„Dass wir alle wieder lernen müssen, uns und anderen Menschen zu vertrauen“ Nadine Hentrich, Künstlerin_Wien 6.5.2021

Liebe Nadine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Familie und ich hatten Anfang April 10 Tage Quarantäne hinter uns gebracht (Ohne Garten oder Haus auf dem Land). Das waren besondere und für alle herausfordernde Tage. Aber wenn alles „normal“ ist, beginnt für mich nach dem Weg zum Kindergarten meine Schaffens- bzw. Kreativzeit. Ich gehe in mein kleines feines Arbeitszimmer, schaue nach E-Mails und was zu tun ist. Und dann suche ich mir ein Hörbuch oder einen Podcast raus und arbeite an meinen Collagen. Sei es frei oder nach Auftrag. Ein Tag ohne Collage ist kein guter Tag!

Nadine Hentrich, Illustratorin, Grafikerin, Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe und Vertrauen aus sich selbst herausfinden. Diese Angst von außen macht
einen verrückt und hemmt das Leben und die Kreativität!

life is easy – Nadine Hentrich


Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?


Ich glaube, dass wir alle wieder lernen müssen nicht nur uns und unseren
Fähigkeiten zu vertrauen, sondern auch den anderen Menschen. Im Augenblick
ist für viele jede/jeder eine Art Bedrohung. Abstand, keine Berührungen all das
macht viel mit uns. Die Kunst schafft da eine Brücke, weil sie die Menschen
wieder für das Schöne im Leben öffnen kann und damit eine erste sanfte
Berührung mit dem Leben selber ist.

Vogel Pinie – Nadine Hentrich


Was liest Du derzeit?

Ameisenmonarchie von Romina Pleschko und als Hörbuch höre ich gerade
Homus Deus von Yuval Noah Harari

Yes – Nadine Hentrich

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

… nicht müde werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel die Hand
hinhalten. (Hilde Domin)

Vielen Dank für das Interview liebe Nadine, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nadine Hentrich, Illustratorin, Grafikerin, Künstlerin

Impressum – guckschatz-design (guckschatz-design.de)

Fotos_1 und 5 Studio Kamenar; 2,3,4 Nadine Hentrich.

7.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Es ist etwas ganz Großes eine Fassade abzulegen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien _50 Jahre Malina_6.5.2021

Wien, das bedeutet Diversität und Kunst. In jeder Gasse begegnet dies, das schätze ich sehr. Und ich liebe die Architektur der Stadt, diese ist einzigartig schön.

In einer Stadt lebst du ohne Stempel. Das lässt entfalten, entwickeln.

Magdalena Mikesch Schauspielerin

Ich bin im Waldviertel aufgewachsen und nach der Matura nach Wien gezogen. Jeder Platz hat eine Erinnerung hier. Schönheit und Traurigkeit liegt jetzt da, da ich beruflich die Stadt verlasse und umziehe.

Die Kaffehäuser werde ich vermissen, die Schanigärten. Die Atmosphäre der Stadt, die schönen Häuser, die Theater. Wir sind da verwöhnt.

Ausgewählte Möbel kommen beim Umzug mit. Derzeit ist ein Tisch in Bearbeitung, den meine Großeltern und Eltern schon hatten, der wird neu lackiert und kommt mit nach Kassel. Ich nehme Familienmitbringsel mit. Von jeder Stadt kommt dann was dazu. Ich habe gerne wenige Dinge, aber die mag ich dann richtig gern.

Alte Dinge sind schöner, ich mag, wenn Dinge alt sind.

Ich war schon im Bauch meiner Mutter auf der Bühne meiner Großeltern und bin dann da mitgewachsen.

Mein Opa war in der Bank angestellt und hat dann gemeinsam mit seiner Frau ein Theater aufgebaut – „Theater im Kloster“ (Wiener Neustadt). Es ist bis heute ein Familientreffpunkt. Das Theater hält meine Großeltern jung. Ein Theaterort, an dem man gerne hingeht, in dem etwas aufgebaut werden kann, das war, ist meiner Familie sehr wichtig.

Jetzt gibt es einen fahrenden Vorhang, Polsterstühle, es ist gewachsen, ich komme gerne zurück. Ich finde das Einspringen schön, sehe Videos und spiele dann mit, das ist ein Highlight im Jahr.

Es ist im Schauspiel immer ein Planen und Vorausblicken in den Engagements. Da ist sehr viel an Kommunikation und Organisation, auch Unsicherheit. Eine Probenphase ist sehr fordernd, das wird auch nachhause mitgenommen. Eine ständige Präsenz. Das schlaucht natürlich.

Mit der Pandemie war da plötzlich völliger Stillstand. Das war zunächst auch eine Erleichterung und eine Möglichkeit des „Aufladens“. Ich bin jetzt voller Lust auf die Bühne.

Die Natur hat mir in der Pandemie Kraft gegeben. Ich bin Spaziergängerin geworden. Es war auch ein menschlicher Weg vom gezwungenen Rhythmus zum eigenen Rhythmus.

Bei einem Drehtag stehst du um 4h morgens auf und kommst abends nachhause, das ist fern jedes persönlichen Rhythmus. Aber natürlich sehr spannend.

