„Es ist etwas ganz Großes eine Fassade abzulegen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien _50 Jahre Malina_6.5.2021

Wien, das bedeutet Diversität und Kunst. In jeder Gasse begegnet dies, das schätze ich sehr. Und ich liebe die Architektur der Stadt, diese ist einzigartig schön.

In einer Stadt lebst du ohne Stempel. Das lässt entfalten, entwickeln.

Magdalena Mikesch Schauspielerin

Ich bin im Waldviertel aufgewachsen und nach der Matura nach Wien gezogen. Jeder Platz hat eine Erinnerung hier. Schönheit und Traurigkeit liegt jetzt da, da ich beruflich die Stadt verlasse und umziehe.

Die Kaffehäuser werde ich vermissen, die Schanigärten. Die Atmosphäre der Stadt, die schönen Häuser, die Theater. Wir sind da verwöhnt.

Ausgewählte Möbel kommen beim Umzug mit. Derzeit ist ein Tisch in Bearbeitung, den meine Großeltern und Eltern schon hatten, der wird neu lackiert und kommt mit nach Kassel. Ich nehme Familienmitbringsel mit. Von jeder Stadt kommt dann was dazu. Ich habe gerne wenige Dinge, aber die mag ich dann richtig gern.

Alte Dinge sind schöner, ich mag, wenn Dinge alt sind.

Ich war schon im Bauch meiner Mutter auf der Bühne meiner Großeltern und bin dann da mitgewachsen.

Mein Opa war in der Bank angestellt und hat dann gemeinsam mit seiner Frau ein Theater aufgebaut – „Theater im Kloster“ (Wiener Neustadt). Es ist bis heute ein Familientreffpunkt. Das Theater hält meine Großeltern jung. Ein Theaterort, an dem man gerne hingeht, in dem etwas aufgebaut werden kann, das war, ist meiner Familie sehr wichtig.

Jetzt gibt es einen fahrenden Vorhang, Polsterstühle, es ist gewachsen, ich komme gerne zurück. Ich finde das Einspringen schön, sehe Videos und spiele dann mit, das ist ein Highlight im Jahr.

Es ist im Schauspiel immer ein Planen und Vorausblicken in den Engagements. Da ist sehr viel an Kommunikation und Organisation, auch Unsicherheit. Eine Probenphase ist sehr fordernd, das wird auch nachhause mitgenommen. Eine ständige Präsenz. Das schlaucht natürlich.

Mit der Pandemie war da plötzlich völliger Stillstand. Das war zunächst auch eine Erleichterung und eine Möglichkeit des „Aufladens“. Ich bin jetzt voller Lust auf die Bühne.

Die Natur hat mir in der Pandemie Kraft gegeben. Ich bin Spaziergängerin geworden. Es war auch ein menschlicher Weg vom gezwungenen Rhythmus zum eigenen Rhythmus.

Bei einem Drehtag stehst du um 4h morgens auf und kommst abends nachhause, das ist fern jedes persönlichen Rhythmus. Aber natürlich sehr spannend.

Der Weg im Schauspiel ist nie leicht. Es geht rauf und runter, gibt Rückschlage, wie jetzt in der Pandemie, aber auch immer Kraftquellen, um weiterzumachen.

Derzeit finde ich den Film beruflich sehr spannend. Dieses Unmittelbare darin.

Die Theaterstrukturen sind festgefahren. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für Veränderung, auch um Strukturen zu brechen.

Der Film ist weiter als das Theater was Struktur betrifft. Das Theater steht da still. Die Leitung, die Hierarchie, wer wo im Ranking ist, das steht fest. Da wird nicht viel hinterfragt. Das ist gesellschaftlich schon selten. Es gibt da einiges zu tun.

Der Generationenübergang in den Theaterleitungen wird spannend.

Es ist schön, wenn Theater nicht perfekt ist, perfekt sein muss

Malina – jeden Gedanken, den Ingeborg Bachmann im Roman in Worte fasst, den hat man selbst gedacht. Das erfordert ein großes Maß an Ehrlichkeit, Mut zu dem Nicht-Verbergen, Verstecken. Es geht in das Innerste, dorthin wo das liegt was niemals ausgesprochen wird.

Was ist Liebe? Ist man je nicht allein?  Der Roman stellt diese Fragen ganz direkt.

Menschen, die ich behalten will und dann sind sie es doch wieder nicht. Die Suche – was will ich, was tut mir gut? Das hört nie auf im Leben.

Das Nachdenken, das Gefühl was man der Welt geben will, wer man ist darin, das beschäftigt mich auch sehr. Erkenntnis und Wissen braucht Zeit. Es geht alles viel zu schnell heute.

Bachmann schreibt über den Versuch zu sein und dann doch wieder alles fallenzulassen.

Diese Zerbrechlichkeit. Jeder Mensch hat diese, auch wenn eine Fassade darüber gebaut ist.

Dass man in der Welt nicht zerfällt und sich nicht zerstören lässt von anderen Menschen. Das ist ein großer Punkt im Roman.

Man muss Menschen ziehenlassen und neue Begegnungen zulassen.

Social Media ist ein Fassadenbau. Menschen ohne Fassaden begegnen sich da nicht. Es ist etwas ganz Großes eine Fassade abzulegen.

Man schafft sich seine eigene Fassade, daher sieht es ganz anders aus.

