„abspenstig“ Ines Birkhan. Roman. Text/Rahmen Verlag

Ines Birkhan, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2019

Da ist das Leben. Und da ist da Schmerz. Zuerst der Schmerz dann das Leben. Oder das Leben und dann der Schmerz. Unten, oben, überall. Zu Wasser und zu Land. Seegurken, Schlangensterne, Trilobiten. Der Skorpion. Schrift. Kind. Der Tod. Der Schinderhannes. Millionen Jahre.

Und jetzt Ekaterina Manos` Körper. Schmerz, Tinte. Der Meister tut es. Überall. Sisi hat dazu geraten.

Und da ist die Bühne. Die Musik. Die Band. Polly X. Das Blau. Das Strahlen. Und da ist Nana. Im Keller.

Und so geht es fort. Jetzt nach Bad Aussee zum Meister. Da ist auch der Skorpion. Das Wasserbecken und die Wanduhren. Die Rituale. Die Geburt…

Das Geworfensein. Woher? Wohin?…es geht weiter…

Ines Birkhan, Schriftstellerin und Performerin legt mit ihrem Roman „abspenstig“ eine geniale phantastische, sprachmächtige Elegie von Existenz, Schmerz und verschlungener Utopie vor, die begeistert. Hier mutet sich Sprache alles zu und traut sich alles. Taucht in die Tiefen des Lebens unseres Planeten einmalig wort- und sinnverspielt hinab und lässt dabei Wörter in allen Harmonien, Dissonanzen und Chorälen variantenreicher Erzählmodi einmalig klingen.

Ines Birkhan ist der Rockstar der modernen Literatur. Mutig, leidenschaftlich, grenzenlos. Sprache wird zum in alle Richtungen und Möglichkeiten gewundenen Instrument von Reflexion und Konzeption und erinnert dabei in musikalischer Analogie an Jimi Hendrix, dessen „star spangled banner“ einer Generation ein staunendes Denkmal setzt. „abspenstig“ tut dies gleichsam der Erde. Eine universelle Lebensgeschichte unseres Planeten im Werden und Vergehen zwischen Schmerz, Verhängnis und Möglichkeit als einmalige sprachliche Performance. Ein modernes Epos, das Kultur, Gesellschaft, Vergangenheit, Traumata, Rituale und Befreiung in einer zentralen Erzählfigur verdichtet, auftauchen und verschwinden lässt. Die Mitte ist dabei immer die Sprache, welche dem bildhaften Aufblitzen existentieller Erkenntnis einen Rahmen zu geben sucht, diesen überschreitet und ständig neu definiert, wie entlang den Grenzen ihrer selbst und damit jenen der Welt weiterschreitet, weiterexperimentiert.

Die Wiener Schriftstellerin und Bachmannpreisteilnehmerin 2019, beeindruckt auch im Konzept einer narrativen Struktur, die phantastisch assoziert wie zahlreiche naturwissenschaftliche, mythologische, literarische Referenzen öffnet und Leserin und Leser wie in einem Sog bis zum Ende in Komödie und Tragödie führt und packt. So viel verdichtetes Wissen, Verknüpfungskunst und story – sensationell!

Ines Birkhan weckt die Sprache zum Leben, da wo der Buchstabe schon tot zu sein schien. Ein tiefgründiges roadmovie von Existenz und Planet in mitreißender Faszination literarischer Wort- und Erzählkunst.

Ein Roman als genial einzigartiger wie tiefsinniger Sprach-Trip. Laut, still, wild, grenzenlos!

„abspenstig“ Ines Birkhan, Roman. Text/Rahmen Verlag _6/2022

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Walter Pobaschnig 7_22

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„Grauen des Krieges“ Jan-Eike Hornauer, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ München 5.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Grauen des Krieges,

Immer wieder:

Verflucht ist der Mensch,

Endlos verflucht.




Panzert sich gegen sich selbst,

Einig in Friedenswillen,

Abwehrkampf, natürlich, was sonst?

Choreografien aus Eisen,

Elektronik, Brutalität – und Blut.




Aufstehen dagegen!




Carpe diem – meint hier:

Hoffnung verbreiten.

Anders kann der Mensch!, rufen und:

Nie wieder Krieg!

Citoyen heißt’s zu sein, für die Utopie,

Erlösung zu schaffen – ein klein wenig Erlösung.



