„Ich lese noch mehr, breiter und intensiver und vergesse dabei sehr viel Mist und Ballast“ Marius Hulpe, Schriftsteller_Berlin 1.3.2021

Lieber Marius, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vor allem versuche ich, mir eine Struktur zu schaffen, durch Arbeit, aber auch „schöne“ und langsame Rituale, zu denen ich außerhalb der Pandemie so gar nicht käme: mit dem ersten Kaffee in die frühe Sonne setzen, dann meine Apfelessigkur, ein kleines Frühstück samt der ersten Lektüre; danach habe ich mich soweit aufgebaut, dass Arbeiten möglich ist. Angesichts auch meiner leisen Verzweiflung gab es irgendwann keine andere Wahl mehr, als die Perspektive komplett zu drehen und nach den Vorteilen dieser Zeit zu suchen. Es gibt sie ja. Und bedenken wir, welch hohen Preis wir für diese Zeit zahlen, sind wir beinahe genötigt, einen Wert daraus mitzunehmen. Auch das geht.
Aber am besten ist, sich in der Tätigkeit zu vergessen.

Marius Hulpe, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zum Beispiel zurückzutreten mit seiner Meinung, ohne sich die Stimme nehmen zu lassen. Nicht aufgeben. Auch hilft mir der Versuch, hinter die Beschaffenheit der Dinge zu sehen, etwa bei Landschaften: was sehe ich dort, was wurde vom Menschen hineingeschrieben und was ist sozusagen universell, was noch zeitlos? Und zu beobachten: was macht dieser Gedanke mit mir? Ich glaube, viel. Und noch etwas finde ich hilfreich: kritisch zu fragen, wo ich mich eigentlich befinde auf der Skala der menschlichen Existenzmöglichkeiten, also gedanklich, sozial und psychisch. Das hilft insofern, als dass alle irdischen Lasten gerade umso schwerer auf die Psyche drücken und heißt nicht, die eigene Beteiligung am Weltgeschehen zu relativieren oder zu leugnen, vielmehr sie besser wahrnehmen zu können. Wir müssen dieses komische gegenwärtige Gefühl neutralisieren, weil es das Denken stört.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Machen wir uns klar: Literatur, aber auch die Geisteswissenschaften können richtig hinderlich für das Denken und Erkennen sein. Aber im günstigsten Falle helfen, beflügeln, befördern sie. Es fragt sich nur, wobei? Möchte ich tatsächlich im wissenschaftlichen Sinne hinter die Dinge schauen, oder möchte ich im Sinne meiner ohnehin vorhandenen Intentionen bestärkt werden? Was, wenn diese Intentionen auf fragwürdigem Grund stehen, ohne dass ich es ahne?
Manchen Menschen fällt es jetzt noch schwerer, konzentriert zu lesen, mir zum Glück noch nicht, ich lese noch mehr, breiter und intensiver und vergesse dabei sehr viel Mist und Ballast.

Was liest Du derzeit?

Heikle Frage, sehr viel gleichzeitig. Das geht nicht anders.
Was nenne ich also? Am besten bewusstseinserweiternde Sachen:
Yevgenyi Breyger. Gestohlene Luft.
Sonja vom Brocke. Düngerkind.
(beides jetzt zum zweiten Mal, dazu Gedichte von Barbara Köhler und José F.A. Oliver, und ohnehin von vielen anderen)
Tim Crane. Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten.
Abraham Sutzkever: Wilner Getto 1941—45.
Und ein Buch, das ich jahrelang desinteressiert in der Ecke versauern ließ, und das mir jetzt plötzlich ungemein weiterhilft:
Michael Hampe. Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück.
(klingt wirklich nicht nach dem sagenhaften Buch, das es ist)

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Den Hampe möchte ich gerade dauernd zitieren, genauso Crane.
Aber ein Gedicht von Ernst Stadler geht auch:

Der Spruch

In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort,
Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort:
Und wenn ich mich an trübe Lust vergebe,
Schein, Lug und Spiel zu mir anstatt des Wesens hebe,
Wenn ich gefällig mich mit raschem Sinn belüge,
Als wäre Dunkles klar, als wenn nicht Leben tausend wild verschlossne Tore trüge,
Und Worte wiederspreche, deren Weite nie ich ausgefühlt,
Und Dinge fasse, deren Sein mich niemals aufgewühlt,
Wenn mich willkommner Traum mit Sammethänden streicht,
Und Tag und Wirklichkeit von mir entweicht,
Der Welt entfremdet, fremd dem tiefsten Ich,
Dann steht das Wort mir auf: Mensch, werde wesentlich!

Vielen Dank für das Interview lieber Marius, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marius Hulpe, Schriftsteller _ lebt in Berlin und Soest. Mit Beginn des Monat März 2021 ist er Stadtschreiber von Hausach.

Foto_Ekko von Schwichow schwichow.de

5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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