Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe das Glück, mit meiner Kollaborationspartnerin Anna Neuwirth zusammenzuleben. Die Zeit allein verbringe ich vor allem an meinem Schreibtisch. Ich lese mehr als sonst, treffe mich online mit Freunden, schreibe. Am Abend streamen wir derzeit oft einen Film oder eine Kulturveranstaltung.
Martin Troger, Schriftsteller, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das Wichtigste sollte jetzt für uns das sein, was wir füreinander tun können.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich bin gespannt darauf, wie 2020 für uns den Blick auf unsere Zukunft verändert hat. Vielleicht gibt es neben den vielen negativen auch ein paar positive Konsequenzen aus dem vergehenden Jahr.
Kunst kann ein Gradmesser für die Entwicklung einer Gesellschaft sein, Entwicklungen im besten Fall sogar anstoßen. Sie sollte ungemütlich sein können und Missstände aufzeigen.
Was liest Du derzeit?
Anita Pichler: Die Frauen aus Fanis
Mark Fisher: Ghosts of my Live
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gestern waren uns unsere Träume noch möglich. Heute schon nicht mehr. Bald, vielleicht schon morgen, werden die der Zukunft, die noch vor uns liegt, auch nicht mehr möglich sein. Die Angst davor kriecht in der Nacht zu uns in unsere Betten, sucht uns heim. Aber in der Einsamkeit ein Lied, ein Lied, ein Lied, in dem ein Schatz, unser Schatz beschworen wird,
ein Herz, unsere Herzen.
Aus: neutro – Wandernde Herzen
Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Betka, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Fließend strukturiert. Seit einigen Jahren konzentriere ich den Großteil meiner beruflichen Aktivitäten als Künstlerin, Pädagogin und Networkerin in meinem eigenen Lebensraum und das gibt mir auch in diesem bewegten Jahr Halt, Kraft und Spielraum. Apropos „bewegtes Jahr“. Die letzten vier Jahre waren für mich eine große persönliche Herausforderung auf allen Ebenen, da blieb kaum ein Stein auf dem anderen liegen. 2019 brach dann als Konsequenz mein physisches System zusammen, ich musste innehalten. Rückzug, viel Alleinsein, Reduktion der Kontakte, der Aktivitäten. Eine Art persönliche Quarantäne und Lockdown. Die Zeit lehrte mich unglaublich viel. Resilienz, Hingabe an und Vertrauen in meine Heilungsprozesse, Verständnis, innere Stärke. Dieser Tauchgang hat etwas Immenses in mir aktiviert, eine Art Anbindung an die Lebenskraft… es ist immer da und hilft mir, kreativer und gelassener mit den täglichen Herausforderungen umzugehen. So kann ich heuer nicht nur für mich und meinen Sohn, sondern auch für andere einen Raum der Stärkung, Zuversicht und Kreativität (mit)gestalten.
Wir müssen lernen, die Prozesshaftigkeit der Existenz zu verstehen und anzunehmen. Herausforderungen sind ein wichtiger Teil des Lebens, denn die Reibung, die Friktion, die durch sie entsteht, aktiviert unser Potential. Wir brauchen dringend Verankerung im Körper, denn er ist DER Ort der Selbstregulierung und trägt die Weisheit der ganzen Evolution in sich. Und wir brauchen gesunde, funktionierende Netzwerke aller Art, auf allen Ebenen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, dem Theater, der Kunst an sich zu?
Die Kunst ist essenziell und erschafft Räume für genau die Qualitäten, die ich vorher erwähnt habe. Sie hat die Macht, die brutale Schönheit des Lebens aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtbar und erfahrbar zu machen. Sie gibt uns Kraft, die Widersprüchlichkeit des Lebens besser anzunehmen, zu umarmen, zu verdauen. Sie ermächtigt und heilt. Ich wünsche mir, dass die Umbrüche, die wir jetzt als Individuen und als Kollektiv erleben, den Stellenwert der Kunst und der Kreativität endgültig ins Licht rücken und dass es zu spürbaren positiven Veränderung sowohl im Selbstverständnis der Kunstschaffenden als auch in den kulturpolitischen Strukturen kommt.
Dress_Betka Phoenix Fislova _ Foto_Armin Bardel
Was liest Du derzeit?
