„Gedicht, vor dem Griff zur Waffe zu lesen“ Kersten Flenter, Schriftsteller _Give Peace A Chance _ Hannover 24.5.2022

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Gedicht, vor dem Griff zur Waffe zu lesen

Gehen wir“, sagt der König zum Untertan, „um meine Herrschsucht zu finanzieren,

In einen neuen Krieg. Für dein Gewissen finde ich auch einen Grund.“ Die Kunst der

Verbrecher ist es, Feinde zu schaffen und das Schwarz bunt zu lügen, und in

Einklang zu bringen mit den Ängsten der Idioten.



Phantasien von Herrschaft über andere passen sich niemals der Wirklichkeit an und

Enden immer im Verlust der Herrschaft über sich selbst.

Ach, hätten sie den Verstand, Irrwege zu verlassen. Stattdessen erfinden sie einen

Casus Belli, des es niemals gibt, und wir glauben ihnen, dass am

Ende eines Krieges tatsächlich Frieden steht. Wer ist hier der Dumme?



Ach, hätten wir ein Werkzeug, um aufzuhören, vielleicht die Gabe der Vernunft!



Charakter ist der Mut und Genuss, selbst zu entscheiden.

Hab keine Angst, nicht zu gehorchen. Dann brauchst du keine

Ausreden mehr. Denn wenn du einmal standhaft zu dir hältst und

Nachdenkst, ist der simple Schluss: Der nicht zu besiegenden

Chance für und der Möglichkeit zum Frieden

Entkommt kein Mensch.


Kersten Flenter, 10.5.2022

Kersten Flenter, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Kersten Flenter, Schriftsteller

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Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 11.5.2022.

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„Kohlrabi, Wassermelone und viele Fragen“ Lisa Kröll, Schauspielerin _ Give Peace A Chance _ Wien 23.5.2022

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Kohlrabi, Wassermelone und viele Fragen


Grad’ zum sechsten Mal den Standard-Livebericht zum Ukraine-Krieg aktualisiert –

In den letzten dreißig Sekunden nichts Neues erschienen.

Verhältnismäßig interessanter Content in meinem Insta-Feed:

Eine Influencerin zeigt fünf nachhaltige Produkte, die sie abends im Bad benutzt; ein Känguru-Baby klammert sich an das Bein eines Mannes.



Plötzlich sammeln alle (auch die Nachbarn) Sachen für die Ukraine.

Einige wollen »den Ramsch von der Wohnungsauflösung ihrer Oma loswerden«,

Andere bringen auch nützliche Dinge vorbei (glaube ich).

Chaotisch vollgestopft ist die Nachbars-Garage schon am späten Vormittag, trotzdem deponieren die Leute weiter Säcke unter dem Schild »Wir sind voll, bitte nichts mehr abstellen« und blockieren die Einfahrt.

Ein Kohlrabi, eine halbe Wassermelone, ein Liter Milch mit 1,5 % Fett und eine Tafel Schokolade kosten mich heute zehn Euro im Supermarkt (falls es jemanden interessiert).




Abends zieht im Fenster gegenüber eine junge Familie ein. Sie beobachten mich beim Kohlrabischneiden, winken aber nicht.



Corona-News,

Halbleere Theatersäle und der

Apfelstrudel mit Vanillesauce, der immer kleiner wird, lenken uns aus (sicherer) Entfernung ab. Ob Österreich

Neutral bleiben soll, fragt die Titelseite der Presse. Später,

Chillend auf der Couch, fragen wir uns:

Erscheint heute die neue Staffel von »Stranger Things« auf Netflix?


Lisa Kröll, 22.5.2022

Lisa Kröll_Schauspielerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Lisa Kröll_Schauspielerin

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Foto_Walter Pobaschnig _1_22 _ Wien_Cafe Prückel.

Walter Pobaschnig _ 22.5.2022.

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„Denn ich denke, dass Krieg in den Köpfen, im Kleinen beginnt“ Leonhard F.Seidl, Schriftsteller _ Fürth/D 23.5.2022

Lieber Leonhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der sieht fast täglich anders aus.

Wenn ich Glück habe, weckt mich der Sonnenschein durch mein großes Fenster. So fällt es mir leichter, den Morgen dankbar zu beginnen. Dankbar für meine Gesundheit, Obdach, Essen, meine Freund:innen, Familie und meine Kinder; und für den Frieden.  Nun gilt es Frühstück und Brotzeit für die Kinder vorzubereiten, mit ihnen zu frühstücken und sie zu verabschieden. Darauf folgen die Fünf Tibeter, eine meditative Morgengymnastik.

Nachdem ich mich fertig gemacht habe, checke ich emails, gebe Interviews, schreibe, lese, gehe in die „Natur“, schreibe darüber, recherchiere, schreibe.

An manchen Tagen bin ich noch ehrenamtlich tätig als Vorsitzender des Schriftsteller:innen-Verbandes in Mittelfranken oder für das PEN-Zentrum, wo ich mich für verfolgte Kolleg:innen einsetze, um sie am hohen Gut der Meinungs- und Kunstfreiheit teilhaben zu lassen.

Nachmittags und Abends verbringe ich Zeit mit meinen Kindern, Eltern und / oder Freund:innen. Oder auf der Matte im Aikido-Dojo oder in der Boulderhalle oder in der „Natur“. Zu meinem Tagesabschluss gehört meine unverzichtbare und liebgewonnene Zen-Meditation und meine Kinder ins Bett zu bringen. Manchmal bin ich abends allerdings auch unterwegs und habe eine Lesung oder nehme an einer Podiumsdiskussion teil.“

Leonhard F.Seidl, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Alles dafür zu tun, die Klimakatastrophe zu stoppen. Unser Leben, das Wirtschaftssystem, Mobilität und Konsum müssen alles auf dieses Ziel hin angepasst werden. Für die Erde, unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen, weltweit.

