„Von Solidarität profitieren alle“ Jan-Eike Hornauer, Schriftsteller _ München 20.7.2022

Lieber Jan-Eike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In erster Linie ist er meistens zu schnell, also: Der Tag läuft zu schnell ab. Und ich soll da irgendwie hinterherkommen. Na, mit diesem Problem stehe ich nicht alleine da, ich weiß …

Ansonsten gilt immer: Ich bin eindeutig ein Nachtmensch. Wozu der Vormittag erfunden worden ist, war mir schon als Schüler unklar, und das hat sich bis heute nicht geändert. Die Abend- und Nachtstunden hingegen, das war schon früh meine Zeit, und sie wird es auch immer bleiben.

Das passt auch ganz gut zu meinen Tätigkeitsfeldern: Ich bin als freier Autor, Lektor, Herausgeber und Texter unterwegs, arbeite von zu Hause aus. Da kann man den verschobenen Tagesrhythmus schon pflegen (oder er einen sich). Denn er passt sogar ganz gut in die entsprechenden Arbeitsabläufe – weil etwa Werbeagenturen selber eher etwas später beginnen, dann aber sehr viel von dem, mit dem sie mich beauftragen, ganz spontan, also am gleichen Tag oder über Nacht, erledigt werden muss. Von geregeltem Feierabend oder auch freien Wochenenden, also allgemein von gesellschaftlichen Normarbeitszeiten, sollte man da eher nicht ausgehen.

Und auch in der Zusammenarbeit mit Verlagen und Autoren gilt: Mein Tagesrhythmus hat hier klare Vorteile. Durch mich als ausgewiesenen Nachtarbeiter ergeben sich oftmals Workflows, die für beide Seiten gut funktionieren – etwa weil man gegenläufig gestrickt ist und so bei Bedarf Projekte bzw. Phasen, in denen es auf Zusammenarbeit im recht knappen Wechselspiel ankommt, in kurzer Zeit richtig vorangetrieben werden können.

Und Gedichte sowie Kurzgeschichten etc. habe ich selbstredend schon zu jeder Tageszeit geschrieben, doch hier ist ganz besonders zu beobachten: Am meisten geht in der Nacht. Das gilt hier dann übrigens auch bis in die frühen Morgenstunden hinein und ganz ohne drohende Deadline. Da sieht man einfach, wo die eigenen Impulse am stärksten wirken.

Corona, worauf sich ja das »jetzt« in der Frage bezieht, hatte hier keinen großen Einfluss – es engte vieles sehr ein und war insgesamt ordentlich bedrückend (auch weil ich in München und damit sowohl in der Stadt als auch in Bayern lebe, also räumliche Enge und die bundesweit härtesten Regeln samt Überwachung kombiniert erleben durfte), aber meinen Rhythmus betraf es eher weniger.

Jan-Eike Hornauer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jetzt, vor dem Hintergrund von ausklingender Corona-Zeit und dem Krieg von Putin-Russland gegen die Ukraine, ganz besonders: Solidarität. Aber das sollte auch ohnehin immer ein sehr hoher Wert in der Gesellschaft sein. Denn nur als eine solidarisch geprägte kann eine Gesellschaft das sein, was man menschlich nennen möchte, und mithin erstrebenswert ausfallen. Oder anders ausgedrückt: Von Solidarität profitieren alle, und ganz ohne Solidarität ist jedwede Gesellschaft unmöglich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Solidarität. Und das Weiten von Perspektiven. Nicht nur ökonomisch und kurzfristig denken. Überlegen: Was ist der Mensch, was ist Gesellschaft – und was müssen wir im Interesse aller tun? Nicht fragen: Was braucht die Wirtschaft und wie sehen die Zahlen zum Quartalsende am besten aus? Literatur und Kunst sind hier ihren Möglichkeiten nach eminent wichtig und genuin geeignet, sie müssen jedoch völlig neu gewichtet werden, damit sie diese gesellschaftlichen Aufgaben auch erfüllen können. Darüber hinaus sind sie für den Einzelnen auch unerlässliches Überlebens- und tiefgreifendes Genussmittel – und sollten auch als solche behandelt, das heißt unter anderem auch: viel weiter verbreitet und über Sonntagsreden hinaus wertgeschätzt werden.

Das Standing von Kunst und Kultur ist schon seit langer Zeit ein schlechtes. Ein erschreckendes Ausmaß an Missachtung dieser Bereiche hat die Corona-Zeit offengelegt. Da kann man sich schon sehr ernsthaft fragen, warum sich Deutschland selbst als »Kulturnation« beschreibt und als »Land der Dichter und Denker« labelt.