„Life On Land“ von Emily Conrad, der Begründerin des Continuum Movements , in dem es um das verborgene und immense Potenzial unseres meschlichen Wasserkörpersystems geht. Für die Weihnachtszeit hole ich mir dann endlich die langersehnte signierte Ausgabe von „Fremdes Licht“ von meinem lieben Freund Michael Stavaric. Yummy!!!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„The only hell is an unexamined thought.” Byrion Katie
Betka Fislova_Foto_Gil Badiccini
Vielen Dank für das Interview liebe Betka, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Betka Fislova_Tänzerin, Choreografin, Designerin
19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Haralampi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich nicht dramatisch verändert: ich zeichne, male, schreibe alleine&lebe in meinen Gedanken. Natürlich fehlt mir das Cafè und ja, für unsere Kinder ist der Alltag mittlerweile eine Ödnis.
Entscheidend in diesen endlosen Zwangsmaßnahmen ohne erkennbaren Gewinn die abgesagten Ausstellungen, Vorträge&die verschobene Fertigstellung meines neuen Buches „Das Lächeln des Emigranten“! Da hilft Distanz zu sich selbst und noch mehr Humor.
Haralampi G.Oroschakoff, Maler, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Keiner von uns überlebt das Leben. Also hören wir mit diesem selbstgerechten Gejammer auf, diesem lauernden Eifern/Geifern im Gewande des Nichtsgönnertums. Stattdessen eine letzte Freiheit(Kunst) individueller Behauptung artikulieren, um die Ödnis zu parieren.
Doppelkreuz Gawriil I 200-160 Pigment_Öl _ 2018
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Meine Familie hat seit der russ.Revolution zweimal Flucht &Vertreibung erlebt und Neuanfang. Als wir 1960 aus Belgrad im Durchgangslager Traiskirchen ankamen, ich war ein sprachloses Kind von fünf Jahren, waren meine Eltern dankbar, dem Zwangskollektiv entronnen zu sein. Wiener mit Wohnsitz in Berlin staune ich, wenn ich von „Cancel Culture“ oder verordnete „Sprachkorridore“ umzingelt werde. Dienen weder der Gerechtigkeit oder gar der Freiheit (wunderbare Illusionen). In diesem Sinne gebe ich den mühsam erkämpften Universalismus nicht auf und auch nicht die Gewissheit, dass Demokratie ohne Kontroverse direkt in die Entmächtigung führt.
Doppelkreuz Kandinsky 200_160 PigmentÖl _2000
Was liest Du derzeit?
„Wie soll man leben?“
Anton Čechov liest Marc Aurel
„Gott-Gerechtigkeit-Liebe-Schönheit“
Jean-Luc-Nancy wdpress-Berlin
„The Doors und Dostojewski“ (Das Rolling-Stone-Interview)
Susan Sontag/Jonathan Colt
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Kunst ist das Gegenteil von gut gemeint“ A.Reinhardt
Vielen Dank für das Interview lieber Haralampi, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Haralampi G.Oroschakoff_Maler, Schriftsteller
31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Wolfgang, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Offen gesagt, unterscheidet er sich glücklicherweise nicht allzu sehr von dem der zurückliegenden Jahre, jedenfalls nicht, seit ich nicht mehr in einer Hörfunk-Redaktion arbeite, sondern nur noch zu Hause … Allerdings haben sich jetzt, in der Pandemie, die Reihenfolge der Dinge und auch die Orte, an denen ich diese „erledige“ verändert. Wenn ich nun (recht früh) aufgestanden bin und den Rechner hochgefahren habe, schaue ich nicht mehr als Erstes in den Mail-Eingang, sondern ich checke die aktuellen Zahlen der Neuinfektionen, in Deutschland und in Tschechien (meine Frau ist Tschechin, einen Großteil des Jahres verbringen wir normalerweise auch in Prag …). So versuche ich, mir das Geschehen und dessen Entwicklung irgendwie begreifbar zu machen, was natürlich nicht gelingt. Es bleibt einfach vor einem stehen, wie eine Schreckenswand.
Habe ich dann die ersten Mails beantwortet, gibt´s ein kleines Frühstück und den Espresso danach, den ich ehedem in einem Café ums Eck trank, nun aus der hauseigenen Maschine. Und die Zeitungen, die ich dabei früher in Papierform zumindest überflogen habe, bringt jetzt in reduzierter Zahl das Tablet ins Haus.
Danach: Rückkehr an den Schreibtisch, die Routine, die stetig Neues bringt. Lesen, lektorieren, korrigieren, recherchieren für einen eigenen Text, erste Skizzen dazu fertigen – und vor allem übersetzen. Da sitze ich zurzeit mit meinem isländischen Malerfreund Jón Thor Gíslason an mehreren Übertragungen isländischer Poesie gleichzeitig; teils feilen wir an letzten Fassungen ganzer Gedichtbände, die im nächsten und übernächsten Jahr im ELIF Verlag erscheinen werden, teils übersetzen wir beispielhaft einzelne Texte aus Neuerscheinungen, um ein Gefühl für das Ganze zu bekommen und es auch Literaturzeitschriften und dergleichen anbieten zu können.
