Liebe Ines, herzlichen Dank für Dein Kommen zu einem Fotoshooting und Interview in Wien mit Themenschwerpunkt Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982Paris).
Romy Schneider ist in Wien geboren. Ihr späterer Lebensmittelpunkt war Paris.
Du hast Dir in Paris die aktuell laufende Ausstellung „Romy Schneider à La Cinémathèque Française“ zum 40.Todesjahr der österreichischen Schauspielerin angesehen. Welche Eindrücke hast Du da mitgenommen?
Die Ausstellung ist ein sehr schöner Abriss ihres künstlerischen Lebens. Es beginnt mit den ersten Filmen in sehr jungen Jahren und führt aufmerksam zu jenen ihrer letzten Lebensjahre. Diese Schritte und Etappen einer Schauspielkarriere und eines Lebensweges sind umfangreich dargestellt. Es sind viele Eindrücke mitzunehmen, gerade auch wie sie in Frankreich um ihren Weg als Schauspielerin gekämpft hat. Sie hat ja mit so bedeutenden Regisseuren der Zeit gedreht. Ihre Darstellung, ihre Präsenz in diesen Filmen war und ist einmalig. Egal, wer neben ihr stand, der konnte auch nachhause gehen (lacht).
Interessant war für mich auch, dass Romy Schneider in ihren letzten Filmrollen jeweils im Film gestorben ist. Was ja dann auch real geworden ist. Das fand ich sehr beeindruckend.
Wäre Paris auch für Dich eine interessante Option im Schauspiel?
Ja, natürlich, ich würde wahnsinnig gerne beruflich in Paris arbeiten. Wenn sich irgendeine Kooperation da ergibt, würde ich sofort Ja! Sagen (lacht).
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
Meine Familie, Oma, Tante, alle waren Romy Schneider Fans. Meine Großmutter war sehr vernarrt in Romy Schneider und ich hatte mit sieben Jahren mit ihr schon alle Sissy Filme und mehr gesehen. Ich habe dann die Rollen schon als Kind nachgespielt und mich etwa als Sissy verkleidet.
Welche Filme von Romy Schneider schätzt Du besonders?
Jeder ihrer Filme hat einen besonderen „Romy Schneider“ Charakter. Es ist schwer da einen hervorzuheben. Jeder Film packt, ergreift, lässt staunen und bewundern.
Ich mag „Swimming Pool“(1969) und „Trio infernal“ (1974) aber sehr gern. Aber es gibt so viele.
Die „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1982) drehte Romy Schneider nach dem Tod ihres Sohnes David (+1980) und auch darin geht es um den Tod eines Jungen. Sie wollte sich da selbst zerfleischen, vielleicht um einen Zugang zu ihrem Schmerz zu bekommen. Ich will mir aber nicht anmaßen, darüber etwas zu sagen. Aber es hat mich schockiert.
Welche Inspiration geht von Romy Schneider 40.Jahre nach ihrem Tod für Dich als Schauspielerin heute aus?
Diese Größe, es ist diese innere Größe. Ich finde es sehr beeindruckend, dass Romy Schneider eine so stolze, anmutige, zeitlose Person ist.
Alles was Romy Schneider im Schauspiel macht, macht sie mit einem Stolz. Und das ist faszinierend. Das ist so ein Leuchten von Innen, so eine Kraft und gleichzeitig auch eine Gefährlichkeit, weil es kein Vorausschauen gibt. Ich denke, sie wusste selbst auch nicht was als Nächstes passiert. Sie hat mit aller Kraft gespielt!
Jeden Satz, den Romy Schneider im Film spricht, der ist echt. Sie will diesen Satz sagen.
Wie siehst Du die Beziehung von Schauspiel und Leben?
Es hat für Romy Schneider kein Leben außerhalb des Films gegeben. Eine Lebensorientierung, -richtung ohne Film, Schauspiel gab es nicht und war nicht vorstellbar. Und gleichzeitig konnte sie auch nicht darin leben. Das ist dieser Zwiespalt.
