, ONLINE, im LENTOS KUNSTMUSEUM, in der zsart Galerie Wien und im KÜNSTLERHAUS WIEN erhältlich ist. Die Herausgabe des Buches war eines der Highlights des heurigen Jahres und eine schöne Zusammenarbeit mit der Herausgeberin Theresia Hauenfels, dem Grafiker, dem Verlag De Gruyter, der Universität für Angewandte Kunst Wien sowie allen Autor*innen. Die Publikation ist in der Buchreihe der Universität für angewandte Kunst Wien erschienen: Edition Angewandte! Das Buch wurde unterstützt von ecoplus. Niederösterreichs Wirtschaftsagentur GmbH.
1916. Der I.Weltkrieg tobt in aller Grausamkeit. In den Schützengräben sterben täglich Tausende und es nimmt kein Ende. Die Front wird zum Schlachthaus, aus dem es kein Entkommen gibt. Nur für Stunden, Tage gelingt es wieder in das Dorf, die Stadt zurückzukehren, in das Leben davor – aber gibt es das noch?…
Toni Muhr kommt mit dem schweren Dampfzug am Wiener Westbahnhof an. Der Blick aus dem Fenster am Weg in die Kaiserstadt zeigte noch eine Welt von „gestern“ in all ihrer scheinbaren Idylle und Beschaulichkeit. Doch diese Idylle gibt es schon lange nicht mehr, gab es nie…
Und jetzt macht sich Toni Muhr auf den Weg zu den schillernden wie verlassenen Straßen, Plätzen der Stadt und begegnet den Menschen in all ihrer Vielfalt der Herkunft und Persönlichkeit…im Schatten, Spiegel des Krieges und der Sehnsucht nach Leben, Liebe, Hoffnung…
Der österreichische Schriftsteller, Diplomat und Journalist Paul Zifferer(* 9. März 1879 Bistritz † 14. Februar 1929 Wien) legt mit dem Roman „Die Kaiserstadt“ ein faszinierendes Panoptikum von Mensch, Zeit, Gesellschaft in der Monarchie am Ende des I.Weltkrieges und der beginnenden 1920er Jahre vor, das in seiner Unmittelbarkeit wie Ganzheitlichkeit beeindruckt. Zifferer schafft es eine Zeit und ihr Denken, Fühlen, Handeln lebendig darzustellen und anschaulich zu machen und kreiert ein mitreißendes Leseerlebnis im und um den geographischen Romanmittelpunkt Wien.
„Ein Roman, der Mensch und Zeit in der Dunkelheit des Krieges wie des Neubeginns beeindruckend zur Sprache bringt.“
„Die Kaiserstadt“ Paul Zifferer. Roman. Reclam Verlag
Lieber Boris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das ist schwer zu sagen, da ich unterschiedlich lange Arbeitszeiten habe, aber man kann sagen, dass ich in aller Regel tagsüber meinen Verpflichtungen im „Brotberuf“ nachkomme und dann in den Abend- und auch Nachtstunden schreibe. Im Urlaub, an Wochenenden oder Feiertagen sieht das wieder anders aus – da schreibe ich dann zu jeder vorstellbaren Tages- oder Nachtzeit. Da bin ich meiner geduldigen und duldsamen Frau zu größtem Dank verpflichtet, die mich sehr unterstützt – bisweilen kopfschüttelnd.
Boris Greff, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Humanität! Mensch bleiben angesichts aller Unmenschlichkeit, die uns umgibt; trotz Krieg, Pandemie und allgemeiner Unruhe dürfen wir nicht die Menschlichkeit preisgeben, nicht dem Hass und dem Extremismus in die Falle gehen. Den Horizont weiten, trotz aller Engstirnigkeit. Trotz aller Zweifel auch im Zweifelsfall nicht verzweifeln.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich ist für mich, dass wir die Technik beherrschen und nicht die Technik uns; dass wir Natur und Technologie miteinander in Einklang bringen, ebenso Geistes- und Naturwissenschaft. Das wird viel zu oft gegeneinander ausgespielt.
Kunst bedarf der Unterstützung, der Förderung, der geeigneten Rahmenbedingungen – das wird manchmal so verklärt gesehen, der arme Künstler, die Boheme, das Leben unter Entsagungen, aber dennoch glücklich, da von der Muse geküsst – aber materielle Sicherheit brauchen wir alle, egal wie spirituell wir sind, und Kunst ist zwar eine große Freude, eine tiefe Erfüllung – aber harte Arbeit. Dabei denke ich, dass vor allem die Kunst es uns ermöglicht, menschlich zu bleiben, und nicht zu raubtierkapitalistischen Technokraten zu degenerieren. Kunst ist in meinen Augen ein menschliches Grundbedürfnis, schon die Urmenschen bemalten die Wände ihrer Höhlen, schlugen die Trommeln und benutzten ihre Stimmbänder. Die Kunst gegen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt auszuspielen und immer mehr zu beschneiden, ist kurzsichtig, jede Form des gesellschaftlichen Fortschritts bedarf der Dichter und Denker, der Musiker und bildenden Künstler – ohne Kunst kann man vielleicht eine zeitlang überleben, aber wahre Lebensqualität birgt vor allem die Kunst, die Kreativität, die Liebe zu allem Schönen, und nicht Macht, Gewalt oder Finanzkraft.
Was liest Du derzeit?
