Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien _ acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _ 100. Geburtstag Maria CallasIvana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien _ acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _ 100. Geburtstag Maria Callas
Liebe Ivana Oršolić, welche Bezüge gibt es von Dir zu Maria Callas?
Very often I’m inspired by other artists. Opera singers can unite their musical skills with acting and movement abilities. As a dancer, is always interesting to learn and research about different physicality and what it can become in interdisciplinary context.
Du bist Tänzerin. Wie siehst Du den Körperausdruck von Maria Callas?
Just with your posture, for example, you can create a character. How you stand,where you hold your hands, where you look…Personally, I think Maria Callas was very comfortable and confident in playing those different characters while finding qualities in her body to express them.
Was macht für Dich die Aura der „Callas“ aus?
Callas, as an artist, inspires me to think of a body and its abilities as limitless. On the other hand, Maria, as a woman, reminds me to take care, rest, even step back if needed.
Gibt es ein bestimmtes Musikstück, das Du hervorheben möchtest und warum?
There is not one particular piece I would highlight.
Wie siehst Du Maria Callas in ihrem künstlerischen Weg, ihrer Entwicklung?
She was a diva, one of the greatest opera singers of the 20th century and I’msure that the road to being given this title wasn’t easy. Her instrument was her voice – her body, so as she kept changing so did her art.
Maria Callas und die Liebe. Kunst und Leben. Wie sieht da die Wechselwirkung aus?
Well, one doesn’t exist without another. – I would also add death. We can’t escape life and death and all our emotions come from love (or fear).
And art is simply a reflection of it.
Was lässt Liebe gelingen?
Not giving up. Staying curious and playful!
Wie war Dein Weg zum Tanz?
I believe I was a very expressive child and I always found joy in dancing, singingand acting. When I was five, I saw a magazine with a little girl in a dance studio and I just knew that that’s me.
Wie siehst Du Möglichkeiten für die Kunstform Tanz in Wien?
Honestly, I’m still trying to figure out how it works here. Art in Vienna is very important and highly appreciated but contemporary dance opportunities are too rare and it’s quite hard to fully commit yourself as a dancer.
Was möchtest Du kommenden Tänzerinnen auf Ihrem Weg mitgeben?
Dance is our passion, so we need to be careful when it comes to sacrifice. Take care of your body and your mental health.
Was kannst Du von Maria Callas auf Deinen künstlerischen Weg mitnehmen?
Take the time off when you need it. Reflect, detach and distance yourself from your art.
Was sind Deine kommenden Projektpläne?
My current research for a solo is human senses and I am very excited to make my first dance film on the theme: “Re-thinking our senses.”
Darf ich Dich abschließend zu einem Akrostichon bitten?
My
Art
Reflects,
Illustrates, and
Advocates
Courage.
ART is domination.
Life
Long
Artist
Stays.
Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien _ acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _ 100. Geburtstag Maria Callas
Vielen Dank, liebe Ivana Oršolić,, für das wunderbare Fotoshooting& Interview und viel Freude und Erfolg für alle Projekte!
100. Geburtstag Maria Callas _ 2023
Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien __acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris)
Zur Person _ Ivana Orsolic, born in 1996 in Zagreb, Croatia, Ivana started her professional dance education at early age. After graduating Art Schools Silvija Hercigonja and Franjo Lučić, she spent one year at Academy of Dramatic Arts Zagreb. In 2020 she graduated from Music and Arts University of the City of Vienna (MUK), receiving a Bachelor of Art in contemporary dance and ballet. During her studies she intensely worked with choreographers such as Esther Balfe, Eldad Ben Sasson, Alberto Franceschini, Chris Haring and Mani Obeya, as well as spending her internship in Scottish Dance Theater and Croatian National Theater Rijeka. As a freelance dancer Ivana works between Austria and Germany and has performed on stages such as MuTh, Theater an der Wien, Volksoper, Werk X, Theater Arche, Theatre Patraix and Staatstheater Augsburg. She is a dancer and artistic assistant for platform Choreoloop, based in Augsburg, GermanFotos_Walter Pobaschnig 4_23 _ Schloss Schönbrunn/Gloriette
Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris)
Lieber Vinzenz Fengler, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit, die mit meiner literarischen und künstlerischen nicht so viel zu tun hat. Dennoch würde ich nicht von einem Brotjob sprechen. Ich habe mich vor fast 20 Jahren, während einer Neuorientierungsphase, dafür entschieden eine Arbeit zu finden, die ich mit Herzblut machen kann, und die mir auch genügend Zeit lässt, meinen kreativen Impulsen nachzugehen.
Also fahre ich nun täglich ins Büro und arbeite dort als systemischer Elterncoach und Antigewalttrainer bei einem Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Die Elternberatungen mache ich dann im Büro, mit den Kindern und Jugendlichen gehe ich oft raus zum Arbeiten und nenne das Gedankengänge. Wenn man (zusammen) geht fließen die Gedanken einfach besser und es ist nicht so konfrontativ, weil man gemeinsam in eine Richtung schaut. Ich habe im Laufe der Jahre viele Fortbildungen gemacht und gemerkt, dass ich diese Arbeit sehr gut kann, dass sie zu mir passt, dass ich mich selbst als wirksam erlebe und im Ergebnis oft etwas bewirken kann, insbesondere für eine Verbesserung der Lebensqualität dieser Kinder und Jugendlichen. Und so fahre ich dann – zwar erschöpft oft, aber zufrieden – jeden Tag bis Donnerstag wieder mit dem Fahrrad nachhause.
