„Das Unversuchte wagen, aufs Träumen nicht vergessen und noch weniger aufs Tun“ Norbert Trawöger_ Künstlerischer Direktor _Bruckner Orchester_Linz 28.8.2020

Lieber Norbert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es ist Ferienzeit und damit herrscht weitläufigere Terminfreiheit. Ich stehe sehr früh auf und gehe spät ins Bett. Dazwischen kann ich mich gerade freier Menschen, Dingen und Projekten hingeben, die mich bewegen, spiele mit meinen Kindern oder Flöte. Ich liebe diesen Zustand!

 

Norbert Trawöger _ Andrea Trawöger

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, aufeinander acht zu geben, das Menschliche – was für mich immer auch das Unversuchte meint – zu wagen, aufs Träumen nicht zu vergessen und noch weniger aufs Tun. Nicht machen, tun. Corona hat uns aus der üblichen Routine gerissen, die so nicht mehr wiederkehren wird. Insofern sind wir heftig gefordert,  auch unsere gewohnten Denkroutinen loszulassen und neu denken zu lernen. Das ist leicht gesagt, aber in Wirklichkeit eine echte Herausforderung: Bevor wir neue Antworten finden, müssen wir neue Fragen stellen lernen!

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Wir leben in einer sehr fragilen Zeit und müssen als Gesellschaft gut aufpassen, dass die Risse, Gräben und Unterschiede nicht noch größer werden. Unsicherheit ist aber immer die große Zeit der Möglichkeiten, auch jener, uns wieder als Gestaltungsbefähigte zu begreifen. Jede, jeder hat Einfluss und es ist höchste Zeit, diesen in Anspruch zu nehmen. Wer es nicht tut, stimmt dem Lautesten zu. Die Kunst kann uns helfen, die Ohren zu spitzen, uns unserer Verbindungen untereinander bewusst zu sein, uns zu unterhalten, uns heftig irritieren, in Räume führen, die wir uns gar nicht vorstellen konnten und vieles mehr. Sie muss nichts, die Kunst. Aber sie kann, ermutigen zum Beispiel. Wie wir können, wenn wir nur wollen – auch das Undenkbare, Noch-Nicht-Gedachte in Betracht ziehen.

 

 

Was liest Du derzeit?

Valerie Fritschs Roman „Herzklappen von Johnson & Johnson“. Ich bin mittendrin, in jeder Hinsicht.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Drei Sätze, Gedanken begleiten mich gerade sehr.

„Und ob die weite Welt wirklich weit ist, das liegt an jedem Menschen.“ /Ilse Aichinger

„Kenntnis der Notausgänge kann dazu führen, dass ich beim nächsten Mal mein Verhalten ändere.“ /Alexander Kluge in einem Interview mit „Welt am Sonntag“, 22. März 2020

„Ich brenne seit je darauf, es zu schaffen, dass sie zu Erreichbaren würden – Aufhorchende – Offene – Antwortende (und sei es wortlos).“ /Peter Handke; Die Obstdiebin

 

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Norbert viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke, dass ich darüber nachdenken durfte.

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Norbert Trawöger, Musiker

Künstlerischer Direktor des Bruckner Orchester Linz und Intendant des Kepler Salon

Foto: Andrea Trawöger

 

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„Der kleine Prinz“ Antoine de Saint Exupery. Faksimile Jubiläumsausgabe von 1950 im Schuber.

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Es gibt Bücher, die geben Welt und Bewusstsein Impulse über Generationen hinweg. Werden immer wieder neu entdeckt. Von Generation zu Generation. Leserinnen und Leser geben Ihre Begeisterung weiter. Erzählen und berichten vom Wort, das an Seele, Herz und Verstand heranreicht und bewegt.

Ein wichtiger Teil dieser inhaltlichen Begeisterung über ein Buch ist auch seine Form. Das sinnliche Wahrnehmen und dann das Öffnen, Blättern. Das Sehen, Spüren und Lesen. Das ist ein jahrtausendealter Prozess, der nichts von seiner Gültigkeit und seinem Zauber verloren hat.

Der Buchdruck gibt den Worten eine Form und ist dabei eine eigene Kunstform, die auf großartige Traditionen  zurück blickt…

Und diese immer wieder neu entdeckt…

Wie mit der vorliegenden beeindruckenden Faksimile Ausgabe. Es ist ein Buchkunstwerk erster Güte. Gleichsam ehrfurchtsvoll wird das Buch aus dem Schuber gehoben und dann diese ganz besondere Bewusstseinsreise in Wort und Bild des Autors genossen und bewundert.

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Zu Autor und Inhalt braucht es keine Worte. Ein Klassiker des 20.Jahrhunderts. Ein Buch das Generation um Generation begeistert und inspiriert.