Wenn Du Schauspielerin bist, geht es nicht anders. Du kannst als Schauspielerin nicht so tun als würde dich das Leben nur interessieren und nicht mehr.
Du bist Schauspielerin oder Du bist es nicht. Da gibt es nichts dazwischen. Mit aller Faszination und allem Risiko.
Wie siehst Du den Rückblick, Umgang mit persönlicher, familiärer Vergangenheit bei Romy Schneider?
Sie wusste genau was sie sagte. Sie sagte nicht zu viel und nicht zu wenig. Und dies war immer mit einer Größe verbunden.
Sie lügt nicht, aber sie sagt auch nicht mehr als sie gefragt wird.
Romy Schneider und die Liebe war und ist ein großes Thema. Ingeborg Bachmann schrieb ein Gedicht mit dem Titel „Erklär mir Liebe“. Wie erklärst Du Liebe?
Liebe ist das Gefühl, wo es einem nicht schlecht geht (lacht).
Man muss sich selbst sehr liebhaben, um lieben zu können.
Wer sich selbst nicht mag, kann nicht lieben.
Bist Du eine Frau, die Liebe erklären will, muss?
Nein. Wenn ich mich für einen Beziehungspartner entscheide, dann liebe ich ihn auch. Das ist eine Entscheidung und da kann dann viel passieren, aber es würde die Liebe nicht brechen. Ich bin da entschieden.
Vor einer Liebe bin ich uninteressiert. Aber dann ist es eine Entscheidung. Dann ist es da und geht auch nicht mehr weg.
Romy Schneider ging auch der Liebe wegen nach Paris. Diese Liebe zerbrach. Was lässt für Dich Liebe brechen?
Betrug. Ich kann mit Betrug nicht umgeben. Wenn ich betrogen werde, ist es vorbei. Und umgekehrt ist es auch vorbei.
Ich bin irre treu, aber wenn ich nicht mehr will, dann betrüge ich. Und dann ist es vorbei.
Was lässt Liebe wachsen?
Erlebnisse. Dinge, die man gemeinsam sieht. Wo man sich berührt.
Es sind die Berührungspunkte. Berührung mit sich selbst, gegenseitig. Das sind Momente, an die man sich im Nachhinein erinnert. Das bleibt bestehen und dadurch wird Liebe größer.
Wenn Du nur im Zimmer hängst, wird die Liebe wahrscheinlich weniger, weil es ein gegenseitiges Zerstören ist.
Wir erinnern uns an so wenig.
Gibt es da ein bestimmtes gemeinsames Erlebnis, dass Du in der Liebe immer wieder bewusst abrufst?
Bewusst rufe ich es nicht ab oder thematisiere es. Es ist einfach da. Ich spüre es im Körper, nicht im Kopf.
Romy Schneiders Liebespartner kamen auch aus dem Schauspielbereich. Wie siehst Du Liebe im selben Beruf? Erschwert oder erleichtert dies Liebe?
Es erleichtert einiges. Das Verstehen im Beruf, das Verständnis, ist da. Ob es auf Dauer funktioniert, weiß ich nicht.
Ich kann mich nie entscheiden zwischen Beruf und Liebe. Meistens entscheide ich mich dann für den Beruf. Das ist ja das Problem (lacht).
Ohne Beruf kann ich nicht existieren. Das ist mein Konflikt.
Das erinnert an Romy Schneider.
Was lässt in der Liebe aufbrechen, auch Brücken abbrechen, wie es Romy Schneider im Weg nach Paris tat?
Das ist keine Entscheidung im Kopf. Das passiert einfach. Ich denke da nicht eine Sekunde darüber nach (lacht).
Ich denke, dieses Herumgrübeln in der Liebe bringt nichts. Wenn man eine Entscheidung trifft, ist diese 100% spontan. Dann ist es Liebe. Finde ich. Überlegte Entscheidungen sind bei mir immer komplett falsch.
Entscheidungen in der Liebe sind 100% spontan und unumgänglich. Es passiert dann von selbst. Zumindest war es bei mir immer so.
