„da waren möglichkeiten, da war auch ein gefühl von freiheit“ Peta Klotzberg, Schauspielerin_ Station bei Falco/80thies _ Wien 22.5.2022

2022_65.Geburtstag Falco, Musiker, Poet (*19.2.1957  Wien † 6. Februar 1998 Dominikanische Republik).

Im Interview und szenischem Fotoportrait_reenacting Falco/80thies:

Peta Klotzberg_Schauspielerin, Klangkünstlerin_Wien

Peta Klotzberg_Schauspielerin_Wien _
reenacting Falco _Musiker, Poet

Liebe Peta, welcher Falco Song ist Dir derzeit im Ohr?

„Junge Römer“!

…fragt nicht nach neuen alten Werten…..allein aus Dimensionen, die Illusionen und Sensationen lohnen…Give me more, give me more, ….Kennt ihr die Sonne noch? …con illusioni e sensazioni…

Wann gab es von Dir erste Berührungspunkte mit seiner Musik und welche Bezüge gibt es heute?

so ab mit vierzehn, ich war damals an der „Grafischen“, war Falco thema in meinem leben. zb. „Der Kommissar“,  „Out oft he dark“ und „Jeanny“, – die themen seine lieder und auch das „wie“, also Falco´s markanter rapgesang, sein charismatisches auftreten, die performance – das hat mich wie so viele aufhorchen lassen. das war und ist faszinierend.

er war unglaublich musikalisch. interessant finde ich auch, wie er sich in interviews mit fragen zu den inhalten spielt, auf die trennung der kunstfigur Falco vom realen hans hölzl hinweist. medial damit spielt. dieser grinser, und auch ärger bei immer denselben fragen.

bezugs- und berührungspunkte heute? abgesehen davon, dass ich die musikalische komponente heute mehr zu schätzen weiss, wollten wir in unserer letzten laboratorium42 – produktion, den „ver_zerrungen“, bei der es neben macht und manipulation auch um kunst und drogen geht, den song „Ganz Wien“ reinnehmen, der wurde auch geprobt und getanzt – sind kollektiv aber dann an der grandessa des falken gescheitert.

Welche Bedeutung, Inspiration hat für Dich die Musik der 1980er Jahre?

ich bin ja eine 1980 geborene, also recht nah an „dieser quelle“. mh, „bette davis eyes“ hatte ein feeling das was in mir weckte, der stil und dieses tiefe timbre in der stimme, „karma chamelion“ und „black velvet“. also eher das samtige department. „africa“ von toto. ganz wichtig war für mich in der jugend auch sinead o connor, „ihr prince cover von „nothing compares to you“ zb. und fendrich, natürlich, ich bin ja wienerin.

Du bist selbst Musikerin. Welche Inspirationen, Schwerpunkte gibt es da?

umkehrschwung. ich bin ja nicht musikerin, sondern klangkünstlerin, alo eher aus der bildenden kunst-ecke kommend. daher ganz wichtig und prägend: john cage, 4:33. mauricio kargel, dann angelo badalamenti und sein umgang mit messiaen modes und nithin sawhneys „water: transitions“. and female  composer´s, klar, der elan von amanda palmer und ihre erstaunliche, ihre texte, der humor und natürlich ihr „the art of asking“ und als vorbild für was die menschliche stimme alles kann und die erweiterung meines musikalischen denkens.: björk. ich t seh ja musik mehr als welle und werkzeug, um inhalte zu transportieren,  auch zb. michelle gurevich, aber auch gustav, wanda und chilli gonzales. so viele talentierte musiker*inne nenne ich da, die mich inspirieren,, i´ll never live up to that.

Falcos Song „Ganz Wien“ (1980, Komposition/Text:Falco) stand am Anfang seiner Musikkarriere und wirft einen kritischen Blick auf das verborgene, gebrochene Leben einer Stadt. Wieviel vom „Ganz Wien“ der 80thies hat Wien heute?

ich hab schon das gefühl, dass Wien sich selbst – bei allen mehr oder weniger ernst gemeinten versuchen zum modern sein – treu bleibt. die uhren ticken in wien einfach anders, schräger, langsamer, die korrektheit und den speed von zb. einer stadt wie berlin oder london, da simma schon ganz anders. das dezent sumpfig-morastige, das liebenswerte „s´geht scho“, das augen zudrücken, die „kibara“,  der grant, der leichte moder – auch in zeiten von veganem bio-eis-to -go und fortschrittlicher architektur. innen drinnen bleibt wien wien mit seinen schlupfwinkeln und hinterzimmern, vertuschungen, verhuscheltem, verwinkeltem und abwegigem, sackgassen und altmodischem charme. unangenehm in wien ist der neid, auch jetzt wieder erfahrbar der hang sich ins spalten treiben zu lassen, das diffamieren. positiv ist der monarchienebel der über allem schwebt und uns erhält, das „alles irgendwie schon gerichtet werden kann“ und „goar ned so schlimm is“, das vieles geht was woanders nicht möglich wäre und  dann natürlich der hohe lebensstandard – luft, wasser, essen, soziales netz.

aber gerade hier – am karlsplatz, der sezession,… da ist wien noch very 80ies.