Der Krieg in der Ukraine hat noch einmal unterstrichen, wie wichtig es ist, auf erneuerbare Energien umzusteigen, um nicht von Autokraten abhängig zu sein. Und wie wichtig dafür der Friedenswille ist. Ich bin schockiert von den unzähligen Kriegsminister:innen in den sozialen Medien, die sprachlich aufrüsten und unreflektiert Kriegsvokabular verwenden. Denn ich denke, dass Krieg in den Köpfen, im Kleinen beginnt und Frieden tendenziell durch Diplomatie und nur seltenst mit Waffengewalt erreicht werden kann.  Diese bringt Leid mit sich, bei den Menschen, die sie erfahren, die ihre Söhne verlieren, aber auch bei denen, die sie ausüben. Da bin ich ganz bei Fritz Oerter, dessen kommentierte Autobiografie „Lebenslinien“ gerade im im Verbrecher-Verlag erschienen ist und der auch in meinem druckfrischen Kriminalroman „Vom Untergang“  (Edition Nautilus) eine Rolle spielt. Darin geht es übrigens auch um einen Säulenheiligen der heutigen extremen Rechten, um den neurotischen Lügner Oswald Spengler, der regelmäßig in dem oberbayerischen Ort Isen war, in dem ich aufgewachsen bin und als einer der Wegbereiter des Hitlerfaschismus gilt. Auch er ist einer der Protagonist:innen in „Vom Untergang“.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur kann eine Vermittlerrolle zwischen Natur und Kultur einnehmen und damit die künstlich erzeugte Trennung bestenfalls aufheben. Dabei sehe ich mich durchaus als Botschafter. Etwa, wenn ich ab heute zwei Wochen auf der österreichischen Seite im Nationalpark Thaytal verbringen werde und zwei Wochen im tschechischen Národní park Podyjí im ehemaligen Zollhaus am Ufer der Thaya, dort, wo einst der Eiserne Vorhang verlief. Dort werde ich den Grenzen von Vergangenheit und Gegenwart nachspüren, im Tal der Thaya als verbindendes Element des Schutzgebietes. Aufgrund des völkerrechtswidrigen Angriffes Putins und der russischen Armee auf die Ukraine, rückt dieses Kapitel der Geschichte noch einmal in ein aktuelleres Licht.

Was liest Du derzeit?

Wie immer mehrere Bücher. Berge im Kopf von Robert McFarlane. Die Diplomatin von Lucy Fricke, die ich für den September im Zuge einer Lesereihe des Schriftsteller:innen-Verbandes Mittelfranken zu einer Lesung zusammen mit Christian Baron und Anke Stelling nach Fürth eingeladen habe zum Thema „Klasse!?“. Außerdem lese ich noch Grammatik der Lebendigkeit von Robin Wall Kimmerer und blättere gerne im imposanten Bildband „20 Jahre Nationalpark Gesäuse – Wildes Wasser – steiler Fels“, um die Berge nicht zu sehr zu vermissen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es entwürdigt den Menschen, wenn er Gewalt erduldet, aber es entwürdigt ihn noch mehr, wenn er sie verübt.

Der tiefste Sinn der menschlichen Kulturbewegung liegt wohl darin, die Gewalt im Leben der Menschheit mehr und mehr auszuschalten, bis alle Konflikte ausschließlich durch den Geist gelöst werden und ein völliger Friede erreicht ist.“

Fritz Oerter

Vielen Dank für das Interview lieber Leonhard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Leonhard F.Seidl, writer bei Verbrecher Verlag, Autor bei Kulturmaschinen und writer bei Edition Nautilus

Foto_Katrin Heim.

19.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„da waren möglichkeiten, da war auch ein gefühl von freiheit“ Peta Klotzberg, Schauspielerin_ Station bei Falco/80thies _ Wien 22.5.2022

2022_65.Geburtstag Falco, Musiker, Poet (*19.2.1957  Wien † 6. Februar 1998 Dominikanische Republik).

Im Interview und szenischem Fotoportrait_reenacting Falco/80thies:

Peta Klotzberg_Schauspielerin, Klangkünstlerin_Wien

Peta Klotzberg_Schauspielerin_Wien _
reenacting Falco _Musiker, Poet

Liebe Peta, welcher Falco Song ist Dir derzeit im Ohr?

„Junge Römer“!

…fragt nicht nach neuen alten Werten…..allein aus Dimensionen, die Illusionen und Sensationen lohnen…Give me more, give me more, ….Kennt ihr die Sonne noch? …con illusioni e sensazioni…

Wann gab es von Dir erste Berührungspunkte mit seiner Musik und welche Bezüge gibt es heute?

so ab mit vierzehn, ich war damals an der „Grafischen“, war Falco thema in meinem leben. zb. „Der Kommissar“,  „Out oft he dark“ und „Jeanny“, – die themen seine lieder und auch das „wie“, also Falco´s markanter rapgesang, sein charismatisches auftreten, die performance – das hat mich wie so viele aufhorchen lassen. das war und ist faszinierend.

er war unglaublich musikalisch. interessant finde ich auch, wie er sich in interviews mit fragen zu den inhalten spielt, auf die trennung der kunstfigur Falco vom realen hans hölzl hinweist. medial damit spielt. dieser grinser, und auch ärger bei immer denselben fragen.

bezugs- und berührungspunkte heute? abgesehen davon, dass ich die musikalische komponente heute mehr zu schätzen weiss, wollten wir in unserer letzten laboratorium42 – produktion, den „ver_zerrungen“, bei der es neben macht und manipulation auch um kunst und drogen geht, den song „Ganz Wien“ reinnehmen, der wurde auch geprobt und getanzt – sind kollektiv aber dann an der grandessa des falken gescheitert.