Gibt es eine Rolle von Romy Schneider, die Du Dir vorstellen könntest, selbst gerne zu spielen?
„Trio infernal“.
Wie siehst Du persönlich eine „Dreiecksbeziehung“?
Sehr kompliziert. Ich denke, es ist am Anfang wahnsinnig aufregend, aber es geht nicht lange.
Ich kann es mir persönlich nicht vorstellen. Ich bin da zu besitzergreifend (lacht).
Wenn ich zwei Freunde hätte, würde es mir selbst leidtun. Ich würde Kopfweh kriegen (lacht).
Mann muss so etwas mögen. Ich kann das nicht. Ich bin da old school (lacht).
Wie siehst Du die Umstände des Todes von Romy Schneider?
Gruselig.
Ich kenne den persönlichen Wahnsinn des Schmerzes, der Traurigkeit, das Schwanken des Lebenssinns, aus Gründen der Trennung oder des Todes von geliebten Menschen, den kennt jeder von uns, aber nicht jenen, der an Selbstmord denken lässt.
Wir sterben von selbst.
Du lebst in Wien, Berlin, Paris. In Städten, in denen auch Romy Schneider gelebt hat. Was macht für Dich die Faszination dieser Städte aus?
Die Größe. Ich bin am Land aufgewachsen. Wenn man vom Land kommt, mag man große Städte sehr gern. Ich kann es mir nicht vorstellen woanders als in großen Städten zu leben.
Ich hatte schon viele Engagements in kleineren Städten. Doch jedesmal brach ich nach einiger Zeit die Zelte ab, weil es zu klein war. Ich will diese Anonymität der Masse in einer großen Stadt und auch das Entdecken dieser Städte im Verborgenen.
Wien ist „schön“ groß. Es ist nicht zu groß und nicht zu klein. Ich mag Wien.
Romy Schneider hat viele Interviews in Wort und Bild gegeben und öffnete dabei Ihr Innenleben. Ist es bei Dir auch so?
Über mein Innenleben kann ich nicht erzählen, weil ich es selbst nicht weiß (lacht).
Ich finde mein Innenleben für ein Interview nicht relevant. Es gibt Dinge, die viel interessanter sind als das Innenleben eines Menschen. Die Außenwelt, Dinge, die uns umgeben.
Wäre für Dich ein so persönliches Interview in der Form jenes von Alice Schwarzer mit Romy Schneider denkbar?
Dazu braucht es eine entsprechende Vorbereitung. Die hatte Romy Schneider bestimmt auch. Man muss in dieser Form des Interviews wissen was man tut.
Auch ein Interview hat immer eine bestimmte Rahmenform, eine Kamera. Romy Schneider wusste das bestimmt sehr genau.
Was nimmt man von Romy Schneider als Frau heute in das 21.Jahrhundert mit?
Einfach diese Größe, diese innere Größe. Und diese Selbstverständlichkeit als Frau zu sein und nicht perfekten Gesellschafts-, etwa Modelmaßen, zu entsprechen. Obwohl sie sehr darunter gelitten hat.
Auf medialen Plattformen präsentieren sich heute Frauen immer perfekter und werden dadurch in ihrer Sicht immer emanzipierter. Das ist bescheuert.
Romy Schneider war halt Frau.
Es gibt sehr viele Fotoportraits von Romy Schneider, auch sehr persönliche. Wie siehst Du dies heute in Deinem Beruf?
Ein Foto ist immer Abbild eines inneren Zustandes.
Man sieht auf einem Foto wie es einem Menschen geht, und zwar zu 100%.
Fotos sind als Schauspielerin:er ein schwieriges Thema, weil man sich entscheiden muss, wie man sich präsentieren will. Ob man in eine Form gehen will, ob man natürlich sein will? Ob es die richtigen Leute sind, die fotografieren?