Der Weg im Schauspiel ist nie leicht. Es geht rauf und runter, gibt Rückschlage, wie jetzt in der Pandemie, aber auch immer Kraftquellen, um weiterzumachen.

Derzeit finde ich den Film beruflich sehr spannend. Dieses Unmittelbare darin.

Die Theaterstrukturen sind festgefahren. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für Veränderung, auch um Strukturen zu brechen.

Der Film ist weiter als das Theater was Struktur betrifft. Das Theater steht da still. Die Leitung, die Hierarchie, wer wo im Ranking ist, das steht fest. Da wird nicht viel hinterfragt. Das ist gesellschaftlich schon selten. Es gibt da einiges zu tun.

Der Generationenübergang in den Theaterleitungen wird spannend.

Es ist schön, wenn Theater nicht perfekt ist, perfekt sein muss

Malina – jeden Gedanken, den Ingeborg Bachmann im Roman in Worte fasst, den hat man selbst gedacht. Das erfordert ein großes Maß an Ehrlichkeit, Mut zu dem Nicht-Verbergen, Verstecken. Es geht in das Innerste, dorthin wo das liegt was niemals ausgesprochen wird.

Was ist Liebe? Ist man je nicht allein?  Der Roman stellt diese Fragen ganz direkt.

Menschen, die ich behalten will und dann sind sie es doch wieder nicht. Die Suche – was will ich, was tut mir gut? Das hört nie auf im Leben.

Das Nachdenken, das Gefühl was man der Welt geben will, wer man ist darin, das beschäftigt mich auch sehr. Erkenntnis und Wissen braucht Zeit. Es geht alles viel zu schnell heute.

Bachmann schreibt über den Versuch zu sein und dann doch wieder alles fallenzulassen.

Diese Zerbrechlichkeit. Jeder Mensch hat diese, auch wenn eine Fassade darüber gebaut ist.

Dass man in der Welt nicht zerfällt und sich nicht zerstören lässt von anderen Menschen. Das ist ein großer Punkt im Roman.

Man muss Menschen ziehenlassen und neue Begegnungen zulassen.

Social Media ist ein Fassadenbau. Menschen ohne Fassaden begegnen sich da nicht. Es ist etwas ganz Großes eine Fassade abzulegen.

Man schafft sich seine eigene Fassade, daher sieht es ganz anders aus.

„…nur hinter der Fassade ist kein Mensch lächerlich“ Ingeborg Bachmann

Auch in der Liebe gibt es immer Fassaden. Der Mensch verhält sich immer anders, wenn er nicht alleine ist. Egal wie gut du einen Menschen kennst wie lange du zusammen bist, immer gibt es eine Fassade, das war zu Malinas Zeit so wie heute.

Unsere Fassaden, Facetten sind auch Schutzwände.

Beim Malina lesen fällt nicht auf, dass der Roman vor über fünfzig Jahren geschrieben wurde. Das unmittelbare Verstehen geschieht sehr schnell. Heute nennen wir es toxische Beziehungen. Das ist leider die Realität.

Es wird in der Liebe immer Menschen geben, die eine Machtposition haben wollen und diese auch ausnutzen. Es gilt da gegenzusteuern, das Gespräch suchen, das Beziehungssystem zu ändern – ich sehe da etwas schwarz.

Immer wenn ich dachte, es sei Liebe auf den ersten Blick war es eine weniger gute Erfahrung.

Ein Aufbau zur Liebe über Freundschaft hatte immer etwas Standhaftes, Dauerndes. Es fällt da weg, perfekt sein zu müssen.

Liebe ist Arbeit. Es ist ein Aufbauen.

Je älter man wird, je mehr Erfahrungen, umso mehr Vorsicht, Skepsis gibt es in der Liebe. Vielleicht geht es dann in der Lebenszeit irgendwann wieder zurück (lacht). Und die Sicht wird wieder lockerer.

Verliebtheit auf den ersten Blick gibt es. Liebe ist da eine Vermutung und es ist leichtsinnig gegenüber dem Wort Liebe.

Liebe ist Vertrauen. Und Offenheit.

Vertrauen ergibt Liebe.

Bei Malina ist es Vernarrtheit – Ivan – ein in den Bann ziehen, verschwommene Realität, andere Tatsachen – unüberlegte Trance.

Ein Zusammenbauen von Realität.

Sie sucht Geborgenheit in Ivan. Auch ein Wegkommen, Loswerden. Es ist ein Reinstürzen-Wollen, um ein neues Leben zu führen, anders leben zu können.

Ivan ist Wunsch und Flucht. Diesen Reiz gibt es immer, Festgefahrenes zu verlassen.

Es ist auch schön in das Nichtwissen zu gehen, zu fallen. Das ist zweifellos Ivan.

Ein Wunsch ohne Reflexion ist eine Wiederholung. Da verändert sich nichts. Das wird auch heute gelebt. Der Roman hat seine Aktualität.

Wir denken zu wenig über uns nach.

Manche Menschen wollen in der Dreiecksbeziehung leben. Das passiert nicht nur im Roman.