Falco thematisiert im Song kritisch augenzwinkernd eine Gesellschaft, die Realitäten, Herausforderungen verdrängt. Was hat sich seit damals gesellschaftlich verändert bzw. muss sich ändern?

das interessante aus meiner perspektive ist ja, das ich mit romantisch-verkitschtem retro-seinerzeit-gefühl diese zeit als ehrlicher wahrnehme als die heutige.

ich mein, und dann, wiener waren und sind meister im verdrängen. Im gewissen sinn ist es ja auch lebensnotwendig und gesund, dinge zu verdrängen. aber wir haben das halt schon perfektioniert. wir haben halt auch viel, was nicht so prickelnd ist, in unserer landesbio. wegschauen, geradebiegen, vor allem im hirn – allzu menschlich, aber schon auch gefährlich. allerdings, sein wir uns ehrlich – wenn wir dauernd nur hinschauen und uns konfrontieren, das ist auch nicht se yellow from se egg. die dosis macht das gift giftig, und am ende des tages liegt es im ermessen des einzelnen, wie er mit seinen lebensentscheidungen und verdrängungsmechanismen zurecht kommt.

andererseits, um meinem eingangssatz zu widersprechen, wird in österreich schon viel aufklärungsarbeit unternommen, da gibt es bestrebungen zu transparenz, zum aufarbeiten auch dieser schweren vergangenheit, ich erinnere mich an ausstellungen und gespräche mit kriegsvateranen. Ich erinnere mich auber auch, dass bei mir im geschichtsunterricht einfach das kapitel II. weltkrieg überschlagen wurde, als wärs nicht da – und das ging einfach so.

die herausforderungen der gegenwart – klima, soziales miteinander, auch in unser umgang miteinander in den sozialen netzen, die gefahr wieder in einen rechtsruck zu landen, aber auch wieder, u.a. durch corona, aktuell verarmung – da gibt es andererseits viele initiativen und bestrebungen, um damit umzugehen, um etwas zu verbessern in dieser welt, so erlebe ich es in meiner bubble. die generation um die 15-17 hab ich nicht so im blickfeld, aber bei den 30-40-ig jährigen orte ich interesse an konfrontation mit sich, der vergangenheit, dem umfeld, interesse auch an einer besseren gemeinsamen zukunft.

aber, wieder seitenwechsel, wien ist ein nährboden für korruption und freunderlwirtschaft. früher versteckter beim wirten, heute in zeiten von internet, handy und social media transparenter und überführbarer. ob das jetzt gut oder schlecht ist lass ich offen.

Der Song „Ganz Wien“ wurde Anfang der 1980er Jahre im Radio aus Zensurgründen bezüglich der Drogenthematik nicht gespielt. Es gab auch tragische Todesfälle im künstlerischen Bereich. Wie präsent sind heute Drogen im Kunstbereich?

ich denke, drogen sind sehr präsent, aber ich würde es nicht auf den künstler*innen-bereich beschränken. druck, überforderung, multitasking –fluchten oder pusher mittels substanzen aller art und form sind omnipräsent. drogen sind ja so alt wie die menschheit, wir bedingen einander scheint mir. es liegt mir fern, da etwas zu glorifizieren, die auswirkungen von drogenkonsum können dramatisch und fatal sein, und der kampf um das beschaffen von geldern, um die sucht zu finanzieren, stress pur, – dennoch sind drogen etwas allzu menschliches. der wunsch nache einer freieren welt, nach  grenzerfahrungen – das ist tief in uns verankert, bei peruianischen minenarbeitern mit ihren cocablättern genauso wie auf den bühnen wiens.