Jan-Eike Hornauer, 18.6.2022

Jan-Eike Hornauer, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Jan-Eike Hornauer, Schriftsteller

www.textzuechterei.de

Foto_Dr. Heinz Linduschka

Walter Pobaschnig _ 18.6.2022.

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„Es geschah im November“ Alena Mornstajnova. Roman. Wieser Verlag

Da war das Aufwachsen für Marie. Der Rahmen in Familie und Gesellschaft. Doch es währte nicht lange. Schwangerschaft. Kind. Arrangement. Dann die Liebe. Ein neuer Weg.

Ein neuer Weg auch draußen. Die Welt in Bewegung. Eine Geburt auch da. Ein Kind?

Marie ist dabei. Schrei nach Leben.

Doch dann die Dunkelheit, der Schmerz. Alles wendet sich, verändert sich…bis zum Wiedersehen…

Alena Mornstajnova, vielfach ausgezeichnete tschechische Schriftstellerin, legt mit dem Roman „Es geschah im November“ eine mitreißende Lebensgeschichte  vor, die historische Referenzen aufnimmt und frei weitererzählt. Die Autorin stellt die Frage nach Wegen von Leben und Geschichte erschreckend aktuell und entfaltet ein Bild von Freiheitswillen und Unterdrückung, das spannend wie erschüttert erzählt wird.

„Zweifellos ein Roman zur Zeit. Eindringlich, erschütternd wie tragisch visionär“

Walter Pobaschnig 6_22

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„Ich liebe das Schreiben in der Nacht“ Stefan Sprang, Schriftsteller _ Essen 4.7.2022

Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?  

Zwei Leben führe ich zu unterschiedlichen und immer wechselnden Anteilen, ob mit ob ohne Pandemien. Eines als freier Hörfunkredakteur in Frankfurt,  Schichtdienstler, der entweder halb noch in der Nacht aus dem Bett muss (3.30 Uhr), oder aber einen späten Feierabend hat. Instrument in diesem meinem Job ist die Sprache, auch bei einem kleinen Radiostück geht es um Dramaturgie, einen fesselnden Einstieg, ein rundes Ende. Das bedeutet aber auch: Es bleibt, zumal mit fortschreitendem Alter, schwer, dann noch am „Feierabend“ literarisch aktiv zu werden und die eine Textseite zu schreiben, die ich gerne jeden Tag schreiben würde.

Stefan Sprang, Schriftsteller

Die andere Existenz: Die, in der ich schreiben kann, schreiben darf, schreiben will. Das sieht dann so aus: Eine Eule bin ich – und wenn es kein Termin-Korsett gibt, schlafe ich aus. Darum beginnt mein Tag dann meist (aber auch frühestens) um elf. Zunächst: Ein wirklich heißes Bad, 45 Minuten, dazu Jazz, Gilles Petersons „World Wide Show“, eine „Sunny Side Up“ Wiederholung, je nach Stimmung. Atem-Meditation, nachdenken:  „Was ist voraus?“ Die nächsten Zeilen, das nächste Kapitel. Mein Anlauf, ein gemächlicher. Die Angst vor der Einfallslosigkeit klein halten. Lese in Newsportalen, beantworte Mails, recherchiere, übertrage handschriftliche Notizen, sortiere Notizen im Skript. Denn vor 14, 15 Uhr schaffe ich es einfach nicht, einen brauchbaren und eben literarisch gemeinten Satz zu schreiben. Aber dann schreibe ich und schreibe … Nicht lang, aber beseelt. Vier Stunden, für mehr reichen Inspiration/Konzentration gleichwohl selten. Dann mache ich Sport (unspektakulär: Heimfahrrad), koche gerne, nichts Aufwendiges, das nur am Wochenende. Schaue Nachrichten, schaue Filme und Serien, trinke Wein (mehr als gut sei, sagt mein Ärzteteam), lese vielleicht auch. Aber das ist weniger als vor zehn Jahren. Die Hirnkapazität, die nötigen Areale ermüden fix. Aber ganz spät schreibe ich noch einmal … Bis es dann drei Uhr ist und sogar ich schlafen will. Ich liebe das Schreiben in der Nacht: Das Gefühl, weit und und breit der einzige Mensch zu sein, der noch wach ist und also ein „Nachtwächter“. Mein kleiner persönlicher Nonkonformismus. Aber vielleicht auch einfach nur meiner persönlichen inneren Uhr geschuldet.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?  