Welche Bedeutung, Inspiration hat für Dich die Musik der 1980er Jahre?

ich bin ja eine 1980 geborene, also recht nah an „dieser quelle“. mh, „bette davis eyes“ hatte ein feeling das was in mir weckte, der stil und dieses tiefe timbre in der stimme, „karma chamelion“ und „black velvet“. also eher das samtige department. „africa“ von toto. ganz wichtig war für mich in der jugend auch sinead o connor, „ihr prince cover von „nothing compares to you“ zb. und fendrich, natürlich, ich bin ja wienerin.

Du bist selbst Musikerin. Welche Inspirationen, Schwerpunkte gibt es da?

umkehrschwung. ich bin ja nicht musikerin, sondern klangkünstlerin, alo eher aus der bildenden kunst-ecke kommend. daher ganz wichtig und prägend: john cage, 4:33. mauricio kargel, dann angelo badalamenti und sein umgang mit messiaen modes und nithin sawhneys „water: transitions“. and female  composer´s, klar, der elan von amanda palmer und ihre erstaunliche, ihre texte, der humor und natürlich ihr „the art of asking“ und als vorbild für was die menschliche stimme alles kann und die erweiterung meines musikalischen denkens.: björk. ich t seh ja musik mehr als welle und werkzeug, um inhalte zu transportieren,  auch zb. michelle gurevich, aber auch gustav, wanda und chilli gonzales. so viele talentierte musiker*inne nenne ich da, die mich inspirieren,, i´ll never live up to that.

Falcos Song „Ganz Wien“ (1980, Komposition/Text:Falco) stand am Anfang seiner Musikkarriere und wirft einen kritischen Blick auf das verborgene, gebrochene Leben einer Stadt. Wieviel vom „Ganz Wien“ der 80thies hat Wien heute?

ich hab schon das gefühl, dass Wien sich selbst – bei allen mehr oder weniger ernst gemeinten versuchen zum modern sein – treu bleibt. die uhren ticken in wien einfach anders, schräger, langsamer, die korrektheit und den speed von zb. einer stadt wie berlin oder london, da simma schon ganz anders. das dezent sumpfig-morastige, das liebenswerte „s´geht scho“, das augen zudrücken, die „kibara“,  der grant, der leichte moder – auch in zeiten von veganem bio-eis-to -go und fortschrittlicher architektur. innen drinnen bleibt wien wien mit seinen schlupfwinkeln und hinterzimmern, vertuschungen, verhuscheltem, verwinkeltem und abwegigem, sackgassen und altmodischem charme. unangenehm in wien ist der neid, auch jetzt wieder erfahrbar der hang sich ins spalten treiben zu lassen, das diffamieren. positiv ist der monarchienebel der über allem schwebt und uns erhält, das „alles irgendwie schon gerichtet werden kann“ und „goar ned so schlimm is“, das vieles geht was woanders nicht möglich wäre und  dann natürlich der hohe lebensstandard – luft, wasser, essen, soziales netz.

aber gerade hier – am karlsplatz, der sezession,… da ist wien noch very 80ies.

Falco thematisiert im Song kritisch augenzwinkernd eine Gesellschaft, die Realitäten, Herausforderungen verdrängt. Was hat sich seit damals gesellschaftlich verändert bzw. muss sich ändern?

das interessante aus meiner perspektive ist ja, das ich mit romantisch-verkitschtem retro-seinerzeit-gefühl diese zeit als ehrlicher wahrnehme als die heutige.

ich mein, und dann, wiener waren und sind meister im verdrängen. Im gewissen sinn ist es ja auch lebensnotwendig und gesund, dinge zu verdrängen. aber wir haben das halt schon perfektioniert. wir haben halt auch viel, was nicht so prickelnd ist, in unserer landesbio. wegschauen, geradebiegen, vor allem im hirn – allzu menschlich, aber schon auch gefährlich. allerdings, sein wir uns ehrlich – wenn wir dauernd nur hinschauen und uns konfrontieren, das ist auch nicht se yellow from se egg. die dosis macht das gift giftig, und am ende des tages liegt es im ermessen des einzelnen, wie er mit seinen lebensentscheidungen und verdrängungsmechanismen zurecht kommt.

andererseits, um meinem eingangssatz zu widersprechen, wird in österreich schon viel aufklärungsarbeit unternommen, da gibt es bestrebungen zu transparenz, zum aufarbeiten auch dieser schweren vergangenheit, ich erinnere mich an ausstellungen und gespräche mit kriegsvateranen. Ich erinnere mich auber auch, dass bei mir im geschichtsunterricht einfach das kapitel II. weltkrieg überschlagen wurde, als wärs nicht da – und das ging einfach so.

die herausforderungen der gegenwart – klima, soziales miteinander, auch in unser umgang miteinander in den sozialen netzen, die gefahr wieder in einen rechtsruck zu landen, aber auch wieder, u.a. durch corona, aktuell verarmung – da gibt es andererseits viele initiativen und bestrebungen, um damit umzugehen, um etwas zu verbessern in dieser welt, so erlebe ich es in meiner bubble. die generation um die 15-17 hab ich nicht so im blickfeld, aber bei den 30-40-ig jährigen orte ich interesse an konfrontation mit sich, der vergangenheit, dem umfeld, interesse auch an einer besseren gemeinsamen zukunft.

aber, wieder seitenwechsel, wien ist ein nährboden für korruption und freunderlwirtschaft. früher versteckter beim wirten, heute in zeiten von internet, handy und social media transparenter und überführbarer. ob das jetzt gut oder schlecht ist lass ich offen.