„Ein bibliophiles highliht eines der bedeutendsten Werke des 20.Jahrhunderts“

 

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„Krise ist der Moment, wo eine Entscheidung getroffen werden muss und das wird auch weiter die Aufgabe der Kunst sein“ Florian Zambrano Moreno, Regisseur_Maria Saal _ 27.8.2020

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

meist so, dass ich in der Früh schnell überlege, was ich tun könnte und tun will und dann, was ich mit den Kindern machen möchte und wie viel sich davon wirklich ausgeht. meist entscheide ich mich schnell dafür mehr mit den Kindern zu machen, die SommerTage auszunutzen und mache dann in der Nacht die Arbeiten vor dem Computer und das Lesen. zur Zeit haben wir noch Aufführungen unseres Stückes KeinSteinAufDemAnderen in Maria Saal – das heißt wir erledigen an den Vormittagen das Notwendigste, unternehmen was mit den Kindern, laden noch Menschen ins Theater ein (also kommt gerne noch vorbei bis zum 29.8. am Domplatz in Maria Saal – wirklich, wir brauchen jede_n Zuseher_in!) und am Nachmittag beginnen wir alles aufzubauen, und uns auf die Vorstellungen vorzubereiten. grundsätzlich ist jeder Tag so anders, dass kaum Zeit zum Planen bleibt; die besten Tage sehen so aus, dass ich entweder schreibe, wir proben oder wir mit den Kindern am See sind.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

na ja, eh das gleich wie immer. vor allem die gesunde Kontamination aufrecht zu erhalten, denn die ist lebensnotwendig. wir müssen einander ja immer anstecken und uns austauschen, sonst haben jedes Virus und jede Phobie leichtes Spiel. und auch gerade jetzt ist es hilfreich Unbekanntes auszuprobieren, sich mit Unklarem auseinanderzusetzen . sei es auf künstlerischer, politischer oder medizinischer Ebene. was nicht heißen soll jedem Hirngespinst nachzugehen oder fahrlässig zu handeln. aber zumindest sehen wir natürlich immer mehr, dass vieles in unserer Welt nicht mehr so weiter gehen kann; die Gewalt, die Ausbeutung, die ungerechte Verteilung von Gütern und Geld. wir dürfen ruhig was ändern daran, wie unser ZusammenLeben funktioniert. gerade in Zeiten wo viel Angst und Unsicherheit herrschen, können wir getrost VerhaltensWeisen hinterfragen und ablegen, bei denen wir doch eindeutig sehen, dass sie uns nirgendwo hinführen. auf Theaterebene merkt man schon eine große Sehnsucht nach leichter, lustiger Kost, aber glaube ich sind so KrisenMomente gerade erst recht wichtig, um tiefer zu gehen, uns mit Unschönen Dingen auch auseinanderzusetzen und nicht auszublenden, was auf der Welt passiert, wohin sich der Mensch hineinenttwickelt und etwas „Archäologie“ zu betreiben; was steckt in uns, was steckt in unserer Vergangenheit, unseren Kulturen, unseren Büchern und Texten, Erfahrungen, das uns Lösungen für heute zeigt. und aus dem Alten, eben etwas Neues zu generieren. und nicht auf Nummer sicher gehen und auch einmal was riskieren. denn müssen wir in der „Welt da draußen“ jetzt sehr vorsichtig agieren, deshalb sollten wir die geschützten künstlerischen Räume nutzen, um uns auszutoben und über unsere bekannten Grenzen zu gehen. ansonsten muss das eh jede_r fuer sich selbst entscheiden. das ist halt auch das Spannende an so soschongenannten Krisen, dass es eben keine eindeutige Lösung gibt, dass es persönliche Notwendigkeiten gibt, aber eben auch eine ganze Welt, auf die unsere Handlungen wirken.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel und der Kunst an sich zu?

eine wesentliche Funktion der Kunst und natürlich auch der performativen Künste ist es etwas in Krise zu stellen, also eine Entscheidung abzuverlangen. Krise ist, wie auch Giorgio Agamben es sehr schön aus dem Griechischen herleitet, der Moment, indem eine Entscheidung getroffen werden muss. und das wird auch weiter die Aufgabe der Kunst sein; aus ihrer neutralen Natur heraus Krisen zu provozieren, um den Menschen mit sich selbst in Berührung zu bringen und dem wovor er gerne wegläuft und im Weglaufen dann gerne so geschäftig tut. in der Kunst hat man wie sonst kaum wo die Möglichkeit diese möglichst leeren und neutralen Punkte und Räume zu kreieren, in denen nicht mehr analysiert und besserGewusst werden muss, sondern etwas passiert, real wird, lebendig wird und Distanzen aufgehoben werden. Distanzen zwischen dem, was wir denken und schreiben und dem was wir leben, zum Beispiel. wo die Worte zum Leib werden, mit ihm verfließen, zum Rotz werden, wie es Ariane Mnouchkine so schön beschreibt.

 

Florian Zambrano

 

 

Was liest Du derzeit?

teatro sin fin – von Alejandro Jodorowsky

Cuentos – von Roberto Bolaño

Phantasus – von Arno Holz

 

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Don’t worry if everyone misses the whole point. Pretend that’s what you meant to say anyway“ Gloria Anzaldúa – How to (The Gloria Anzaldúa Reader – S 233-234)

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-/Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Florian Zambrano Moreno_Regisseur, Dramatiker

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Fotos_privat

 

27.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nun ist es sicher an der Zeit und höchst sinnvoll, Geduld zu trainieren. Kurzfristig, mittelfristig und langfristig“ Isabel Belherdis_Künstlerin_ Graz_27.8.2020

Liebe Isabel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als in präpandemischer Zeit – ich lebe, liebe, arbeite – mit sehr unterschiedlichen Rhythmen. Durch Corona hat sich mein Tagesablauf insofern geändert, als dass ich mich entspannter fühle. Angesichts eines so essentiellen Themas wie der Unversehrtheit der Menschen, die mir am wichtigsten sind, fällt es mir nun leichter, zu differenzieren, was wirklich von Wert ist für mich, was notwendig ist oder eigentlich nicht. Und welche Begegnungen mir wirklich Freude machen, wechselseitig bereichern, und welche nicht. Diese Filterung war mir vor Corona so nicht möglich und erleichtert mein Leben.