Erfordert der künstlerische Beruf in Anspruch und Herausforderung gleichsam künstliche „Fluchtmöglichkeiten“?

ich würde auch hier nicht kunst von anderen berufen trennen. im leben jedes menschen gibt es situationen aus denen mensch aussteigen will, zustände die mensch nicht ertragen will, ereignisse, denen wir uns nicht stellen wollen und den wunsch nach erfahrungen „jenseits des bekannten“, auf anderen ebenen. ich kenne allerdings tatsächlich ein paar künstler*innen, die die muse nach drogenkonsum stärker und intensiver küsst. und wenn das für den einzelnen funktioniert, dann sollte das auch so sein dürfen. das sollte doch in der selbstverantwortung des einzelnen gelassen werden.

Falco thematisiert in „Ganz Wien“ die tragischen Zusammenhänge von Drogen und einer „no future“ Perspektive der heranwachsenden Generation der 1980er Jahre. Wie siehst Du dies in der gegenwärtigen jungen Generation? Welche Präsenz haben Drogen da heute?

ich kann ja nur von meiner generation reden, und wir hatten es schon ziemlich leiwand. da waren möglichkeiten, da war auch ein gefühl von freiheit, und das man seinen weg selbst wählen darf. meine generation hatte viele chancen, und da war auch geld. und trotzdem gab´s drogen. ich war an der „grafischen“ von 14 jahren bis 19, was soll ich sagen. ein jahr als exchange student in californien hat mich aber dann auch irritiert – dort ist ja alles verboten, auch alkohol, also alles illegal, alles droge, und genauso intensiv wurde das alles dann auch bunt gemischt konsumiert.

ich denk mir, dass es die jetzige junge generation schwerer hat als wir – allein die unterscheidung zwischen realität und netzwelten, dass man da nicht abdriftet, der leistungsdruck ist viel größer, der zwang zur  selbstoptimierung, den stress hatten wir nicht. wir wären nicht nach der schule ins fitnesscenter gelaufen, als ich 16 war. ich könnte mir vorstellen, dass das bedürfnis nach fluchtwelten für die heutge junge generation sehr wichtig ist. aber, eben, andererseits – auch bei uns gab´s substanzengebrauch  aller art.

Wie siehst Du die Drogenpolitik einer modernen Stadt wie Wien heute?

das ist eine gute frage und ich muss leider zugeben, dass ich die drogenpolitik der stadt wien nicht ausreichend am schirm habe, um das gut beantworten zu können. schade. ich weiß nicht, wie damit umgegangen wird, wie man an jugendliche und junge erwachsene herantritt, ob da ein dialog stattfindet, auf den aufbauend etwas entstehen kann. weil einfach so wegmachen kann man das ja nicht.

In Musik und Kultur Wiens gibt es enge Zusammenhänge von Leben und Tod. Siehst Du den Song „Ganz Wien“ als typisches modernes „Wienerlied“?

tja, ja, wien und mexico, wir sind diese todesverliebten…diese grenzgänge, das liebäugeln mit dem da drüben, auch mit der figur des todes – ich meine, in elisabeth haben sie dem tod eine hauptrolle geschrieben. vielleicht liegt´s am nebel und am regenwetter, das wir so oft haben. wir stehn ja gefühltermaßen immer mit einem bein schon im grab und haben eine der höchsten lebenswerwartungen der welt, typisch wienerisch, dieses paradox.

ja, ich finde die beschreibung typisches modernes „Wienerlied“ passend.

Was macht für Dich die Wiener Mentalität aus?

ein gewisser “haudrauf, ein „s´wird scho“, „s´geht scho“, „da drück ma ein auge zu“, eine gewisse trägheit auch im denken, umdenken und reagieren. Wien ist halt schon ein bisserl zäh. aber ich erlebe gerade in meiner bubble viel freundlichkeit, echte menschenliebe und sehr, sehr viel unterstützung. ich finde auch, dass wien eine sehr kunstbejahende stadt ist, also wir künstler*innen werden tendenziell gerne gesehen und geschätzt.

Welche künstlerischen Berührungspunkte/Projekte zu Wien in Tradition und Selbstbild gab es für Dich bisher?

das ist jetzt kein künstlerisches projekt, aber ich habe eine zeitlang ehrenamtlich im nachtstreetwork der Caritas betreuungseinrichtung Gruft mitgearbeitet, und da hat sich mir eine sehr wienerische seite wiens gezeigt. obdachlosigkeit und das damit einhergehende kälte- und hygieneproblem ist nämlich sehr präsent in dieser stadt, arbeitslosigkeit gerade jetzt wieder wirklich ein thema und die schere zwischen arbeit und verdienst. natürlich weit entfernt von amerikanischen verhältnissen mit ihrem gesundheitssystem für reiche, aber auch wir kommen wie man merkt an grenzen, gerade auch im medizinischen bereich, das war schon vor corona so.