Von Freitag bis Sonntag stehen dann bei mir den Musen alle Türen und Tore offen. Nicht selten schleichen diese sich aber schon unter der Woche ein, und ein Gedicht kommt über mich, oder die Idee zu einer Fotoserie oder einer Performance. Das läuft dann doch nicht so trennscharf ab. Aber auch das ist gut so. Ich liebe es, überrascht zu werden. Und seit der Corona-Zeit habe ich mich wieder mehr mit der Natur verbunden, fahre am Wochenende raus, nehme auch in der Stadt viel mehr die kleinen Idyllen wahr, die Tiere, die Parallelwelten zu Hektik und Stress. Langsam erinnere ich mich wieder an den kleinen Jungen, der ich war, der in den Wäldern der Lausitz aufgewachsen ist; ich finde immer mehr Zugang zu ihm, es ist wie das Neuentdecken einer fast verschollenen Identität, eine längst überfällige Biographiearbeit, die sich in letzter Zeit oft auch in Gedichten widerspiegelt.
Auch als „abgefallener Katholik“ (O-Ton: meine Mutti) würde ich sagen: Demut. Und zwar in dem Sinne, sich selbst immer wieder gewahr zu werden, was man hat und in Anspruch nehmen kann, und welchen Dingen man, auf Grund seiner Herkunft, dem Ort, an dem man geboren wurde und aufgewachsen ist, und den damit einhergehenden Privilegien, nicht ausgesetzt ist. Und aus dieser Selbstreflexion sollte, aus meiner Sicht, ein Solidaritätsbestreben entstehen, also der Reflex, sich für Schwächere einzusetzen mit all den Möglichkeiten, die man hat. In meiner Arbeit zum Beispiel begegnet mir (nicht erst seit Corona) ein eklatanter Anstieg von häuslicher Gewalt und auch psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Erklärungsversuche dafür gibt es zahlreiche. Bei den Kindern und Jugendlichen spüre ich aber einen enormen Leistungsdruck und krass existentielle Zukunftsängste. Ich finde, wir müssen es schaffen, ihnen wieder diese Unbeschwertheit zurückzugeben, die z.B. ich als Kind noch hatte. (Auch wenn wir damals den Horror eines Atomkriegs auch schon vor Augen hatten)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Auch wenn ich glaube, dass gute Gedichte über einen kommen wie etwas, gegen das man sich nicht wehren kann (und sollte), und nicht in kleinteiliger Heimarbeit am Schreibtisch zusammengebastelt werden, sollten wir uns – insbesondere als Lyriker:innen – immer mal wieder vergewissern, ob wir uns nicht zu weit aus gesellschaftlichen Gegebenheiten und -Zusammenhängen herausgelöst haben und – möglicherweise – in einer nach außen getragenen Innenschau nur noch um uns selbst kreisen. Und damit meine ich nicht, dass wir eine explizit politische Lyrik brauchen, aber das Außen sollte uns noch berühren (im Sinne von Mitgefühl) und ab und zu (wenigstens) in den Gedichten verhandelt werden, indem sie z.B. auf Leid und gesellschaftliche Schieflagen hinweisen, und so Resonanzen erzeugen, möglicherweise auch Handeln und Engagement auslösen. Ich bin ein zutiefst Gläubiger, was die Heilkraft der Sprache anbelangt. Aber wir müssen dieser Sprache einen Raum geben, insbesondere auch wenig oder nicht gehörten Stimmen.
Was liest Du derzeit?
Gerade wiedermal den (inzwischen fast zerfledderten) Gedichtband „Asketische Zeichen“ des rumänischen Dichters Virgil Mazilescu. Ich hab diesen ins Deutsche übersetzten Band Ende der 80er-Jahre in Rumänien gekauft und konnte danach lange nichts mit diesen Gedichten anfangen. Später hab ich schlagartig einen Zugang gefunden und liebe diese – dem Suprematismus von Malewitsch zugeneigten – Gedichte seitdem, staune immer wieder, ziehe meinen Hut, nein, reiß mir die Mütze vom Kopf vor Ehrfurcht. (Pathosverdacht! : egal)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Zuerst müssen wir uns beruhigen, atmen und über uns selbst hinwegkommen.“ (Chimamanda Ngozi Adichie)
Und speziell auf die Literatur bezogen möchte ich auf den Aufsatz „Der Tod des Autors“ von Roland Barthes verweisen. (vgl. meine Überlegungen weiter oben)
Vielen Dank für das Interview lieber Vinzenz, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_Vinzenz Fengler wurde 1969 in Hoyerswerda geboren und lebt seit 2001 in Berlin. Seit Anfang der 90er Jahre beschäftigt er sich mit Photographie und Performance Art, später kommen noch Kunstinterventionen im öffentlichen Raum dazu. Er schreibt Lyrik, Prosa und Stücke. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Vinzenz Fengler ist Zweitplatzierter (zusammen mit Monika Littau) des Polly Preises für Politische Lyrik 2016. Im Juli 2020 erschien „Stimme.Stimme“, ein gemeinsam mit Isabella Lehmann geschriebenes Theaterstück bei Edition Maya, im April 2023 sein Lyrikband „Materialermüdung tragender Teile“ im ELIF Verlag.