Isabel Belherdis_Approaching cape of good hope, 2020

Isabel Belherdis, Approaching cape of good hope, 2020

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Erdung, so glaube ich – einerseits das Aufhalten in der Natur, das Sich-Betätigen in der Natur, aber Erdung auch im Sinne der Pflege seiner Gedankenwelt im Hinblick auf natürliche Logik, Urvertrauen, Hausverstand. Und die Unterhaltung mit geerdeten, unaufgeregten Menschen.

Gründe für die eigene Zufriedenheit finden: Ich hatte die letzten Jahre zuweilen das Gefühl,  es herrschte in der westlichen Welt regelrecht eine Jagd auf „Glück“– fast so, als ob die wirtschaftliche Parameter der stetigen Verbesserung und Adaptierung eines Produkts an den Markt in den persönlichen Raum übergegriffen hätten und unter dem Deckmantel von Lebensratgebern und Selbstfindungsworkshops ein seltener, kurzer Moment des Vollkommen-In-Einklangs-Stehens als Ware angepriesen werden würde.

Ich habe schon vor Corona nach einigen persönlich erlebten hohen Wogen in meiner Lebenssee eine ganz unspektakuläre Zufriedenheit mit dem, was ist, dem was nicht ist, dem, was ich habe und dem, was ich nicht habe, entwickelt. Zufriedenheit bedeutet für mich nicht, dass ich keine Ziele mehr anvisieren würde – was ich als im Gegenteil als ebenso wichtig und heilsam empfinde –sondern die Abwesenheit eines stetigen Optimierungsdrucks, der in den letzten Jahren nach dem körperlichen Bereich auch immer stärker im Bereich des Geistes zu spüren war.

Ich bin der Meinung, dass im Schatten unserer stark individualisierten westlichen Gesellschaft mit dem in den letzten Jahren so vehement ausgerufenen Postulat des Erkennens seines Selbstwerts und dem Voranstellens der eigenen Bedürfnisse auch ein starker Egoismus gewachsen ist,  der durch die derzeitige, wieder mehr die Situation und die Befindlichkeit eines anderen wahrnehmenden Verhaltens zu einer gesunden Balance zwischen Gemeinwohl und Selbstwohl führen könnte.

Die Tatsache, dass man selbst – ohne es zu wissen – unter Umständen etwas für jemand anderen gesundheitsschädliches verbreitet, wie dies beim Corona-Virus der Fall sein kann, finde ich insofern höchst symbolträchtig für unserer Zeit.

Geduld: Ich glaube, die rasante Entwicklung der letzten Jahre hat die Fähigkeit der Geduld, die noch vor einigen Jahrzehnten zur notwendigen Grundausstattung gehörte, nicht wirklich gefördert. Nun ist es sicher an der Zeit und höchst sinnvoll, Geduld zu trainieren. Kurzfristig, mittelfristig und langfristig. Mit der Fähigkeit und dem Willen, warten zu können und zu wollen, wäre die derzeitige, in vielen Aspekten unsichere Situation eigentlich nicht so schwer zu ertragen.

 

Das Wichtigste am Schluss: (Gemeinsame) Projekte und Ziele, die Freude machen. Wenn man nicht auf das schaut, was man ohnehin nicht ändern kann sondern auf das, was man bewegen kann, umsetzen kann, ist man glaube ich immer in einer besseren  – weil selbstbestimmbaren – Situation.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich habe unmittelbar nach dem Lock-Down zunächst an der Kunst gezweifelt – angesichts der plötzlichen Unsicherheit des Verbleibens all dessen, was uns normal und gegeben schien, angesichts einer auch mich am Anfang erfassenden Welle von Zukunftsangst, erschien mir die Kunst , das künstlerische Tätig-Sein für kurze Zeit vollkommen unsinnig, von dieser plötzlichen Sinnentleerung ihres Tuns haben mir auch Künstlerfreunde berichtet. Die Inspiration war wie weggeblasen, was hätte in diesem Schock noch Sinn gemacht, alles Künstlerische schien abgehoben, weltfremd, unsinnig. Bis plötzlich gerade durch die Kunst, durch das gemeinsame Sprechen über die Kunst, sich die Hoffnung und mit ihr die Zukunftsfreude wieder entwickelte, wie die Phoenix aus der Asche stand gerade jene, die Kunst, die in dem ersten Schock so gar keine Relevanz zu haben schien, als leuchtende Galionsfigur vor mir und wies mir den Weg. Doch das Entthronen der Kunst in ihrer hehren Bedeutung hatte für mich etwas sehr befreiendes. Befreit davon, Sinn haben zu müssen, Relevanz haben zu müssen, befreit, in Richtung einer Ausstellung zu denken, eine Ausstellung anzukündigen, nachzubearbeiten, konnten in der Zeit, als alles stand, Arbeiten mit einer Leichtigkeit und Freude und gleichzeitig einer Bestimmtheit und Dringlichkeit herauswirbeln, wie ich sie schon lange nicht mehr in erlebt hatte.

