Lieber Alexandru, hoffe, Dir geht es gut und Du verbringst schöne Sommertage!
Wie sieht Dein Rückblick auf die Tage der deutschsprachigen Literatur vom 22.6 – 26.6.2022 in Klagenfurt aus?
Äußerst positiv. Ich kann mich nicht beklagen, habe ja auch einen Preis bekommen und ging nicht mit leeren Händen nach Hause. Ich fand die Jurydiskussionen sehr spannend, in meinem Fall wurde von allen Kluges und dem Text Angemessenes gesagt, und das war für mich das Allerwichtigste. Gleichzeitig weiß ich aber, dass nicht alle TeilnehmerInnen ihre Jurydiskussionen so empfunden haben wie ich die meinige.
Alexandru Bulucz (Mitte), Deutschlandfunkpreisträger 2022 mit einladender Jurorin, Juryvorsitzender, Insa Wilke, und René Aguigah, Ressortleiter Literatur von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur
Was war für Dich erwartet was überraschend?
Erwartbar war nichts. Überraschend war natürlich, einen Preis zu gewinnen und dass ich mich zu einer spontanen Dankesrede habe mitreißen lassen bei der Preisverleihung. Aber auch sehr überrascht war mein Blick in die einige Tage nach der Preisverleihung online gegangene Liste mit den persönlichen Punktevergaben der Jurymitglieder.
Und über den herzlichen Zusammenhalt der TeilnehmerInnen-Gruppe habe ich schon so viel geschrieben und gesprochen. Das haben viele nicht erwaret.
Teilnehmer:innen (nicht alle am Foto) Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt 2022: von links: Ana Marwan_Bachmannpreisträgerin 2022, Andreas Moster, Alexandru Bulucz _ Deutschlandfunkpreisträger 2022, Leon Engler _3sat-Preisträger 2022, Mara Genschel, Hannes Stein.
Wie beurteilst Du das diesjährige erstmalige Setting der Zweiteilung in Lesebühne und der Jury im Studio?
Ich hatte keine Probleme damit. Ich hatte anfänglich große Angst, dass ich draußen gar nicht erst lesen können werde. Ich bin starker Gräser-Allergiker, und der schlimmste Monat ist für mich der Juni, aber in Klagenfurt hatte ich plötzlich keine Allergie mehr. Ich habe am 23. Juni gelesen. In Berlin hätte ich an dem Tag draußen nicht lesen können.
Ich habe mich also beim Lesen auf das Gartenpublikum eingestellt und mir keine Gedanken gemacht, wie ich im Studio bei den Jurymitgliedern rüberkomme.
Alexandru Bulucz, Lesung Gartenbühne _ ORF Kärnten
Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?
Mit allen seinen Schwächen bleibt der Bachmannwettbewerb ein Literaturparadies. Und ins Paradies möchte man zurückkehren, um wenigstens im Wörthersee zu baden.
Rathaus KlagenfurtKlagenfurt _ Alter PlatzAlexandru Buluczim ORF Garten im Gespräch mit Schriftstellerin, Violinistin Tamara Stajner und Schriftsteller Paul-Henri CampbellAlexandru Bulucz mit Büchnerpreisträger Josef Winkler Wörthersee
Was möchtest Du kommenden Teilnehmer:innen mitgeben?
Auch kommende TeilnehmerInnen werden IndividualistInnen sein. Man kann ihnen nichts mitgeben. Sie werden ihren Weg auch allein finden, auch allein gehen. Ich bin mir sicher.
Alexandru Bulucz, Deutschlandfunkpreisträger 2022 mit einladender Jurorin, Juryvorsitzender, Insa Wilke (neben Preisträger), und René Aguigah, Ressortleiter Literatur von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kulturwie Moderatorin Cécile Schortmann.
Vielen Dank für das Interview, lieber Alexandru! Viel Freude und Erfolg weiterhin und erholsame Sommertage!
Bachmannpreis 2022_im Rückblickinterview:
Alexandru Bulucz, Schriftsteller_Berlin_Deutschlandfunkpreisträger 2022
Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022_ Station bei Malina_Wien
Liebe Ana, ein herzliches Willkommen hier in der Ungargasse in Wien 1030, die literarischer Hauptschauplatz des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann ist.