„…nur hinter der Fassade ist kein Mensch lächerlich“ Ingeborg Bachmann

Auch in der Liebe gibt es immer Fassaden. Der Mensch verhält sich immer anders, wenn er nicht alleine ist. Egal wie gut du einen Menschen kennst wie lange du zusammen bist, immer gibt es eine Fassade, das war zu Malinas Zeit so wie heute.

Unsere Fassaden, Facetten sind auch Schutzwände.

Beim Malina lesen fällt nicht auf, dass der Roman vor über fünfzig Jahren geschrieben wurde. Das unmittelbare Verstehen geschieht sehr schnell. Heute nennen wir es toxische Beziehungen. Das ist leider die Realität.

Es wird in der Liebe immer Menschen geben, die eine Machtposition haben wollen und diese auch ausnutzen. Es gilt da gegenzusteuern, das Gespräch suchen, das Beziehungssystem zu ändern – ich sehe da etwas schwarz.

Immer wenn ich dachte, es sei Liebe auf den ersten Blick war es eine weniger gute Erfahrung.

Ein Aufbau zur Liebe über Freundschaft hatte immer etwas Standhaftes, Dauerndes. Es fällt da weg, perfekt sein zu müssen.

Liebe ist Arbeit. Es ist ein Aufbauen.

Je älter man wird, je mehr Erfahrungen, umso mehr Vorsicht, Skepsis gibt es in der Liebe. Vielleicht geht es dann in der Lebenszeit irgendwann wieder zurück (lacht). Und die Sicht wird wieder lockerer.

Verliebtheit auf den ersten Blick gibt es. Liebe ist da eine Vermutung und es ist leichtsinnig gegenüber dem Wort Liebe.

Liebe ist Vertrauen. Und Offenheit.

Vertrauen ergibt Liebe.

Bei Malina ist es Vernarrtheit – Ivan – ein in den Bann ziehen, verschwommene Realität, andere Tatsachen – unüberlegte Trance.

Ein Zusammenbauen von Realität.

Sie sucht Geborgenheit in Ivan. Auch ein Wegkommen, Loswerden. Es ist ein Reinstürzen-Wollen, um ein neues Leben zu führen, anders leben zu können.

Ivan ist Wunsch und Flucht. Diesen Reiz gibt es immer, Festgefahrenes zu verlassen.

Es ist auch schön in das Nichtwissen zu gehen, zu fallen. Das ist zweifellos Ivan.

Ein Wunsch ohne Reflexion ist eine Wiederholung. Da verändert sich nichts. Das wird auch heute gelebt. Der Roman hat seine Aktualität.

Wir denken zu wenig über uns nach.

Manche Menschen wollen in der Dreiecksbeziehung leben. Das passiert nicht nur im Roman.

Wir haben ein weites Spektrum in der Liebe heute.

Eine Verstrickung passiert schnell.

Mit Lügen wird es nicht besser in der Liebe. Da kommt man nicht mehr raus. So geht es vielen Menschen.

Menschen verändern sich in fünfzig Jahren nicht. Es ist wie damals.

Es gibt Menschen, die ihre Geschichte ansprechen. Diese bleiben meist unter sich.

Menschen mit Fassaden und Menschen in Offenheit. Da gibt es keine Vermischung.

Eine verlogene Menschheit ist ganz, ganz schrecklich. Deswegegen ist mir Vertrauen so wichtig.

Es gibt Männer, die nicht so sein wollen wie Männer vor fünfzig Jahren, die teilhaben wollen, aber vielen fällt es schwer ihre Machtpositionen abzugeben. Sie haben Angst etwas zu verlieren.

Vertrauen ist das Wichtigste. Respekt.  Darauf kommt es an.

Es gibt eine Hingezogenheit. Den Reiz zusammen zu sein.

Es gibt nie ein Nur-Zusammen. Es sind Individuen in der Liebe, diese müssen gemeinsam wie selbständig wachsen. Wenn nicht, ist es vorbei.

Es gibt nicht nur die eine Liebe. Auseinandergehen ist auch wichtig.

Das Unbewusste ist ein Teil von uns. Aufarbeitung ist wichtig, wenn es Belastendes gibt.

Du kannst im Leben nichts wegwerfen. Es ist immer ein Teil von Dir.

Ein Geheimnis kann persönlich eine Basis sein. Im Leben, in der Liebe.

Es braucht Erfahrungen, um Malina zu lesen.

Lebensentwürfe – ändern sich. Glücklichsein ist mir jetzt wichtig.

Ich habe Angst, dass ich eine Beziehung führe, die ohne Worte endet. Dass da nur mehr Hass ist. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Ich hoffe, ich könnte die Reißleine ziehen, wenn sich der Mensch dreht. Die Kraft stop zu sagen, ist sehr wichtig!

Die Gesellschaft, eine Stadt muss ihre Angebote in Beziehungsdramen sichtbar machen und Hilfe anbieten.

Menschen muss in der Bildung vermittelt werden wo Grenzen des Verhaltens in Begegnung und Beziehung sind. Das ist eine wesentliche Aufgabe.

Ich hoffe, es gibt dauerndes Glück in der Liebe.

Umgeben Sein, lieben und geben. Das ist Liebesglück.

Magdalena Mikesch, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Magdalena Mikesch _ Schauspielerin _Wien.

Schauspielerin | Magdalena Mikesch (magdalena-mikesch.at)

„Ich bin kein Fan von halben Sachen“ Magdalena Mikesch, Schauspielerin_Wien 11.1.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

https://literaturoutdoors.com

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