Das ist mein Ansatz zu der Frage. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass es gesellschaftlich einen Aufbruch oder gar Neubeginn geben wird. Dafür ist – dies war von Beginn an absehbar und ich habe es entsprechend auch stets so gesagt – schlicht zu wenig passiert. Entsprechend hat sich auch auf individueller Ebene bei den meisten nichts oder nur sehr wenig getan und wird sich auch nichts tun. Wenngleich einige Lebensläufe zweifellos erschüttert worden sind.

Was liest Du derzeit?

Den Gedichtband »Elefant mit Obelisk« von Ludwig Steinherr – ein schwebendes Lesevergnügen, trotz des schweren Rüsseltiers und des gewichtigen Steinkunstwerks im Titel. Leichtigkeit, intelligente Beobachtungen und Menschzugewandtheit treffen hier auf eine besondere Sprachkunst. Ein echter Steinherr eben. Einfach zu empfehlen. Und dazu den Roman »Der Trick« von Emanuel Bergmann, eine leicht überdrehte Familiengeschichte mit wahrem Witz, sprachlich und szenisch überzeugend dargeboten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Der Habicht fraß die Wanderratte / nachdem er sie geschändet hatte.« Das ist ein Zweizeiler aus Robert Gernhardts Euvre, genauer aus »Tierwelt – Wunderwelt«. Er bietet Tief- im Unsinn und umgedreht sowie einen herrlich weiten Assoziations- und Interpretationsspielraum. Er ist einfach ein Zitat fürs Leben. Und auch als Eisbrecher in herausfordernden Situationen geeignet. Zumindest manchmal.

Vielen Dank für das Interview lieber Jan-Eike, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jan-Eike Hornauer, Schriftsteller

www.textzuechterei.de

Foto_Sven Kössler

6.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Romy und der Weg nach Paris“ Michelle Marly. Roman. Aufbau Verlag.

Frühling 1958.

Es ist ein Aufbruch für eine Generation nach den Schrecken des Krieges. Es gilt wieder an die Zukunft zu glauben und Träume zu haben. Dem Film kommt dabei eine wesentliche Rolle zu. In eine andere Welt entfliehen für einen Abend im Kino…

Und es gibt neue Stars, die begeistern. Eine davon ist die in Wien geborene Romy Schneider, die über Nacht in der Rolle der Kaiserin Elisabeth „Sissi“ weltweit berühmt wird. Sie ist 17 Jahre alt und wird von der Filmwelt und dem Publikum auf Händen getragen.

Und jetzt sitzt sie im Flugzeug nach Paris, im Frühling. Es sind neue Wege in Liebe und Film/Theater, die sie beschreiten will. Erstmals allein, ohne Familie.

Herausforderungen kommen jetzt auf sie zu. Und sie geht ihren Weg in allen Höhen und Tiefen…

2022 jährt sich der Todestag der österreichischen Schauspielerin Romy Schneider (*1938 Wien +1982 Paris) zum 40-mal. Neben einer umfangreichen Ausstellung zu den Filmen der herausragenden Künstlerin in Paris gibt es auch zahlreiche Publikationen und Erinnerungsprojekte.

Eine besondere Publikation ist dabei der vorliegende Roman von Michelle Marly. In wunderbarer Sprachkraft öffnet die in Berlin lebende Schriftstellerin wesentliche Lebensstationen und Wegkreuzungen Romy Schneiders und stellt dabei insbesondere den Entwicklungsweg und die Emanzipation der jungen Schauspielerin in den Mittelpunkt.

Es gelingt ein einfühlsames wie kraftvolles Portrait einer Künstlerin, Frau, das herausragend ist.

„Ein Roman, der wie ein Film mit Romy Schneider fesselt und begeistert.“

Walter Pobaschnig

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„Die Welt schreit nach so vielem“ Leonie Berner, Schauspielerin _ Heilbronn/D 19.7.2022

Liebe Leonie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit ist mein Tagesablauf auch für mich neu. Ich bin frisch in eine neue Stadt gezogen und bin überall neu und noch am Entdecken.