Nicht Angst in die Seele sickern lassen, sich nicht noch weiter einkasteln und schwerstfällig werden/bleiben. Im Gegenteil: Sich regelmäßig einmal um sich selber drehen auf der Stelle, auf der man steht, um zu sehen – so viel wie möglich von den anderen Stellen, auf denen Menschen stehen. Und dann zu verstehen. Sich wenigstens wieder ums Verstehen bemühen. Sich klar machen, dass die Lage ernst ist, aber wir nicht Opfer eines numinosen Schicksals sind. Opfer sind wir allein unserer selbst.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?  

Wesentlich wäre eine noch ganz andere Zeitenwende, eine universelle Mentalitäts- und Wünschewende. Ich wünschte mir eine Genügsamkeit derer, die sich stets mehr als genug leisten wollen, eben weil sie es können. Der Kosmos der Dinge: Größer werden die Fahrzeuge und versiegelten Flächen, Kommunikationsinstrumente sind Körperteile, Haben ist Ausholbewegung zum Wegwurf, Lifestyle religiös-sakrosankt (never ever Tempolimit, auch nicht auf der Bahn in die apokalyptische Höllenklamm) – aber dieses stofflich Zunehmende frisst uns nun mal weg vom elementar humanen Raum, vergiftet Klima, sozial, erdatmosphärisch. Dabei ist Binsenweisheit, dass die wahre Welt nicht die Warenwelt ist. Seht auf meine „role models“: Großeltern, die so schlicht lebten (die in Schonnebeck sogar ohne „Festnetz“ und eigenes Badezimmer) und doch zufrieden, weil umgeben von leibhaftiger Gemeinsamkeit. Möge also Oma Almas Geist „Influencer“ werden. Corona und Krieg entlarven, was unser Junkietum ist, was Gier, Sucht, Abhängigkeit bei den einen. Aber wo die einen leben, da gibt es auch die anderen. Die sich am Ende des Tages nicht mal mehr erinnern können, wonach sie süchtig sein wollten. Darum mein neues Lieblingswort: DEMUT, ein aussterbendes (beinahe wie „Telefonzelle“). Aber das ist es doch: Wir müssen die Demut retten, die Einsicht zurückgewinnen, dass es etwas gibt, was notwendig ist. Nämlich zu sehen, dass es so vieles gibt, das nicht zunehmen und mehr werden darf, während anderes genau das wieder muss. Die Zahl der Dollar-Millionäre wird nach Schätzung von „Credit Suisse“ bis 2025 auf 84 Millionen Menschen steigen. Der Autobauer „Mercedes“ hat deshalb beschlossen, noch teurere Luxus-Karossen zu bauen. Drastische Zeichen der Zeit! Unsere Gesellschaften treiben auseinander, schnell, schneller, explosivst. In „helden: tot“ habe ich es so ausgedrückt: „Wir müssen etwas riskieren, sagen die, die nichts verlieren können. Wir müssen flexibel sein, sagen die, die ihren Platz haben. Wir müssen die Angst überwinden, sagen die, die nichts zu fürchten haben. Wir müssen mehr Verantwortung übernehmen, sagen die, denen sie egal sein kann.“

Aber, jetzt, ja, ja, die Frage nach Kunst und Literatur will doch auch beantwortet sein. Und ja, ich drücke mich darum herum. Weil, da kann ich keine Hoffnung machen. Also ohne Umschweife Thomas Brasch zitiert. Kunst, so Brasch, „war nie ein Mittel, die Welt zu ändern, aber immer ein Versuch, sie zu überleben“. Ich widerspreche nicht. Verneige mich dankbar vor Kunst und Literatur, denn ich bin ein Überlebender dank ihrer und – hoffe ….

Was liest Du derzeit? 

„Effingers“ von Gabriele Tergit, ein Familienepos, da kann mir der Mann mit seiner Bandwurmsatz-Libido gestohlen bleiben. Und wenn wir schon beim Stil sind: Parallel lese ich „Hundesohn“ von Sonja M. Schultz. Einer der besten Gegenwartsromane, den ich seit langem in die Hand bekommen habe. Furioser Sound, Bilder und Beschreibungen, originell, treffend, Sprache, die einem das Hirn durchschüttelt. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?  