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Vielleicht ist das nun auch generell in der Kunstwelt eher möglich: Ein Abschütteln der Schwere, was Bedeutung, Text und Ausführung – ich spreche jetzt von der bildenden Kunst – betrifft, ein Leichter-Werden, Sinnlicher-Werden, vielleicht sogar Zugänglicher-Werden. Kunst soll doch erheben, eine Hebebühne über unsere kleinen menschlichen Horizonte sein, eine innere Weite öffnen, durch die  sich vielleicht, nur einen Moment lang, die großen Zusammenhänge erahnen lassen und kein Rucksack, mit dem wir beladen werden, so empfinde ich es.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich wohne an unterschiedlichen Orten, überall habe ich Bücher aufgeklappt. In Graz lese ich seit geraumer Zeit schon „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Stan Nadolny, entsprechend des Titels (ungeplant) wirklich in einer ungemein langsamen Geschwindigkeit. Ich bin zufällig auf das Buch gestoßen, weil ich während des „Lock downs“ künstlerisch einen starken Bezug zu den Expeditionen ins ewige Eis bekam, besonders die historischen Vermessungen und Kartografierungen faszinierten mich.

Isabel Belherdis_polarity, 2020

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Der ganze Lock-Down kam mir wie ein plötzliches Gefrieren vor, vor allem in zwischenmenschlicher Hinsicht. Das Buch ist angelehnt an die Biografie des Polarforschers John Franklin und entwirft an ihm die Fähigkeit, sehr langsam, aber sehr detailliert aufzunehmen, wobei diese meine Beschreibung angesichts der Feinheit der Beschreibung banal anmutet. In Wien schmöckere ich in zwei Büchern des Architekturtheoretikers Wolfgang Meisenheimer, der Korrespondenzen zwischen Körper und Architektur artikuliert, die auch in meinen Kunst-Entwürfen fühle und hier ausgesprochen, beschrieben finde. Und hier in Kärnten, wo ich während des Sommer bin, direkt am See, lese ich nicht sondern lausche den Erzählungen der Natur, ohne Sprache, nur Bild, Erlebnis und Klang auf Wellenpapier, Himmelspergament.

Isabel Belherdis_spellbound, 2020

Isabel Belherdis_spellbound_2020

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

So viele Menschen schwingen sich derzeit auf, Erklärungsmodelle für die pandemische Situation zu postulieren, glauben näher an der Wahrheit zu sein als andere. Das Informationszeitalter gaukelt Wissen vor, das ja lediglich momentane und oft ungeprüfte Informationsbruchstücke darstellt, deshalb bin ich für ein Revival des antiken Klassikers:

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Oder, für das Medienzeitalter aufbereitet: „Ich glaube bisweilen zu wissen, weiß aber auch nicht mehr als alle anderen, die Informationen sammeln, zusammenfassen und artikulieren“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Isabel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

War mir eine Freude!

Bild 1

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5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabel Belherdis_Künstlerin

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Aktuelle Ausstellungstermine:

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isabel belherdis

 

 

Alle Fotos_Isabel Belherdis_Walter Pobaschnig

 

23.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Schwarzpulver“ Laura Lichtblau. Roman. Beck Verlag.

 

 

„Schwarzpulver“ Laura Lichtblau. Roman. Beck Verlag.

Da ist das Haus zwischen Platanen und Kiefern. Zwischen Schnee und Kälte. Das alte Leben. Erinnerungen und etwas Wärme, manchmal. Keller und Himmel und dazwischen Erinnerungen. An Reisen. An früher. Burschi  kommt regelmäßig in das Haus zu Frau und Herrn März. Burschi erzählt dann vom Draußen. Vom brüchigen Leben da und dort. Im großen Zimmer der beiden, die der Neffe längst weghaben will – „Und das was Traudl und Johann da noch treiben, das ist doch sowieso kein Leben mehr“, sagt Ludwig, der Neffe, der für das Haus schon genügend Interessenten hat. Burschi verkauft Gegenstände des Hauses. Alles schwindet hier. Leben und Dinge. Oder waren sie überhaupt jemals da? Wer war jemals da?

Und da ist Charlie und Charlotte. In der gemeinsamen Wohnung in der Waldkrugallee 23. Es gibt Geschenke und Rituale – „Wir haben viele Rituale, die stapeln sich langsam so hoch wie die Pfandflaschen unter der Spüle, und keiner bringt sie weg.“ So ist das Leben Zuhause. Und auch hier Erinnerungen und Rituale. Um das Verschwinden aufzuhalten?

Draußen geht was vor. Tagtäglich. Wie drinnen. Hinter den Wänden. Unter der Haut. Niemand weiß was passieren wird. Was morgen sein wird. Wir sind da. Oder doch nicht?