Im Grunde stehe ich um 8:30 auf. Ich frühstücke Haferflocken mit Apfel, das bereite ich am Abend vorher immer schon zu. Und dazu trinke ich einen Kaffee und schaue die Nachrichten. Zähneputzen, waschen, einschmieren, anziehen. Dann steig ich aufs Rad und fahr ca. 7 min zum Probezentrum. Dort zieh ich das Probekostüm an und um 10:00 beginnt meistens die Probe. Die geht unterschiedlich lang aber spätestens bis 14:00.

Dann fahr ich mit dem Rad zurück in die TheaterWG, die ich nur zurzeit habe, bis ich eine eigene Wohnung habe.

Ich esse zu Mittag und schau mir eine Serie an.

Jetzt mach ich Organisatorisches oder räum auf, wasche Wäsche, bewege mich, manchmal kann ich 30 min schlafen. Gegebenenfalls treffe ich mich zum Text lernen mit Kolleg:innen.

Um 18:00 mach ich mir nochmal einen Kaffee und um 18:30 fahr ich wieder mit dem Rad zum Probezentrum. Von 19:00-22:00 habe ich dann Probe. Wenn Vorstellung ist muss ich bereits um 17:30 in der Maske sein. Dann spiele ich bis zurzeit ca 22:30 oder 23:00.

Danach gehe ich mit Kollegen noch auf eine Cola oder einen Wein oder fahre nachhause. Mach mir was zum Essen und schaue Serien. Oft skype ich dann mit meinem Freund. Dann duschen, Zähne putzen, schmieren, Haferflocken vorbereiten. Dann ins Bett und versuchen zu schlafen.

Leonie Berner, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann mich ehrlich nicht entscheiden. Ich habe das Gefühl die letzten Jahre haben uns alle, Mensch und Welt, so ausgemergelt. Die Welt schreit nach so vielem, dass ich mir nicht sicher bin, was man ihr zur erst geben soll, geschweige davon was möglich ist.

Ich glaube die Welt… braucht Ruhe. Da sollten wir alle weg. Wäre die Welt ein Patient müsste sie jetzt mal lange Ruhe brauchen und sich erholen.

Die Menschen… verschieden. Denk ich. Manche bräuchten einen Arschtritt. Andere Wärme und Zuversicht. Dumm ausgedrückt bräuchten die Menschen ein Etwas wie Schlagobers. Eine Vereinigung von etwas Weichem, Gepolstertem, zusammenklebend, dicht ohne drängend. Massig, aber nicht schwer.

Ich kann es nicht wirklich anders beschreiben… weil ich das Gefühl habe, jedes existierende Adjektiv wird Zeiten wie diesen nicht gerecht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Uff die Frage: ist theater systemrelevant?

Da kann man denk ich streiten. Ich kann verschiede Meinungen total verstehen.

Ich persönlich denke zurzeit… Theater und Schauspiel ist wichtig. Aber nicht systemrelevant.

Allerdings sehe ich Kunst im Allgemeinen als systemrelevant. Einfach schon ganz simpel als Ausdrucksform. Als Ventil, Ablenkung, Hoffnungsbringer. Da kommt dann die Frage wo beginnt Kunst und in dem Fall rede ich von allem was so bisschen kreativen Ursprung hat. Zusammen singen, Geschichten erzählen und wenn es das Pfeifen eines Liedes zur persönlichen Aufmunterung ist. Ich glaube Ausdruck der Seele ist systemrelevant.

Unabhängig davon ist, finde ich Theater und Film in diesen Zeiten auch sehr wichtig und mächtig und ich denke Theaterschaffende und Filmschaffende haben da viele verschiedene Aufgaben. Es geht, finde ich, um Kritik an der Gesellschafft, auch um das Weiterführen „wohin kann das führen“, aber auch manchmal Utopien schaffen: „so kann es doch vielleicht auch mal sein“ bis hin zu der Möglichkeit, wo Menschen vielleicht für zwei Stunden sich ablenken und Kraft schöpfen können. Ablenken und Verdrängen ist ein Luxus, schon klar.

Das alles sind Teile davon, wie ich das sehe, aber da kommen noch viele weitere Komponenten dazu.

Was liest Du derzeit?

Verfolgung von David Lagergrantz und Stieg Larsson. Ich mag Krimis und hab mich in den Charakter der Lisbeth verguckt

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen, aber wenige erinnern sich daran.“ – Kleiner Prinz

Vielen Dank für das Interview liebe Leonie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Leonie Berner, Schauspielerin

Foto_Daniel Kastner

14.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gedicht“ Eva Christina Zeller, Lyrikerin _ Give Peace A Chance _ Tübingen 19.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gedicht

Ist

Vielstimmig

Einfältig

Poetisch

Ein

Anderes

Credo

Ein

Augenblicksakzidenz

Come

Home

And

Never

Cancel

Eternity


Eva Christina Zeller, 7.7.2022

Eva Christina Zeller, Lyrikerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Eva Christina Zeller, Lyrikerin

http://eva-christina-zeller.de/

Alle Fotos_Wolfgang Irg

Walter Pobaschnig _ 7.7.2022.