„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“  

Albert Camus, „Der Mythos des Sisyphos 

Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Stefan Sprang, Schriftsteller

Stefan Sprang, geb. 1967 in Essen, lebt dort im Südviertel und in Frankfurt/M. als Radiojournalist und Schriftsteller. Sein Roman-Debüt „Fred Kemper und die Magie des Jazz“ erschien 2011, sein Roman „Ein Lied in allen Dingen. Joseph Schmidt“ folgte 2019 (2. Auflage 2020), 2021 dann ein „Heimatroman“ „Henry Becker und der Sommer der Erinnerung“. Die Produktion seines akustischen Monodramas „Engel“ ist in Vorbereitung (GehörGang, Berlin).1999 „Kurt-Magnus-Preis“ der ARD. 2016 Einladung zur „Bayerischen Akademie des Schreibens“ und 2020 zum Literaturpreis „Irseer Pegasus“.

Foto_Peter Schiborr

4.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Im Metroschacht“ Verena Dolovai, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Klosterneuburg/NÖ 4.7.2022

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Verena Dolovai, 20.6.2022

Verena Dolovai  _Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Verena Dolovai, Schriftstellerin und Übersetzerin

Verena Dolovai

Foto_Julia C. Hoffer

Walter Pobaschnig _ 18.6.2022.

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„Grauenvolles“ Vivienne Causemann, Schauspielerin _ Give Peace A Chance _ Hard/Vbg. 3.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Give Peace A Chance _ Vivienne Causemann, Schauspielerin

Grauenvolles

immer

verloschen

einmal, zweimal, dreimal…



Persönliches

erstmal

allemal

charmanter

ergreifender



Aber



Chance

heute

auf

neue

chronologisch charakterstarke

entscheidungen



Vivienne Causemann, 13.6.2022

Vivienne Causemann, Schauspielerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Vivienne Causemann, Schauspielerin

Foto_Thomas Leidig

Walter Pobaschnig _ 13.6.2022.

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„Dass das Miteinander vielleicht Gestalten annimmt, die wir uns nie hätten vorstellen können“ Brigitte Wilfing, Choreografin, Performerin _ Wien 3.7.2022

Liebe Brigitte, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Immer anders. Gerade undiszipliniert und unproduktiv im herkömmlichen Sinn. Eine Zeit, in der ich das „Jetzt“ in deinen Fragen als jenen Moment, in dem sich das Zukünftige formt, adressieren kann. Daher anworte ich: ich werde getanzt, gelesen und geschrieben haben, meinem Doktorat näher gekommen sein und in dieser besonders wahnsinnigen Zeit besonders sanft gewesen sein.

Brigitte Wilfing, Choreografin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das kann ich nur für mich beantworten. In Zeiten zunehmender Re-Ideologisierung der Gesellschaft, reaktionärer Identitätsphilosophie und ödipaler Identifikationspolitiken versuche ich über den Tellerrand meiner eigenen Meinung zu blicken. Die widerspiegelt bloß meinen Horizont. Der erscheint mal weiter, mal enger, aber in jedem Fall nicht so wichtig, als dass ich ihn äußern müsste. Es sei denn, ich werde gefragt.

Zuhören hilft, jenseits des Eigenen zu schnuppern und immer wieder zwischen Meinung und Wissen zu differenzieren und zu verschieben. Letztendlich aber existieren viele Wahrheitsverständnisse nebeneinander, diese Ambiguität gilt es auszuhalten. Wenn ich das eigene Verständnis nicht so ernst nehme, muss ich es auch nicht verteidigen und mich auch nicht bestimmten Ausschlusslogiken ergeben. So bleibt Energie für das was mir wichtiger ist.

So gelassen das jetzt klingt, ich beantworte diese Fragen in der Ausrichtung einer Anrufung, den Weg dahin gehe ich – mal gerade, mal komme ich ab.

Brigitte Wilfing _‘Land of the Flats’

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Wir stehen immer vor einem Neubeginn. Aber ja, der Ausblick ins Morgen war schon mal heiterer und von größerer Zuversicht getragen. Als ich jünger war, ging ich davon aus, dass alles gut werden würde. Diese Zukunft, wie ich sie früher kannte, existiert nicht mehr in mir. Heute geht es mir darum, die Schwierigkeiten auszuhalten und damit zu arbeiten: was zeigt und lehrt uns diese verwundete Welt, was können wir anders machen, zu welchen Weisen des Zusammenlebens ruft uns dieser zerstörte Planet?