unser immersives, site-specific stationentheater-stück  „ver_zerrungen“ hatten macht und manipulation, kunst um rausch zum thema, das war wohl wirklich ein wienerisches projekt. „erstrahlen“ eigentlich auch, da geht es uns um atomare energie, was ja auch wieder am tablet ist derzeit mit dieser für mich absurd anmutenden idee, atomkraft als „grün“ und „sicher“ einzustufen. gerade da ist wien, österreich ja im gegensatz zu den meisten anderen Eu -ländern sehr klar dagegen. welches land ausser österreich hat ein atomkraftwerk fertig gebaut und dann kurz vor inbetriebnahme per volksabstimmung entschieden, es nicht in betrieb zu nehmen?

Du bist in Wien geboren. Was schätzt Du besonders an dieser Stadt, was nicht?

wie oben erwähnt, die lebensqualität. also prinzipiell ist es schon ein riesen glück, hier geboren zu sein, ein joker im menschheitslotto quasi. sauberes wasser, dach überm kopf, die vielen parks und grünflächen, soziale parteien. und es gibt eine wirklich große freie kunstszene hier in wien, in der der wind wohl etwas weniger rauh weht als zb. in berlin oder anderen deutschen städten. hier erlebe ich ein „leben und leben“ lassen, nicht unbedingt  wenn´s dann um förderungen geht. manchesmal ist da natürlich auch das hinterhältige, neidige,die ellenbogen, das ist weniger schön. ehrlich gesagt genieße ich es derzeit schon, in den bundesländern zu arbeiten, in linz oder graz – die tun dasselbe wie wir hier in wien aber ohne pathos, die machen dann halt einfach ein konzert, aber es hat nicht diesen nimbus.

Wie siehst Du die Umstände des Todes von Falco?

da bin ich zu wenig informiert über die hintergründe, da halt ich mich raus.

Was kannst Du als Schauspielerin, Sängerin und vielseitige Künstlerin von Leben und Werk Falcos mitnehmen?

sein selbstverständnis als mensch und künstler. natürlich hatte er ja eine unglaubliche musikalische begabung, mit 5 wurde ihm ein absolutes gehör attestiert, wenn ichs richtig habe. sein fabulöser rapgesang, seine art des erscheinens und eben dieses natürlich geübte aber doch authentische sein. diese nonchalance, sagen was ich sagen will, sich nicht darum zu kümmern, um quoten oder was sich verkauft, das find ich stark, das hat meinen respekt. frechheit siegt halt. interessant finde ich ja, wie schon oben erwähnt, wie er in interviews immer wieder darauf hinweist (mit einer gewissen wut ob der oftmaligen fragen) dass Falco und die inhalte seiner musik ja von dem privatmensch hans hölzl zu trennen sind. sei es jetzt wahr oder nicht so wahr, der grad bei künstlern ist diesbezüglich ja immer ein schmaler, immer neu zu definierender.

Was würdest Du Falco gerne fragen wollen?

„meinst du das ernst?“

Was sind Deine kommenden Projektpläne?

wir arbeiten an der wiederaufnahme unseres stationentheaters „erstrahlen“ im Creative Cluster Margareten, mit wirbelwind johanna mucha, nina batik und thomas jost, regie führt hayder saad, komponiert hat karrer alsaadi. dann gibt´s als ewige zu erweiternde kunstbaustelle meine klangeskapadem „LIQUIDinfinity“ in unterschiedlicher besetzung, wir geben ja laufend konzerte, zb bald in graz und in der wienstation. und naama isabelle fassbinder und ich haben ein programm erarbeitet, die „Frauen S(s)timmen, wo wir starke, mutige, freche liedermacherinnen wie suzane vega oder amanda plamer interpretieren. ausserdem engagiere ich mich bei OneBillionRising mit gesang und tanz.

Darf ich Dich abschließend zu einem „Ganz Wien 2022“ Akrostichon bitten?

Gloriös

Aber

Normal,

Z´wider

Wahnsinnig

In, in

Einer

Nebelwand gefangen.

Peta Klotzberg_Schauspielerin_Wien _
reenacting Falco _Musiker, Poet

Herzlichen Dank, liebe Peta, für Dein wunderbares Falco/80thies reenacting und Interview! Viel Freude und Erfolg für alle Schauspiel-, Musikprojekte!

2022_65.Geburtstag Falco, Musiker, Poet (*19.2.1957  Wien † 6. Februar 1998 Dominikanische Republik).

Im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Peta Klotzberg, Schauspielerin, Klangkünstlerin_Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien 4_22

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 5_22

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