Wir führen unser Interview im Pressebüro der Evangelischen Kirche Österreich in der Ungargasse 9, 1030 Wien. In welchem religiösen Kontext bist Du aufgewachsen?
Ich bin in Murska Sobota im Nordosten Sloweniens, damals Yugoslawien, geboren und als ich zwei Jahre alt war sind wir nach Ljubljana umgezogen. Das war im Kommunismus, der Sozialismus genannt wurde. Es gab bei uns kein Weihnachten und überhaupt keine religiöse Feier. In anderen kommunistischen Ländern liefen ja, etwa in der Tschechoslowakei, religiöse Feiertage und Kommunismus parallel. Wir haben das nicht so gelebt.
Wir hatten in der Schule nur ein Mädchen, das einen Kirchenbezug hatte und Gottesdienste besuchte. Mir war das fremd, ich katte keinen Kontakt zu Kirche und Religion.
Erst später habe ich verschiedene Religionen kennengelernt. Ich interessiere mich für Religionen, glaube aber, dass es einen Unterschied ausmacht, wenn man nicht unmittelbar damit aufwächst.
Die geistige Komponente ist etwas sehr Wichtiges für den Menschen, finde ich.
Gibt es familiär evangelische Wurzeln?
Mein Vater bezeichnet sich als evangelisch. Das ist auch Familientradition. Das Gebiet im Nordosten Sloweniens in der Nähe des österreichischen Bad Radkersburg ist historisch überwiegend protestantisch.
Die Evangelische Religion hat in Slowenien auch mit Nationalstolz zu tun, dies war auch in meiner Familie so und bezieht sich auf die reformatorische Übersetzung der Bibel im 16.Jahrhundert (Anm: Primož Trubar, 1508 – 1586, Übersetzung des Neuen Testamentes in der deutschen Übersetzung Martin Luthers in die slowenische Sprache). Wie der Glaube in der Familiengeschichte gelebt wurde, weiß ich nicht.
Mir fällt ein, der erste Mann meiner Großmutter war Pfarrer. Auf den Fotos ist dieser weiße Kragen zu sehen. Anm: Beffchen, weißer Kragen am Talar, der Amtstracht evangelischer Pfarrer:innen.
War Religion im Alltag Deiner Kindheit, Jugend öffentlich sichtbar?
Unser „Gott“ war Tito (Präsident Jugoslawiens 1945-80, Anm.) damals. Überall gab es Statuen und Bilder von ihm. Im Schulunterricht haben wir jeden Tag vor den Bildern gegrüßt – „Wir gehen mit Tito vorwärts“ – sagten wir unisono. Das war die Religion damals.
Hattest Du als Literaturwissenschaftlerin bestimmte Zugänge zur Bibel?
Im Studium habe ich aus literaturwissenschaftlicher Perspektive Auszüge der Bibel gelesen. Im Allgemeinen hat mich die Zeitgemäßheit der Texte überrascht. Die Bücher Kohelet und Hiob fand ich in ihrer existentiellen Radikalität interessant.
In Deinem Bachmannpreistext thematisierst Du in der Passage der Rettung der Wechselkröte das Verhältnis von Glück, Dankbarkeit, Barmherzigkeit. Wie siehst Du dies im Leben?
Ich denke, wir leisten Hilfe aber wir tun uns selbst im Annehmen von Hilfe schwer. Wenn wir Hilfe bekommen, fühlen wir uns schuldig und möchten dies so bald wie möglich wieder gutmachen, zurückzahlen und dies wird auch oft erwartet.
Hilfe kann auch, wenn die Positionen von stark und schwach sehr eklatant sind, eine großzügige, selbstzufriedene Geste sein, die Dankbarkeit erwartet. Dankbarkeit wird da zur Bezahlung. Aber Du hast nichts gegeben, wenn Du etwas erwartest.
Vor allem ist man heute über Undankbarkeit entsetzt. Das finde ich sehr falsch. Hilfe sollte eine Selbstverständlichkeit zwischen Menschen, ohne Erwartung einer Gegenleistung, sein.