Wir haben ein weites Spektrum in der Liebe heute.

Eine Verstrickung passiert schnell.

Mit Lügen wird es nicht besser in der Liebe. Da kommt man nicht mehr raus. So geht es vielen Menschen.

Menschen verändern sich in fünfzig Jahren nicht. Es ist wie damals.

Es gibt Menschen, die ihre Geschichte ansprechen. Diese bleiben meist unter sich.

Menschen mit Fassaden und Menschen in Offenheit. Da gibt es keine Vermischung.

Eine verlogene Menschheit ist ganz, ganz schrecklich. Deswegegen ist mir Vertrauen so wichtig.

Es gibt Männer, die nicht so sein wollen wie Männer vor fünfzig Jahren, die teilhaben wollen, aber vielen fällt es schwer ihre Machtpositionen abzugeben. Sie haben Angst etwas zu verlieren.

Vertrauen ist das Wichtigste. Respekt.  Darauf kommt es an.

Es gibt eine Hingezogenheit. Den Reiz zusammen zu sein.

Es gibt nie ein Nur-Zusammen. Es sind Individuen in der Liebe, diese müssen gemeinsam wie selbständig wachsen. Wenn nicht, ist es vorbei.

Es gibt nicht nur die eine Liebe. Auseinandergehen ist auch wichtig.

Das Unbewusste ist ein Teil von uns. Aufarbeitung ist wichtig, wenn es Belastendes gibt.

Du kannst im Leben nichts wegwerfen. Es ist immer ein Teil von Dir.

Ein Geheimnis kann persönlich eine Basis sein. Im Leben, in der Liebe.

Es braucht Erfahrungen, um Malina zu lesen.

Lebensentwürfe – ändern sich. Glücklichsein ist mir jetzt wichtig.

Ich habe Angst, dass ich eine Beziehung führe, die ohne Worte endet. Dass da nur mehr Hass ist. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Ich hoffe, ich könnte die Reißleine ziehen, wenn sich der Mensch dreht. Die Kraft stop zu sagen, ist sehr wichtig!

Die Gesellschaft, eine Stadt muss ihre Angebote in Beziehungsdramen sichtbar machen und Hilfe anbieten.

Menschen muss in der Bildung vermittelt werden wo Grenzen des Verhaltens in Begegnung und Beziehung sind. Das ist eine wesentliche Aufgabe.

Ich hoffe, es gibt dauerndes Glück in der Liebe.

Umgeben Sein, lieben und geben. Das ist Liebesglück.

Magdalena Mikesch, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Magdalena Mikesch _ Schauspielerin _Wien.

Schauspielerin | Magdalena Mikesch (magdalena-mikesch.at)

„Ich bin kein Fan von halben Sachen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien 11.1.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

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„Kunst hat das Potential aufzurütteln“ Doris Uhlich, Choreografin_ Wien 5.5.2021

Liebe Doris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag hat einen anderen Ablauf. Heute war Aufstehen, Telefonate führen, Mails schreiben und beantworten, Mittagessen kochen, Radiointerview aufnehmen, Telefonate führen, Mails schreiben und beantworten, Spazieren Gehen, meine Mutter besuchen, Abendessen, Schlafen gehen.

Doris Uhlich, Choreografin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Ich kann die Frage nicht beantworten. Es gibt nichts, was für alle gleich besonders wichtig ist. Was ich sagen kann – Gesundheit ist wohl am ehesten, was ich auf diese Frage antworten kann.

Doris Uhlich_Habitat

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanztheater, der Kunst an sich zu? 

Ich bin noch so verstrickt in die Dystopie der Gegenwart, dass Projektionen in die Zukunft sich verbergen. Was ich sagen kann – die Rolle der Kunst war, ist und soll bleiben Kunst zu sein. Kunst hat keinen Auftrag, aber sie hat das Potential aufzurütteln. Ich kann von meiner tänzerischen Pädagogik mehr erahnen – hier ist meine Vision, dass körperliche Einschreibungen wie Abstand halten hoffentlich wieder umgeschrieben werden können durch den Tanz. Wesentlich für alle Schritte in Richtung Leichtigkeit ist zunächst, dass wir die Impfung bekommen und keine Mutationen entstehen, die die Pandemie in die Länge ziehen und zu einem unzähmbaren Monster erwachsen lassen. Daher her mit den Nadeln!

Doris Uhlich_Habitat _ Pandemic Version

Was liest Du derzeit?

Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten…. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

A body is a brain boom tschak. (Doris Uhlich)

Vielen Dank für das Interview liebe Doris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Doris Uhlich, Choreografin, Performerin

Doris Uhlich

Fotos_1 Katarina Soskic; 2 Theresa Rauter; 3 Alexi Pelekanos

11.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dive“ Duncan Hannah. Tagebuch der Siebziger. Rowohlt Verlag

Es ist eine Reise, die jetzt beginnt. Er ist siebzehn. Alles ist in Bewegung. Innen und Außen. Ein neues Jahrzehnt beginnt. Die 1970er. Ein Aufbruch in ein Leben und eine Epoche…

Ein Tagebuch begleitet den Teenager jetzt. Das Bewusstsein soll Ausdruck finden. Das Erlebte dokumentieren und erinnern. Der Weg nach New York. Jeder Tag, jede Nacht voll Kunst und Leben…

Konzerte. Treffpunkte mit Musikgrößen der Zeit wie David Bowie oder Poeten wie Allen Ginsberg. Die Nächte sind ohne Ende. Und der nächste Tag öffnet wieder den Kosmos neuer Welten und Sterne am Boulevard of Dreams

Der us-amerikanische Künstler, Duncan Hannah, legt mit „Dive“ ein künstlerisches Memorial wie faszinierendes Zeitdokument vor, welches in dieser Form einzigartig ist. Sein Tagebuch ist einerseits die unmittelbare Teilhabe am Geschehen der Zeit wie auch die sprachliche Gabe der Beschreibung und Verdichtung des persönlich Erlebten. So ist das Zeitgefühl ganz unmittelbar zu spüren und Leserin und Leser sitzen gleichsam im Led Zeppelin Konzert oder tanzen in der Disco im saturdaynight fever bis in den Morgen.

Beeindruckend ist auch das uneitle Erzählen und Berichten, das immer Ereignis und künstlerische Bühnen- und Strahlkraft in den Mittelpunkt stellt und so äußert lebendig und facettenreich Bilder der Zeit malt und staunen lässt.

„Ein Zeitdokument als Hochschaubahn eines Lebens zwischen Kunst und Begegnung in einer bahnbrechenden Epoche“

Walter Pobaschnig 4_21

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„Es ist besser zu wissen wer man mit anderen ist“ Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller_ Emscherdelta/D 5.5.2021

Lieber Christoph, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich versuche die gewohnte Tagesstruktur beizubehalten. Aufstehen, Brotjob, Erledigung der alltäglichen Dinge, den Rest des Tages teile ich zwischen Familie und Schreiben auf. Allerdings hat jeder Tag diesen unsäglichen C-19-Begleiter. Wir versuchen gesund zu bleiben. Diese Pest nervt, wir versuchen uns so viel Normalität wie möglich zu bewahren.

Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, gesund bleiben, Normalität bewahren aber auch kritisch sein und nicht jede Nachricht bedenkenlos konsumieren. Wo wir gerade stehen, wissen wir nicht. Vielleicht ist der Wahnsinn hier bald überstanden, vielleicht stehen wir aber auch gerade erst am Anfang einer Katastrophe, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Letztes Jahr habe ich im Dezember das Gedicht „Austernzeit“ geschrieben, das ich als analogen Weihnachtsgruß an befreundete Autorinnen und Autoren und Verleger verschickt habe. Der Text hat für mich in den letzten Monaten sehr an Bedeutung gewonnen. Er gibt eine zusammenfassende Antwort auf die Frage, was mir besonders wichtig ist.

Austernzeit

Es sei notwendig sich zurückzuziehen sich zu

Verschließen in einen finstereren raumlosen Ort

Dort abzuwarten in berührungsloser Kälte

Es ist ein Haus kein Zuhause Nur Träume Das ist zu wenig

Kostbar sind die Erinnerungen an das schöne Leben

Doch im Finstern eingeschlossen sind sie nichts wert

Es ist gut zu verstehen wer man ist

Es ist besser zu wissen wer man mit anderen ist

Die Zeit der Umarmungen ist nicht vorbei

Willst du das Licht sehen stell dich ans Fenster

Soll dein Herz weiter schlagen musst du furchtlos sein

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es ist nicht mehr eine Frage „was wir machen wenn die Corona-Pest vorbei ist“ – Ich glaube sie wird nicht zu besiegen sein – wir müssen uns anpassen und langfristige, tragfähige Strategien entwickeln, die uns helfen zu überleben. Wir müssen weitere Pandemien verhindern und wir müssen uns um den Klimawandel kümmern … und das dringendst … und jeder hat eine eigene Nase, an die er sich jetzt fassen kann. Literatur / Kunst kann und darf einfach auch mal nur unterhaltsam sein, da ist nichts dran verkehrt. Literatur/ Kunst muss aber auch den gesalzenen Finger in Wunden legen dürfen. Sie muss und darf kritisch, respektlos und widerspenstig sein. Eine freie Literatur, eine kraftvolle Kunst ist einer der wichtigsten Stützpfeiler der Demokratie. Und sie ist auch Motor des Fortschritts. Der Mensch muss sich weiterentwickeln, wenn er fortbestehen will. Ich finde es anrührend und faszinierend wie der Mensch vor rd. vierzigtausend Jahren die Kunst erfunden hat (siehe Höhlenmalerei in den Höhlen von Almatira oder Chauvet-Pont-D’Arc) und damit quasi das Denken und die Kommunikation in die Welt kam. Es liegt an uns. Ich glaube, wir haben es noch in der Hand.     

Was liest Du derzeit?