„panik/paradies“ Carl-Christian Elze. Gedichte. Illustrationen Nele Brönner. Verlagshaus Berlin 2023
„…das kind
kann nicht mehr den schlüssel berühren, ihn im schloss
umdrehen, es ruft wie ein ertrinkender, zappelt
und schreit…“
caput I
Carl-Christian Elze, mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, legt mit seinem Gedichtband „panik/paradies“ eine sprachlich faszinierende wie abgründig dystopische Achter- und Geisterbahn von Leben und Zeit vor, die in Kraft, Geheimnis und Erschütterung von Beginn an mitreißt. In formaler Variation und Virtuosität legt der Autor, der mit seinem Debütroman „Freudenberg“ 2022 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, das Herz der Zeit in Angst, Verzweiflung und Einsamkeit offen und lässt Leserin und Leser in einem faszinierenden Spiegelkabinett der Sprache wandeln, tasten innehalten.
Es sind große Traditionen moderner Lyrik, von Trakl bis Ginsberg, die der Autor hier gleichsam aufnimmt und im 21.Jahrhundert neu akzentuiert. Mensch, Welt und Sprache werden in größter Bild- wie Erzählkraft erschütternd analysiert und artikuliert.
Ein Gedichtband, welcher die moderne Lyrik in Komposition, Sprach- wie Erzählkraft erschütternd wie beeindruckend strahlen lässt!
„panik/paradies“ Carl-Christian Elze. Gedichte. Illustrationen Nele Brönner. Verlagshaus Berlin 2023
ISBN: 978-3-910320-01-7 Reihe edition Belletristik
Zur Person_Carl-Christian Elze studierte Medizin, Biologie und Germanistik, außerdem von 2004 – 2009 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2022 erschien sein Roman »Freudenberg« bei Voland & Quist / Edition Azur. Im Verlagshaus Berlin erschienen zuletzt »langsames ermatten im labyrinth« (2019) und »diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde« (2016). Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit einem Stipendium im Deutschen Studienzentrum in Venedig (2016), dem Rainer-Malkowski-Stipendium (2014) und dem Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis (2014). Elze ist Mitbegründer der Leipziger Lesereihe »niemerlang«, Monatsjuror bei »lyrix«, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik, und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
Nicht vor dem Tod, sondern davor, nicht genug gelesen zu werden
Claudia umarmt mich und die erleuchteten Häuserreihen am Hang von Bad Urach
Erinnern mich an Kabul vor dem Krieg
*“Vergiss nicht zu fliegen“
Sada Sultani, 2.5.23
Forugh Farrochzād, geboren am 29. Dezember 1934, in Teheran, Iran, war eine iranische Dichterin und Filmregisseurin.
**Gisboride bedeutet „schamlos“. Gemeint ist eine Frau, deren Haare beispielsweise von ihrem Ehemann abgeschnitten wurden, weil er sie der Untreue verdächtigte.
*** Dr. Claudia Koltzenburg, eine gute Freundin von mir und meine Deutschlehrerin
Sada Sultani, Dichterin und Liedermacherin, Aktivistin, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin,
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Sada Sultani, Dichterin und Liedermacherin, Aktivistin, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin
Zur Person_Sada Sultani, *1989 in Masar-e-Sharif/Afghanistan und aufgewachsen in Iran, Dichterin und Liedermacherin, Aktivistin, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Lyrikerin freier postmoderner Lyrik, mit erotischen und politischen Themen, kontroverser und rücksichtsloser Sprache. Autorin von drei Gedichtbänden in persischer und deutscher Sprache. Darstellerin in zwei Dokumentarfilmen, Verfasserin Liedtexten für Ghawgha Taban und Sahar Ariyan, Teilnahme an Poesiefestivals in Afghanistan, Schweden und Deutschland. Lebt seit 2015 in Berlin.
Aktuell Bucherscheinung_Sada Sultani
Sada Sultani. Gedichte / Poems _ zweisprachig _ Softcover mit Klappen, lieferbar, 200 Seiten. Klak Verlag.
Sada Sultani. Gedichte / Poems _ zweisprachig _ Softcover mit Klappen, lieferbar, 200 Seiten. Klak Verlag.