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„Gestern und morgen“ Andrea Zambori, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Neu-Ulm/D 18.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gestern und morgen

Inmitten des Irrsinns

Verzweifelt

Enttäuscht. Städte

Plötzlich verlassen

Eine lange Reise wagen

Abends auf weniger

Chaos hoffen

Einschlafen. Träumen


Aufhören

Cousine wieder umarmen

Hände schütteln

Ankommen ins

Neue Leben. Auf die

Couch. Verdauen.

Endlich heimkehren.

Andrea Zámbori _3.7.2022

Andrea Zámbori _Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Andrea Zámbori _Schriftstellerin

Foto_Alain Barbero

Walter Pobaschnig _ 3.7.2022.

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„Aufstehen, mit kühlem Wasser über das Gesicht“ Alice Grünfelder, Schriftstellerin _ Zürich 18.7.2022

Liebe Alice, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, mit kühlem Wasser über das Gesicht, hinsetzen, mich in Zhuangzi vertiefen und am Paradox reiben, Gedichte lesen, schreiben, übersetzen, Schatten in die Luft zeichnen – so sah mein Tagesablauf einmal für wenige Wochen in Heidelberg aus, so wünschte ich mir den Tag. Nun bleibt mir nur der Versuch, etwas davon in meinen Alltag hinüberzuretten.

Alice Grünfelder, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Meinungen der anderen aushalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kultur hatte bisweilen schon die Rolle, in Zeiten von Seuche, Hunger, Krieg widerständig zu sein.

Was liest Du derzeit?

Vieles gleichzeitig: Zhuangzi, Wolf Haas, Wu Ming-yi, Jessica Lee, Ai Qing, Henning Ahrens …

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Freunde dich an mit dem, was du nicht erreichst.“ Zhuangzi

Vielen Dank für das Interview liebe Alice, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alice Grünfelder_ Schriftstellerin 

Homepage

Foto_privat.

22.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gradually“ Jesse Falzoi, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Berlin 17.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gradually

I

Vainly

Explored



Perhaps

Enabled

Another

Close

Encounter



A-way-a-lone-a-last-a-loved-a-long-the



Crépuscule!

Here

Another

Night

Comes

END

Jesse Falzoi, 4.7.2022

Jesse Falzoi, Schriftstellerin 

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Jesse Falzoi, Schriftstellerin 

Books

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 4.7.2022.

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„Das Begreifen der unumgänglichen Verbundenheit allen Lebens“ Elisabeth Wedenig, Bildende Künstlerin _ Glanegg/Ktn. 17.7.2022

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist relativ flexibel. Fixpunkt sind die drei Spaziergänge mit meiner Hündin Silja. Prinzipiell verbringe ich den Vormittag und den späteren Nachmittag im Atelier. Meine Produktivität kommt jedoch in Wellen und es gibt Phasen in denen ich den ganzen Tag im Atelier verbringe und dann wieder welche in denen ich kaum direkt an einem Werk arbeite, die jedoch genauso wesentlich für die künstlerische Produktion sind.

Elisabeth Wedenig  _ Bildende Künstlerin, Malerin _ im Atelier/Kärnten

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Empathie, Integrität, Selbstreflexion, Humor, Respekt

– und das Begreifen der unumgänglichen Verbundenheit allen Lebens.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst ist ein Ort der Selbstreflexion. Betrachtung oder Erleben von Kunst hat immer etwas mit uns selbst zu tun. Sie ist nicht nur ein Spiegel der Zeit sondern auch ein Spiegel des Betrachters. Wir können ein Bild, ein Theaterstück, ein Roman, ein Lied zu jeder Zeit unseres Lebens anders lesen und jeder von uns liest auf die eigene Art und Weise, die mit persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen zusammenhängt. Zugleich wirkt Kunst erweiternd, macht neue Betrachtungswinkel auf und stellt Fragen.

„Wir warten nicht aufs Paradies“ Elisabeth Wedenig _
derzeit zu sehen in der Ausstellung „sinNe _Wahrnehmung und Ausnahme“ im Stift Millstatt

Was liest Du derzeit?

