Ich stehe auf und trinke 2 Häferlkaffee und lese die Zeitung. Dann suche ich im Internet, ob man sich wo als Schauspielerin bewerben kann und schicke emails. Dann bereite ich mich für die Sommersaison als Kinderanimateurin ab Ende März vor und überlege Programmpunkte. Ich koche jeden Tag ein gutes Mittagessen und gehe dann spazieren und einkaufen. Am Wochenende schaue ich mit meinem Freund alle Staffeln von Walking Dead. Ab und zu gehe ich Skifahren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Umdenken ist gefragt. Kunst und Kultur gibt es weniger hautnah, vielmehr im Internet und TV. Der Gesellschaft ist Kunst und Kultur wichtig und es wird wieder richtige Vorstellungen geben.
Was liest Du derzeit?
101 Monologe
Zum Vorsprechen, Studieren und Kennenlernen, von Eva Spambalg und Uwe Berend
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Siehe, die Menschheit erschlappt unter diesem Bilde, die Spannkraft des Endlichen lässt nach, und die Phantasie, der mutwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor. Nein! Nein! Ein Mann muss nicht Sträuchern – Sei, wie Du willst, namenloses Jenseits – bleibt mir nur dieses mein Selbst getreu. – Sei wie Du willst, wenn ich nur mich selbst mit hinübernehme.
Rolle: Karl von Moor, Schiller, Die Räuber
Vielen Dank für das Interview liebe Tina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Ihre großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Tina Steiner, Schauspielerin
Alle Fotos_Tina Steiner.
7.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Als Musikerin, Performern und Autorin, als Mensch der Ideen, Texte & Songs sehr nahe an die Menschen bringen möchte, musste ich mich von einem Tag auf den anderen in die eigenen vier Wände zurückziehen. Auftritte wurden abgesagt, Probenprozesse untersagt, erstmals wurde die Darstellende Kunst als gefährlich, hochinfektiös und riskant eingestuft. Das Gefühl einfach gar nichts mehr machen zu können, um dadurch Menschen zu schützen (was wirklich das wichtigste auf der Welt ist), hat meinen Alltag auf den Kopf gestellt.
Tini Trampler, Sängerin, Komponistin, Autorin
Musik & Theater brauchen ein Gegenüber. Das wurde in unserer schnelllebigen Zeit kaum mehr angesprochen, denn unsere Lieder und Stücke werden mit ZuhörernInnen im Spiel weiterentwickelt. Konzerte und Performances sind ein grosses Rollenspiel, wo jeder, auch das Publikum, einen wichtigen Part übernimmt.
Als Nomadin, als Künstlerin, die von Ideen verfolgt wird – und das ist das ein sehr schönes Leben, meine „Ideenjagd“-, habe ich länger gebraucht, mich auf die neue Situation einzustellen. Die leidigen Themen, wie soll es weitergehen, wie kann ich starre kapitalistischen Systeme aushebeln, welche anarchistischen Räume, die wir brauchen, können wir jetzt aufmachen, wie bekommen wir Reaktionen auf unsere künstlerischen Arbeiten etc., standen plötzlich im Vordergrund.
Dies Umstellung meines Alltags kann ich auch gut mit Trauerarbeit vergleichen, die 5. Schritte, Leugnen, Zorn Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Anfänglich bemühte sich die ganze Welt alles wieder auf „Normal“ zu stellen, man versuchte Ideen umzustellen, neu zu gestalten, bis man akzeptiert hat, dass dieses Virus doch nach Veränderung und Nachhaltigkeit verlangt. Ein Thema das auch ohne Corona schon lange ein internationales Thema der freien Welt ist. Massenfabrikationen, Massenveranstaltungen und kurzlebiger Hype und Style in der Kunst beherrschen schon längst unseren Alltag.
Zeitloses bedarf eben viel Zeit, ist unbezahlbar und bewegt sich immer auf dünnem Eis, ist nicht kontrollierbar. Veränderung, neue Kommunikationswege zu erfinden, das ist es was mich gerade jetzt antreibt weiterzumachen, zu schreiben, Menschen zu erreichen.