Es waren bei Romy Schneider immer ganz ausgewählte Fotografen, mit denen sie arbeitete und denen sie sich öffnete. Es ist ja eine Beziehung, die Du da mit Menschen eingehst. Und manchmal funktioniert das nicht. Ich hatte schon Fotoshootings, wo ich dachte, hey, jetzt gebe ich dir noch Geld dafür und Du baust so einen Blödsinn. Das kostet 700 EUR und ist katastrophal.
Wenn man aus dem Theaterstück fotografiert oder aus dem Film stills macht, ist es für mich immer ganz beruhigend. Ich denke dann, ah, das lebt.
Welche Pläne, kommenden Projekte gibt es jetzt für Dich?
Ich drehe im Sommer mehreres, dann spiele ich Theater, mache eine Lesung in Berlin, auch im Wiener Kultursommer spiele ich und in der nächsten Spielzeit mache ich zwei, drei Stücke. Es geht weiter (lacht). Je weniger man sich Sorgen macht um die Zukunft, umso mehr passiert.
Ines Schiller, Schauspielerin, Wien
Ein wunderbares Schlusswort, liebe Ines! Herzlichen Dank für Dein Kommen und das wunderbare Fotoshooting und Interview zu Romy Schneider! Viel Freude und Erfolg für alle Projekte!
40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Ines Schiller, Schauspielerin_Wien
Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_5.2022
Mittagessen. – lieber kochen lassen. Auf der Couch essen mit heutiger Vorstellungstextbegleitung bis ich müde werde. Wecker schnell und müde stellen. 30 Minuten später klingelt er schon. Jetzt muss ich wach werden! Den Text weiter wiederholen, dann ins Theater fahren.
Davor noch die Katzen füttern! In die Garderobe, dann in die Maske, danach ist Zeit. In Ruhe einsprechen. Üben mit dem Korken. Dann kommt schon die 3. Zeitansage und ich gehe die Treppe runter, oder fahre mit dem Aufzug, zur Bühne. Spielen. Dann nach hause laufen, klarkommen, atmen.
Auf Katzen freuen, die jetzt dringend nochmal gefüttert werden möchten. Dann mit Markus Lanz zusammen vor dem Fernseher einschlafen.
Lavinia Nowak, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich darin zu üben einander mit Liebe und Verständnis zu begegnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich habe nicht das Gefühl vor einem Neubeginn zu stehen. Im Gegenteil. Die jüngsten Ereignisse lassen mich an die Idee der historischen Wiederholung glaube. (-die es seit der Antike gibt und die Nietzsche später beschreibt.)
Ich, als 1995 geborene, hätte es nie für möglich gehalten, dass es in Europa zu einem Krieg kommt. Ich dachte über buchstäbliche Schlachtpläne wäre man hinaus, aber das stimmt anscheinend nicht. (Was ich überhaupt nicht begreife.)
((-das Einzige was die Welt besser machte könnte wäre Philosophen an die Spitzen zu stellen.))
Das Theater kann Resonanzräume aufmachen. Statt Dauer Medien Konsum wenigstens auf dem Heimweg denken können.
Das Theater kann von Menschen erzählen, die vor langer oder kurzer Zeit ähnliche Konflikte hatten wie wir heute. Das kann kathartisch sein, man kann aber auch eintauchen und hoffentlich lachen.
Im Theater kann man zusammenkommen und sich in Nächstenliebe üben. Und man kann Geld spenden für die Ukraine.
Was liest Du derzeit?
Ich blättere in Georg Lukács ´Faust und Faustus´ zur Vorbereitung auf meine nächste Produktion am Volkstheater.