Ich habe meist einige Bücher, die ich parallel lese. Gerade eben hab ich von Lilian Faschinger  „Wiener Passion“ begonnen. Das stand schon länger im Regal und ich hatte eigentlich angenommen es schon gelesen zu haben, da ich immer, wenn ein Buch von Faschinger ins Haushalt kommt, es eigentlich sofort lese. Es scheint jedoch selbst ins Haus gezogen zu sein ohne mir Bescheid gesagt zu haben. Ich genieße Faschingers Geschichten, die sie sehr oft um starke Frauen spinnt, und ihre Erzählweise, sehr.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gerade war die letzte Vorführung des Romans Malina von Ingeborg Bachmann. Eine Theater Wolkenflug Produktion von Ute Liepold, für die ich das Bühnenbild machen durfte. Deshalb und weil sie einfach fantastisch ist, ein Zitat von Bachmann.

„Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“ (Ingeborg Bachmann. Aus: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar)

Elisabeth Wedenig _ Bühnenbild _
Szene aus Malina von Ingeborg Bachmann / Klagenfurt 2022/ Theater Wolkenflug, Produktion von Ute Liepold / mit den Schauspielerinnen Magda Kropiunig, Birgit Fuchs und Grischka Voss (von links)

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Elisabeth Wedenig _ Bildende Künstlerin, Malerin

www.elisabethwedenig.at

Alle Fotos_Peter Schaflechner

11.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Kampf der Geschlechter als unerbittlicher Schmerz“ Yvonne Meisner, Schauspielerin _acting „Undine geht“ Ingeborg Bachmann _ Wien 17.7.2022

Liebe Yvonne, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Den Kampf der Geschlechter als unerbittlichen Schmerz und der Ruf nach Erlösung. Klar und eindringlich.

Yvonne Meisner, Schauspielerin _
acting „Undine geht“ _ Erzählung_ Ingeborg Bachmann _ 1961

„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Auf einem Flohmarkt ist mir einmal eine Hochzeitsmagazin aus den 60er Jahren in die Hände gefallen. Ich habe gedacht, mich hebt es aus den Schuhen, als dort genauestens beschrieben stand, wie sich Frau optimal auf ihre Rolle in der Ehe vorbereiten möge…

„Ihm immer die Hausschuhe bringen, wenn er nach Hause kommt“… etc.

Es hat sich viel verändert gesellschaftlich und es gibt noch viel zu tun auf dem Weg zu- und miteinander. Im Außen wie im Innen.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?

Tatsächlich bekomme ich selbst noch solche patriarchale Macht in meiner unmittelbaren Umgebung zu spüren.

Ich sehe es als meine Aufgabe herauszufinden, wie ich mit solchen Strukturen umgehen kann, welche Wege ich für mich finde.

Macht ist ein großes persönliches Thema für mich. Sehr lange sind weibliche Kräfte unterdrückt worden, eben weil sie so machtvoll sind. Ich bin bestrebt eine Ausgewogenheit zwischen männlichen und weiblichen Kräften in mir herzustellen.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinanders im gesellschaftlichen Lebens aus. Welche Auswege siehst Du da?

Aufhören, der Liebe so viel aufdrücken zu wollen. Die Fähigkeit zur Vergebung stärken. Und die Illusionen und Vorstellungen in Bezug auf Liebe loslassen , denn diese schmerzen meines Erachtens nach am Meisten.

Wenn wir offen bleiben für das, was wir fühlen und das, was ist, kann etwas Wunderschönes entstehen. Aber wir werten lieber, vergleichen uns und sind permanent abgelenkt von uns selbst, anstatt sich auf die wahren inneren Herzenswünsche auszurichten und zu entdecken, wie sie ausschauen.

Wir sind hungrig nach Liebe, tragen viele unerfüllte Bedürfnisse in uns und der Schmerz möchte einen Platz in unserem Herzen finden. Wir verweigern ihn anzunehmen, da wir es uns nicht zutrauen und glauben, dass sei zu viel für uns. Es braucht viel Mut und Vertrauen in uns selbst. Dann leiden wir viel weniger, auch wenn Dinge nicht so perfekt sind oder Menschen uns enttäuschen. Wir sehen dann auch den anderen in seinem Schmerz und seiner Aufgabe.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?

Unbeirrt und mutig seinen eigenen Weg zu gehen. Heute wie damals.

Was bedeutet Dir Natur?