Ich schreibe gerade intensiv an einer neuen Platte. „Wiener Rebellion“, Chansons mit unsichtbarer, verzeihender Revolutionswirkung. Ich habe das Glück mit meinem Musik- & Lebenspartner Stephan Sperlich gemeinsam im „Homestudio“ zu arbeiten. Das haben wir eigentlich immer schon gemacht, und wir lernen gerade noch mehr und neue technische Skills dazu, schneiden mittlerweile selbst Videos, reduzieren viele Ideen aufs Wesentliche.
Träumende Vögel: (vielleicht kann man den link einfügen zu dem Lied?)
Ein Musikprojekt das vielleicht irgendwann wieder auf der Bühne sein darf, wo sich Menschen berühren dürfen, entwickeln wir in einem neuen Format!
Mein Alltag ist also künstlerisch ausgefüllt, nur sehnt sich meine Sprache und Musik nach Aufführungen und Reaktionen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In Zeiten wie diesen wird uns gezeigt, dass wir uns immer wieder bewusst machen müssen auf Andere zu schauen. Die Welt verkauft uns Individualität, aber nicht die, uns selber zu mögen, sondern eine Individualität, die verlangt, alles selbst schaffen zu müssen. Das stimmt für mich etwas grundsätzlich nicht: Geben und Nehmen sollte selbstverständlich sein.
Wichtig fände ich es, sich endlich von diesem Konsumzwang zu befreien, der uns mehr einschränkt als frei sein läßt, wichtig fände ich immer und immer wieder zu thematisieren, wie wichtig jeder Einzelne im gesellschaftlichen Zusammenspiel ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Vor einem Neubeginn sollten wir uns besonders bewusst sein, wie schön es ist, in einer Demokratie zu leben, die es zulässt uns persönlich zu entwickeln und zu äußern und gleichzeitig uns als grenzenloses Kollektiv zu sehen, das das Leben gemeinsam bestreitet, gemeinsam feiert.
Schon vor Corona ging die Gesellschaft mit unserer Freiheit sehr fragwürdig um, und setzt sich nun immer mehr Grenzen und Regeln, die unsere Freiräume beschneiden. Freiheit ist das Schönste was es gibt, gleichzeitig auch liebevoll gefährlich, und lässt sich nicht manipulieren. Ich glaube man kann sie nicht verkaufen, weil es all zu menschlich ist, Fehler zu machen – und ohne Fehler gibts nun mal keine Entwicklung.
Ich wünsche mir, dass die Kunst wieder Räume bereitstellt, die, ob klein oder groß, experimentell und autonom arbeiten können, ich wünsche mir Bühnen, die nicht nur Perfektion zeigen, die Dialoge und Entwicklungen zeigen, ich wünsche mir dass man Künstlerinnen mehr Zeit gibt.
Ich wünsche mir von der Welt, dass sich die „Verpackungsindustrie“ auflöst und Ideen wieder an Wert gewinnen.
Was liest Du derzeit?
„Der Platz“ von Annie Ernaux
„Nachricht an den Großen Bären“ von Eva Schörkhuber
„Die unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Da sollten wir uns ständig bewegen, dann durften wir uns nicht mehr bewegen, und in dieser Bewegungslosigkeit bewegen wir uns plötzlich unsichtbar in alle Richtungen…“(Tini Trampler – Song Lyrik 2021)
Vielen Dank für das Interview liebe Tini, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist ein beeindruckende Spurensuche nach Lebenswegen von Frauen und ihren Träumen, Wegen, Werken, Impulsen, ihrem Selbstbewusstsein und Gemeinschaftssinn, ihrer Hoffnung wie ihrer Individualität und Tragik, ihrem Weitergehen und Weiterwirken in Identität und selbstgewählter Rollendefinition bis zur Gegenwart, die sich hier Leserinnen und Lesern öffnet. Und es ist ein herausragender Blick auf die Geschichte und die Entwicklung einer Stadt und eines Landes, den dieses außergewöhnliche Buch in Wort wie einmaliger Bilddokumentation öffnet – der Titel „Klagenfurterinnern“ bringt es im Doppelsinn auf den Punkt: eine Stadt erinnert sich im Wirken seiner Frauen an ihren Weg und ihr Werden, ihre Aufgabe in Gegenwart und Zukunft.