Liebe Renate Maria Riehemann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist glücklicherweise von der Natur um mich herum geprägt. Beim frühen Frühstück genieße ich den Blick in die grünende Natur, später spaziere ich mit meinem Hund an einem Fluss entlang, wobei ich neben optischen und akustischen Eindrücken auch zwanglos Ideen für alles Mögliche einfange. Meistens setze ich mich danach mit einem frischen Kaffee bis zum frühen Nachmittag an den Schreibtisch. Danach ist Zeit für Freizeit, zweiten Hundegang, Familie, Freunde, Haus- und Gartenarbeit …
Renate Maria Riehemann, Lyrikerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aus meiner Sicht ganz klar die Reduktion auf das Wesentliche, sowohl im Materiellen wie auch im Umgang miteinander. Nähe und Vertrautheit mit anderen Menschen, der Austausch mit ihnen. Wünschenswert, aber nicht immer möglich, scheint mir auch der Blick hinter die Kulissen des aktuellen Geschehens um uns herum zu sein, damit unnötige und schädigende Abhängigkeiten, auch persönliche, abgebaut werden, und wir die reale Welt stärker wahrnehmen können – die begreifbaren Dinge, die Menschen um uns und die sich verändernde Natur, in der wir leben. Ich glaube, dass es sich lohnt, sein Leben und seine Umwelt bewusst zu gestalten. Wir müssen uns durch unser Tun und unseren Umgang mit unseren Mitmenschen verantwortlich zeigen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Viele Menschen häufen viele Sachen an und manche Menschen besitzen kaum Dinge, die sie ihr eigen nennen können. Ich glaube, dass wir darüber nachdenken müssen, welchen Nutzen uns manche Privilegien und Dinge bringen und ob wir sie überhaupt benötigen. Und jeder für sich wird überlegen müssen, was ein erfülltes Leben ausmacht, ob es die Dinge sind, die er angehäuft hat.
Die Literatur zeigt uns Facetten des Lebens auf, die uns ohne Literatur vielleicht verborgen blieben, die uns aber ermutigen können, starre Positionen aufzubrechen. Literatur kann aufrütteln und ganz individuell tiefliegende Gefühle und Gedanken anstoßen, den Menschen öffnen, ohne dass er sich offenbaren muss. Darüber hinaus kann Literatur die Menschen ins Gespräch und in den Gedankenaustausch bringen und auch so Veränderungen und Entwicklungen in Gang setzen. Die Seele des Menschen will genährt werden. Kunst und Literatur sind ein wertvolles Kostangebot.
Was liest Du derzeit?
Auf meinem Lesetisch liegen neben anderen Büchern immer mehrere Gedichtbände parat, die ich je nach Stimmung genieße. Aufgeschlagen liegen derzeit der Gedichtband von Frank Sauer “Skizzen im Gegenlicht“ und die autobiografische Erzählung von Tyson Yunkaporta „Sandtalk“, das Wissen der Aborigines und die Krisen der modernen Welt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Passend scheinen mir hier und für mich persönlich die folgenden Verse von Rainer Maria Rilke zu sein:
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Renate Maria Riehemann, Lyrikerin
Zur Person_Renate Maria Riehemann lebt in Osterode am Harz. Die Pädagogin, Dichterin und Erzählerin hat mehrere Einzelveröffentlichungen vorzuweisen. Zuletzt: Die Zeit in den Leinenlumpen. Erzählungen, Geest-Verlag Vechta 2022; Von Weitem Kraniche. Haiku. Rotkiefer-Verlag Berlin 2022. R. M. Riehemann ist in Sachen Lyrik nicht nur im Harz aktiv. Sie ist Initiatorin des Literaturpreises Harz und Herausgeberin der dazugehörigen Anthologien. Zudem ist sie Vorsitzende des Vereins Lyrik lebt e. V. mit Sitz in Osterode am Harz, Mitglied u.a. in der europäischen Autorenvereinigung Die Kogge, der Gruppe 48 und der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik Leipzig.
www.renate-maria-riehemann.de
Foto_privat
4.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Die klingenden Namen zweier der bedeutendsten Künstler der Moderne am Umschlag des Buches lassen es sehr ehrfürchtig wie neugierig öffnen: Maria Lassnig und Peter Handke.
Die gefeierte österreichische Künstlerin, deren Bilder wie multimediale Werke und Performances in spielerischer wie direkter Position und Expressivität wie formaler Einzigartigkeit begeistern und deren persönlicher künstlerischer Weg kompromisslos wie zielstrebig und von später weltweiter Anerkennung gekrönt war und ist und anderseits der Nobelpreisträger von 2019, der mit jedem Text seit Jahrzehnten neu fasziniert, was Möglichkeiten von Sprache und Leben betrifft und den diese eröffnen, erweitern, erschüttern.