Darin enthalten sind Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller. Und so vergangen mir deren Themen mir vor einigen Jahren noch vorkamen, umso aktueller finde ich Sie jetzt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich habe heute Morgen zwei Geschenke geöffnet – es waren meine Augen“ unbekannt
Vielen Dank für das Interview liebe Lavinia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lavinia Nowak, Schauspielerin
Foto_Nikolaus Ostermann/Volkstheater Wien
22.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
G roße Erschütterung, Krieg, es ist wieder Krieg in Europa
I n Reichweite, Retraumatisierung für die Alten dort
V iele neue Wunden, Kinder, Eltern, Nachbarn
E ine Erinnerung an die alte Schuld, wir Deutschen, diesmal gut
P rachtvoll sind die Namen, Odessa, Mariupol, Touristin sein
E ine Reise in Friedenszeiten gemacht haben, zu spät
A lles kaputt, irreparabel, ein Theater dem Boden gleich
C haotisch, allzu, wirkt es nicht, die Flucht geht schnell
E ine Vernetzung ist gegeben, das Internet, Bekannte überall
A ber ein Zuhause, eine Sprache, ein Leben – zersprengt
C hancen im Schock, Kräfte mobilisieren, überleben
H ilfe annehmen müssen, gute Miene machen
A lles andere kommt später, Angst, all die Trauer
N ie wieder Krieg, so riefen wir, so lernten wir
C hronik eine Umdenkens, Aufrüstung, neue Blöcke
E ine Krise neben der nächsten, kein weiter so
Eva Brunner, 22.5.2022
Eva Brunner _Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Eva Brunner _Schriftstellerin
Kurzbio
Eva Brunner, *1980 in Siegen, lebt als freie Autorin und Angestellte der Berliner Kreativagentur Henkelhiedl in Uppsala/Schweden. Sie promovierte über „confessional poetry“ und veröffentlichte literarische Texte online, in Anthologien und Zeitschriften. Zuletzt erschienen ihr Lyrik-Debüt „Achtung, die Naht“ (parasitenpresse) und der kollaborative Gedichtzyklus „Die Mandarinenorakel“ zusammen mit Elke Cremer, herausgegeben von GE59. Sie schreibt regelmäßig für „Other Writers Need to Concentrate”, einer Initiative zur Vereinbarung von Autor*innenschaft und Elternschaft.
Lieber Thomas Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meinen »Tagesablauf« erlebe ich als ständige Wanderung – Wochenenden, Urlaube und Arbeitstage im klassischen Sinn gibt es nicht mehr, ich lebe in Jahreszeiten. Das alles ist primär ein Privileg meines Lebensabschnittes und einer großen Portion Glück.
Ich bewege mich in Dreiecken: zwischen meinen Orten Wald, See und Stadt und zwischen den Rollen »Dichter und Liedermacher«, Kurator und Berater.
Pandemie und der absurde Krieg in der Ukraine haben mir meine Reiselust geraubt.
Thomas Andreas Beck _ Dichter, Liederrmacher, Kurator
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wichtig ist, was wir alle eigentlich längst schon hätten erledigen müssen: Unser Innenleben zu pflegen. Aber die Mehrheit von uns war ja die letzten Jahrzehnte mit Ablenkungen und Empörung beschäftigt.
Im Endeffekt sind deshalb drei Aspekte wichtig: meine Freundschaften pflegen, Ängste beherrschen und Fantasie ausüben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, es geht darum, echt zu sein. Unverstellt, unverschwendet und berührbar. Jede, jeder muss für sich diese lächerlich wenigen Lebensjahre voll und ganz ausschöpfen, seine größte Kraft herausverpflichten! Nicht nur allein und schon gar nicht einsam, sondern gemeinsam. Kunst und Rituale sind dafür Blaupause, Horizont, Dünger und Boden.
Was liest Du derzeit?
Seit einigen Monaten lese ich mich durch die Bibliothek meines verstorbenen Mentors, dem Sozialwissenschaftler Prof. Ernst Gehmacher. Die Erkenntnisse daraus fließen in mein nächstes Album »Ernst« ein. Aktuelles Buch: Ihr werdet es erleben Kahn, Herman und Anthony J. Wiener. Eine 1963 für das Jahr 2000 verfasste Zukunftsprognose.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Rechne mit dem Schlimmsten aber freu dich darauf.« – Prof. Gehmacher
Vielen Dank für das Interview lieber Thomas Andreas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Thomas Andreas Beck _ Dichter, Liedermacher, Kurator
Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Er beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück. Anschließend folgt meist die „Bürozeit“ – Emails beantworten und alles, was so zu Büroarbeit gehört. Dann geht‘ s meist weiter am Schreibtisch mit Lesen oder Schreiben. Schön ist auch die Trias Kochen – Mittagessen – Kaffee. An den Tagen, an denen ich als persönlicher Assistent arbeite, gehe ich assistieren, ansonsten geht‘ s meist weiter mit Lesen, Schreiben, Hausarbeit, Einkaufen und all diesen Dingen. Viele Tage sind recht unspektakulär und gehen auch so zu Ende.