Alexandra Schmidt, freischaffende, in Kärnten lebende, Historikerin, Studium der Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Universität Köln, legt mit „Klagenfurterinnern“ ein informatives, staunend machendes wie spannendes Buch über Lebenswege von Frauen in Klagenfurt vor, das ob der wunderbaren Aufbereitung biographischer gesellschaftskultureller Schätze und deren geschichtlichen Details beeindruckt. Beginnend von Hexenprozessen im 16.Jahrhundert, über die Etappen erster Bildungseinrichtungen für Frauen bis zu herausragenden Persönlichkeiten des 20.Jahrhunderts wie Ingeborg Bachmann oder Maria Lassnig spannt sich ein vielfältiger Bogen von Gesellschaftsentwicklung im Kontext von Lebensspuren von Frauen, die in Klagenfurt ihre Wirkung und ihre Bedeutung bis heute bewahren und Stadt- und Lebensbild prägen.
Die gute übersichtliche Kapitelaufbereitung wie das Register im Anhang erlauben auch ein schwerpunktmäßiges schnelles Nachschlagen von Biografien.
„Ein Buch, das in seiner herausragenden Dokumentation und der lebendigen Erzählweise in Wort und Bild begeistert.“
Lieber Marius, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Vor allem versuche ich, mir eine Struktur zu schaffen, durch Arbeit, aber auch „schöne“ und langsame Rituale, zu denen ich außerhalb der Pandemie so gar nicht käme: mit dem ersten Kaffee in die frühe Sonne setzen, dann meine Apfelessigkur, ein kleines Frühstück samt der ersten Lektüre; danach habe ich mich soweit aufgebaut, dass Arbeiten möglich ist. Angesichts auch meiner leisen Verzweiflung gab es irgendwann keine andere Wahl mehr, als die Perspektive komplett zu drehen und nach den Vorteilen dieser Zeit zu suchen. Es gibt sie ja. Und bedenken wir, welch hohen Preis wir für diese Zeit zahlen, sind wir beinahe genötigt, einen Wert daraus mitzunehmen. Auch das geht. Aber am besten ist, sich in der Tätigkeit zu vergessen.
Marius Hulpe, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zum Beispiel zurückzutreten mit seiner Meinung, ohne sich die Stimme nehmen zu lassen. Nicht aufgeben. Auch hilft mir der Versuch, hinter die Beschaffenheit der Dinge zu sehen, etwa bei Landschaften: was sehe ich dort, was wurde vom Menschen hineingeschrieben und was ist sozusagen universell, was noch zeitlos? Und zu beobachten: was macht dieser Gedanke mit mir? Ich glaube, viel. Und noch etwas finde ich hilfreich: kritisch zu fragen, wo ich mich eigentlich befinde auf der Skala der menschlichen Existenzmöglichkeiten, also gedanklich, sozial und psychisch. Das hilft insofern, als dass alle irdischen Lasten gerade umso schwerer auf die Psyche drücken und heißt nicht, die eigene Beteiligung am Weltgeschehen zu relativieren oder zu leugnen, vielmehr sie besser wahrnehmen zu können. Wir müssen dieses komische gegenwärtige Gefühl neutralisieren, weil es das Denken stört.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Machen wir uns klar: Literatur, aber auch die Geisteswissenschaften können richtig hinderlich für das Denken und Erkennen sein. Aber im günstigsten Falle helfen, beflügeln, befördern sie. Es fragt sich nur, wobei? Möchte ich tatsächlich im wissenschaftlichen Sinne hinter die Dinge schauen, oder möchte ich im Sinne meiner ohnehin vorhandenen Intentionen bestärkt werden? Was, wenn diese Intentionen auf fragwürdigem Grund stehen, ohne dass ich es ahne? Manchen Menschen fällt es jetzt noch schwerer, konzentriert zu lesen, mir zum Glück noch nicht, ich lese noch mehr, breiter und intensiver und vergesse dabei sehr viel Mist und Ballast.