Derzeit viel Lyrik und Poesie: Federico García Lorca, Friederike Mayröcker, Werner Fritsch, Durs Grünbein, Kathrin Niemela, Jan Wagner, Heinrich Heikamp, Uwe Kraus – dazu noch allerlei Anthologien, gedruckt und online, auch ganz unbekannte Künstlerinnen und Künstler in den sozialen Netzwerken – da gibt es viel zu entdecken. Neben den unvergänglichen Namen, die ich immer wieder konsultiere: Goethe, Schiller, Mörike, Trakl, Benn, ach, und so viele mehr. Jede Nennung tut mindestens einem Dutzend nicht genannter, toller Schriftsteller großes Unrecht. Was Romane angeht, lese ich derzeit von Alex Capus „Susanna“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Als Entschädigung dafür, dass ich mich selbst zitiere, möchte ich der geneigten Leserschaft gerne ein Gedicht aus meinem ersten Lyrikband „Augenblicke und Wimpernschläge“ (Treibgut Verlag, Berlin, 2021, S. 69) schenken:
„Kratz an den Wolken“
Vogelgesänge, die in vertikalen Schlangenlinien leise tönen,
dort, wo tagsüber dröhnende Baumaschinen dröhnen;
in Asphalt, Glas und Stahlbeton
stürmen wir senkrecht der Natur davon,
jagen immer höheren Himmeln nach,
roden alle Träume, liegen innerlich brach.
Und wenn uns auch tausend Höllenfeuer lodern:
wir möchten alle gerne modern vermodern.
Vielen Dank für das Interview lieber Boris, und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Papa schlief einst im Bombenkeller. Kinder schlafen dort heute.
Ewigkeiten sind seither vergangen. Es geschah soeben, im Hier und Jetzt.
Achtzig Jahre. Nicht ‘mal Sekunden.
Charakter wurden geformt, deformiert. Und werden.
Erklärungen fehlten. Und fehlen.
Achtzig Jahre, offene Wunden, keine Heilung.
Chancen darauf, waren denn welche da? Wird es je welche geben?
Hilfe fehlte. Und fehlt.
Angst übertrug sich auf die nächste Generation. Wird sich übertragen. Doch
Chancen wird es wieder geben.
Es wird, hoffentlich, bald ein Ende haben. Es muss!
Winfried Dittrich, 4.2.2023
Winfried Dittrich, Schriftsteller
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Winfried Dittrich, Schriftsteller
Zu Person und Text_
Winfried DITTRICH (Autor) wurde 1981 geboren und lebt in der Ruhrgebietsstadt Witten. Er ist Vater von drei Töchtern und hauptberuflich Direktor im „Hotel Papa“. Daneben schreibt er u.a. Gedichte, arbeitet im Dortmunder Schreiblust-Verlag mit und steht ab und zu vor Menschen, um ihnen etwas zu erzählen. Nicht nur in dem vorliegenden Text setzt er sich mit der Biografie seines Vaters auseinander, der 1942 im Ruhrgebiet geboren wurde und während seiner ersten Lebensjahre Luftangriffe erlebte
Da ist Tom. Und da sein Weg in eine neue berufliche Existenz. Tief unter und über der Erde. Mehlwürmer. Ideen und Produktentwicklung laufen. Die Gesprächspartnerin jetzt ist nicht so ganz überzeugt. Das Schnitzel klatscht jetzt fetttriefend auf den Teller. Er ist zurück. Bei Oma.
Das Zimmer oben. Der Balkon. Das Handtuch im Bad. Als ob die Sommerferien weitergingen und die Wünsche der Oma. Alles wie gehabt.
Doch die Zeit bleibt nicht stehen. Nicht bei Tom und nicht bei Oma…Unvorstellbares geschieht, ein Unfall und nun braucht Oma Hilfe, Pflege. Pflegekräfte kommen. Und jetzt ist Kreativität gefragt in Organisation, Planung. Und noch mehr Fingerspitzengefühl…
„Oma, wir sind zu Hause. Schau, das ist dein Haus. Alles ist wie immer, nichts hat sich verändert! Dein Haus…“
Alina Lindermuth, 2022 mit dem Sonderpreis des Wiener Werkstattpreises ausgezeichnet, legt mit Ihrem zweiten Roman „Fremde Federn“ eine sprachlich und thematisch rasante, spritzige wie begeisternde Tragikkomödie der Herausforderungen modernen Generationenlebens vor. Die österreichische Schriftstellerin, die schon 2010 den Bachmann Jugendliteraturpreis gewann, überzeugt mit einer variantenreichen Erzählstruktur, die in witzig-pointierten Gesprächen, reflexiven, psychologisch sehr feinen wie direkten Innenperspektiven mitreißend packt, eine außergewöhnliche Lebendigkeit, die bis zur letzten Seite nicht nachlässt.
Das Thema Mensch, Familie, Weg und Verantwortung, Forderung wie Überforderung wird perspektivenreich geöffnet und lässt wiedererkennen, lachen, nachdenken, weinen. Es trifft ins Herz. Von Mensch und dessen Brüchen in Wunsch, Ziel und Weg.
„Alina Lindermuth, das sind literarisch 1000 Volt in Witz, Anspruch, Spannung und Sinn!“
CHANCE Erfolgsaussichten, Wege, Umwege -chance ist zu schwammig
Waltraud Mittich, 15.11.2022
Waltraud Mittich, Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Waltraud Mittich, Schriftstellerin
Zur Person_Waltraud Mittich _geboren 1946 in Bad Ischl; 1952 Übersiedlung nach Südtirol; Studium „Lingue e letterature straniere e moderne“ an der Universität Padua; anschließend Unterrichtstätigkeit. Lebt in Südtirol.