Der Song „Ganz Wien“ wurde Anfang der 1980er Jahre im Radio aus Zensurgründen bezüglich der Drogenthematik nicht gespielt. Es gab auch tragische Todesfälle im künstlerischen Bereich. Wie präsent sind heute Drogen im Kunstbereich?

ich denke, drogen sind sehr präsent, aber ich würde es nicht auf den künstler*innen-bereich beschränken. druck, überforderung, multitasking –fluchten oder pusher mittels substanzen aller art und form sind omnipräsent. drogen sind ja so alt wie die menschheit, wir bedingen einander scheint mir. es liegt mir fern, da etwas zu glorifizieren, die auswirkungen von drogenkonsum können dramatisch und fatal sein, und der kampf um das beschaffen von geldern, um die sucht zu finanzieren, stress pur, – dennoch sind drogen etwas allzu menschliches. der wunsch nache einer freieren welt, nach  grenzerfahrungen – das ist tief in uns verankert, bei peruianischen minenarbeitern mit ihren cocablättern genauso wie auf den bühnen wiens.

Erfordert der künstlerische Beruf in Anspruch und Herausforderung gleichsam künstliche „Fluchtmöglichkeiten“?

ich würde auch hier nicht kunst von anderen berufen trennen. im leben jedes menschen gibt es situationen aus denen mensch aussteigen will, zustände die mensch nicht ertragen will, ereignisse, denen wir uns nicht stellen wollen und den wunsch nach erfahrungen „jenseits des bekannten“, auf anderen ebenen. ich kenne allerdings tatsächlich ein paar künstler*innen, die die muse nach drogenkonsum stärker und intensiver küsst. und wenn das für den einzelnen funktioniert, dann sollte das auch so sein dürfen. das sollte doch in der selbstverantwortung des einzelnen gelassen werden.

Falco thematisiert in „Ganz Wien“ die tragischen Zusammenhänge von Drogen und einer „no future“ Perspektive der heranwachsenden Generation der 1980er Jahre. Wie siehst Du dies in der gegenwärtigen jungen Generation? Welche Präsenz haben Drogen da heute?

ich kann ja nur von meiner generation reden, und wir hatten es schon ziemlich leiwand. da waren möglichkeiten, da war auch ein gefühl von freiheit, und das man seinen weg selbst wählen darf. meine generation hatte viele chancen, und da war auch geld. und trotzdem gab´s drogen. ich war an der „grafischen“ von 14 jahren bis 19, was soll ich sagen. ein jahr als exchange student in californien hat mich aber dann auch irritiert – dort ist ja alles verboten, auch alkohol, also alles illegal, alles droge, und genauso intensiv wurde das alles dann auch bunt gemischt konsumiert.

ich denk mir, dass es die jetzige junge generation schwerer hat als wir – allein die unterscheidung zwischen realität und netzwelten, dass man da nicht abdriftet, der leistungsdruck ist viel größer, der zwang zur  selbstoptimierung, den stress hatten wir nicht. wir wären nicht nach der schule ins fitnesscenter gelaufen, als ich 16 war. ich könnte mir vorstellen, dass das bedürfnis nach fluchtwelten für die heutge junge generation sehr wichtig ist. aber, eben, andererseits – auch bei uns gab´s substanzengebrauch  aller art.

Wie siehst Du die Drogenpolitik einer modernen Stadt wie Wien heute?

das ist eine gute frage und ich muss leider zugeben, dass ich die drogenpolitik der stadt wien nicht ausreichend am schirm habe, um das gut beantworten zu können. schade. ich weiß nicht, wie damit umgegangen wird, wie man an jugendliche und junge erwachsene herantritt, ob da ein dialog stattfindet, auf den aufbauend etwas entstehen kann. weil einfach so wegmachen kann man das ja nicht.

In Musik und Kultur Wiens gibt es enge Zusammenhänge von Leben und Tod. Siehst Du den Song „Ganz Wien“ als typisches modernes „Wienerlied“?

tja, ja, wien und mexico, wir sind diese todesverliebten…diese grenzgänge, das liebäugeln mit dem da drüben, auch mit der figur des todes – ich meine, in elisabeth haben sie dem tod eine hauptrolle geschrieben. vielleicht liegt´s am nebel und am regenwetter, das wir so oft haben. wir stehn ja gefühltermaßen immer mit einem bein schon im grab und haben eine der höchsten lebenswerwartungen der welt, typisch wienerisch, dieses paradox.

ja, ich finde die beschreibung typisches modernes „Wienerlied“ passend.

Was macht für Dich die Wiener Mentalität aus?

ein gewisser “haudrauf, ein „s´wird scho“, „s´geht scho“, „da drück ma ein auge zu“, eine gewisse trägheit auch im denken, umdenken und reagieren. Wien ist halt schon ein bisserl zäh. aber ich erlebe gerade in meiner bubble viel freundlichkeit, echte menschenliebe und sehr, sehr viel unterstützung. ich finde auch, dass wien eine sehr kunstbejahende stadt ist, also wir künstler*innen werden tendenziell gerne gesehen und geschätzt.

Welche künstlerischen Berührungspunkte/Projekte zu Wien in Tradition und Selbstbild gab es für Dich bisher?

das ist jetzt kein künstlerisches projekt, aber ich habe eine zeitlang ehrenamtlich im nachtstreetwork der Caritas betreuungseinrichtung Gruft mitgearbeitet, und da hat sich mir eine sehr wienerische seite wiens gezeigt. obdachlosigkeit und das damit einhergehende kälte- und hygieneproblem ist nämlich sehr präsent in dieser stadt, arbeitslosigkeit gerade jetzt wieder wirklich ein thema und die schere zwischen arbeit und verdienst. natürlich weit entfernt von amerikanischen verhältnissen mit ihrem gesundheitssystem für reiche, aber auch wir kommen wie man merkt an grenzen, gerade auch im medizinischen bereich, das war schon vor corona so.

unser immersives, site-specific stationentheater-stück  „ver_zerrungen“ hatten macht und manipulation, kunst um rausch zum thema, das war wohl wirklich ein wienerisches projekt. „erstrahlen“ eigentlich auch, da geht es uns um atomare energie, was ja auch wieder am tablet ist derzeit mit dieser für mich absurd anmutenden idee, atomkraft als „grün“ und „sicher“ einzustufen. gerade da ist wien, österreich ja im gegensatz zu den meisten anderen Eu -ländern sehr klar dagegen. welches land ausser österreich hat ein atomkraftwerk fertig gebaut und dann kurz vor inbetriebnahme per volksabstimmung entschieden, es nicht in betrieb zu nehmen?