Was liest Du derzeit?
Heikle Frage, sehr viel gleichzeitig. Das geht nicht anders. Was nenne ich also? Am besten bewusstseinserweiternde Sachen: Yevgenyi Breyger. Gestohlene Luft. Sonja vom Brocke. Düngerkind. (beides jetzt zum zweiten Mal, dazu Gedichte von Barbara Köhler und José F.A. Oliver, und ohnehin von vielen anderen) Tim Crane. Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten. Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941—45. Und ein Buch, das ich jahrelang desinteressiert in der Ecke versauern ließ, und das mir jetzt plötzlich ungemein weiterhilft: Michael Hampe. Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück. (klingt wirklich nicht nach dem sagenhaften Buch, das es ist)
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Den Hampe möchte ich gerade dauernd zitieren, genauso Crane. Aber ein Gedicht von Ernst Stadler geht auch:
Der Spruch
In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort: Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe, Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe, Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge, Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge, Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt, Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt, Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht, Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht, Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich, Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!
Vielen Dank für das Interview lieber Marius, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Marius Hulpe, Schriftsteller _ lebt in Berlin und Soest. Mit Beginn des Monat März 2021 ist er Stadtschreiber von Hausach.
Foto_Ekko von Schwichow schwichow.de
5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Da sind der See und die Basilika. Und die wechselnden Perspektiven im Blick darauf. Die Gedanken am Steg vor dem Wasser. Mensch, Welt, Gott. Was führte hierher? Was lässt ja sagen zum Leben hier in der Gemeinschaft des Klosters? Was lässt bleiben und was lässt gehen?
Der Brief von Andreas an Lukas. Andreas hat das Kloster verlassen und ist jetzt Vater geworden. Er sendet Bilder seines neugeborenen Kindes. Ein neuer Lebensabschnitt, Stolz und Freude. Dies mit dem langjährigen Freund, dem „Mitbruder“, zu teilen, das wäre schön…
Doch Lukas spürt und sieht jetzt all die Bilder der Vergangenheit. Die gemeinsamen Gespräche, Gedanken, Zweifel und Entscheidungen. Eine schnelle Antwort ist da nicht möglich. Es braucht Behutsamkeit und Aufmerksamkeit. Worte sind Wege. Und die sollten überlegt sein…
Lukas stellt sich jetzt dem Blick in seine Seele, seine Wasser und Bewegungen der Jahre. Begegnungen und Abschiede. Beginn und Aufbruch. Ansprüche und Entscheidungen. Und wie wird es jetzt für ihn sein? Wohin wird sein Weg führen….
Moritz Heger, Schriftsteller, Germanist, evang.Theologe, Theaterwissenschaftler und Pädagoge, legt mit seinem zweiten Roman „Aus der Mitte des Sees“ eine mitreißende Seelenreise vor, die in psychologischer Aufmerksamkeit und Tiefe wie sprachlicher Sensibilität und Kraft beeindruckt. Lebenssinn und Lebenswelt werden in der menschlichen Bewegung des Suchens, Orientierens und Konfrontierens zur Gesamtschau von Mensch und Gegenwart in Moment und Entscheidung. Der Autor versteht es meisterhaft zu erzählen und gleichsam still zu fragen und damit Leserin und Leser miteinzubeziehen in Stationen eines Lebens – nicht zuletzt des eigenen.
„Moritz Heger führt eine Sprachklinge, die einzigartig ist. Er ist ein wagemutiger Musketier des Wortes und ein genialer Leseverführer.“
Liebe Katerina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage sind trotz der Pandemie meist sehr vollgepackt mit wechselnden Aufgabenstellungen, da ich zurzeit an mehreren Tätigkeitsbereichen gleichzeitig arbeite und versuche, diese bestmöglich zu positiven Ergebnissen zu führen.