The Ontological Constant von Mark A. Murphy. Das ist ein Gedichtband, der in Englisch / Deutsch bei Moloko Print erschienen ist.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles geschieht langsam, beinahe gemächlich, und irgendwo weitab schlägt leise ein Herz. Ich begreife, dass es mein eigenes ist mit seinen letzten Schlägen auf dem Weg ins Tal.“

Das Zitat stammt aus dem Buch „Das Gesicht in der Tiefe der Strasse“ von Wolfgang Hermann, Otto Müller Verlag, S. 92

Vielen Dank!

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir Walter.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller

https://www.nordpark-verlag.de/Kleinhubbert-alles-auf-einmal-gedichte.html

Foto_privat.

6.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kreativität ist heilsam, und es ist schön, wenn Menschen ihre Form und ihren Zugang dazu finden“ Tina Haller, Schauspielerin_Wien 4.5.2021

Liebe Tina, wie sieht jetzt mein Tagesablauf aus?

Der Tagesablauf, je nachdem, ob ich Termine oder Freizeit habe, variiert, aber ein Fixpunkt ist das Schreiben, Kaffee, sind immer noch Zigaretten,  die Innenschau und in irgendeiner Form die Kommunikation mit meinen Herzensmenschen.

Tina Haller, Schauspielerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage empfinde ich schwer zu beantworten, da es für mich keine allgemein gültige Antwort darauf gibt.

„wichtig“ ist subjektiv

Für mich ist es wichtig,  nach innen zu schauen, zu fühlen, zu reflektieren, die eigenen Schatten zu beleuchten,  in allem eine Wachstumsmöglichkeit zu sehen, zu vertrauen, einen liebevollen,  wertschätzenden Umgang mit sich und anderen zu leben, der auf Mitgefühl, einem Miteinander,  Harmonie, Humor, Selbstironie, Bewusstsein, Teilen, Schenken, offenem Herz und Unterstützung basiert.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Zum Einen meine ich, Kreativität ist heilsam, und es ist schön, wenn Menschen ihre Form und ihren Zugang dazu finden.

Kunst, egal in welcher Weise, im Kleinen oder Großen, für sich oder für die Allgemeinheit bietet Raum, Geschehnisse zu betrachten, aufzuzeigen, zu reflektieren, zu verarbeiten.

Kreativität und Kunst bezieht sich, zum Anderen, für mich nicht nur auf die Branche, sondern auf das Leben. Leute, die trotz Nöten, Schicksalsschlägen und Traumata jeglicher Form, eine Hoffnung und Liebe im Herzen tragen, sind für mich Künstler. Leute, die ein Licht in diese Welt bringen sind für mich Herzenskünstler. Leute, die sich reflektieren, sich Fehler eingestehen, die Verantwortung für ihre Taten und Handlungen übernehmen, sind Mitschreiber einer Weltgeschichte und somit tragen sie zur Kunst bei.

Leben ist Kunst. Das Leben ist Theater. Spektakel und Debakel. All das wird immer lebendig bleiben Jedes Individuum trägt zum Schauspiel des Lebens bei…daher wird es Bühne immer geben. Geschichte wird immer geschrieben, vielleicht eine liebevollere.

Und abgesehen davon bin ich für das bedingungslose Grundeinkommen. Jeder ist wichtig, und etwas zu erhalten, ohne darum betteln zu müssen, steht einem zu und das allein schafft schon andere Energien. Es würde vielleicht vielen Menschen ermöglichen, in Ruhe herauszufinden,  was sie von Innen heraus beflügelt und so ein inneres Gefühl kann Positives nach Außen strahlen.

Was liest du derzeit?

Mein Bruder schickt mir oft Texte oder Videos von Dichtern und Philosophen

„Vater Unser“  von Angela  Lehner

Außerdem lese ich viel über diverse Therapieformen und die Polyvagaltheorie

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Geduld

werd ich dich nennen

bis du von selbst anklopfst

um dich mir vorzustellen“

von Anitrellah 😉

Tina Haller, Schauspielerin, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Tina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tina Haller, Schauspielerin, Künstlerin

Tina Haller | Künstlerin

Fotos_1 Julia Wessely; 2 Jeremy Spieß.

4.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nachrichten aus Mittelerde“ J.R.R.Tolkien, mit Illustrationen von Alan Lee, John Howe und Ted Nasmith. Klett-Cotta Verlag.

Es ist ein Jahrhundertwerk, das der britische Autor und Universitätsprofessor J.R.R.Tolkien (1892 – 1973) mit seinem Epos „Der Herr der Ringe“ geschaffen hat. Bis heute ist es in vielerlei Hinsicht bahnbrechend und begeistert Leserinnen und Leser wie inspiriert KünstlerInnen verschiedenster Genres. Die Verfilmung der Romantriologie von Peter Jackson zu Beginn dieses Jahrtausends hat dabei neue vielfältige Impulse geliefert und auch viele weitere spannende Zugänge ermöglicht, die sich vom Text ausgehend Tolkiens Werk nähern.

Die vorliegende bibliophile Neuausgabe „Nachrichten aus Mittelerde“ ist nun Ausdruck dieser Inspirationsreise zu Tolkiens imaginierter „Mittelerde“ und deren wunderbaren Orten, mutigen wie schreckenserregenden Wesen und den Wegen durch und mit diesen in Abenteuer und Erlebnis.