Du bist in Wien geboren. Was schätzt Du besonders an dieser Stadt, was nicht?

wie oben erwähnt, die lebensqualität. also prinzipiell ist es schon ein riesen glück, hier geboren zu sein, ein joker im menschheitslotto quasi. sauberes wasser, dach überm kopf, die vielen parks und grünflächen, soziale parteien. und es gibt eine wirklich große freie kunstszene hier in wien, in der der wind wohl etwas weniger rauh weht als zb. in berlin oder anderen deutschen städten. hier erlebe ich ein „leben und leben“ lassen, nicht unbedingt  wenn´s dann um förderungen geht. manchesmal ist da natürlich auch das hinterhältige, neidige,die ellenbogen, das ist weniger schön. ehrlich gesagt genieße ich es derzeit schon, in den bundesländern zu arbeiten, in linz oder graz – die tun dasselbe wie wir hier in wien aber ohne pathos, die machen dann halt einfach ein konzert, aber es hat nicht diesen nimbus.

Wie siehst Du die Umstände des Todes von Falco?

da bin ich zu wenig informiert über die hintergründe, da halt ich mich raus.

Was kannst Du als Schauspielerin, Sängerin und vielseitige Künstlerin von Leben und Werk Falcos mitnehmen?

sein selbstverständnis als mensch und künstler. natürlich hatte er ja eine unglaubliche musikalische begabung, mit 5 wurde ihm ein absolutes gehör attestiert, wenn ichs richtig habe. sein fabulöser rapgesang, seine art des erscheinens und eben dieses natürlich geübte aber doch authentische sein. diese nonchalance, sagen was ich sagen will, sich nicht darum zu kümmern, um quoten oder was sich verkauft, das find ich stark, das hat meinen respekt. frechheit siegt halt. interessant finde ich ja, wie schon oben erwähnt, wie er in interviews immer wieder darauf hinweist (mit einer gewissen wut ob der oftmaligen fragen) dass Falco und die inhalte seiner musik ja von dem privatmensch hans hölzl zu trennen sind. sei es jetzt wahr oder nicht so wahr, der grad bei künstlern ist diesbezüglich ja immer ein schmaler, immer neu zu definierender.

Was würdest Du Falco gerne fragen wollen?

„meinst du das ernst?“

Was sind Deine kommenden Projektpläne?

wir arbeiten an der wiederaufnahme unseres stationentheaters „erstrahlen“ im Creative Cluster Margareten, mit wirbelwind johanna mucha, nina batik und thomas jost, regie führt hayder saad, komponiert hat karrer alsaadi. dann gibt´s als ewige zu erweiternde kunstbaustelle meine klangeskapadem „LIQUIDinfinity“ in unterschiedlicher besetzung, wir geben ja laufend konzerte, zb bald in graz und in der wienstation. und naama isabelle fassbinder und ich haben ein programm erarbeitet, die „Frauen S(s)timmen, wo wir starke, mutige, freche liedermacherinnen wie suzane vega oder amanda plamer interpretieren. ausserdem engagiere ich mich bei OneBillionRising mit gesang und tanz.

Darf ich Dich abschließend zu einem „Ganz Wien 2022“ Akrostichon bitten?

Gloriös

Aber

Normal,

Z´wider

Wahnsinnig

In, in

Einer

Nebelwand gefangen.

Peta Klotzberg_Schauspielerin_Wien _
reenacting Falco _Musiker, Poet

Herzlichen Dank, liebe Peta, für Dein wunderbares Falco/80thies reenacting und Interview! Viel Freude und Erfolg für alle Schauspiel-, Musikprojekte!

2022_65.Geburtstag Falco, Musiker, Poet (*19.2.1957  Wien † 6. Februar 1998 Dominikanische Republik).

Im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Peta Klotzberg, Schauspielerin, Klangkünstlerin_Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien 4_22

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 5_22

„God“ Andrea Schomburg, Lyrikerin _ Give Peace A Chance _ Berlin 22.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

G     God,

     if this could be what you give us:

V    valiant endeavours, vast ventures

E     ebullient laughter and



P     Peace, peace, peace, which is

E     elation and calm,                  

A    a home chosen in the right place,

   clear skies,

   early mornings  leisurely sinking back into dreams



A    and


C   calm summer evenings,

  hugs from friends…  God

A  Almighty! You know the

N   names of our happiness. Give our

C   children

E   Eden! 


Andrea Schomburg, 13.5.2022

Andrea Schomburg, Lyrikerin, Autorin und Kabarettistin.

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Andrea Schomburg, Lyrikerin, Autorin und Kabarettistin

www.andrea-schomburg.net
www.elbautoren.de

www.spreeautoren.de

Foto_Agnieszka Kosakowska

Walter Pobaschnig _ 13.5.2022.