Neben meiner Teilzeitanstellung im Immobiliensektor helfe ich bei der Verwaltung des Nachlasses des Künstlers und Akademieprofessors Herwig Zens aus. Seine Arbeiten sind sehr inspirierend, insbesondere die zahlreichen architektonischen Radierungen seines Frühwerkes lehren mich sehr viel – selbst nach seinem Tod fühle ich mich geehrt, von ihm auf diese Art und Weise unterrichtet zu werden.
Ein weiteres Aktionsfeld nimmt das Schreiben über Kunst ein. Im Rahmen des Projektes Kunst zu Recht Wien – einer Ausstellung österreichischer und internationaler Kunstschaffenden im Justizzentrum Wien Mitte auf 23 Stockwerken sind über 100 Künstler und Künstlerinnen mit ihren Arbeiten vertreten. Beim Schreiben tauche ich ins Werk aller Kunstschaffenden ein und verfasse jeweils einen separaten Artikel über jede Position. Es ist fordernd, doch gleichzeitig eine enorme Inspirationsquelle – wiederum eine dankbare Arbeit, die mich vieles lehrt.
Da ich Malerin bin, darf die Kunst bei all diesen Beschäftigungen auch nicht zu kurz kommen: in der Pandemie hat sich mein Arbeitsschwerpunkt vorerst merkbar auf Portraits verschoben. Ich vermute, dass die Menschen durch das Zusammenrücken im familiären Kreis näher zueinander gefunden haben und deswegen ihr Glück mithilfe eines Ölbildes festhalten wollen.
Währenddessen drängen sich immer wieder meine eigenen Bildideen auf und ich versuche hinterher zu kommen, diese zu visualisieren. Wie ich immer wieder erkenne, muss ich meine Planung häufig über den Haufen werfen und lernen mit den gegebenen Umständen zu fließen.
Katerina Teresidi_Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist sehr schwer zu sagen, da jeder Mensch ein individuelles Leben hat und eine völlig unterschiedliche Sicht auf die gegebene Situation der Pandemie und des Lockdowns. Ich erkenne aber, dass es anscheinend kollektiv ein Zustand des Überganges ist, daher ist es wahrscheinlich hilfreich sich Gedanken darüber zu machen, welche Eigenschaften jetzt abgestoßen werden müssen und welche neuen Fähigkeiten und Kenntnisse entwickelt werden sollen, um für die Zukunft bestmöglich gerüstet zu sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Hier kann ich wiederum nur Vermutungen anstellen. Ich beobachte, dass sich derzeit immer mehr Menschen zu politischen Ereignissen und gesellschaftlichen Umwälzungen äußern und aufgrund widersprüchlicher Informationen die Tendenz aufweisen, sich zu radikalisieren. Kunstschaffende sind dabei wahrscheinlich keine Ausnahme. Dabei besteht die Gefahr, Kunst zu politisieren, mit dem Ziel, Ideologien zu mehr Aufmerksamkeit und gesellschaftlichem Diskurs zu verhelfen. Ich glaube, dass hier besondere Achtung geboten ist, um Kunst auf diese Weise nicht zu missbrauchen.
Ich glaube, dass die Beschäftigung mit Kunst, gerade in Zeiten der Einsamkeit dabei helfen kann, in erster Linie näher zu sich selbst zu kommen und das eigene Leben in Ordnung zu bringen.
Was liest Du derzeit?
Gerade fertiggelesen habe ich Carl Gustav Jung’s Aion und bin dabei Alexander Solschenizyn’s Archipel Gulag durchzulesen. Jungs Konstrukt vom Aufbau und der Funktionsweise der Psyche ist sehr inspirierend für mein künstlerisches Wirken.