Der Kunst kommen dabei alle und keine Rollen zu, sie hat per se keine bestimmte Funktion. Sie operiert auf vielen Ebenen und entzieht sich einer einheitlichen Wirkweise und Lesart. Ihre Bedeutung gehört niemandem, sondern zeichnet sich durch die Pluralität der Begegnungen aus, die sie hervorbringt. Kunst, die jemand als gewalttätig empfindet, kann für jemand anderen erhellend und reinigend sein. Kunst ist Berührung. Es wäre eindimensional, wenn wir nur von Kunst, die schön ist, politisch korrekt, in der verbindende, fürsorgliche oder dekoloniale Praktiken und andere durchaus notwendige Impulse unserer Zeit zentral sind, berührt werden könnten. Mit Rancière gesprochen, ist Kunst ganz oft da emanzipatorisch, wo sie es gar nicht darauf anlegt. So wie nach Auschwitz weiterhin Gedichte geschrieben wurden, finde ich Kunst, in der Nabelschau betrieben wird, genau so bedeutsam, wie Kunst, in der neue Formen des Zusammenseins imaginiert werden.

Brigitte Wilfing _‘Land of the Flats’

Wichtig finde ich und jetzt spreche ich doch von einem Wir: wichtig ist, dass wir Künstler:innen auf so vielen Ebenen wie möglich auch tun, wovon wir sprechen. Es bedarf keiner weiteren schönen Worte und Gedanken, wenn das entsprechende Handeln ausbleibt. Wenn wir neue Räume und Seinsweisen imaginieren, von politics of care, relational aesthetics und speculative ethics sprechen, dann müssen wir bereit sein, die Konsequenzen dieser neuen Räume zu tragen. Konsequenzen, die uns vielleicht nicht immer gefallen, weil sie bedeuten, Gewohntes aufzugeben, weil sie unser Wissen demontieren vermögen, weil ein Fair Pay aller Beteiligten vielleicht heisst, mit weniger Performer:innen zu arbeiten, als es der Arbeit „stehen“ würde, weil andere Arbeitsweisen vielleicht auch danach verlangen, das Ruder abzugeben oder es anders in die Hand zu nehmen, weil es bedeutet, etwas zu riskieren, zu riskieren, dass das Miteinander Regie führt und dies vielleicht Gestalten annimmt, die wir uns nie hätten vorstellen können.

Brigitte Wilfing, „‚growing sideways‘

Was liest Du derzeit?

Ich bin gerade dabei, Bücher für den Sommer zu sammeln. Wie oben schon gesagt, ich werde ja viel gelesen haben. 🙂

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich schreibe mit zwei Katzen an meiner Seite, während ich an euch denke. Möge ich sie niemals verraten, denn damit verriete ich mehr als mich selbst, ich verriete das Beste vom Menschen.

Hélène Cixous „Liebes Tier – Für Kinder und Erwachsene“

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitte, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Performance-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Brigitte Wilfing, Choreografin, Performerin

Fotos _ 1 Portrait Andrea Peller; 2-4 Markus Sepperer.

16.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur hat die Aufgabe über Landesgrenzen hinaus zu verbinden und offen zu sein“ Sam Bennet, Schriftstellerin _ Aalen/D 2.7.2022

Liebe Sam, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er sieht wie immer aus. Ich stehe auf, trinke meinen Kaffee und mach dann ein kleines Yoga-Programm. Wobei das von meiner Schlafqualität, die Nacht zuvor, abhängt. Dann setze ich mich an den Schreibtisch und arbeite, wie jetzt gerade, an meinem Manuskript.

Sam Bennet, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mehr solidarischen Zusammenhalt und weniger Egoismus

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es liegt doch auf der Hand; Frieden zu schaffen, Hände zu reichen und endlich aufhören Natur und Mensch auszubeuten.

Literatur hat die Aufgabe über Landesgrenzen hinaus zu verbinden und offen zu sein und zu bleiben.

Was liest Du derzeit?

Da ich gerade an meinem neuen Roman schreibe, lenke ich mich eher nicht mit Literatur ab. Ich habe zuletzt den dritten Band von Stephen Kings „Der dunkle Turm“ gelesen.

Und vom großartigen Aladin El-Mafaalani, „Wozu Rassismus?“ – kann ich wirklich jedem ans Herz legen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wer keinen inneren Frieden kennt, wird auch in der Begegnung mit anderen keinen inneren Frieden finden.