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„Ich verdiene in diesem Monat 690€ “ Lisa-Viktoria Niederberger, Autorin _ Linz 22.5.2022

Liebe Lisa-Viktoria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin morgens und vormittags am kreativsten bzw. produktivsten, daher beginne ich meist gegen 7:00 mit der Arbeit. Egal, ob ich am Roman, an Kinderbuchprojekten, Förderansuchen, Workshopkonzepten oder Auftragstexten schreibe, bei mir beginnt alles handschriftlich und am Fensterbrett sitzend. Ich habe die Stadt beim Schreiben gerne im Blick. Für Emails und zum Abtippen meiner Texte wandere ich dann doch an den Schreibtisch. Mittags mache ich gerne Sport, beim Essen höre ich Podcasts. Nachmittags Recherche, Hausarbeit, Büroarbeit. Ich bin jetzt seit einem Jahr ausschließlich Autorin, in meinen neuen Arbeitsroutinen schwingt die Pandemie noch sehr mit. Ich denke viel zu oft gar nicht dran, dass ich ja rausgehen könnte zum Schreiben, in ein Kaffeehaus oder eine Bibliothek. Ich nehme mir am Wochenbeginn immer vor, mindestens einen Ausflug mit mir allein zu machen, ins Museum beispielsweise. Das ist wichtig für neue Eindrücke und Textideen. Klappt aber nicht jede Woche.

Lisa-Viktoria Niederberger, Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es gibt so viele Problemherde: die Pandemie-Nachwehen, Kriege, Femizide, Klassismus, und vor allem: die Klimakrise. Es brennt an allen Ecken und Enden, manchmal wortwörtlich. Mir persönlich macht das manchmal eine ordentliche Angst, einen massiven Stress. Dagegen hilft nur aktiv zu werden. Von Politikverdrossenheit und Rückzug ins Private, in den Komfort der eigenen Häuslichkeit, hat es noch nie Veränderungen gegeben. Wir, die wir uns in der privilegierten Situation befinden, laut sein zu können, müssen genau das tun. Gerade was die Klimakrise betrifft, da geht es jetzt um alles. Stoffsackerl verwenden, Hafermilch trinken und immer wieder mal die Straßenbahn nehmen – das ist gut, aber es reicht nicht. Es braucht Veränderungen, eine Politik für alle. Eine, die ein würdiges, gesundes Leben und eine sichere Zukunft für alle, anstatt Partikularinteressen unterstützt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass uns Schreibenden vor allem eine vermittelnde Position zukommt. Zumindest ist es mein Anliegen, mein Anspruch an meine Texte, gesellschaftliche Diskurse aufzugreifen, sie in ein Narrativ einzufügen und somit zugänglicher zu machen. Was bedeutet genau Klimakrise, wie fühlt sich Altersarmut an, wieso wählen Aktivist*innen zivilen Ungehorsam als Zeichen des Protestes, was passiert, wenn man vertrieben wird? Wir Künstler*innen können Statistiken, Schlagworte, bloße Informationen in neue Kontexte betten, und so (im Idealfall) Sachverhalte auch emotional begreifbar machen. Einem Thema emotional verbunden zu sein, ist die Basis für jedwedes weitere Engagement.

Was liest Du derzeit?

„Brotjobs und Literatur“, eine Anthologie, die Iuditha Balinth, Julia Dathe, Karin Schadt und Christoph Wenzel letztes Jahr im Verbrecher Verlag herausgegeben haben. Ich finde mich in vielen dieser Ausführungen übers Schreiben und Arbeiten sehr wieder und kann das Buch insbesondere allen, die im Kulturbetrieb tätig sind, wirklich ans Herz legen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Vorwort zu „Brotjobs und Literatur“ stellen die Autor*innen fest, dass die prekären Arbeitsbedingungen der Autor*innenschaft nicht nur ein strukturelles Problem sind, sondern auch den Literaturbetrieb am Laufen halten. Drei der anschließenden Forderungen bzw. Ziele der Publikation möchte ich hier gerne teilen, weil ich sie unterstütze.

Erstens: „Die Enttabuisierung dieser [literarischen] Arbeitsbedingungen, also auf die nicht selten prekäre Lage der Literaturschaffenden aufmerksam zu machen, die teils unter strapaziösen, das Leben fragmentierenden Bedingungen die Vielfalt der literarischen Veranstaltungen und Veröffentlichungen überhaupt erst ermöglichen.“

 Zweitens: „Dem öffentlich noch immer idealisierten Bild von Schriftsteller*innen entgegenzuwirken, das ausschließlich das Ergebnis der schriftstellerischen Arbeit, das fertige Buch, und die anschließende mediale Präsenz wahrnimmt.“

Drittens: „Die Thematisierung der zumeist schambesetzten finanziellen Verhältnisse im Literaturbetrieb, und das mit je eigenen Mitteln in je eigener Sprache.“

Ich fange an: Ich habe im Mai Einkommen dank: einer Lesung, einem Text für ein Kunstprojekt, einem Interview und zwei Rezensionen für eine Zeitschrift. Ich verdiene in diesem Monat 690€. Die Hauptarbeit, das Weiterschreiben an meinem Roman, erfolgt unentlohnt und könnte ohne einen finanziellen Puffer durch Stipendien in dieser Form nicht stattfinden.

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Viktoria viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lisa-Viktoria Niederberger, Autorin

Foto_privat.