Andreas Pavlic, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke mir, dass es die Gestaltung des gesellschaftlichen Transformationsprozesses sein wird, in dem wir uns befinden, und der noch heftiger werden wird. Die Frage ist, wie man sich einzeln und kollektiv darin verhält. Ich gehe davon aus, dass die Klimaerwärmung und der Angriff auf die ökologischen und biologischen Lebensgrundlagen durch den Menschen zu globalen, weitreichenden sozialen Veränderungen führen wird. Ich denke mir, neue Beziehungen zwischen Natur und Menschen und zwischen Menschen zu schaffen ist und wird wichtig.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Das ist schwierig, da Kunst (zumindest im globalen Westen) einen ebenfalls durchkapitalisierten gesellschaftlichen Sonderbereich hat, mit all seinen wunderbaren Nischen und Ecken. Dort kann man zwar (fast) alles machen und sagen, aber dennoch wird die Kunst wahrscheinlich keine allzu große Rolle spielen. Die Probleme und Krisen der Gegenwart resultieren ja nicht aus einem Mangel an Information und Wissen, sondern aus einer Denk- und Wirtschaftsweise. Letztere basiert auf Eigentum, Konkurrenz und ist antidemokratisch. Es würde wohl reichen, wenn die Kunst für die gegenwärtige Politik nicht den Stimmungshochhalter spielt, sondern bei dieser Denkweise ansetzt und vielleicht auch, wenn sie darüber zu erzählen versucht, dass es andere Beziehungs- und Verbindungsweisen gibt. Und Künstler:innen würden versuchen diese andere Praxis zu leben und darüber zu berichten, was vielleicht einmal als unsere Revolution bezeichnet werden wird.
Was liest Du derzeit?
Abwechselnd folgende drei:
Kae Tempest, Verbundensein. Dank einer Empfehlung von Ilse Kilic.
Kaśka Bryla, Die Eistaucher. Ein packender Roman über Solidarität und Liebe.
David Graeber, David Wengrow, Anfänge. Vielleicht können uns andere Anfänge auch für Wege in eine andere Zukunft inspirieren.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Bini Adamczak schreibt in Beziehungsweise Revolution: „Die Revolution schafft nicht aus dem Nichts, sie verknüpft bisher Unverbundenes in neuer Weise.“
Kae Tempest schreibt in Verbundensein: „Kreativität fördert das Verbundensein. Und das Verbundensein mit einem wahren, unbequemen Selbst erlaubt uns, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie wir andere beeinflussen, anstatt blind, abgekoppelt und wie benommen von einem Tag zum nächsten durchs Leben zu gehen, aus jeder Begegnung mitzunehmen, was wir können, ohne weiter zu denken als an mein Überleben, das Überleben meiner Kinder, mein Überleben, das Überleben meiner Kinder.“
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andreas Pavlic, Schriftsteller
Foto_privat.
11.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Da ist das Weiß. Der leere Raum. So beginnt es. Für alle. Da und dort.
Und dann kommen die Menschen. Suchen ihren Platz. Zum Da-Sein. Da und dort.
Doch wo hinsetzen? Wo war ich gestern? Wo ist heute? Da und dort.
Dann die Worte. Das Sehnsüchtige, Verzweifelte und Unverstandene. Lass mich erzählen. Da und dort.
Und dann die Gewalt. Plötzlich. Das Blut. Es färbt das Weiß. Da. Zwischen uns. Die Worte, die Fäuste, die Waffen zwischen uns. Tag um Tag. Da.
Am Himmel die Bilder des Krieges. Dort.