Der Text selbst ist eine Nachlassveröffentlichung von Mitte der 1970er Jahre, welche der Sohn des Autors, Christopher Tolkien, ermöglicht hat. In einem ausführlichen Vorwort geht dieser auf den Prozess der Zusammenstellung der Texte wie auf persönliche Beweggründe ein. Inhaltlich öffnet sich dann die unglaublich weite wie liebevolle Textwelt Tolkiens in vielen neuen Zugängen, die Fans wie Interessierte begeistern. Zusammenhänge werden sichtbar und lassen staunen, die spannenden Erzählungen sind aber auch für sich ein Lesegeschenk, ohne Vorkenntnisse und Detailwissen.

Großformatige Texttafeln, das Wort Gemälde würde hier zu Recht passen, welche die Künstler Lee, Howe und Nasmith auch im Zuge der Filmkonzeptionen erarbeitet und weiterentwickelt haben, illustrieren und machen diesen Textband zu einem besonderen bibliophilen Geschenk. Die Ausdruck- und Strahlkraft dieser Darstellungen ist einzigartig.

„Eine wunderbare Reise in Wort und Bild in die phantastische Welt Tolkiens  – ein künstlerischer Genuss der Sonderklasse“

Walter Pobaschnig 5_21

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„Der Fokus auf die Elite, auf die Stars, die großen Häuser und teuren Produktionen muss sich ändern“ Nadja Puttner, Tänzerin_Wien 4.5.2021

Liebe Nadja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage sind trotz des nun schon so lange dauernden Kultur Lockdown ziemlich voll. Ich starte meistens mit einer Yoga-Einheit in den Tag, zweimal wöchentlich unterrichte ich morgens in einer Musical-Ausbildung Ballett. Live. Ein Highlight, denn ich vermisse den Ballettsaal und die Arbeit im Studio. Ab dem späten Nachmittag unterrichte ich dann online Tanzklassen, v.a. Ballett aber auch Modern und Körperarbeit für Tänzer*innen.

Nadja Puttner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin

Geprobt habe ich den letzten Monaten kaum, da ja keine Live Vorstellungen möglich sind. Ich bin freischaffende Choreografin und Performerin, setze vor allem meine eigenen Tanztheaterstücke um.

Seit März letzten Jahres wurden all meine geplanten Projekte entweder abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Trotzdem bemühe ich mich, kreativ zu bleiben und auch regelmäßig zu trainieren. Zur Osterzeit des Jahres durfte ich für die Eröffnung einer Kunstinstallation im Wiener Stephansdom eine Performance choreografieren und auch tanzen. Da habe ich gemerkt, wie sehr mir die Bühne und das Performen vor Publikum fehlt – hoffentlich wird das bald wieder möglich sein!

Im Rahmen der von mir mitbegründeten Initiative Tanz und Bewegungskunst Österreich und als Bereichssprecherin für Tanz und Kultur bei der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex engagiere ich mich seit Mai 2020 für eine Aufwertung des künstlerischen Tanzes in Österreich. Insbesondere die Verbesserung der sozialen Lage von freischaffenden Tänzer*innen, Choreograf*innen und Tanzlehrenden liegt mir dabei sehr am Herzen. Die Arbeitsbedingungen in der freien Tanzszene waren schon vor Corona schwierig bis prekär, und die Krise hat sie Situation leider dramatisch verschärft, wie eine von uns durchgeführte Umfrage bestätigt. Durch meinen Einsatz hoffe ich zu erreichen, dass die Künstler*innen der freien Tanzszene langfristig mehr Wertschätzung für ihre Arbeit in Gesellschaft, Politik und auch innerhalb der Künste erfahren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Unsere Träume nicht aus den Augen zu verlieren! Das fällt mir allerdings selbst auch nicht immer leicht. Alles, was ich  mir in den letzten Jahren künstlerisch aufgebaut habe, ist durch die Pandemie unterbrochen worden. Die Zukunft ist für uns freischaffende, im OFF-Bereich tätigen Künstler*innen mehr als ungewiss. Manchmal habe ich Angst, dass ich nicht mehr an die künstlerischen Aktivitäten von vor Corona anschließen werde können.

Es gibt Tage, an denen ich keinen Mut mehr habe, weiter zu planen. Trotzdem versuche ich positiv zu bleiben und male mir immer wieder aus, wie gut es bald sein wird, welche Projekte ich bald realisieren werde, und auf welchen großartigen Bühnen ich meine Stücke noch zeigen werde. Ich arbeite gerade an einen neuen Tanztheaterstück zum Thema Odyssee, das im Oktober in Wien Premiere haben soll, und an einem Solo, in dem ich das letzte Jahr künstlerisch verarbeite. Das tut gut und hilft mir, nach vorne zu schauen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass es für einen erfolgreichen Neubeginn notwendig sein wird, bestehende gesellschaftliche Strukturen gründlich zu hinterfragen und offen für grundlegende Veränderungen zu sein. Theater als Medium, das von der Live-Situation lebt und die Nicht[1]Wiederholbarkeit des Augenblicks repräsentiert, kann bei dieser gesellschaftlichen Neuausrichtung sehr unterstützend wirken.