Nach ein paar Pausen (ein kurzes Mahl, ein manchmal längeres Lesen) ist in der Regel dann gegen 19 Uhr „Feierabend“ – mit Nachrichten, Musikhören, Fernsehen, wieder Lesen. Und am nächsten Tag beginnt alles mehr oder weniger genauso aufs Neue. Mit einem Unterschied zu früher: Wenn ich da morgens in mein Stammcafé ging und es war geschlossen, so wusste ich, dass Sonntag war. Dieses Ordnungssystem, die Zeit betreffend, habe ich nun nicht mehr!
Wolfgang Schiffer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir uns nicht die Freude und den Mut nehmen lassen! Nicht resignieren, vor dem, was uns und allen anderen gerade geschieht. Natürlich vermissen wir viele lebendige Kontakte, den geistigen Austausch, der so oft auch mit einem Anfassen, mit Berührungen einhergeht, wir vermissen die Umarmungen von unseren Nächsten wie von Freundinnen und Freunden, sei es im familiären und näheren Umfeld, sei es in anderen Ländern, die uns zurzeit ja alle mehr oder weniger verwehrt sind – hier müssen wir gegenhalten, mit Briefen, Mails, Telefonaten, Fotos, mit Video-Botschaften usw. Und zugleich müssen wir uns bewusst machen, dass dies nicht der zukünftige Normalzustand sein darf! All dies ersetzt nicht, was uns das physische Miteinander schenkt.
Und damit wir wieder dahin kommen, gehört es auch zum Mut, einen jeden, der uns begegnet und der sich nicht an die Vorsichts- und Schutzmaßnahmen hält, die geboten sind, um dem Virus die Wirte zu entziehen, unmissverständlich auffordern, dies zu tun und sich und seine Mitmenschen zu schützen!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich fürchte, gesamtgesellschaftlich werden die Lehren, die man aus den aktuellen Erfahrungen zieht, äußerst gering sein. Da bin ich Pessimist, weil ich zu beobachten glaube, dass bereits seit Jahren jeglicher Gemeinsinn mehr und mehr abhandenkommt … Und wer glaubt, dass das Wort „nachhaltig“ in unserem Wirtschaftssystem etwas anderes bedeute, als dem Zwang zum Wachstum, auf dem es beruht, einen freundlicheren Klang zu geben, ist meines Erachtens naiv …
Es ist also an jedem Einzelnen, zu schauen, wie er die Zukunft für sich sieht und gestaltet. Die Rolle der Kunst, der Literatur (über die traue mich am ehesten etwas zu sagen) ist dabei die gleiche wie immer: Sie lässt uns in fremde Charaktere und Welten schauen, damit wir uns und die Welt, in der wir leben, besser sehen, besser durchdringen können.
Was liest Du derzeit?
Wenn´s nicht ums „berufliche“ Lesen, also ums Beurteilen, Lektorieren usw. geht, bin ich zumeist ein Parallel-Leser, abhängig von der Tageszeit. So habe ich soeben die Lektüre der Erzählungen „Grundlagen Forschung“ von Anke Stelling (tags) parallel zu dem Roman „Der rote Affe“ von Kaśka Bryla (abends) abgeschlossen und parallel zu diesem (tags) „CoDex 1962“ des Isländers Sjón begonnen. Und wenn „Roter Affe“, was sehr bald der Fall sein wird, zu Ende gelesen ist, liegt für den Abend parallel zu Sjón bereits der Roman „Auwald“ von Jana Volkmann bereit.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wer nicht in der Poesie lebt, der überlebt hier auch nicht.“
Das lässt der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness im Roman „Am Gletscher“ seinen Pfarrer Jón Primus sagen und meint damit ganz ohne Zweifel nicht nur geschriebene Wörter.
Vielen Dank für das Interview lieber Wolfgang, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Laura, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich gar nicht so anders wie vor der Pandemie. Ich arbeite, wann immer es geht, halbtags in meinem Atelier an meinen Texten. Verbringe Zeit mit meinen Kindern. Gehe meinen Geldjobs nach (die zugegebenermassen etwas spärlicher geworden sind, vor allem die Lesungen aus meinem zweiten Roman, der im Frühjahr erschien, leider). Spaziere. Treffe meine Allernächsten. Es ist gut, dass wir in einer kleinen Genossenschaft leben, wo Austausch gar nicht zu vermeiden ist, unter den Kindern wie unter den Erwachsenen. Wir haben Blick auf den Wald und das Dorf ist nah.