Wir fühlen uns sehr oft schuldig anstatt glücklich, wenn uns jemand hilft.
Woher kommt dieses Schuldgefühl, welches Erbe ist das?
Ein evangelisches (lacht)? Über dieses Thema müsste ich jetzt mehr nachdenken, das kann ich nicht so schnell beantworten, das würde Zeit brauchen. Ich schätzte diese Fragen und Überlegungen.
Wie nimmst Du die Schrecken des Krieges in Europa derzeit als Schriftstellerin wahr? Welchen Ausweg kann es da geben?
Ich bin keine politische Expertin. Persönlich ist es für mich unfassbar, dass es zu diesem Krieg in Europa gekommen ist. Das ist extrem schmerzhaft und betrifft alle Kriege auf dieser Welt. Das ist nicht zu akzeptieren.
Warum führt der Mensch Krieg?
Wir streiten als Individuen im Alltag dauert miteinander, deswegen ist es nicht überraschend, dass wir auch als Nationen streiten. Ich hoffe einfach nur, und dies ist meine große Hoffnung, dass wir endlich einmal ethische Fortschritte machen und als Individuen wie Gruppen, Nationen miteinander anständig umgehen können.
Was sind Deine derzeitigen Projektausblicke?
Grundsätzlich würde ich auch sehr gerne wieder etwas Ruhe haben, um schreiben zu können. Ich habe bisher zwei Bücher und weitere Erzählungen veröffentlicht, jetzt bin ich persönlich sehr gespannt, wie meine weiteren Texte aussehen werden (lacht).
Einsamkeit war immer das zentrale Thema in meinem Schreiben und wenn sich das jetzt in meinem Leben geändert hat, bin ich sehr neugierig, wie es sich auswirken wird. Ich lasse mich überraschen, worüber ich jetzt schreiben werde.
Wir sind auch gespannt und freuen uns auf Deine weiteren Texte, Bücher!
Wie hast Du die für Dich so erfolgreichen 46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt erlebt?
Wir wurden von der Organisation sehr gut begleitet und waren als Teilnehmende ein sehr gutes Team. Es gibt auch noch guten Kontakt miteinander und wir wollen uns nächstes Jahr wieder treffen.
Persönlich war es für mich schon eine große Überraschung, dass ich unter den Teilnehmenden war, das war ein Schock (lacht). Ich habe nicht mit einer Teilnahme und dann schon gar nicht mit einem Sieg gerechnet. Das waren alles extreme Überraschungen.
Ich freue mich jetzt sehr darüber und auf neue Erlebnisse, Erfahrungen als Schriftstellerin!
Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022_ Station bei Malina_Wien
Vielen Dank für das Interview, liebe Ana, herzliche Gratulation zum Bachmannpreis 2022, viel Freude und Erfolg weiterhin für alle Projekte und erholsame Sommertage!
Station bei Malina_ Sommerinterview:Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022
Aktueller Roman: „Der Kreis des Weberknechts“ Ana Marwan, Otto Müller Verlag.
Fotos_Gespräch: Marco Uschmann, Chefredakteur „SAAT“ Evangelische Kirchenzeitung Österreich, Chef Amt für Hörfunk/Fernsehen Evangelische Kirche Österreich
Foto_Portrait: Walter Pobaschnig.
Alle Fotos_Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann, 1971.
Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Sommer beginnt mein Tag meist mit einem Gang durch den Garten, mit einer ersten Inspektion der Gemüsebeete. Irgendwas ist immer zu tun und wenn es nur das Gießen, Schnecken umsiedeln, oder das Aufrichten der Pflanzen nach einem Unwetter ist. Kaffee gibt’s auf der Terrasse unter dem Dach und dabei mache ich mir Notizen, oder Skizzen, oder ich schaue einfach und lasse diese frühen Morgenstunden und die Natur auf mich wirken, das stärkt mich für den Tag.
Seit ich denken kann, befinde ich mich in dem Zwiespalt, mich entweder für die Malerei oder für das Schreiben zu entscheiden. Aber irgendwie brauche ich dann doch wieder beides. Nur alles zugleich geht sich eben nicht aus. Aus mir hätte genauso gut eine Gärtnerin oder eine Bäuerin werden können und Mutter bin ich auch sehr früh geworden. Mein Brotberuf im Sozialbereich war mir auch wichtig.