Und nun begibt sich Peter Handke gemeinsam mit der Kuratorin Barbara Maier und dem Verleger Lojse Wieser, ebenso geniale Kunst-Persönlichkeiten in Wahrnehmung, Förderung, Vermittlung, Präsentation wie künstlerischer Verbindung, in das Atelier Maria Lassnig und öffnet ihre Textbücher…
Es sind Texte, der 2014 in Wien verstorbenen genialen Bildenden Künstlerin Maria Lassnig, die wie ihre Werke Bildender Kunst in ihrer formalen wie inhaltlichen existentiellen Aufmerksamkeit, Abstraktion und Expressivität beeindrucken, erschüttern, begeistern. Jeder Text ist ein Erlebnis, gleichsam ein Galeriegang, der sofort Bilder in Kopf, Seele erzeugt und mitschwingen, mitreiben, mitfliegen und mitlanden lässt wie „eine Feder am Fenster“ – dem eigenen klaren, trüben, zerbrochenen, imaginären oder vergangenen Aus- und Einblicken in Welt, Selbst, Sinn…
Die Texte sind beeindruckend variantenreich und umspannen Momentaufnahmen von Alltagswahrnehmungen, Lebens- Kunstreflexionen, die kompromisslos, direkt wie tiefsinnig treffen wie Pfeile. Mitten ins Herz des Lebens und der Kunst. Ein sensationelles Ereignis und Hebens eines weiteren faszinierenden Schatzes der wunderbaren Maria Lassnig.
„Ist die Literatur die Zwillingsschwester der Malerei?“
(51)
„Lojze Wieser und Barbara Maier spannen den Bogen. Peter Handke setzt den Pfeil. Und der wunderbare Textköcher von Maria Lassnig wird zum literarisch-künstlerischen Ereignis, das eine der Sensationen des Jahres ist!„
Walter Pobaschnig 5_23
Zum Buch_
Maria Lassnig (1919–2014) pflegte Freundschaften mit zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern. Sie war eine Vielleserin vor allem von österreichischen Autorinnen und Autoren. Den beiden ebenso wie sie in Kärnten geborenen Ingeborg Bachmann und Peter Handke fühlte sie sich besonders nahe. Den Verwandtschaftsgrad der beiden künstlerischen Gattungen beschrieb Lassnig gerne mit der Feder als Schwester des Pinsels: der Gegenstand kann der gleiche sein, nur die künstlerischen Ausdrucksmittel unterscheiden sich. Maria Lassnig konzentrierte sich ganz und gar auf die bildende Kunst, daneben besaß sie literarische Fähigkeiten, die in den Texten zu ihren Filmen, in Briefen und in Notizen Ausdruck fanden. In diesem Band wird Kenntnis gegeben von dem, was Lassnig auf literarischem Gebiet geschaffen hat. Der Leser, die Leserin möge eine Ahnung von der lichten Weite der Autorin Maria Lassnig bekommen.
„Maria Lassnig war nicht nur eine Mal-Persönlichkeit, sondern auch eine Schreib-Persönlichkeit.“Peter Handke
Zur Person_Maria Lassnig: Bildende Künstlerin, geboren 1919 in Kappel am Krappfeld/Kärnten; gestorben 2014 in Wien. 1940 fährt Maria Lassnig mit dem Fahrrad von Kärnten nach Wien, wo sie an der Akademie der bildenden Künste Malerei studiert. Ab den späten 1940er-Jahren Arbeiten zum Körperbewusstsein, die ihr Lebenswerk prägen werden. Mit Arnulf Rainer reist Lassnig 1951 nach Paris und bringt die informelle Kunst nach Österreich. Während ihres Aufenthalts in Paris (1960–1968) greift Lassnig Einflüsse der Pop-Art auf, in New York (1968–1980) experimentiert sie auch mit Film. Ab 1980 Professorin an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien: Sie unterrichtet Malerei und gründet ein Trickfilmstudio. Die Ferienzeiten verbringt sie bevorzugt in ihrem Kärntner Landatelier in Feistritz im Metnitztal. Lassnig vertritt Österreich 1980 auf der Biennale von Venedig, zeigt ihre Werke auf der documenta, in Amsterdam, Paris, London und New York. 2013 Goldener Löwe der Biennale von Venedig für das Lebenswerk.
Peter Handke: geb. 1942 in Griffen/Grebinj, Österreich, Schriftsteller
Barbara Maier: geb. 1961 in Gemmersdorf, Österreich, Kuratorin
Lojze Wieser: geb. 1954 in Klagenfurt/Celovec, Österreich, Verleger
Erblühen aus verbrannter Erde unbefristeter Dauer.
Markus Grundtner, 3.5.2023
Markus Grundtner Schriftsteller
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Markus Grundtner, Schriftsteller
Zur Person:Markus Grundtner, geboren 1985 in Wien, wuchs auf in Niederösterreich und im Burgenland. 2004 bis 2014 absolvierte er die zwei Studien Theater-, Film-, und Medienwissenschaft sowie Rechtswissenschaften (beide an der Universität Wien). Neben seinem Erststudium arbeitete er als Kulturjournalist bei verschiedenen Print- und Onlinemedien (u.a. Kurier, Profil, MovieGod.de, Celluloid), von 2015 bis 2021 als Konzipient für Arbeitsrecht in verschiedenen Kanzleien in Wien. Aktuell ist er Jurist in der Rechtsabteilung der Wiener Staatsoper.
Seit Beginn seiner juristischen Karriere veröffentlicht er Kurzprosa in Literaturmagazinen sowie in Literaturzeitschriften (u.a. in: Am Erker, Die Rampe, DUM, erostepost, mosaik, &Radieschen und Podium) und in Anthologien. Für die Inhalte seiner Geschichten verarbeitet er Erfahrungen aus seinem Berufsalltag, zieht aber insbesondere die Juristerei bzw. deren Vokabular und Denkfiguren als Bezugssystem heran, um zu seiner ureigenen literarischen Form zu finden.