„Wir sind dann eine Weile lang gefahren. Das Auto war alt. Ein roter VW. Im Radio sprachen sie vom neuen Jahr und spielten Musik aus dem alten. Neben mir lag ein Hund, er roch nach feuchter Wolle und Kaugummi…“

 

Die Berliner Autorin Laura Lichtblau legt mit Ihrem Debütroman „Schwarzpulver“ eine rasante wie aufmerksame Hochschaubahn gesellschaftlicher Enge und Einsamkeit wie Rausch und Freiheit vor. Die Autorin beeindruckt mit einem virtuosen Umgang mit Sprache, die das Bewusstsein ambivalenten Zeitgeschehens in politischen Entwicklungen wie individuellen Suchens und Orientierens in Spannung und Erschütterung mitreißend zu packen weiß.

„Laura Lichtblau ist eine virtuose Dirigentin der Sprache. Selbstbewusst und zeitkritisch.“

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Fotos_ Cover Beck Verlag;

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„Nicht nur in Zeiten der Übersterblichkeit zielt Schreiben auf Unsterblichkeit ab“ Pino Dietiker_Schriftsteller _ Aarau_26.8.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch den Lockdown bin ich sesshaft geworden, ich haste nach dem Aufstehen nicht wie ehedem in ein Büro oder eine Bibliothek, sondern setze mich an den Schreibtisch in meiner Wohnung – und staune, wie produktiv ich bin.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kurzfristig natürlich: Hände waschen, Masken tragen, Abstand halten. Langfristig wünsche ich uns allen, besonders aber der jüngeren und jüngsten Generation eine große Aufmerksamkeit und ein gutes Gedächtnis, denn um die Erinnerungen der letzten Corona-Zeitzeugen wird man sich dereinst reißen. Ich verfolge diese denkwürdigen Zeiten mit einem historischen Interesse an der Gegenwart.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich erwarte weniger einen Neubeginn als vielmehr jenen ›Restart‹, als der die Wiederaufnahme der Fußballmeisterschaften nach der Corona-Pause bezeichnet wurde. Die Literatur wird ihre innovatorische wie ihre konservatorische Funktion behalten: Sie ist für mich Sprachforschung in dem Sinne, dass sie neue Ausdrucksweisen unter Laborbedingungen erprobt, und sie ist mehr als jede andere Kunstgattung berufen, Vergehendes festzuhalten und Vergangenes zum Leben zu erwecken. Nicht nur in Zeiten der Übersterblichkeit zielt Schreiben auf Unsterblichkeit ab.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich las kürzlich »Tage wie Hunde«, Ruth Schweikerts Buch über ihre Krebserkrankung, und vertiefte mich wieder einmal in das Werk von Hermann Burger: Sein Wortbildungsfuror zeitigte neuartige Krankheiten wie die »Unterleibsmigräne« oder den »Morbus Lexis«, auch »Leselosigkeit« genannt, und eine seiner Romanfiguren ist ein »Omnipatient«.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Ich rühre mich nicht von Rüschlikon – auch der Grippe wegen, die in Zürich noch immer haust«, schrieb Stefan Zweig im Sommer 1918 in einem Brief an seine Freundin und spätere Frau Friderike. Er hielt sich damals für längere Zeit in Rüschlikon bei Zürich auf, und als in der Stadt die Spanische Grippe grassierte, ergriff er dieselben Vorsichtsmaßnahmen, die heute gegen das Coronavirus empfohlen werden: Homeoffice und Social Distancing. Dass man von einem 1942 verstorbenen Autor lernen kann, wie man sich vor der Coronavirus-Krankheit-2019 schützt, ist für mich der ultimative Beweis für den überzeitlichen Erkenntniswert der Literatur. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind systemrelevant über den Tod hinaus.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Pino, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Pino Dietiker, Schriftsteller

Foto: Roman Gaigg

 

23.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Was wären wir alle die letzten Wochen ohne gute Bücher, Filme oder Musik gewesen?“ Sophia Julia Schützinger_ Schauspielerin_München 25.8.2020

Liebe Sophia Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Definitiv strukturierter. Während einer gewöhnlichen Spielzeit habe ich im Grunde für nichts Zeit. Meine Tage und Wochen sind natürlich normalerweise von Proben, Vorstellungen, Auditions und meinem Studium bestimmt. Persönliche oder berufliche Projekte werden dabei meist auf die lange Bank geschoben, mein Leben folgt dabei keinem bestimmten persönlichen Rhythmus, freie Zeit gibt es kaum. Der Beruf steht über allem. In Zeiten wie diesen, in einer solchen Krise, hat man ja erzwungenermaßen mehr freie Zeit. Wenn ich die nicht strukturieren würde und meine Pläne und Projekte priorisieren und detailliert ausarbeiten würde, würde ich glaube ich emotional in ein Loch fallen und an meinen Träumen, sowie meiner Zukunft zweifeln. Ich brauche meine Arbeit und kann so, wenn alles wieder in seine gewohnten Bahnen zurückkehrt, endlich meine schon lang geplanten Projekte in die Tat umsetzen. Momentan stehe ich jeden Tag morgens um dieselbe Uhrzeit auf, verwirkliche für einige Stunden ein neues literarisches Projekt, nehme dann an Online-Meetings für mein Studium teil und bereite neue Texte für neue Auditions vor. Außerdem arbeite ich viel an und mit meiner Stimme, gesanglich, sowie als Sprecherin und versuche meine Leistungen zu optimieren. Familie und Freunde dürfen dabei auch nicht zu kurz kommen, wenn auch meist nur auf Distanz, zum Beispiel über einen Videoanruf.