Unsere (westliche) Gesellschaft ist seit Jahrhunderten geprägt von hierachischen Strukturen, die auf einem dualistischen Weltbild basieren: „richtig sein“ oder „Recht haben“ im Gegensatz zu „falsch sein“ oder „unrecht haben“ ist das Allerwichtigste, um in der Gesellschaft zu reüssieren. Die Auswirkungen dieser jahrhundertelangen Tradition sind deutlich spürbar: die Schere zwischen arm und reich geht weltweit immer weiter auf, wir beuten die Natur aus und zerstören sehenden Auges unseren Lebensraum. Es gibt immer weniger Raum für Zwischenmenschlichkeit und Emotionen. Es geht um Geld, Macht, Erfolg, Status, Aussehen. Die Hierachie gibt uns vor, wie wir sein müssen, um voran zu kommen. Dabei vergessen wir oft, dass wir eigentlich von unserer Natur aus darauf ausgerichtet sind, mit anderen Menschen zu kommunizieren, Einklang zu suchen, uns mit ihnen zu verbinden und auszutauschen.

Die Pandemie lehrt uns auf unbarmherzige Art und Weise, wie abhängig wir alle voneinander sind. Indem sie alle Menschen gleichermaßen trifft, zeigt sie uns, dass in einer Gesellschaft jeder und jede wichtig ist und dass für alle gesorgt werden muss, um das Wohl der Gemeinschaft zu sichern. Unabhängig von Einkommen, Bildungsniveau, Herkunft, Geschlecht, Alter.

„Social-Distancing“ lässt uns schmerzlich spüren, wie wichtig soziale Kontakte für uns sind, wie sehr wir Berührung brauchen oder die (körperliche) Anwesenheit einer geliebten Person. Dinge, die wir oft als unwichtig hintanstellen, da wir uns in einer ununterbrochenen Stressreaktion befinden: egal wieviel wir arbeiten, wie erfolgreich wir sind, wie gut oder jung wir aussehen – es ist nie genug und wir müssen es alleine schaffen.

Ein Neubeginn wird nicht ohne ein grundsätzliches Umdenken auf dieser Ebene stattfinden können. Unsere Gesellschaft braucht einen Paradigmenwechsel: weg von Hierachie und Dualismus hin zu einer Gemeinschaft, in der Diversität, Individualität, unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Ausdrucksformen geschätzt und gelebt werden.

Kunst und insbesondere auch Theater kann und muss bei dieser notwendigen Veränderung unseres gesellschaftlichen Systems eine wichtige Rolle spielen. Und zwar als essenzielles Kommunikationstool, das zwischen verschiedenen Individuen und Gruppierungen innerhalb einer Gesellschaft bzw. auch zwischen verschiedenen Gesellschaften und Kulturen vermittelt.

Theater ist ein fruchtbarer Boden für den lebendigen sozialen und kulturellen Austausch, den wir so dringend brauchen. Die Live-Theater[1]Erfahrung ist eine Erfahrung, die vor allem auf körperlicher Ebene stattfindet und nicht auf die geistige oder materielle Ebene beschränkt bleibt. Sie verbindet alle Anwesenden – Publikum und Mitwirkende – für die Dauer der Vorstellung auf ganz spezielle Weise. Durch das Gemeinschaftserlebnis werden alle Eindrücke und dadurch ausgelösten Emotionen um ein Vielfaches potenziert, da alle dieselben Schwingungen spüren. Insbesondere Tanz und Musik als non-verbale Ausdrucksformen können Sprache transzendieren, durch das intensive körperliche Erleben Theater direkt emotional erfahrbar machen und auf unbewusster Ebene Veränderungen in Gang setzen.

Was sich meiner Meinung nach innerhalb der darstellenden Künste ebenfalls dringend verändern muss, ist die hierachische Herangehensweise, der Fokus auf die Elite, auf die Stars, die großen Häuser und teuren Produktionen. Der Diversität muss auch hier ein höherer Wert beigemessen werden. Budgets müssen gleichmäßiger verteilt werden. Nicht nur die im letzten Jahr oft zitierten Salzburger Festspiele machen Österreich zur „Kulturnation“. Es sind ebenso die vielen kleinen Kulturinitiativen, OFF-Häuser und Einzelkünstler*innen, die die Theater- und Kulturlandschaft prägen und daher die gleiche Wertschätzung und Anerkennung verdient haben.

Ich wünsche mir, dass diese immense gesellschaftliche Bedeutung von Theater in seiner Vielfalt bei den verantwortlichen Politiker*innen bald ankommt, und dass auch Live-Vorstellungen bald wieder möglich sein werden.

Was liest Du derzeit?