Alexander Solschenizyn erinnert hingegen an die harte Realität der menschlichen Neigungen und Extreme – institutionalisierte Gewalt, Freiheitsberaubung und eine übergestülpte Ideologie zeigen die möglichen Abgründe menschlichen Verhaltens auf – die Gefahr von radikalisierten Positionen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Betreffend die Notwendigkeit zur Beschäftigung mit unbewussten Prozessen im Inneren, um die eigene Psyche und in Folge das eigene Leben ins Gleichgewicht zu bringen, wozu die Kunst einer der Wege sein kann:
„It is, in fact, one of the most important tasks of psychic hygiene to pay continual attention to the symptomatology of unconscious contents and processes, for the good reason that the conscious mind is always in danger of becoming one-sided, of keeping to well-worn paths and getting stuck in blind alleys. The complementary and compensating function of the unconscious ensures that these dangers, which are especially great in neurosis, can in some measure be avoided“
– Carl Gustav Jung, Psychiater, Begründer der analytischen Psychologie
Katerina Teresidi_Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Katerina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe das Glück, seit 1.März 2020 freitätig zu sein. Sonst hätte ich die Beschwernisse eines Gymnasiallehrers in der Krise auf mich nehmen müssen. So bin ich kurz vor dem 1.Lockdown gänzlich zur Schriftstellerei (die ich zuvor neben der Arbeit als Lehrer und Kulturvermittler betrieben habe) übergewechselt und genieße jetzt vor allem die Vormittage am Schreibtisch. Nachmittags mache ich zumeist eine Schreibpause mit einem schönen Spaziergang am Plainberg. Gegen Abend dann entweder Kommunikatives (je nach Möglichkeit der Beschränkungen medial oder direkt), Lesen oder Film. Zwischendurch übe oder spiele ich auf der Jazzgitarre. Ab und zu bewerbe ich auch meinen neuen Lyrikband „Langsame Einkehr“ (Bibliothek der Provinz 2020), der krisenbedingt erst ein einziges Mal präsentiert wurde.
Peter Reutterer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, die meisten wissen, dass persönlich ein strukturierter Alltag mit Bewegung wichtig ist. Wenn man einmal niemand treffen kann, sollte man die anderen Kommunikationskanäle nicht vergessen. Solidarität darf nicht zu bröckeln beginnen. Keinesfalls sollten Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden. Für Schriftsteller und andere Künstler ist es sehr bedeutsam, mit Geduld und Mut weiter schöpferisch tätig sein, einander zu ermutigen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literarisches Schreiben ist für mich eine Forschung an der Wirklichkeit. Deshalb hat für mich Literatur immer eine Vorreiterrolle, wenn es darum geht, Wirkliches zu erfahren und zu erkennen. Im Gegensatz zu politischen Statements geben Literaten zu, etwas nicht zu wissen. Das hat mich schon vor 30 Jahren an Peter Handke fasziniert. Durch die Redlichkeit des Literarischen werden Zukunftsvisionen möglich. Ästhetische Strukturen verleihen Texten eine spezielle existenzielle Tiefe, die nur Künstlerisches vermitteln kann. Somit wird Kunst immer auch zur Spenderin von Hoffnung (sogar, wenn sie inhaltlich anderes aussagen sollte). Natürlich ist ökonomisch wie politisch der Maximierungswahn zu beenden.
Was liest Du derzeit?
Nach der Entdeckung bemerkenswerter österreichischer Literatur in den letzten Monaten 2020 (B. Steinwendtner, H. Adler, H. Kröpfl, P.S. Altmann u.a.) halte ich derzeit dankbar ein neues Buch von Haruki Murakami in Händen: „Erste Person Singular“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
In eigener Sache aus „Langsame Einkehr“: Das Leben ist erstens ein Geheimnis und zweitens sind wir eingebunden.