Rückverbindung mit mir selbst und allem was ist, leichter nehmen zu können und mich an ihrer unbändigen Schönheit zu erfreuen.

Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?

Indem er bestrebt ist, Harmonie in sich selbst zu kreieren, indem er innere Ängste und Konflikte befriedet.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Die Bereitschaft zu geben, dem anderen und sich selbst. Und die Erinnerung, dass man selbst Liebe ist.

Vertrauen.

Was lässt Liebe untergehen?

Zu viele Herzmauern und der daraus resultierende Mangel an Liebe zu sich selbst, denn dann reicht es nie.

Wie war Dein Weg zum Schauspiel?

Ich wusste nach der Matura nicht wirklich, welche berufliche Richtung ich einschlagen sollte und hab einfach die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in Hamburg probiert. Zu meinem Erstaunen bin ich aufgenommen worden, aber es entwickelte sich nicht so toll. Nach 2 Jahren hab ich abgebrochen, aber es ließ mich innerlich nicht los und ich begann von vorne in Wien, wo ich dann 2005 meine Bühnenreife-Prüfung erfolgreich absolvierte.

Welche Berührungspunkte/Impulse mit/von Literatur gab es bisher in Deinen künstlerischen Projekten?

Da fällt mir spontan eine alte Theaterproduktion („Die Welle“) ein, in demmein Schauspielkollege und ich mit realen Schülern im Theater gespielt haben und ihnen und uns selbst die Anfälligkeit für faschistoides Handeln und Denken nahebrachten.

Es ist nicht etwas, dass nur andere Menschen betrifft, sondern es ist zum Teil auch in jedem von uns. Bewegungen entstehen und können leicht außer Kontrolle geraten.

Welche Impulse gibt es von der Natur für Dich persönlich?

Wenn es mir nicht gut geht, suche ich die Natur auf. Natur gleicht mich aus, beruhigt und nährt mich.

Außerdem sammle ich immer Steine, da kann ich nicht anders.

Was bedeutet Dir das Element Wasser?

Wasser bedeutet sehr viel für mich, in all seiner Vielschichtigkeit.

Wasser drückt das Selbst und das Leben aus.

Reinigung, tiefste Entspannung und Verbindung zu mir selbst, wenn das Wasser sich still oder einladend präsentiert.

Schonungslos, kraftvoll, zerstörerisch und sich seine Bahnen suchend, wenn es sich machtvoll bewegt und sich nicht zähmen lässt.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Ich gehe mit.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Beinahe verstummt, beinahe noch den Ruf hörend. Komm.Nur einmal.Komm“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten?

U=n- Geh- Heuer

N= aturver-Bund

D=onau-Brücke

I=c-Hans

N=ebel-im-Ged-Ächtnis

E=ins-Sein

Yvonne Meisner, Schauspielerin _ Wien_
acting „Undine geht“ _ Erzählung_ Ingeborg Bachmann _ 1961

Station bei Ingeborg Bachmann_

Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Yvonne Meisner, Schauspielerin _Wien _ acting Undine

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_2022.

Walter Pobaschnig 7_22

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„Ge-: das Signal der Vergänglichkeit/ gestellt. gestanden. gestürzt. gestehen“ Yu-Sheng Tsou, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ München 16.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Ge-: das Signal der Vergänglichkeit/ gestellt. gestanden. gestürzt. gestehen.

Irr-: Irrlichter im Gas/ Irritationen traten in die belichteten Zimmer.

Verbände des Viehs schlenderten,

Eräugten mit allen Augen/ jemand hatte sie aufs Feld getrieben/




Pfeilzeichen, vor denen die Orte zittern/ zitternd/

Erzeugen ein zweites Land, das dieselben Ortsnamen momentweise trägt/

Aufhebt/ anti-: Antinomie. Antithese. Antidot. a-: anomie.

Choreographiertes,

Erzogenes Zittern der überlappenden Welten




Autonomen Kaputtsystems




Chorischer Verbergung der

Hervorgebrachten, nicht mehr zurückziehbaren Kräfte, deren

An und Aus: Die Ampeln, deren Aus und Ein: Die Straßen, die

Nächtlichen Wanderungen/ das Verlernen

CharismatischerVorträge:

Elmsfeuer all der sich stets austauschenden Dinge.


Yu-Sheng Tsou, 22.6.2022

Yu-Sheng Tsou  _Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Yu-Sheng Tsou  _Schriftsteller

Foto_privat.


Walter Pobaschnig _ 22.6.2022.

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