 

Sophia Julia Schützinger

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In erster Linie, die Ruhe zu bewahren. Eine gewisse Vorsicht, Wachsamkeit und Rücksicht sind zweifellos von großer Bedeutung. Panik bringt uns alle aber nicht ans Ziel. Ich denke, es ist einfach wichtig, sich die aktuelle Situation bewusst zu machen und für sich selbst einen geeigneten Weg zu finden, damit umzugehen. Vielleicht hilft uns diese Entschleunigung, wieder etwas mehr zu uns selbst zu finden, zu erkennen, wer und was uns im Leben wirklich glücklich macht und wie wir unser Leben nach der Krise weiter fortsetzen wollen. Liebe und Solidarität stehen hierbei ganz oben auf der Liste.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich bin der Meinung, dass die Kunst in jeglicher Form, ganz besonders aber die Arten, die während der Corona-Krise nicht auf herkömmliche Weise ausgeübt werden konnten, für uns persönlich, aber auch für die Gesellschaft kulturell von noch größerem Wert sind. Gerade das Theater spielt für mich hierbei die Rolle einer Art Vermittlerinstanz, wenn die Kunst endlich wieder auf ihr Publikum trifft. Es hat mir persönlich so unglaublich gefehlt auf der Bühne zu stehen und mit all meinen großartigen Kollegen und Freunden in einer Produktion alles zu geben. Wesentlich sollte bei einem Neubeginn sein, dass wir alle das Leben und die Kunst wieder mehr zu schätzen wissen, denn genau so wesentlich ist die Kunst als Bestandteil unserer Kultur und unserer Gesellschaft. Und das nicht nur für uns Künstler. Was wären wir alle die letzten Wochen ohne gute Bücher, Filme oder Musik gewesen? Das sollte auch bei einem Neubeginn nicht vergessen, sondern viel stärker berücksichtigt werden, als zuvor.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ein guter Freund hat mir vor kurzem das Buch „Ich war mein größter Feind“ – Die Autobiographie von Adele Neuhauser geschenkt, um mich auf meinem Weg als Schauspielerin zu unterstützen und weil ich persönlich ein unglaublicher Tatort-Fan bin und Adele Neuhauser in ihrer Ermittler-Rolle als Bibi Fellner im Wiener Tatort wahnsinnig beeindruckend finde. Dieses Buch ist sehr emotional geschrieben und fasziniert mich. Grundsätzlich interessieren mich die Geschichten hinter den Menschen und ich lasse mich davon immer gerne inspirieren.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte gerne eine Textstelle aus dem Lied „Bonnie“ meiner Lieblingsband Kollektiv22 mit Euch teilen:

„Es geht nicht weiter als zum Horizont, also muss ich meinen Horizont erweitern.“

Ich denke, dieses Zitat trifft auf uns alle zu und zeigt uns, dass wir auch in einer Krise wie dieser, nicht verzweifeln, sondern unseren Horizont einfach erweitern und bisherige individuelle Grenzen überschreiten sollten. Mir persönlich bedeutet auch die Lebensweisheit eines Freundes von mir unglaublich viel, weil ich mir diese immer wieder zu Herzen nehme, wenn es mir gerade nicht gut geht oder ich nicht weiterweiß: „Das Leben ist ein Keks.“:)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sophia Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sophia Julia Schützinger, Schauspielerin – u.a. an der Bayerischen Staatsoper München /Synchronsprecherin

https://www.sophiajuliaschuetzinger.com/biographie

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21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Offenheit, ein flexibles Bewusstsein und Menschlichkeit“ Lisai Luftvogel_ Schriftstellerin_ Ferrara_ 24.8.2020

Liebe Lisai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Lockdown war in Italien besonders hart. Bewegung war auf einmal ein wesentliches Bedürfnis geworden, das ich vorher nicht so wahrgenommen hatte. Die Straße vor der Haustür immer wieder auf und abgehen, damit das Immunsystem fit bleibt, das war von März bis Mitte Mai meine täglich wichtigste Aktivität gewesen. Schreiben und Lesen konnte ich nicht mehr, bis ich wieder aus der Stadt raus durfte.  Jetzt bewege ich mich weniger, draußen ist es heiß und ich bin faul geworden. Aber ich schreibe und lese wieder. In Italien sind wir gerade in der Sommerpause. Ich gehe kaum außerhalb essen, auf keine Konzerte oder auf Gartenfeste bei Freunden. Nachts ist es nicht so laut wie jeden Sommer, keine laute Musik, kein Gebrüll von jungen Leuten. Zweimal wöchentlich gebe ich auf Zoom einer Anfängergruppe Deutschunterricht. Tagsüber überarbeite ich meinen Roman.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kraft zu sammeln, Ruhe zu bewahren und sich genug zu bewegen.

 

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor dem Neubeginn müssen wir wahrscheinlich erst noch durch eine harte Krise. Die Pessimisten warten hier schon auf das Schlimmste. Ich liege irgendwo dazwischen. Kreativität ist da besonders wichtig, nicht nur für die Kunst, aber auch Offenheit, ein flexibles Bewusstsein und Menschlichkeit.

 

 

Was liest Du derzeit?

„Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff, „Die Jakobsbücher“ von Olga Tokarczuk, „Frühlingserwachen“ von Isabelle Lehn

 

 

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Hin und wieder hat das Schicksal Ähnlichkeit mit einem örtlichen Sandsturm, der unablässig die Richtung wechselt. Sobald du deine Laufrichtung änderst, um ihm auszuweichen, ändert auch der Sturm seine Richtung, um dir zu folgen. Wieder änderst du die Richtung. Und wieder schlägt der Sturm den gleichen Weg ein. Dies wiederholt sich Mal für Mal, und es ist, als tanztest du in der Dämmerung einen wilden Tanz mit dem Totengott. Dieser Sturm ist jedoch kein beziehungsloses Etwas, das irgendwoher aus der Ferne heraufzieht. Eigentlich bist der Sandsturm du selbst. Etwas in dir. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als dich damit abzufinden und, so gut es geht, einen Fuß vor den Anderen zu setzen, Augen und Ohren fest zu verschließen, damit kein Sand eindringt, und dich Schritt für Schritt herauszuarbeiten. Vielleicht scheint dir auf diesem Weg weder Sonne noch Mond, vielleicht existiert keine Richtung und nicht einmal die Zeit. Nur winzige, weiße Sandkörner, wie Knochenmehl, wirbeln bis hoch hinauf in den Himmel. So sieht der Sandsturm aus, den ich mir vorstelle. Natürlich kommst du durch. Durch diesen tobenden Sandsturm. Diesen metaphysischen, symbolischen Sandsturm. Doch auch wenn er metaphysisch und symbolisch ist, wird er dir wie mit tausend Rasierklingen das Fleisch aufschlitzen. Das Blut vieler Menschen wird fließen, auch dein eigenes. Warmes, rotes Blut. Du wirst dieses Blut mit beiden Händen auffangen. Es ist dein Blut und das der Vielen. Auch wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast. Du wirst auch nicht sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Derjenige, der aus dem Sandsturm kommt, ist nicht mehr Derjenige, der durch ihn hindurchgegangen ist. Darin liegt der Sinn eines Sandsturms.“

Haruki Murakami, “Kafka am Strand“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisai Luftvogel, Schriftstellerin

Lisei Luftvogel schreibt gerade an ihrem Roman „Verrückung“. Über die Suche einer Kulturwissenschaftlerin nach ihrem Revoluzzer-Vater und zu sich selbst in einer Parallelwelt, die sich immer nur stückweise enthüllt. Eine Reise von Berlin über Damaskus und Beirut vor dem arabischen Frühling.

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21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zu wissen, wer ich bin, welche Bedürfnisse ich habe, welche Kompromisse ich eingehen will oder muss“ Barbara Ambrusch-Rapp, Künstlerin_ Velden/Wörthersee _ 23.8.2020

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diesen einen Ablauf, der auf die meisten meiner Tage zutrifft, gab es seit Jahren nicht mehr und gibt es auch derzeit nicht. Nun ja, doch, da gibt es was: Meist stehe ich früh am Morgen auf. Vor allem zu Schulzeiten, wenn meine Tochter aus dem Haus muss. Aber eigentlich fast immer, weil ich wenig Schlaf brauche und die Morgenstunden irgendwie noch frisch sind, der Tag noch so jungfräulich ist. Im Idealfall habe ich an Vormittagen Zugang zu mindestens drei Tassen Kaffee schwarz. Oft geht sich das gut aus, etwa wenn ich am PC arbeite und das tue ich oft. Da ich neben meinem freien Kunstschaffen auch als Kuratorin arbeite, Kunstprojekte und Workshops organisiere und für Kultureinrichtungen tätig bin, habe ich naturgemäß viel Schreibarbeit und Bürokram zu erledigen. Das allermeiste erfüllt mich mit Freude, Buchhaltung und dergleichen nicht so sehr. Wenn Ausstellungen oder Auftragsarbeiten anstehen, arbeite ich im Atelier, bei größeren Projekten draußen in der Garage oder im Carport. Da gibt es keine fixen Zeiten, das können manchmal acht Stunden am Stück sein oder auch immer wieder zwischendurch ein Stündchen, je nach Technik und Zeitdruck. An den Abenden bin ich immer wieder bei Vernissagen und Kulturveranstaltungen im Einsatz. Während der „Corona-Intensiv-Phase“ fiel dieser Teil meiner Arbeit und meine Workshops an Schulen komplett aus. Seit Mai geht es aber wieder los, ziemlich dicht sogar, dichter als erwartet. Zum Glück geht sich irgendwie auch Zeit für die Familie aus, im Sommer draußen auf der Terrasse mit einem Glas Wein und Sonnenuntergang oder bei gemeinsamen Aktivitäten. Das ist wichtig! Mir zumindest. Ich glaube, dass ich andernfalls mit der Zeit ganz schön schrullig werden würde…