Als zweites Zitat auch etwas Hoffnung-Spendendes: Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. (Friedrich Nietzsche)
Vielen Dank für das Interview lieber Peter viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
(Nieselregen 28.10., Ehinger Tor Utopien, Marco Kerler)
Da ist die Haltestelle am Morgen. Das Warten. Das Beobachten. Das Licht der Sonne und die Schatten. Und da sind die Worte. Gehen auf die Reise. Von Innen nach Außen. Und von Außen nach Innen. Von der Haltestelle des Lebens aus. Im Moment. Direkt. Ein Bogen und ein Pfeil. Aus und in der Mitte…
Der in Ulm lebende Schriftsteller Marco Kerler legt mit „Ehinger Tor Utopien“ einen Gedichtband vor, der in Aufmerksamkeit, Direktheit und Impuls beeindruckt. Der Mensch in seinem täglichen Anspruch von Weg und Aufgabe, welches ganz unmittelbarer Ausgangspunkt und Mitte der Gedichte (Ehinger Tor ist eine zentrale Bushaltestelle in Ulm) ist, nimmt sich Zeit an Stationen, dem Warten, zu sehen, zu beobachten, wahrzunehmen. Die Gedanken und inneren Bewegungen sind dabei Bestandsaufnahme wie Sinnhorizont. Die Station am Arbeitsweg wird zur Metapher, zur Utopie von hier und jetzt. Zur Verbindung in der Bewegung des Lebens.
Der Autor versteht es eindrucksvoll Poesie als Ausdruck und Frage nach Mensch und Gegenwart in eine Sprachform zu setzen, die immer direkt Situation und Moment verbindet und zugleich Horizonte der Assoziation öffnet. Der Autor setzt einen Wort-Bild Dialog in Polaroidaufnahmen (Sofortbildkamera), der passender nicht sein könnte. Das Sofortbild der Kamera entspricht dem Gedankenmoment an der Haltestelle. Da die Sprache, die Poesie und da das Bild. Beides eine Haltestelle am Weg. Das Flüchtige wie das Bleibende. Eine Begegnung am Weg. Bestes poetisches Vademecum, welches hier zueinander findet. Eine geniale Idee und künstlerische Umsetzung!
Der Gedichtband selbst verbindet im Druckformat zwei Titelzyklen, „Ehinger Tor Utopien“ und „Abfahrtszeiten“, die von vorne wie von hinten beginnen. Auch dies eine spannende Idee und Symbolik, die Thema und Sinn ins Herz treffen.
Der große Sinn des Autors für Form und Ausdruck in Sprache/Bild/Drucksatz ist hervorzuheben und beeindruckend!
„Poesie als ganz stark pochender direkter wie hintergründiger Pulsschlag, der überspringt und zu begeistern weiß“
Fast wie immer nur muss ich zur Zeit statt ins Theater zu gehen, mich rüber ins Zimmer vor die Webcam setzen. Das ist immer noch komisch und ich vermisse das echte Miteinander sehr.
Anne Rab, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Verbunden bleiben und niemanden allein lassen. Ich denke zusammen haben wir die besten Chancen durch die Zeit zu kommen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater bzw. die Kultur muss ihren Stellenwert zurückbekommen und dann kräftig pushen. Die jetzige Zeit hat gezeigt wie sehr diese Branche hinten runterfällt, mit vielen weiteren. Da muss endlich was passieren. Kultur ist systemrelevant!
Was liest Du derzeit?
Zu viele Nachrichten. Manchmal muss man sich echt zu einer Pause zwingen. Um kurz durchatmen zu können von all dem Chaos.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Zusammenkunft ist ein Anfang. Zusammenhalt ist ein Fortschritt. Zusammenarbeit ist der Erfolg.“ Henry Ford
Vielen Dank für das Interview liebe Anne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Anne Rab, Schauspielerin, Improvisateurin, Regisseurin und Theaterpädagogin
Liebe Pega Mund, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gegen halbsechs, sechs in der Früh wach ich auf. Koche mir, ohne Licht anzumachen, Tee. Sitze minutenlang da in der Stille, betrachte den Morgen, um zu mir zu kommen.
Dann bewege ich mich in den Tag hinein. Je nach Wochentag und anstehenden Terminen ist die Agenda immer wieder anders. Ich tue, was eben zu tun ist, bin in ganz unterschiedlichen Lebenswelten unterwegs. Immer laufen mehrere Stränge zugleich nebeneinander und müssen koordiniert werden.
