„Krise ist der Moment, wo eine Entscheidung getroffen werden muss und das wird auch weiter die Aufgabe der Kunst sein“ Florian Zambrano Moreno, Regisseur_Maria Saal _ 27.8.2020

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

meist so, dass ich in der Früh schnell überlege, was ich tun könnte und tun will und dann, was ich mit den Kindern machen möchte und wie viel sich davon wirklich ausgeht. meist entscheide ich mich schnell dafür mehr mit den Kindern zu machen, die SommerTage auszunutzen und mache dann in der Nacht die Arbeiten vor dem Computer und das Lesen. zur Zeit haben wir noch Aufführungen unseres Stückes KeinSteinAufDemAnderen in Maria Saal – das heißt wir erledigen an den Vormittagen das Notwendigste, unternehmen was mit den Kindern, laden noch Menschen ins Theater ein (also kommt gerne noch vorbei bis zum 29.8. am Domplatz in Maria Saal – wirklich, wir brauchen jede_n Zuseher_in!) und am Nachmittag beginnen wir alles aufzubauen, und uns auf die Vorstellungen vorzubereiten. grundsätzlich ist jeder Tag so anders, dass kaum Zeit zum Planen bleibt; die besten Tage sehen so aus, dass ich entweder schreibe, wir proben oder wir mit den Kindern am See sind.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

na ja, eh das gleich wie immer. vor allem die gesunde Kontamination aufrecht zu erhalten, denn die ist lebensnotwendig. wir müssen einander ja immer anstecken und uns austauschen, sonst haben jedes Virus und jede Phobie leichtes Spiel. und auch gerade jetzt ist es hilfreich Unbekanntes auszuprobieren, sich mit Unklarem auseinanderzusetzen . sei es auf künstlerischer, politischer oder medizinischer Ebene. was nicht heißen soll jedem Hirngespinst nachzugehen oder fahrlässig zu handeln. aber zumindest sehen wir natürlich immer mehr, dass vieles in unserer Welt nicht mehr so weiter gehen kann; die Gewalt, die Ausbeutung, die ungerechte Verteilung von Gütern und Geld. wir dürfen ruhig was ändern daran, wie unser ZusammenLeben funktioniert. gerade in Zeiten wo viel Angst und Unsicherheit herrschen, können wir getrost VerhaltensWeisen hinterfragen und ablegen, bei denen wir doch eindeutig sehen, dass sie uns nirgendwo hinführen. auf Theaterebene merkt man schon eine große Sehnsucht nach leichter, lustiger Kost, aber glaube ich sind so KrisenMomente gerade erst recht wichtig, um tiefer zu gehen, uns mit Unschönen Dingen auch auseinanderzusetzen und nicht auszublenden, was auf der Welt passiert, wohin sich der Mensch hineinenttwickelt und etwas „Archäologie“ zu betreiben; was steckt in uns, was steckt in unserer Vergangenheit, unseren Kulturen, unseren Büchern und Texten, Erfahrungen, das uns Lösungen für heute zeigt. und aus dem Alten, eben etwas Neues zu generieren. und nicht auf Nummer sicher gehen und auch einmal was riskieren. denn müssen wir in der „Welt da draußen“ jetzt sehr vorsichtig agieren, deshalb sollten wir die geschützten künstlerischen Räume nutzen, um uns auszutoben und über unsere bekannten Grenzen zu gehen. ansonsten muss das eh jede_r fuer sich selbst entscheiden. das ist halt auch das Spannende an so soschongenannten Krisen, dass es eben keine eindeutige Lösung gibt, dass es persönliche Notwendigkeiten gibt, aber eben auch eine ganze Welt, auf die unsere Handlungen wirken.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel und der Kunst an sich zu?

eine wesentliche Funktion der Kunst und natürlich auch der performativen Künste ist es etwas in Krise zu stellen, also eine Entscheidung abzuverlangen. Krise ist, wie auch Giorgio Agamben es sehr schön aus dem Griechischen herleitet, der Moment, indem eine Entscheidung getroffen werden muss. und das wird auch weiter die Aufgabe der Kunst sein; aus ihrer neutralen Natur heraus Krisen zu provozieren, um den Menschen mit sich selbst in Berührung zu bringen und dem wovor er gerne wegläuft und im Weglaufen dann gerne so geschäftig tut. in der Kunst hat man wie sonst kaum wo die Möglichkeit diese möglichst leeren und neutralen Punkte und Räume zu kreieren, in denen nicht mehr analysiert und besserGewusst werden muss, sondern etwas passiert, real wird, lebendig wird und Distanzen aufgehoben werden. Distanzen zwischen dem, was wir denken und schreiben und dem was wir leben, zum Beispiel. wo die Worte zum Leib werden, mit ihm verfließen, zum Rotz werden, wie es Ariane Mnouchkine so schön beschreibt.

 

Florian Zambrano

 

 

Was liest Du derzeit?

teatro sin fin – von Alejandro Jodorowsky

Cuentos – von Roberto Bolaño

Phantasus – von Arno Holz

 

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Don’t worry if everyone misses the whole point. Pretend that’s what you meant to say anyway“ Gloria Anzaldúa – How to (The Gloria Anzaldúa Reader – S 233-234)

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-/Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Florian Zambrano Moreno_Regisseur, Dramatiker

wir

Fotos_privat

 

27.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

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