17.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gegeneinander“ Daniela Kocmut, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Graz 21.5.2022

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Gegeneinander

in einer uniformierten Totentanzreihe

verliert der Mensch sein Menschsein …

eines Tages vielleicht wird er es wiederfinden …



P.S. von allen Seiten, aus allen Reihen, in allen Farben

eines Europas, das (sich) nicht einig ist …

Ancel, auch am Anfang war der Krieg;
Celans Verse ertrinken in sich selbst … dann,
eines Tages werden wir zu trunken sein, zu müde werden …



Aber …


Chancen geben wir einem jeden Tag …

hoch wird jedoch niemand gewinnen und

aller Neuanfang war schon immer schwer, auch

nicht einfach wird das absehbare
c
on dolore
E
N D E

Daniela Kocmut, 9.5.2022

Daniela Kocmut, Literaturübersetzerin/Lyrikerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Daniela Kocmut, Literaturübersetzerin/Lyrikerin

Foto_Lupi Spuma

Daniela Kocmut _ Kurzvita:

Geboren 1980 in Maribor, wuchs ab 1991 zweisprachig in Kärnten / Koroška auf. Lebt seit 1999 in Graz als literarische Übersetzerin, Dolmetscherin, Sprachtrainerin für Slowenisch, sowie Redakteurin und Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift Lichtungen. Studium der Germanistik, Slowenistik und Translationswissenschaft in Graz und Dublin.

Seit 2004 zahlreiche Veröffentlichungen literarischer Übersetzungen aus dem Slowenischen ins Deutsche (u. a. Drago Jančar, Maruša Krese, Katarina Marinčič, Veno Taufer, Zofka Kveder, Miha Mazzini, Stanka Hrastelj, Barbara Simoniti, Tomaž Šalamun, u. a. …). Mehrere Übersetzungsstipendien. Regelmäßige Mitveranstaltung, Moderation und Dolmetschung zweisprachiger Lesungen. Schreibt Lyrik auf Slowenisch und Deutsch.

Walter Pobaschnig _ 9.5.2022

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„Kunst gibt die Möglichkeit, den eigenen Teller mal von außen zu betrachten“ Vivienne Causemann, Schauspielerin _ Hard/Vbg. 21.5.2022

Liebe Vivienne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin im Festengagement am Theater in Bregenz, womit ich großes Glück hatte: da war ich in den letzten Jahren finanziell nicht so unter Druck wie viele viele freischaffende Kolleg*innen.

Mein Tagesablauf – vielleicht eher ein Tagesdurcheinander – gestaltet sich nach den Proben. Jedoch mache ich oft morgens um 6/7 Uhr schon Yoga, trinke dann viel Kaffee und Tee.

Je nach Projekt bin ich dann aber meist um 10 Uhr bei der Probe, mittags erledige ich Papierkram, lerne Text, mache Sport, organisiere irgendwelche zusätzlichen Projekte/Performances oder treffe Freund*innen.

Abends habe ich dann oft nochmals Probe, oder eben Vorstellung, auf die ich mich dann sprechenderweise vorbereite.

Am Wochenende arbeite ich manchmal in meinem kleinen Gemüsegarten, bin unterwegs in alle Himmelsrichtungen oder putze die Wohnung.

Vivienne Causemann, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nun ja, da könnte man jetzt so große Begriffe nennen und irgendwie fällt mir das schwer, weil sie doch oft flach verwendet – geradezu missbraucht – werden, oder die Zusammenhänge zu verstrickt sind, als dass man diese Begriffe gerne und frei von unangenehmen Konnotationen verwenden möchte.

Es ist wichtig: selbst zu denken, sich dabei nicht immer zu glauben, immer wieder zu hinterfragen; aber eben auch zuzuhören, menschlich miteinander umzugehen, sich auseinanderzusetzen mit den Mitmenschen, also sich zu überlegen, wie die andere Person fühlt, sich hineinzuversetzen, hineindenken ins Gegenüber. Und das immer wieder aufs Neue: lernwillig bleiben und sich niemals diese oder jene Scheuklappen aufsetzen lassen.

Derzeit jagt eine Katastrophe die nächste; Pandemie, Krieg, Klima… Ich wünsche uns, dass wir in gewisser Weise ruhig bleiben.

Es sollte uns bewusst sein, dass wir sowohl mit den kleinen Veränderungen – Lebensmittel ressourcenschonend verwenden// Menschen ein Dach über dem Kopf geben (Dinge die sich für viele nach ZU WENIG anfühlen, und welche wir darum oftmals bleiben lassen) – als auch mit den großen Veränderungen – die von der Politik „beschlossen“ werden müssen, und welche wir nur durch Druck auf die Regierung oder gescheite Politiker*innen (Tschuldigung, die Ausdrucksweise) erreichen – etwas bewirken können.

Wir brauchen beide Arten von Veränderung (von unten und von oben), und beides braucht Zeit und Durchhaltevermögen…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich glaube das Kunst – in jeder Form – dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich zu treffen und eine Plattform bietet, sich ins Gegenüber – in eine Figur, in einen Künstler – hineinzudenken, den Blick über den Tellerrand wagen, oder sogar: den eigenen Teller mal von außen zu betrachten.

Ich habe erlebt, dass Theater und Musik Menschen wirklich berühren können, und daraufhin auch andere Dinge besprochen werden als die alltäglichen Smalltalk-Gespräche. Es gibt, angestoßen durch Kunst, einen Austausch über Tabuthemen. Das war, ist und bleibt die Rolle der Kunst: von einer emotional-kreativen Ebene aus, die Welt ein bisschen zu verändern.

In Anbetracht der Situation, dem Zustand der Welt, dem Wahn der Weltbevölkerung (wenn ich es jetzt mal so nennen darf, womit ausdrücklich keine Einzelperson gemeint ist) stellt sich die Frage: Was kommt auf die Kunst zu, welche Rolle spielt sie in Zukunft…

Dabei fällt mir ein: FARBE

Durch Kunst wird das Leben bunt und zauberhaft und fantasievoll und fleischlich und menschlich  und unmenschlich und lebenswert.

Eine Fläche, die eigene Wahrnehmung immer wieder zu kalibrieren.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich ABFALL BERGLAND CÄSAR  und „in harten Schuhen“ von Werner Schwab, Drehbücher und afrikanische Märchen. Macht Spaß.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen Vers aus einer Komödie des Dichters Terenz:

„Homo sum, humani nil a me alienum puto“

Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd.