Seit vielen Jahren arbeite ich als Psychologin mit und für Menschen mit Behinderung, zugleich bin ich Teil einer umtriebigen Familie, habe Kinder und Kindeskinder, und – ich will schreiben. Das sind die drei wichtigsten Lebensbereiche, zwischen denen ich ständig switche.
Vieles ist in den vergangenen Monaten mühseliger, komplizierter, zeitweise sogar unmöglich geworden (die Schreibarbeit). In der Berufsarbeit sehe ich mich pandemiebedingt mit neuen Verantwortlichkeiten und Herausforderungen konfrontiert, im familiären Bereich ist die Betreuung der kleinen Kinder ein Hauptthema. Für die Schreibarbeit gilt: immer und überall, jede Zeitnische nutzen. Manchmal fühle ich mich ziemlich atemlos, aber das war in präcoronäischen Zeiten nicht anders.
Pega Mund, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ganz Subjektiv und spontan gesagt: Empathiefähigkeit üben, Gelassenheit, Geduld; differenziert, wach und klar bleiben, keine Feindbilder aufbauen; keine Angst vor der Angst haben, Balance halten, gut für sich sorgen; Zähigkeit zeigen, Standing, Weitblick; Gestaltungsspielräume nutzen, und seien sie auch noch so klein; Imaginationskraft pflegen und nützliche Illusionen, die in der Ritze zwischen Alltagszwang und Sehnsucht, zwischen Traumzeit und Leistungszeit aufblühn …
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mir scheint, Aufbruch und Neubeginn stehen längst schon an.
Notwendig, not-wendend finde ich: die Bereitschaft zu solidarischem Denken und Handeln, zur Selbstreflexion, zur Entkoppelung von Identität und Konsum ; große Bögen denken … und im Blick behalten: die Armutsschere (global, national/regional); die Not marginalisierter Menschen(gruppen); die Verteilung existentieller Ressourcen wie etwa Wasser, Nahrung, Obdach, Energie, Bildung, Selbstbestimmung, medizinische Versorgung, fair bezahlte Arbeit; die Veränderung des Klimas; die Regeneration von Boden, Luft und Wasser; den Umgang mit Pflanzen und Tieren …
Und Literatur, Kunst? Kann protokollieren, dokumentieren, spiegeln, moderieren, differenzieren; kann Korsette knacken und Panzer, kann Denk- Wahrnehmungs- und Kommunikationsmuster brechen, verändern, erweitern; kann befreien vom Sentiment hin zum Gefühl; kann Diskurse entfachen, kann aufzeigen, wachrütteln, verstören, verstimmen; kann wegweisen, wahrsagen – und Spaß machen, beglücken, beflügeln, beschützen, befrieden, beruhigen kann sie auch … „Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben“, heißt es bei Musil. Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die Literatur/Kunst vermitteln kann – dass eben die Dinge, die Gegebenheiten, die Realitäten nicht unverrückbar sind.
Was liest Du derzeit?
Bin ja immer in und mit mehreren Büchern unterwegs. Aktuell sind das vor allem:
Denkzettelareale (Gedichte und mehr, für mich ein sehr nahrhaftes Buch!); Schreibtisch mit Aussicht (Essays von Schriftstellerinnen über ihr Schreiben); Love Poems, Transformations (Gedichte, Anne Sexton); Gedichte, Tien Tran (Hgb.von Ron Winkler, im Elif Verlag); Avec Beat (Gedichte, Augusta Laar); Der abgesägte Lauf der Welt (Gedichte, Armin Steigenberger); Es ist, wie’s ist (Kurzgeschichten, Lydia Davis)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
was wir begreifen / ist schon der Rand
(Barbara Köhler, aus „selbander“ in: Die Niemandsrose)
Wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.
(Franz Kafka)
Nichts ist selbstverständlich, wir haben uns nur an manches gewöhnt.
(Rainer Malkowski)
Vielen Dank für das Interview liebe Pega, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!