Der Autor liest regelmäßig in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Sommer 2020: Erste eigenständige literarische Veröffentlichung beim Hamburger Literatur Quickie Verlag als Teil der 26. Staffel der booklits-Reihe. Frühling 2022: Veröffentlichung seines Romandebüts „Die Dringlichkeit der Dinge“ im Grazer Verlag edition keiper.
Bety Pujol Cajal, Dancer, Choreographer _ Wien _ acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _ 100. Geburtstag Maria Callas
Dear Bety Pujol Cajal, what are your references to Maria Callas?
As a soprano, she was able to play memorable characters. She was characterised by a personal style that was not always clean and precise, in addition to her somewhat conflictive personality and rivalry among her peers. However, in spite of all these conflicts that characterised her life, I think she was a woman to admire, for her time she was a strong woman with firm convictions. Unfortunately, her life and career did not end in the way one would think an opera star’s career would end. She stopped attending her concerts and her commitments as an artist because of unrequited love and this led her to lose her light in Opera. Not only did she lose her voice, which many say was due to her weight loss, but she also lost her purpose in life, spending her days alone in a house without wanting to go out or see many people.
What is the aura of „Callas“ for you?
An aura of power no doubt, strong and perhaps a little dark because of thesadness of having to endure so much rejection in her life.
Is there a particular piece of music that you would like to highlight and why?
From Maria Callas? Her interpretation of La Traviata – Aria: Addio al passato. Callas was an atypical soprano in the way she conveyed the emotions of her singing to the audience. When her character died on stage, she performed it with a precise degree of realism. In no work does she express this feeling better than in the final part of Verdi’s La Traviata, her last note is heartbreaking. In my personal taste, Max Richter’s compositions are my main source of inspiration. As he himself has said in an interview, his music is created for the listener to think and reflect and I think that is what he clearly provokes within me; a constant reflection that leads to creative and artistic inspiration.
How do you see Maria Callas in her artistic development?
Maria Callas was undoubtedly the great Diva of the 20th century, she was atalented, visionary and fragile woman, who dedicated a lot of time and effort to her career. Without a doubt she had a magnificent development as an artist, performing all the most well-known characters in opera and was highly regarded in the opera environment at the highest level of her career.
What was your path to dance?
Well, I started when I was very young. When I was 4 years old I went to pick up my sister from dance school and I watched part of the ballet and contemporary dance classes, I would dance with my brother and sister creating choreographies in the living room. Soon after this, I began to attend dance school.
Then later when I was older and more conscious of my decisions, I made the complicated decision to be an artist. It’s a career of uncertainty, you never know if your career is going to be fruitful or not, if you get hurt and it’s all over, if an audition comes up and you have to go to another country in 3 days or if you get rejected and you’re out of work for a while. But to this day, I continue to fight for my passion for art and specifically for dance.
What inspires you and what themes are important to you in your art?
I am a very creative person, I see art and dance everywhere. An empty place gives me artistic ideas, people in the street give me ideas of movement, going on the metro and everyone moving at the same time is one of the most fun sources of inspiration. Seeing the sculptures in the city provides me with scenes of movement. I also find inspiration not only in other artists, musicians, painters, writers, and dancers but also from my life experiences. Often my failures and dark moments are what pushed me to create and show my art.
What are your upcoming project plans?
With my independent dance group I am currently preparing for a performance of four of my choreographies to be presented on the 20th of May at the Theatre Arche. Here is the link to the website where you can see our work and buy tickets for the event. https://palomasol04.wixsite.com/bety-pujol-cajal/copia-de-contacto
I am also a choreographer in the youth company Tanz die Toleranz with whom we have the premiere of a piece on the 18th of June, which we are also looking forward to.
I am also continuing my movement research and training Tango again which is a passion that always comes back into my life.
What does Vienna mean to you?
Home
How do you see the possibilities and what do you wish for dance in Vienna?
From my point of view, not knowing the language perfectly makes it difficult for an artist to fully integrate. However, there is no denying the opportunities and financial support the city gives to the arts. In the summer the city fills up with festivals of all kinds, giving artists the opportunity to showcase their work and people the chance to consume art of all categories.
What can you take from Maria Callas on your artistic path?
Dedication, effort and perseverance.
May I ask you to conclude with an acrostic?
Majestic voice
Admirable effort and career dedication
Resilience,
Iconic woman who with her voice
Achieved, admiration and respect for her art.
Cries and dramas,
Accumulating sadness.
Led to her
Loneliness in her final days.
A diva, a
Soprano.
Bety Pujol Cajal, Dancer, Choreographer _ Wien _ acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _ 100. Geburtstag Maria Callas
Vielen Dank, liebe Bety Pujol Cajal, für das wunderbare gemeinsame Projekt in Bild&Wort und viel Freude und Erfolg weiterhin!