Barbara Clayton: „A Penelopean Poetics. Reweaving the Feminine in Homer’s Odyssey“

Bessel van der Kolk: „The Body Keeps the Score: Brain, Mind and Body

in the Haling of Trauma“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wir können uns verstehen, weil wir uns alle in der gleichen Lage  befinden, weil wir alle unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage sind, und weil uns alle trotzdem mehr verbindet als trennt – unsere Bedürfnisse, unsere Sehnsüchte, unsere Angst und unser Hunger.“

– Ariadne von Schirach, „Du sollst nicht funktionieren: für eine neue Lebenskunst“

Vielen Dank für das Interview liebe Nadja, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanztheaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nadja Puttner_Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin

Unicorn Art

Fotos_1 Ingrid Chladek; 2 Unicorn Art

4.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Sinn stiften, bei Sinnen sein, oder sich verlieren: sinnlich werden“ Susanne Schirdewahn, Künstlerin_Berlin 3.5.2021

Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder meiner Tage ist voll und vollends anders. Da ich zwei Jungs im hohen Teenageralter und derzeit eine Gastschülerin habe, scheuche ich uns alle in den Morgen, um dann selbst online zu unterrichten (DAF) oder an meinen Texten zu schreiben oder ins Atelier zu fahren. Dazwischen versuche ich etwas Ordnung in alles zu bringen, was schwierig ist, da ich so eine Art Furor an der Leine habe. Momentan habe ich das starke Bedürfnis nach kreativem Arbeiten, also nutze ich dafür jede, aber auch jede Minute. Zum Glück kochen wir alle vier gerne und gut, sodass auch das nicht zu kurz kommt.

Susanne Schirdewahn_Künstlerin und Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eben das: täglich etwas mit Sinn machen. Sinn stiften, bei Sinnen sein, oder sich verlieren: sinnlich werden. Seit ich Deutschtrainerin bin für Wörter, machen auch die plötzlich viel mehr Sinn. Ich glaube, derzeit tut es gut, sich auf die Schönheit von Gedanken einzulassen. Nicht umsonst entdecken viele die Romantik neu, die Natur, die Einfachheit. Doch bei aller Betrachtung ist es wichtig, den Motor am Laufen zu halten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich ist die Kultur ein Zuhause, das wird sich auch nie ändern. Mit ihr gelingt es hervorragend, mal aus dieser „Box“ zu steigen und neue Blickwinkel zu haben. Das darf nicht anders werden! Momentan habe ich nur Sorgen, dass diese Impulse im letzten Jahr eingeschlafen sind. Zuerst zu denken, was man darf und nicht darf, anstatt zu überlegen, was möglich ist. Für diese Möglichkeiten ist „Kulturschaffen“ ein perfektes Fitnessstudio. Wach bleiben! Mitdenken! Manchmal werde ich richtig theatralisch, wenn ich denke: klar, die Kultur ist der Kit in unserer Gesellschaft, aber auch der Auslöser.

Susanne Schirdewahn_Künstlerin und Autorin

Was liest Du derzeit?

Durch Zufall bin ich auf das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer gestoßen, der darin aus seiner Sicht als damals 13 Jähriger die Entführung seines Vater (Jan Philipp Reemtsma) beschreibt. Das passt geradezu perfekt in meine bildnerische Auseinandersetzung mit „Traum-Trauma“. Sehr empfehlenswert!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sinn? Sinn!

Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Susanne Schirdewahn_Künstlerin und Autorin

http://www.susanne-schirdewahn.de/

Fotos_1 Tanja Nedwig; 2 Marcel Schwickerath

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„bestehende strukturen /netzwerke etc. zu erhalten und zu unterstützen“ Eva Bischof-Herlbauer, Projektionskünstlerin_ Wien 3.5.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

früh morgens aufstehen / social media checken dazu den ein oder anderen espresso / telefonate erledigen und nebenbei dem putzteufel seinen tribut zollen / danach viel zeit mit einreichungen verbringen um zumindest die aussicht auf ein bisserl geld im börserl / und sobald sich die dunkelheit übers corona geplagt land legt und die telefone und sonstigen kommunikationswege still im schlaf versunken versuch ich mich kreativ zu betätigen – will heißen video cutten oder konzepte schmieden. ein paar kunden und aufträge sind uns dann ja doch noch geblieben – ansonsten wären wir schon längst  dem lockdown bedingtem untergang zum opfer gefallen.

Eva Bischof-Herlbauer_Projektionskünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 zusammenhalt und die hoffnung nie aufgeben 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“ 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

bestehende strukturen / kultur affine orte und firmen / netzwerke etc zu erhalten und zu unterstützen – denn das ist die basis unserer arbeit. vieles wird in trümmern liegen aber man darf dies nicht als das ende sehen es geht immer irgendwie weiter wenn zur zeit mehr schlecht als recht 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Was liest Du derzeit?

thor kunkel  / das schwarzlicht terrarium 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

shakespeare – die ganze welt ist eine bühne …

ich möchte diese bühne auch in zukunft nutzen um unsere kunst der welt zugänglich und konsumierbar zu machen  – um dies zu ermöglichen ist eine neue art von kreativität gefragt wege abseits der ausgetretenen pfade zu finden – wir lernen umzudenken, dinge aus anderen blickwinkeln zu sehen  – vielleicht das positive dieser krise – es entsteht viel neues im bereich innovativer techniken und kommunikation. 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Bischof-Herlbauer, Projektionskünstlerin

www.4youreye.at

Alle Fotos_Eva Bischof-Herlbauer

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com