Für das Arbeiten an meinen Texten und für die Malerei bestimmen aktuell also die Vegetationszeiten und das was ich sonst noch zu tun habe, den Ablauf. Ich schreibe, wenn es sich ausgeht und ich nicht abgelenkt bin, und ich male, wenn es sich ausgeht und ich nicht abgelenkt bin, ganz einfach. Wenn z.B. einer meiner 4 erwachsenen Söhne, oder alle zugleich einen Abstecher nach Hause machen, bin ich ziemlich abgelenkt. Aber ich liebe diese Ablenkungen auch sehr.
Susanne Huck_Künstlerin, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu üben, jeden Tag aufs Neue, wie ein Miteinander gelingen kann. Irgendwie fängt doch alles damit an, wo man hineingeboren wird. Das kann man sich nicht aussuchen, aber was man seinen Kindern mit auf den Weg gibt, zumindest das hat man in der Hand.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Manchmal ist die Kunst das was einen ins Leben hineinrettet, manchmal macht sie einem das Leben auch schwer, aber es kann/muss ausgedrückt werden, was nötig ist um das Auge, das Ohr, die Sinne, den Verstand und die Handlungen so zu berühren, zu aktivieren, dass es vielleicht einen anderen Menschen auch in das Leben hineinrettet – mit allen Konsequenzen. Ich finde, das Leben als solches könnte schon aufregend genug sein, aber durch die Kunst bekommt der Blick aufs Detail oder aufs Ganze noch diesen ganz besonderen Verstärker.
Susanne Huck _ windundstill_2021_Acryl auf Holz_49x62cm
Was liest Du derzeit?
Auf meinem Schreibtisch, bzw. an meinen Leseplätzen, liegen gerade: -„BLUETS“ von Maggie Nelson – darin geht es um die Farbe Blau von der die Autorin besessen ist und gleichzeitig erzählt sie die Geschichte einer gescheiterten Liebe. -„NO ART“ von Ben Lerner – Poems, Gedichte in Englisch und Deutsch. – „Aus eine Art Glück“ von Alois Hotschnig – seine Sprachkunst macht mich immer wieder sprachlos. – „Kunst sehen“ von Julian Barnes.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Machen Sie Musik, wenn niemand zuhört. Malen Sie ein Bild, wenn niemand zuschaut. Schreiben Sie eine Kurzgeschichte, die niemand lesen wird. Die innere Freude und Befriedigung wird mehr als ausreichend sein, um Sie durch ihr Leben zu tragen. Wenn Ihnen das gelungen ist, haben Sie das Im-Hier-und-Jetzt-Sein gemeistert.“ (Zitat aus Ken Mogis, IKIGAI)
Susanne Huck_Künstlerin, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur- Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Sehr gerne!
5 Fragen an Künstler*innen:
Susanne Huck_Künstlerin, Schriftstellerin
Fotos_privat.
7.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
An einem Arbeitstag pendle ich zwischen Atelier und Schreibtisch. Zumeist bin ich am Vormittag im Atelier, da die Sonne da genau auf meine Arbeiten scheint und mich inspiriert, ich frühstücke gegen Mittag und setze mich dann an den Schreibtisch und schreibe. Manchmal unternehme ich etwas mit dem Fahrrad. Wenn ich in einem Schreibprozess bin, setze ich mich am Abend nochmals an den Schreibtisch.
Minu Ghedina _Schriftstellerin, Malerin/ Bildhauerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube, es ist mehr denn je wichtig, den Fokus auf das, was uns umgibt, zu richten. Nur gemeinsam können wir die Erde retten, um unseren Kindern die Chance einer Zukunft zu geben. Wir stehen mitten in einer großen Umbruchsphase, die Angst macht, aber zugleich auch eine Chance zur Veränderung ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Natürlich hat die Kunst auch immer die Aufgabe aufzudecken, unter die Oberfläche zu schauen, vorausschauend zu sein, aber ich finde es im Moment besonders wichtig, einen positiven Ausblick zu geben und die Wahrnehmung zu schärfen für das Schöne, das uns umgibt. Schönheit kann Kraft geben. Und Mut.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade das wunderbare Buch von Ocean Vuong „Auf Erden sind wir kurz grandios“ und „Die Augen der Haut“ über die Architektur und die Sinne von Juhani Pallasmaa
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Vogel fliegt auf
und hinterlässt
flüsternde Blätter.