100. Geburtstag Maria Callas _ 2023
Bety Pujol Cajal, Dancer, Choreographer _ Wien __acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris)
Aktuelle Produktion _ Bety Pujol Cajal„One night four pieces“
Lieber Sebastian Grayer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Moment sind die Tage sehr strukturiert und organisiert, und auch ein wenig statisch geworden. Der Tagesablauf richtet sich nämlich nach meinem Terminkalender, der voll ist mit Universität, meinen Studien der Germanistik und Soziologie sowie meiner Arbeit im Journalismus. Dennoch bin ich dadurch nicht gelähmt und suche beständig nach Freiräumen oder verhindere zumindest, dass sich die Durchstrukturierung und Kolonisierung vollends durchsetzt. Das gelingt mir nicht immer gleich gut, aber ich versuche es.
Ich wache also täglich mit dem Klingeln des Weckers um 4.30 Uhr auf und starte ausgeschlafen in den Tag. Die ersten Schritte zum Fenster zu gehen, dieses zu öffnen und dann in Stille die Stille der beginnenden Morgenstunden zu lauschen – ich liebe das, ich kann die Ruhe richtig genießen!
Der Tag setzt sich mit dem Weg unter die Dusche fort, wo meistens das große Nachdenken über die vor mir liegenden Stunden beginnt. Dann setze ich mich an den Schreibtisch, beantworte einige Mails und werfe einen Blick in Facebook und Instagram.
Nach dem Zähneputzen geht es in Richtung Universität, dort trinke ich in der Regel auch meinen ersten Kaffee, oder aber auch in einem Grazer Kaffeehaus bei einer Zeitung. Vorlesungen, Kurse, intensives Studieren, kurze Pausen und das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten reihen sich schließlich dicht aneinander. Dazwischen gliedert sich selbstverständlich noch die Suche nach interessanten Themen, Geschehnissen und insbesondere wunderbaren Menschen für potenzielle Artikel und die Vorbereitung auf die Arbeit am Wochenende ein.
Die Abende verlaufen dann ähnlich: Ich schlafe irgendwann mal bei laufendem Radio ein. Mir kommen die Tage sehr kurz vor, wobei jeder einzelne davon mich wirklich erfüllt.
Sebastian Grayer,Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mir schwebt das Zurückkommen zu einem Mensch-Sein in einer reinen Form vor, das seine Gehässig- und Rücksichtlosigkeit sowie Brutalität und sämtliche Stumpfsinnigkeiten abgestreift und es gegen Offenheit und ein aufmerksames, wahrhaftiges Miteinander getauscht hat. Darauf kommt es zurzeit wohl am meisten an. Und Kultur, ich meine Literatur, Kunst und Musik, macht dieses Mensch-Sein auf ganz besondere Weise erfahr-, spür und erlebbar. So glaube ich, dass uns ein Aussparen auf Kultur guttun und zur Entschleunigung beitragen würde und bei der Überführung von Uneindeutigkeiten zu Eindeutigkeiten enorm hilfreich sein könnte. Kultur bringt unmissverständlich auf den Punkt und bringt Tiefergehendes zum Ausdruck.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es wird darauf ankommen, weiterhin der Literatur und Kunst ihren Raum zu geben, wie groß dieser dann auch tatsächlich gestaltet sein mag. Und diesen Anspruch auf einen Raum unmittelbar in der Gesellschaft gilt es auch mit einer konsequenten und leidenschaftlichen Vehemenz wie Standhaftigkeit einzufordern.
Der unerschütterlichen Literatur kommt die Rolle einer wichtigen Entgegensetzung zu, sie bringt sich selbstsicher gegen das Artikulationsdefizit der Alltagssprache in vielversprechende Stellung und macht das Leben mit ihrem Volumen aus Klangsättigkeit und forcierten Momenten erträglicher. Man muss sich erst im Klaren sein, was Literatur in ihrer Beständigkeit und aus einem umfassenden Möglichkeitsraum, wie aus dem Nichts schöpfend, schafft. Jeder literarische Text ist ein sprachliches und robustes Gemälde, das in mühsamer Arbeit, ermüdender Selbstpraxis und intensiver Auseinandersetzung mit der äußeren, sozialen Welt entstanden und geformt wurde. Mit der sprachlichen Formung innerhalb einer Selbstpraxis von Autoren entsteht das inhaltliche Innenleben, das sich in einer feinen Sprachgewalt gegenüber dem Leser offenbart und gleichzeitig immanent in Erscheinung tritt. Und es ist jedenfalls gerade diese feine und für Literatur typische Sprache, die literarisch-klangliche, die doch den Sinn des Lebens für uns innerhalb der Literatur anzusammeln imstande ist.
