„Watschenmann“, Uraufführung, nach dem Roman von Karin Peschka. Bühnenfassung Berenice Hebenstreit, Michael Isenberg und Ensemble. Volx_Margarethen_Volkstheater Wien, 12.2.2019.

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Ein Stuhl wirft seinen Schatten auf eine Wand voller Schusterutensilien. Dunkelheit und Vision im stummen Stillleben. Dahinter ein inselgleiches Haus, das zugleich da und nicht da ist. Eine Vorhangwelt. Dann ist eine Violine zu hören. Eine intensive Klangfarbe, welche nun die Bühne für eine Zeitreise in das Dunkle nach dem Dunklen freigibt. Wien, nach dem Krieg. Zehn Jahre danach. Streunendes, begegnendes und verstörendes Leben, das nun aufeinandertrifft. In den Trümmern der toten, schlafenden, unruhigen Seelen einer Stadt, einer Welt, die weiterlebt, weiterleben muss, nach dem Ende des Krieges und dem mühsamen Neubeginn von Freiheit. Da ist Heinrich, der Watschenmann, der den Schmerz fühlt und dazu einlädt, ihn zu teilen. Das verschlossene Innere auf ihn auszuteilen, von Kopf bis Fuß. Schlagen, leiden, weitergehen, vielleicht erlösen. Geht nicht anders. Tag für Tag. Er und Dragan, Lydia, Elmer und alle, die hier endlos scheinend unterwegs sind…

sdr

Karin Peschka öffnet mit ihrem großartigen Roman „Watschenmann“ (2014) die unruhige prekäre Seele der Nachkriegsgeneration wie einer Gesellschaft nach dem Ende von Gewalt und Tod an sich. Die Publikumspreisträgerin der Bachmannpreistage in Klagenfurt (2017) legt in einer famosen tragischen Persönlichkeitsschau Vision und Vordergründigkeit im Anspruch von Emanzipation und Verwandlung offen. Doch das ist ein schmerzhafter Prozess. Das weiß vielleicht keiner besser als der „Watschenmann“ Heinrich und dieser ringt stellvertretend bis zum Blut damit. Mit den geballten Fäusten in der täglichen Begegnung in den Jackentaschen da draußen. Auch Jahre danach. Die Geschichte des Krieges und ein literarischer Blick auf die Schatten einer Nation im Umgang mit Traumata, im Weg des Schweigens, im Kontinuum von Gewalt, den erhofften Formen von Wandlung und Verwandlung, der Präsenz von Aggression…und wo endet diese? Wo versteckt sich diese? Es ist zweifellos eines der klügsten Bücher zur Geschichte eines Landes und dem Wesen von Krieg an sich.

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Die Inszenierung am Volkstheater Wien_Volx/Margareten überzeugt in ihrem selbstbewussten Weg dramaturgischer Narration. Sie setzt alles auf die Ausdruckskraft des Ensembles und gewinnt dabei alles. Dieses nimmt das Publikum einzigartig mit und lässt den Herzschlag des Romans wie den des Publikums dramatisch spüren. Die ProtagonistInnen agieren in famoser Intensität in Sprache, Ausdruck, Dialog und Virtuosität – Bühne und Musik verdichten dies zudem wunderbar. Hier geschieht Theater als Ereignis, das Geschichte und Seele in den Blick nimmt und ein Licht auf menschliche Kontinuitäten legt und im dramatischen Handlungsbogen Fragen nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit stellt. Aber auch still eine Vision öffnet, in der es um Horizonte von Erlösung, Integration, Überwindung von Gewalt in Humanität, Empathie und Liebe gehen könnte. Es sind Reflexionen zu Zusammenhängen und Ausweglosigkeiten von Krieg und Frieden, die im Spiel von der Bühne mitreißend in die Mitte der Zeit springen.

Ein großartiger Theaterabend, der weitere literarische Bühnenfassungen bestens empfiehlt.

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Walter Pobaschnig, Wien 2_2019

https://literaturoutdoors.com

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

 

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