Vielen Dank für das Interview liebe Minu, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Minu Ghedina _Schriftstellerin, Malerin/ Bildhauerin
Linda Pichler, Schauspielerin _ Wien _ reenacting Marilyn Monroe, Schauspielerin, Sängerin, Model, Filmproduzentin (* 1.6.1926 Los Angeles, USA +4.8.1962 ebenda)_ 60.Todesjahr 2022
Liebe Linda, welche Bezüge gibt es von Dir zur Schauspielerin und vielseitigen Künstlerin Marilyn Monroe (* 1. Juni 1926 Los Angeles, USA † 4. August 1962 ebenda)?
Zum ersten Mal erblick habe ich Marilyn auf einer Puderdose im Haus meiner Großeltern. Marilyn Monroe wurde zum Weiblichkeitsideal stilisiert und dieser Einfluss ist noch heute spürbar. Sehr berührt und für den Menschen hinter der Persona empfänglich gemacht, hat mich außerdem der Film „The Goddess“ aus dem Jahr 1958, deren Hauptfigur an Marilyn Monroe angelehnt ist und von Kim Stanley verkörpert wird.
Gibt es einen Film von Marilyn Monroe, den Du hervorheben möchtest und warum?
Bus Stop (1956)! Ich habe bei diesem Film Tränen gelacht! Marilyn spielt darin die ambitionierte Barsängerin „Cherie“, die eines Nachts „Bo“ (Don Murray) über den Weg läuft, ein mit Frauen gänzlich unerfahrener Bursche vom Lande und ein “Himbo” wie er im Buche steht, der darauf besteht sie am nächsten Tag nach seinem Rodeo zu heiraten. Der Film besitzt zwar das Exoskelett einer klassischen 50er Jahre Liebeskomödie, jedoch sind die Charaktere in ihrer Klischeehaftigkeit derart krass überzeichnet, dass ich ihn sogar als subversiv bezeichnen würde.
Gab es Berührungspunkte in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Nicht wirklich.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Marilyn Monroe wie an sich?
Marilyn wurde zur Ikone und somit unsterblich- noch heute werden ihre Kleider, ihre Locken und weiß der Teufel was um viel Geld verkauft. Mich erinnert das ein wenig an die Szene aus Patrick Süskinds „das Parfum“ (SPOILER!), in der der Protagonist schlussendlich von der Pariser Masse bis auf das letzte Haar aufgefressen wird. Ich denke, wer in dieser seltenen Position sein privates Ich nicht von seiner öffentlichen Persona abgrenzen kann, verliert den Verstand.
Marilyn Monroe war künstlerisch sehr vielseitig tätig. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Ich wünschte ja oft ich würde mich beruflich weniger auf mich selbst gestellt fühlen und rede es mir dann schön, indem ich mir sage ich entwickle mich dadurch weiter- was ja auch wahr ist. Viele Kolleg*innen stellen selbst was auf die Beine; das finde ich inspirierend. Seit ich mir die Szenen für mein Demoband geschrieben habe und das funktioniert hat, möchte ich mich auch an was Größeres heranwagen.
Was kann eine junge Schauspielerin von Marilyn Monroes Werk und Leben mitnehmen?
„A wise girl knows her limits, a smart girl knows she has none.“ ist ein schönes Zitat von ihr.
Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?
Wien ist mein zuhause und das nun aber schon seit fast 6 Jahren und deswegen muss ich hier bald weg. Ich liebe Wien ja, darum habe ich Angst picken zu bleiben und das will ich nicht.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?
Ich habe einige Erfahrungen machen dürfen, für die ich Wien/Österreich sehr dankbar bin. Trotzdem sehne ich mich nach einer größeren Stadt, in der mehr los ist.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Mehr.