Laura Vogt, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke mal: Ruhe bewahren. So gut es geht. Andere Dinge sehen: Den Raureif an den nackten Kirschbäumen. Den Jogger, der nach der steilen Treppe einen Freudenschrei macht. Das Lesen auch! Und sich fragen, jede*r für sich: Was ist wichtig für mich? Wie will ich leben? War mein Leben vor der Pandemie eigentlich so gestaltet, wie es zu mir passt? Was könnte sich verändern? Was fehlt mir? Und wie geht es den Menschen um mich herum?
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Auch wenn es etwas abgeschmackt tönt: Es wäre gut, würde der Mensch sich wieder etwas mehr darauf besinnen, was er tatsächlich braucht. Dazu gehört meiner Ansicht nach die Kunst in all ihren Facetten, und für mich auf jeden Fall an oberster Stelle die Literatur. Durch sie lernt man so viel! Über Unbekanntes und Bekanntes, aber immer wieder anders gedacht, neu betrachtet, durch die jeweiligen Rhythmen und Sprachen, die tragen, und einem nach der Lektüre leicht verschoben zurücklassen, im schönsten Sinne.
Was liest Du derzeit?
Ich habe vor Kurzem Dorothee Elmigers „Aus der Zuckerfabrik“ und Mely Kiyaks „frausein“ beendet. Eine tolle Kombination! Seit Monaten lese ich ausserdem immer wieder Brocken von Susan Sontag. Und „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben“ liegt auf meinem Schreibtisch.
Nun bin auf der Suche nach einem Roman, den ich lesen mag, was gar nicht immer so einfach ist. Neben meinem Bett liegen: Annie Erneaux „Die Jahre“; John Burnside „Lügen über meinen Vater“; Chris Kraus „I love Dick“ (wieder!); Rachel Cusk „In Transit“ (wieder!), und anderes mehr; ausserdem der Anfang des Manuskripts meines Freundes. Eine Zeitung auch.
Bisher konnte ich mich noch nicht entscheiden, was es als nächstes sein soll.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich denke, dass Denken eine Art Fühlen und Fühlen eine Art Denken ist“, sagte Susan Sontag mal. Die Gegenpole ineinander übergehen und verwachsen lassen. Grenzen verschwimmen sehen. Wegkommen vom schwarz-weiss. Das ist schwierig, weil wir’s so gewohnt sind, im „entweder – oder“ zu denken. Aber darin, in den Übergängen, liegt eine große Kraft, finde ich!
Vielen Dank für das Interview liebe Laura, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Isabel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Abgesehen davon, dass 2020 insgesamt 30 Lesungen abgesagt wurden, nicht viel anders als vorher: Aufstehen, arbeiten, zwischendurch etwas essen. Nur halt zu Hause, statt an meinem heißgeliebten Büroplatz. Was mir wirklich fehlt, sind Treffen mit Freunden, Veranstaltungen, Ausgehen, Menschen.
Isabel Bogdan, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Liebe! Also wie immer, und jetzt erst recht. Soziale Nähe bei räumlicher Distanz. Die Freund:innen immer mal wieder fragen, wie es ihnen geht. Zusammen spazierengehen, telefonieren, chatten, Videokonferenzen. Das sind teilweise Notlösungen, aber besser als nichts.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und andere Künste erweitern den Horizont und stärken die Empathiefähigkeit, weil man auf unterschiedlichste Weise in die unterschiedlichsten Köpfe gucken kann. Und das ist genau das, was wir jetzt brauchen. Wenn die tatsächliche Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu Begegnungen eingeschränkt sind, ist es vielleicht sogar die Rettung.
Was liest Du derzeit?
James Krüss, weil ich an einem Buch über Helgoland schreibe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gerade ist mir ein Gedicht von Wolfgang Borchert begegnet. Das passt, weil ich es furchtbar unsinnig finde, das Wort „Gutmensch“ als Schimpfwort zu benutzen. Was soll man denn sonst sein wollen? Ein Schlechtmensch?
Versuch es (Wolfgang Borchert)
Stell dich mitten in den Regen, glaub an seinen Tropfensegen spinn dich in das Rauschen ein und versuche gut zu sein!
Stell dich mitten in den Wind, glaub an ihn und sei ein Kind – laß den Sturm in dich hinein und versuche gut zu sein.
Stell dich mitten in das Feuer, liebe dieses Ungeheuer in des Herzens rotem Wein – und versuche gut zu sein!