Das gefällt mir sehr gut.

Leider haben Manche Manches wohl verlernt. Aber ich bin sicher, das lässt sich auch wieder erlernen…

Vielen Dank!

Danke auch!

PS.: Dies ist eine Assoziation.. ich entschuldige mich für die orthographischen und grammatikalischen Außergewöhnlichkeiten, ich lese eben gerade Schwab..

Vivienne Causemann, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Vivienne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Vivienne Causemann, Schauspielerin

Fotos_Thomas Leidig

15.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur und Kunst sind Zeichen des Individuums, dass es noch da ist.“ Thomas Podhostnik, Schriftsteller _ Leipzig 20.5.2022

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hängt ein wenig vom Tag ab. Grundsätzlich teile ich den Tag in Investition und Arbeit. Der Morgen und der Vormittag gehören mir, der Nachmittag der Lebenssicherung (jagen und sammeln), der Abend und die Nacht dann dem Zufall.

Thomas Podhostnik, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich tue mich schwer mit Kategorien wie Alle oder auch der Konstruktion eines Wir. Das sind Projektionen, die nur vom Ich ablenken. Wir und Alle irren sich ständig. Das liegt wohl daran, dass Wir und Alle dabei nicht zu Wort kommen, sondern immer der Wille eines verborgenen Ichs sie ins Feld führt, meist um eigene Ziele zu erreichen.

Was ist jetzt für mich wichtig?, klingt ganz anders und ist ehrlicher.

Ich halte wenig von Schwarmintelligenz, sie reicht gerade für Formationsflüge. Ich würde mir von Wir und Alle nie eine Zahnkrone einsetzen lassen z.B., oder ein Buch empfehlen, nicht mal einen Wein möchte ich mit denen trinken gehen, die Gespräche wären sicher dumm bis bösartig. Das am stärksten unterschätzte Wesen dieser Welt ist der einzelne Mensch.

Für mich gilt der Satz von Heiner Müller: 10 Deutsche sind dümmer als 5.

Das lässt sich höchstwahrscheinlich auch auf Österreicher oder sagen wir mal Franzosen übertragen, bestimmt auch auf Russen und Ukrainer.

Wenn ich mir mein Schreiben so anschauen: Ich schreibe nicht für Alle und auch nicht in dem Glauben, Wir hätten irgendwas zu sagen. Ich schreibe schon immer wegen Allen und Allem.

Was für mich jetzt wichtig ist, ist für Alle bestimmt unwichtig.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn überhaupt, gab es die Chance zu einem gesellschaftlichen Aufbruch Anfang der 90er Jahre. Zumindest hat es sich für mich damals so angefühlt. Ich weiß noch, dass ich dachte, jetzt könnte ein Weiterentwicklung der Gesellschaft stattfinden, die Ressourcen, die im „Kalten Krieg“ gebunden waren, könnten zur Lösung so vieler Probleme genutzt werden.  Damals gab es einen Moment der Utopie. Ich glaube der Moment hat in Wirklichkeit nicht länger gedauert, als es dauert, diesen Absatz zu lesen. Oder es war ohnehin nur eine Illusion. Schon mit dem Jugoslawienkrieg war alles wieder vorbei. Und sogar diese Aussage ist bereits meinem eurozentristisches Weltbild geschuldet.

Ich sehe keinen Aufbruch. Wir alle waten im Kreis durch den Schlamm.

Literatur und Kunst sind  Zeichen des Individuums, dass es noch da ist. Ähnlich dem Gezwitscher eines Vogels. Wenn ich mich damit beschäftige, kann ich die Art heraushören. Wenn ich mich noch tiefer damit beschäftige, den einzelnen Vogel festmachen und wenn ich noch tiefer gehe in der Materie löst sich sogar der einzelne Vogel auf und ich komme wieder zur mir selbst und eventuell zu irgend einer Art von  Erkenntnis, die mir ermöglicht zu antworten.

Gibt es das Gezwitscher nicht mehr, ist der Vogel tot, so einfach ist das, hören Kunst und Literatur auf, ist ein Mensch tot.

Was liest Du derzeit?

Schreckliches! Nichts was mir Spaß macht, aber es hat seinen Sinn und seine Bedeutung: „Vergeltung“ von Gert Ledig.

Ein Leipziger Autor, nicht viel geschrieben, und ich bin mir sicher er hätte das auch lieber nicht schreiben müssen. Manchmal verfluchen Bücher oder Texte auch einfach nur den Menschen.

Der Inhalt ist ein Grauen, aber wie Ledig es schreibt, dass gibt mir was.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Spontan: „Das Leben ist ein Furz in der Laterne“ von der wunderbaren Herta Müller.

Aber eigentlich den Satz von Warlam Schalamow: „Eine Wahrheit, die in die Kunst kommt, ist immer neu und immer individuell.

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Podhostnik, Schriftsteller

http://www.podhostnik.de/

Foto_privat

12.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Entfremdet, verstümmelt, gedemütigt“ Christine Koschmieder, Schriftstellerin _ Give Peace A Peace _ Leipzig 20.5.2022

GIVE PEACE A CHANCE

G

In Dinosaurierzeiten schon haben Potentaten immer nur darauf gewartet, dass

V

E



Poeten ihnen Lyrik in die Gewehrläufe stecken.

E

A

C

E in Pazifist, wer wärs nicht gerne, doch die Verhältnisse, die sind nicht so



A krostichon in Zeiten des Krieges:

C

H

A

N

C

E ntfremdet, verstümmelt, gedemütigt.


Christine Koschmieder, 9.5.2022

Christine Koschmieder, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Christine Koschmieder, Schriftstellerin

Foto_Antje Kroeger.

Walter Pobaschnig _ 9.5.2022.

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