Dalai Lama

Vielen Dank für das Interview liebe Sam, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sam Bennet, Schriftstellerin

Foto_Christian Frumolt

16.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Größenwahn“ Susanne Huck, Künstlerin _ Give Peace A Chance _ Maria Rain/Ktn 2.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Größenwahn

In

Vorbereitung auf das

Elend erwacht nur der Trauermarsch.



Porzellan zerbricht

Erschreckt uns und

Ankert als Kuckucksei wie ein

Chemisch veränderter

Essigsaurer pH-Wert – heißt das von nun an –



Achtung! Die Instrumente des Friedens sind abgetaucht?



Cherub sucht seine Brüder im

Hafen, in den

Algenwäldern, unter den Luftschlössern. 

Namenlos viele Soldaten beschreiben das Wetter dort schwarz.

Cherub findet containerweise – nichts als verbrannte

Erde


Susanne Huck, 27.5.2022

Susanne Huck_  Acryl auf Leinwand 60x80cm, 2021
Susanne Huck_Künstlerin, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Susanne Huck_Künstlerin, Schriftstellerin

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 23.5.2022.

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„Einen neuen Ansatz für die Musikalität zu finden“ Noa Kleisen, Pianistin _ Wien 1.7.2022

Liebe Noa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment gibt es bei mir keinen bestimmten Tagesablauf. Da ich viele verschiedene Dinge gleichzeitig mache, muss ich in meinem Tagesablauf flexibel sein. Im Moment konzentriere ich mich zum Beispiel auf drei verschiedene Dinge: Ich bin Pianistin, also muss ich tägliches Üben in meinen Tag einbauen, ebenso wie Proben und Unterrichte. Dann organisiere ich auch noch das internationale Kammermusikfestival Joie de Vivre – was von alleine schon aus einer Vielzahl von Aufgaben besteht. Das dritte Projekt, an dem ich arbeite, ist der Dreh eines Dokumentarfilms über „Frauen in der Welt der klassischen Musik“. Im Moment bin ich dabei, das Drehbuch fertig zu stellen, denn wir werden demnächst mit den Dreharbeiten beginnen.

Noa Kleisen, Pianistin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage finde ich schwer zu beantworten, weil sie für jeden anders ist. Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen, würde ich sagen, dass es vielleicht wichtig ist, ein (erneuertes) Gemeinschaftsgefühl zu schaffen, bei dem wir uns der gegenseitigen Unterstützung bewusster werden. Ich habe das Gefühl, dass wir während der Pandemie viele Verbindungen zueinander verloren haben, wodurch sich viele von uns ein wenig verloren und allein fühlten. Dies ist auch der Grundgedanke meines Festivals „Joie de Vivre“, und ich hoffe wirklich, dass ich dadurch zu einem allgemeinen Gemeinschaftsgefühl beitragen kann.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich denke, die einfache Antwort auf diese Frage ist, dass wir alle unsere Motive und unseren Standpunkt im Leben überdenken mussten. Da Musik oder jede andere Kunstform eng mit unserem inneren Wesen verbunden ist, denke ich, dass es fast unmöglich ist, diesen Prozess voneinander zu trennen, wenn man ein Künstler ist. Für Musiker oder Künstler bedeutet ein Neuanfang also möglicherweise auch einen neuen Ansatz für die Musikalität oder den Ausdruck.

Ich selbst habe eine Phase von fast einem Jahr durchgemacht, in der ich kein Klavier angefasst habe und mich auf ganz andere Dinge konzentriert habe. Ich habe viele Interessen, und es war sehr erfrischend sowie sehr wichtig, mich diesen eine Zeit lang hinzugeben. Als ich mich schließlich entschied, zum Klavier zurückzukehren, war ich ein völlig anderer Mensch. Ich bin viele meiner Unsicherheiten losgeworden und ich hatte definiert, warum ich diesen Beruf ausüben möchte.

Was liest Du derzeit?

Ich lese wirklich gerne, aber ich muss leider gestehen, dass ich im Moment kaum Zeit habe, viel zu lesen. Wenn ich aber zum Lesen komme, dann lese ich abwechselnd „Die gute Erde“ von Pearl S. Buck und „Kapitän Corellis Mandoline“ von Louis de Bernières.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich“. Goethe.

Vielen Dank für das Interview liebe Noa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Noa Kleisen, Pianistin

Foto_Andrej Grilc

30.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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