Vielen Dank für das Interview liebe Isabel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Gerhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Arbeitsmäßig spielen sich die Tage im Wechsel zwischen Büro und Homeoffice ab. Ich bin in der glücklichen Lage, meinen Schwarz- und Weißbrotberuf weiter ausüben zu dürfen und mir somit den Luxus des Nebenerwerbsautors leisten zu können.
Ansonsten ist alles etwas entschleunigt und langsamer, der Tagesablauf ist quasi zum Tagesabgang geworden. Langsam wird es wieder länger hell. Nachts schläft es sich wie immer.
Gerhard Benigni, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Seife. Klopapier wird aus meiner Sicht überbewertet. Und was uns allen niemals ausgehen darf: Humor. Ach ja, und sobald wir wieder dürfen: Publikum. Live-Publikum. Von Angesicht zu Angesicht. Ungeskypte, zoomfreie, weblose Existenzen. Echte Menschen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Dass die Rolle überbewertet wird, habe ich bereits erwähnt. Die Rolle der Literatur und Kunst hingegen wird kein Aufbruch sein, vielmehr ein Mitwirken daran, die in der Krise aufgebrochenen bzw. ausgeweiteten Gräben wieder zuzuschütten. Ich meine diese Gräben zwischen Hellweiß und Dunkelschwarz, all diese Fürs und Widers, die zunehmenden Dafürs und Dagegens. Lebkuchen oder Vanillekipferl, Maske ja oder nein, Tanne oder Fichte, Testen hin oder her, Christkind oder Weihnachtsmann, Impfung her oder hin. Unser Humor bleibt immer noch das beste Vakzin.
Was liest Du derzeit?
Vorwiegend aktuelle Schlagzeilen, weil sie mich zu meinen täglichen Sprüchen in den Social Media inspirieren. Von diesen Breaking News ausgehend entstehen aber auch viele meiner humorvollen, satirischen und wortverspielten Kurzgeschichten. Mitunter – wie im Fall Corona – werden daraus gleich mehrere Bücher, meine Corona-Trilogie in vier Bänden. Diese wurden heuer vor, während und nach der ersten Lockdown-Phase im Frühjahr verbucht. Kurzum, ich schreibe mehr, als ich lese.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Egal ob links oder rechts, eine Hand wäscht die andere.
Vielen Dank für das Interview lieber Gerhard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Gabriele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin im Homeoffice und kann sehr gut arbeiten und die Arbeit über den Tag und die Abendstunden verteilen. Vermehrt kommen Probleme auf, die ich vor Corona nicht hatte. Wir lösen das im Team. Langfristige Vorhaben und Planungen liegen auf Eis. Wir sind ein Dreierteam, hängen von einander ab und wissen alle nicht, wie es weiter gehen wird. Aber, dass es weiter gehen wird – da sind wir uns sicher.
Gabriele Russwurm-Biro, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Hoffnung nicht verlieren, an eine solidarisch gestärkte Gesellschaft glauben, sich die wesentlichen Dinge bewusst machen und an den kleinen Dinge erfreuen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich wird es für uns alle sein, die Orientierung nicht zu verlieren und im Rahmen des Möglichen den Mitstreiter*innen aller Kunst-und Kulturbranchen Unterstützung und Sicherheit zu geben. In jeglicher Form auch immer. Das versuche ich in meinen ehrenamtlichen Engagement als Vorsitzende des Fachbeirates für Literatur des Kulturgremiums des Landes Kärnten (mit Stipendienvergabe) und als Vorsitzende des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes (mit Lesungen, Publikationen und Wettbewerben. Auf die gesellschaftlichen Umbrüche warten wir schon lange, sicher wird nichts beim Alten bleiben. Das ist auch gut so.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich von der amerikanischen Schriftstellerin Madeline Miller den Roman DAS LIED DES ACHILLS ( zuvor ICH BIN CIRCE) – beeindruckend einfallsreich und leidenschaftlich
Ales Steger, LOGBUCH DER GEGENWART / AUFBRECHEN (Haymon Verlag)-sehr lyrisch-ästhetisch
Roman: HIPPOCAMPUS von Gertraud Klemm (verlag Kremayr & Scheriau)- habe mich sehr amüsiert, obwohl es ein sehr ernstes Thema behandelt für uns alle, die wir Künstlerinnen sind…
Felix Mitterer: KEINER VON UNS – stark und überwältigend drastisch, obwohl es eine historische Geschichte ist über den Mohren Angelo Soliman.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Hell Is Empty, and All the Devils Are Here”(William Shakespeare/ The Tempest/ Der Sturm)
Vielen Dank für das Interview liebe Gabriele, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!