Die Literatur bricht das Alltägliche auf und modelliert mithilfe ihrer besonderen Sprachfertigkeit den Lebenssinn heraus. Sprache steht nicht im Weg eines Textes, wie viele meinen möchten, und erschöpft sich auch nicht selbstzweckmäßig, wie viele überzeugt sind. Alles geht von einer sprachlichen und begreifenden wie ergreifenden Konzentration aus, die sich an einzelnen Sätzen der Reihe nach manifestiert, zusammen eine ganze Manifestation bildet und seine einzelnen Mikrobausteine gerade erst für einen literarischen Text liefert, um von sinnlichen Bildern begleitend wirklich berührende Momente hervorzubringen, in denen die Leser selbstständig mit dem Gelesenen in ihren außerliterarischen Welten notwendigerweise auseinandersetzend und mehrwertschöpfend innehalten und die sich bietenden Reflexionen weiter vorantreiben müssen.
Und es ist die Selbstpraxis der Autoren und Künstler, die mich in meiner Ansicht stärkt, dass diese die besseren Soziologen sind. Menschen, die hinter Kunst und Literatur stehen, bohren auf feine Weise in sozialen Tiefen hinein; dann ist es nur folgerichtig, dass der Artikulation in Literatur und Kunst eine versprachlichte Gegenwart zukommt, wo nichts bloß aneinandergereiht zu sein scheint, sondern vielmehr aus sanften wie akribisch zusammengesetzten Kompositionen besteht, die für uns äußerst bewegungsstiftend sind und uns weiterbringen, nach vorne. Eine sinnliche Sprachgewalt also, die paradoxerweise ineinandergreifende Komplexitäten erst erschafft.
Am Ende ertränkt Literatur das fortschreitende Abstumpfen, und es sind Kunst und Literatur – man kann es nicht oft genug sagen – die, im Gegensatz zum derzeitigen Weltschmerz stehend, die dringenden Resonanzen für die Menschen anbieten und durch ihre Lektüre und Betrachtung auf seltsame Weise eine Einsamkeit möglich machen, an deren Ende eine Schärfung der eigentlichen Wahrnehmung steht. Und so eröffnen sich wiederum neue Resonanzen von unglaublicher Schwere und Tiefe, die uns aufmerksam und empfänglich machen. So wären die Rollen der Literatur und Kunst unter uns zu sehen, die beide Gesellschaft notwendigerweise zerdehnen.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich einerseits zum dritten Mal das Buch „Auslöschung. Ein Zerfall“ von Thomas Bernhard und andererseits „Herzzeit. Ingeborg Bachmann, Paul Celan. Der Briefwechsel“ sowie Peter Handkes „Nachmittag eines Schriftstellers“. Dazwischen auch vereinzelt Lyrik von Rainer Maria Rilke und Ingeborg Bachmann.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Im Buch „Einübung ins Schweben“ von Dževad Karahasan habe ich folgende, mich sehr berührende Textstelle unterstrichen: „Vielleicht wäre es am treffendsten zu sagen, dass uns eine tiefe Freundschaft verband, die auch eine starke Anziehung einschloss, so dass unsere Beziehung, eigentlich die Nähe, die nicht durch regelmäßige oder häufige Begegnungen bestätigt wird, lange dauerte, auch nachdem wir begriffen hatten, dass sie nicht mein Mädchen und ich nicht ihr Kerl war.“
Persönlich halte ich mich am folgenden Zitat von Ingeborg Bachmann fest: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
Sebastian Grayer,Autor
Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sebastian Grayer,Autor
Zur Person_Sebastian Grayer *1999 in Klagenfurt (Kärnten) geboren
Beruf und Wohnort Autor, freier Kulturjournalist sowie Student der Soziologie und Germanistik. Lebt, arbeitet und studiert in Graz (Steiermark, Österreich) sowie in Völkermarkt (Kärnten, Österreich).
2006 – 2010: Franz Mettinger Volksschule Völkermarkt 2006 – 2009: Musikschule Völkermarkt (Waldhorn) 2010 – 2014: Neue Mittelschule Völkermarkt 2014 – 2018: Bundesoberstufenrealgymnasium Wolfsberg (Matura) 2018 – 2020: Rotes Kreuz Völkermarkt (Zivildienst und Ehrenamt) Seit 2019: Bachelorstudium Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz
Seit 2022: Blog „Ein Hinterzimmer. Texte zu Literatur, Kultur und Gesellschaft“ 2022: Jurymitglied beim Literaturwettbewerb der HAK und HLW Wolfsberg Seit 2023: Mitglied bei den Völkermarkter Turmschreiber:innen
Seit 2023: Redaktioneller Mitarbeiter beim kärntenweiten Newsletter des Roten Kreuzes Kärnten
Seit 2022: Referent für Medien- und Öffentlichkeitsarbeit beim Roten Kreuz Kärnten (Bezirk Völkermarkt)
Seit 2022: Ehrenamtlicher Kulturjournalist beim Kärntner Bildungswerk Seit 2022: Literaturjuror beim Kärntner Bildungswerk Seit 2022: Bachelorstudium Germanistik an der Karl-Franzens-Universität Graz Seit 2021: Freier Journalist bei KLiCK Kärnten 2020 – 2021: Tutor für Studienanfänger:innen des Soziologiestudiums an der Karl-FranzensUniversität Graz
Seit 2020: Korrektor für wissenschaftliche Texte (von Student:innen der Karl-FranzensUniversität Graz und Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) und andere Textsorten von außeruniversitären Personen sowie auch außeruniversitären Themen