Was sind Deine kommenden Projekte?
Ab 22. September bin ich im Stück „Helden“ von Bernhard Shaw als „Raina“ im Theater Forum Schwechat zu sehen. Außerdem spiele ich eine kleine, durchgehende Rolle in der Serie „Luden“, die im Herbst auf Amazon-Prime erscheinen wird.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
In den Phasen, in denen man das Gefühl hat, man kann gar nichts und man sich am liebsten zerbröseln will vor lauter Nichts-Können, steht man vor einem Entwicklungsschritt und je weniger man diesen destruktiven Gefühlen nachgibt, desto schneller kommt man voran.
Was bedeutet Dir Wien?
Prunk und Grind und unverhohlene Überlegenheitsgefühle den anderen Bundesländern gegenüber. Als wir mal am Weg zurück von einer Sommertheater-Landpartie in Wels beim Meci Pause gemacht haben und alle Wiener*innen darüber geredet haben wie schirch es hier nicht ist, dachte ich, die Einheimischen holen bald die Mistgabeln.
Was würdest Du Marilyn Monroe sagen, fragen wollen?
Danke für alles und warum haben sie dich umgebracht?
Darf ich Dich abschließend zu einem Marilyn Monroe Achrostikon bitten?
Misunderstood
Ahead of her time
Righteous
Immortal
Lonely
Youthful
Nebulous
Linda Pichler, Schauspielerin _ Wien _ reenacting Marilyn Monroe, Schauspielerin, Sängerin, Model, Filmproduzentin (* 1.6.1926 Los Angeles, USA +4.8.1962 ebenda)_ 60.Todesjahr 2022
Vielen Dank, liebe Linda, viel Freude und Erfolg für alle Projekte!
60.Todesjahr Marilyn Monroe (*1.6.1926 Los Angeles/USA +4.8.1962 ebenda) _ Schauspielerin, Sängerin, Filmproduzentin, Model_
_ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Linda Pichler, Schauspielerin _ Wien
Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien 6_21
Liebe Maddalena-Noemi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan habe ich nur abends Vorstellung, der Luxus tagsüber nicht zu proben verleitet mich danach noch auszugehen. Unser Catering im Wiener Lustspielhaus heißt „francophil“, und macht auch die Gastronomie bei den Tanzwochen im Vestibül, oft gehen wir nach dem Theater mit der Belegschaft mit ins Vestibül, um noch zu tanzen. Ich finde den Austausch mit KünstlerInnen aus anderen Spaten extrem spannend und der Kontakt bereichert und inspiriert mich.
Maddalena Noemi Hirschal, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Etwas Gemeinsames zu finden. Die Pandemie hat gefühlsmäßig dazu beigetragen, dass Jeder/Jede auf sich selbst schaut nach dem Motto:“ Rette sich wer kann“ und „Ich glaube was ich will“. Überhaupt ist alles wahnsinnig schnell, als würden die Menschen etwas aufholen wollen. Ich glaube Ruhe ist wichtig und Zusammenhalt. Lieben ist wichtig. Ich bin für mehr Zärtlichkeit.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel der Kunst an sich zu?
Es gibt und wird in Zukunft, auch in Österreich, sehr viele arme Menschen geben, die Auswirkungen sind bereits fühlbar. Das Theater macht eine schwere Zeit durch. Ich habe gelesen, dass eine aktuelle Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins zeigt, dass die Zahl der Zuschauer in Spielzeit 2020/21 verglichen mit der Saison 2018/19 um 86 Prozent zurückgegangen ist. Diese Zahl hat mich hart getroffen. Das ist eine Katastrophe. Was das in Zukunft für die Kunst bedeutet, weiß ich nicht. Ich habe Angst davor. Das Theater sollte die Menschen umschließen, ihnen Halt geben, sie mit den großen Themen des Lebens füttern und sie reicher nachhause gehen lassen.
Was liest Du derzeit?
Marlene Streeruwitz Handbuch gegen den Krieg.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Frieden ist ein anderes Wort für Gerechtigkeit“ „Krieg ist Handel mit Leben und Tod“
Vielen Dank für das Interview liebe Maddalena Noemi, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!