„Ich wünsche mir Bühnen, die nicht nur Perfektion, die Dialoge und Entwicklungen zeigen“ Tini Trampler, Sängerin_Wien 2.3.2021

Liebe Tini, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Musikerin, Performern und Autorin, als Mensch der Ideen, Texte & Songs sehr nahe an die Menschen bringen möchte, musste ich mich von einem Tag auf den anderen in die eigenen vier Wände zurückziehen. Auftritte wurden abgesagt, Probenprozesse untersagt, erstmals wurde die Darstellende Kunst als gefährlich, hochinfektiös und riskant eingestuft. Das Gefühl einfach gar nichts mehr machen zu können, um dadurch  Menschen zu schützen (was wirklich das wichtigste auf der Welt ist), hat meinen Alltag auf den Kopf gestellt.

Tini Trampler, Sängerin, Komponistin, Autorin

Musik & Theater brauchen ein Gegenüber. Das wurde in unserer schnelllebigen Zeit kaum mehr angesprochen, denn unsere Lieder und Stücke werden mit ZuhörernInnen im Spiel weiterentwickelt. Konzerte und Performances sind ein grosses Rollenspiel, wo jeder, auch das Publikum, einen wichtigen Part übernimmt.

Als Nomadin, als Künstlerin, die von Ideen verfolgt wird – und das ist das ein sehr schönes Leben, meine „Ideenjagd“-, habe ich länger gebraucht, mich auf die neue Situation einzustellen. Die leidigen Themen, wie soll es weitergehen, wie kann ich  starre kapitalistischen Systeme aushebeln, welche anarchistischen Räume, die wir brauchen, können wir jetzt aufmachen, wie bekommen wir Reaktionen auf unsere künstlerischen Arbeiten etc., standen plötzlich im Vordergrund.

Dies Umstellung meines Alltags kann ich auch gut mit Trauerarbeit vergleichen, die 5. Schritte, Leugnen, Zorn Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Anfänglich bemühte sich die ganze Welt alles wieder auf „Normal“ zu stellen, man versuchte Ideen umzustellen, neu zu gestalten, bis man akzeptiert hat, dass dieses Virus doch nach Veränderung und Nachhaltigkeit verlangt. Ein Thema das auch ohne Corona schon lange ein internationales Thema der freien Welt ist. Massenfabrikationen, Massenveranstaltungen und kurzlebiger Hype und Style in der Kunst beherrschen schon längst unseren Alltag.

Zeitloses bedarf eben viel Zeit, ist unbezahlbar und bewegt sich immer auf dünnem Eis, ist nicht kontrollierbar. Veränderung, neue Kommunikationswege zu erfinden, das ist es was mich gerade jetzt antreibt weiterzumachen, zu schreiben, Menschen zu erreichen.

Ich schreibe gerade intensiv an einer neuen Platte. „Wiener Rebellion“, Chansons mit unsichtbarer, verzeihender Revolutionswirkung. Ich habe das Glück mit meinem Musik- & Lebenspartner  Stephan Sperlich gemeinsam im „Homestudio“ zu arbeiten. Das haben wir eigentlich immer schon gemacht, und wir lernen gerade noch mehr und neue technische Skills dazu, schneiden mittlerweile selbst Videos, reduzieren viele Ideen aufs Wesentliche.

Träumende Vögel: (vielleicht kann man den link einfügen zu dem Lied?)

:https://www.youtube.com/watch?v=RtvvcHpGhCI

Ein Musikprojekt das vielleicht irgendwann wieder auf der Bühne sein darf, wo sich Menschen berühren dürfen, entwickeln wir in einem neuen Format!

Mein Alltag ist also künstlerisch ausgefüllt, nur sehnt sich meine Sprache und Musik nach Aufführungen und Reaktionen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In Zeiten wie diesen wird uns gezeigt, dass wir uns immer wieder bewusst machen müssen auf Andere zu schauen. Die Welt verkauft uns Individualität, aber nicht die, uns selber zu mögen, sondern eine Individualität, die verlangt, alles selbst schaffen zu müssen. Das stimmt für mich etwas grundsätzlich nicht: Geben und Nehmen sollte selbstverständlich sein.

Wichtig fände ich es, sich endlich von diesem Konsumzwang zu befreien, der uns mehr einschränkt als frei sein läßt, wichtig fände ich immer und immer wieder zu thematisieren, wie wichtig jeder Einzelne im gesellschaftlichen Zusammenspiel ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Vor einem Neubeginn sollten wir uns besonders bewusst sein, wie schön es ist, in einer Demokratie zu leben, die es zulässt uns persönlich zu  entwickeln und zu äußern und gleichzeitig uns als  grenzenloses Kollektiv zu sehen, das das Leben gemeinsam bestreitet, gemeinsam feiert.

Schon vor Corona ging die Gesellschaft mit unserer Freiheit sehr fragwürdig um, und setzt sich nun immer mehr Grenzen und Regeln, die unsere Freiräume beschneiden. Freiheit ist das Schönste was es gibt, gleichzeitig auch liebevoll gefährlich, und lässt sich nicht manipulieren. Ich glaube man kann sie nicht verkaufen, weil es all zu menschlich ist, Fehler zu machen – und ohne Fehler gibts nun mal keine Entwicklung.

Ich wünsche mir, dass die Kunst wieder Räume bereitstellt, die, ob klein oder groß, experimentell und autonom arbeiten können, ich wünsche mir Bühnen, die nicht nur Perfektion zeigen, die Dialoge und Entwicklungen zeigen, ich wünsche mir dass man Künstlerinnen mehr Zeit gibt.

Ich wünsche mir von der Welt, dass sich die „Verpackungsindustrie“ auflöst und Ideen wieder an Wert gewinnen.

Was liest Du derzeit?

„Der Platz“ von Annie Ernaux

„Nachricht an den Großen Bären“  von Eva Schörkhuber

„Die unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Da sollten wir uns ständig bewegen, dann durften wir uns nicht mehr bewegen, und in dieser Bewegungslosigkeit bewegen wir uns plötzlich unsichtbar in alle Richtungen…“(Tini Trampler – Song Lyrik 2021)

Vielen Dank für das Interview liebe Tini, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tini Trampler, Sängerin, Komponistin, Autorin

Sängerin Komponistin Autorin | Tini Trampler | Österreich

Fotos_Teresa Marenzi

5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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