Es gibt kein Weiß mehr.
Wo fängt es an? Vielleicht in der Lüge? Im Miteinander. Da und dort.
Jetzt gilt es zu suchen. Weiterzusuchen. Im Dunkel. Da und dort. Bis die Musik endet.
Da und dort….
Mit seiner neuesten Produktion gelingt dem Aktionstheater Ensemble eine großartige Verbindung des gesellschaftlichen wie individuellen belastenden Panoptikums der Gegenwart in Herausforderung, Ratlosigkeit, Scheitern und Hoffnung mit einem geschichtsphilosophisch-existentiellen Entwurf der Frage des Grundes und der Wiederkehr von Gewalt und des Scheiterns im Miteinander.
Der Ausgangspunkt dieser Fragestellung, die schonungslose Darstellung der Realität der Existenz in Sehnsucht, Lüge und Gewalt, wird dabei in einzigartiger Darstellungskunst gleichsam auf die Bühne geschmettert – so ist der Mensch – „der Wille zur Macht“, der Fuchs, der alle tötet, aus Lust. Eine Lust, die einen Anfang hat. In der Kindheit, im Trauma. Im scheinbar „Kleinen“. Und im Großen. Der Verdrängung von Geschichte und deren Wiederkehr.
Und wie kommt es nun zur Formulierung der Frage nach dem Ursprung von Gewalt?
Der geniale Kunstgriff der Inszenierung wie Darstellung ist, dass es um Aufmerksamkeit für das Leben, das alltägliche Leben, geht und das eben in dieser Aufmerksamkeit für den Menschen in Wort, Bewegung, Moment, die in tiefster Sehnsucht eine Suche nach dem Platz in der Welt sind, diese Frage täglich gestellt wird. Gleichsam „in der Hölle des Anderen mit mir“. Die Frage nach dem Grund von Gewalt und Krieg ist immer eine nach dem alltäglichen mitmenschlichen Krieg, der dann im bewaffneten „Gemetzel“ an die Oberfläche der Gesellschaft tritt. Wie es auch Ingeborg Bachmann formulierte – „Es herrscht Krieg, alltäglicher Krieg.“ Die Inszenierung öffnet hierfür eine schonungslose Aufmerksamkeit und Analyse in unglaublich intensiven Theatermomenten und es ist einzigartig wie der ausverkaufte Saal ganz still wird und man sprichwörtlich die Stecknadel fallen hören könnte.
Das Aktionstheater Ensemble begeistert einmal mehr mit einem Stück, das in einzigartiger existentieller Wucht packt und in seiner Dynamik, im rasanten Wechsel von Ansprache, Bewegung und Stille, wie großartiger Musik in variantenreicher Akzentuierung, begeistert.
Genial ist auch die Sichtbarmachung der Zerbrechlichkeit wie Zartheit des Menschen in seinem inneren Anspruch von Selbstbewusstsein und der Unsicherheit dieses Versuches. Wie dies auf der Bühne in Sprache, Gestik, Mimik, Bewegung von Händen und Körpern im dialogischen Spiel ausgedrückt wird, ist höchste Inszenierungs- und Darstellungskunst. Diese existentielle Ambivalenz von Mitteilung, Öffnen wie Verbergen, Zurückzuziehen ist feinste Psychoanalyse von Körper und Geist – einmalig!
Es ist bestes Theater, das unbändig mitreißend spielt, zum Lachen und Weinen bringt und schonungslos Fragen nach Mensch und Gesellschaft, Krieg und Frieden mit dem Zeigefinger nach innen stellt.
Danke für diesen Theaterabend!
Lüg mich an und spiel mit mir
Pension Europa 02
Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
Eine Produktion des aktionstheater ensemble in Koproduktion mit dem Bregenzer Frühling der Landeshauptstadt Bregenz und dem Vorarlberger Landestheater. In Kooperation mit Werk X
Do. 2. Juni 19:30 Uhr Premiere
Fr. 3., Sa. 4., So. 5., Di. 7., Mi. 8. Juni jeweils 19:30 Uhr