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kann ich Prioritäten, die „für uns alle“ jetzt wichtig sind, tatsächlich allgemeingültig definieren? Oh, das ist mir ein Ding der Unmöglichkeit! Was sowieso immer wichtig ist: Ein Gespür für sich selber zu bekommen, was im stressigen Alltag oft untergeht. Zu wissen, wer ich bin, welche Bedürfnisse ich habe, welche Kompromisse ich eingehen will oder muss und wie ich mein Leben im Rahmen meiner Möglichkeiten gestalten möchte, ist meiner Meinung nach die Basis für alles, was mein Dasein ausmacht. Und in weiterer Folge die Basis für alles, was ich in meinem nahen und weiter gefassten Umfeld bewirken kann.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich bin ja der Meinung, dass jeder Mensch zu verschiedenen Zeiten und nicht nur einmal vor einem Aufbruch und Neubeginn steht, je nach persönlicher Lebenslage. Aber gut, stimmt schon, es ist derzeit pandemiebedingt auch die kollektive Zäsur ein großes Thema. Da gibt es offenbar viele verschiedene Ansätze und Wünsche an das Danach. Schön wäre es, wenn diese Zeit des verordneten Rückzugs eine nachhaltig wirkende Besinnung auf das Wesentliche verursachen würde. Und aus dieser heraus, aus der verstärkten Wahrnehmung dessen, was das Leben wirklich ausmacht, könnte sich eine von vielen Menschen breit mitgetragene Haltung entwickeln, die sowohl für das Individuum als auch den Großteil der Gesellschaft und für unseren Planeten, auf dem wir alle leben, positive Entwicklungen ermöglicht. Ach, du meine Güte, was klingt das pathetisch (lach)!

Kunst spielt viele Rollen und völlig unterschiedlich gestrickte Mitspielende tummeln sich in diesem großen Theater, deshalb möchte ich ihr keine allgemeingültige Aufgabe zuteilen müssen. Ich kann nur für meinen Zugang sprechen und der fokussiert sich seit längerer Zeit und immer noch auf die Sichtbarmachung von Themen, die gerne weggeschoben werden, über die nicht gerne gesprochen wird, weil sie entweder viel zu weit weg von eigenen Lebensrealitäten sind oder andersherum, viel zu nahe. So nahe und womöglich unbequem, dass sie lieber ausgeblendet werden, als in ehrlicher Auseinandersetzung bearbeitet. In meiner Arbeit greife ich solche Themen auf, im Idealfall als Brücke und Einladung, wieder mal darüber zu diskutieren und sich vielleicht doch auch im ganz Privaten erneut damit zu beschäftigen.

 

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Was liest Du derzeit?

Nach dem für mich überraschenden Fallen ins Luftlose während des Lockdowns und der – großteils terminlich bedingten – enorm dichten Aufholarbeit seit den Maßnahmenlockerungen brauche ich zwischendurch grad etwas zum Herunterkommen: Einen Ratgeber zur naturnahen Gartenarbeit.
Daneben liegt, zum nochmaligen Lesen: Die Wand, Marlen Haushofer

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ (Ingeborg Bachmann)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Ambrusch-Rapp_Künstlerin_Multimediakunst und Kulturarbeit

Spotlight

 

Alle Fotos_Marcel Ambrusch

21.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Forelle“ Leander Fischer. Roman. Wallstein Verlag.

 

„Die Forelle“ Leander Fischer. Roman. Wallstein Verlag.

„Abends gingen wir zum Fluss. Auf einer Brücke hieß mich Ernstl zu warten. Ruhig war die Wasseroberfläche. Sie spiegelte die grünen Lindenblätter, auf denen wiederum tiefgelbe Reflexe des Sonnenuntergangs spiegelten. Es roch klar und rein. Plötzlich ein Plantschen. Das Schlagen einer Schwanzflosse…“

Es gibt hier nichts zu gewinnen. Hier am Fluss. Genau so wenig wie überall. Aber im Fluss ist Leben. Und rundherum auch. Zumindest ein wenig. Da ist der Alkohol im Gasthaus. Der Doppler. Und dort ist die Musik. Die Musik ist weiter weg vom Leben aber bezahlt Rechnungen. Mehr nicht. Die Träume werden bezahlt mit jeder Stunde in der Musikschule. Um nicht unterzugehen, braucht es etwas. Den Fluss. Und das Fischen. Eine „Gentlemenbetätigung“. Leben  – nicht sterben oder töten. Da und dort. Der Ernstl weiß das, lebt das, mit all dem Alkohol. Und der Siegi blickte lange hinüber zum Fluss. Und jetzt ist er da. Nah am Geheimnis. Nah an der Kunst des Fliegenfischens. Des tanzenden Lebens. Des Augenblicks. Des Sehens. Des Staunens. Des Nicht-Verstehens. Und vielleicht näher am Leben als er jemals war…

 

Der österreichische Schriftsteller Leander Fischer, Deutschlandfunk Preisträger 2019 in Klagenfurt, legt mit „Die Forelle“ einen Roman vor, der in Sprachkraft und Lebensaufmerksamkeit begeistert. Es ist ein einmaliger Erzählrhythmus, der in einen wunderbaren Sog der Ruhe und Spannung führt, um dann ein Sprachdynamit zu zünden, welches das Leben in aller Unergründbarkeit wie Abgründigkeit in Wortgewalt explodieren lässt. Das ist einzigartig in der modernen Literatur. Hier hat ein Autor alles in der variantenreichen Schreibfeder was Form und Inhalt eines Romans brauchen und er spielt damit gekonnt wie ein Fliegenfischer. Lässt die Worte über die Seiten tanzen und uns LeserInnen staunen.

 

„Rhythmus und Dynamit. Wenn Leander Fischer schreibt, ist das ein Sprachereignis der Sonderklasse!“

 

Walter Pobaschnig 8_20

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