„Ich nehme vermehrt wahr, dass viele schon extrem am Limit sind“ Asta Cink, Bildende Künstlerin _ Wien 15.6.2022

Liebe Asta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Asta Cink, Bildende Künstlerin

Da ich Mutter einer vierjährigen Tochter bin, ist mein Tag natürlich danach getaktet. Heißt, nachdem ich sie in den Kindergarten gebracht habe, geht mein Zeitfenster auf, in dem ich mich so gut wie möglich, um meine künstlerische Arbeit kümmere, ins Atelier fahre oder von zu Hause das administrative Drumherum erledige.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Self Care.

Ich nehme vermehrt wahr, dass viele schon extrem am Limit sind. Ich schließe mich da nicht aus. Die letzten beiden Jahre waren extrem fordernd und sind es noch. Ich glaube, wir dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn das reagieren und sich den jeweiligen Umständen anpassen im Rahmen der Pandemie hat Kraft gekostet.

Und es wirkt nach wie vor auf uns ein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Diesen Um und Aufbruch spüre ich auch. Bei mir rappelt es sozusagen auch in der Kiste.

Die Kunst wird, wie immer, Sprachrohr ihrer Zeit sein. Diese unruhigen Zeiten machen auch vor der Kunst nicht halt. Anhand meiner eigenen Praxis stelle ich fest, dass ich ein großes Bedürfnis nach Diskurs und partizipativen Arbeiten habe. Installationen, die erlebbar und Raum-Einnehmend sind. Ich glaube, das ist die logische Konsequenz nach Zeiten der Zurückgeworfenheit auf sich selbst. 

Was liest Du derzeit?

emails, newsletter, Einladungen zu Ausstellungen,.. ;D

Zwischen Kind und Kunst bleibt mir leider keine Zeit dabei stapeln sich schon die Bücher bzw die Bücherliste wird immer länger.

Was uns wieder zum Thema Self Care bringt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Scheitern, Scheitern, besser Scheitern. (Samuel Beckett)

Vielen Dank für das Interview liebe Asta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Asta Cink, Bildende Künstlerin

https://astacink.com/

Fotos_Asta Cink

2.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es wird darauf ankommen, neue Werte und Ziele im Leben zu finden“ Klara Hurkova, Schriftstellerin _ Aachen/D 14.6.2022

Liebe Klara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich. Ich arbeite an vier Tagen in der Woche als Lehrerin für Englisch und Kunst an einer mittleren Schule des Zweiten Bildungswegs, unterrichte hauptsächlich junge Erwachsene. Das nimmt mich ziemlich in Anspruch. An den anderen Tagen versuche ich zu schreiben, zu malen und zu übersetzen. Und immer bemühe ich mich, alles möglichst kreativ miteinander zu kombinieren. Einen festen Tagesablauf habe ich daher nicht.

Klara Hurkova, Schriftstellerin 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aus meiner Sicht: Zu verstehen, was Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit wirklich bedeuten, wie wenig selbstverständlich sie sind und wie lebensnotwendig es ist, sie zu verteidigen. Und natürlich ist es wichtig, solidarisch zu sein. Nicht nur an sich selbst denken, sondern helfen, wo immer wir können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin weder Prophetin noch Politikerin, doch ich glaube, es wird darauf ankommen, neue Werte und Ziele im Leben zu finden. Das Streben nach materiellem Wohlstand, Erfolg und Ruhm müsste wichtigeren Dingen Platz machen: zum Beispiel der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, echter Bildung und Kreativität, sinnvoller Wohltätigkeit. Unser Leben müsste gesünder und weniger egoistisch werden. Literatur und Kunst werden sicher eine wichtige Rolle spielen, wie immer in Krisen- und Umbruchzeiten. Ich bin in einem totalitären Staat, der kommunistischen Tschechoslowakei, aufgewachsen und weiß, wie wichtig für uns damals die (verbotene) Literatur und Kunst waren. Und wie enthusiastisch wir eigene Kunst in privaten Räumen erschaffen und gepflegt haben… Die geistige Tätigkeit kann lebenserhaltend sein.

Was liest Du derzeit?

Arno Geiger, Unter der Drachenwand. Ein sehr beeindruckender und hochaktueller Roman.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Zusammenhang damit, was ich oben gesagt habe, fällt mir ein Zitat von Václav Havel ein:

„Wir wissen nicht, wie wir die Ethik der Politik, der Wissenschaft und der Wirtschaft voranstellen sollen. Wir sind immer noch unfähig zu verstehen, dass das einzige Rückgrat unserer Handlungen – wenn sie ethisch sein sollen – die Verantwortung ist.“

Vielen Dank für das Interview liebe Klara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Klara Hurkova, Schriftstellerin 

https://www.hurkovaklara.de/

Foto_privat.

29.4.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„dass es auch so viel Schönes im Leben gibt“ Sophie Isermann, Schauspielerin _ Wien 13.6.2022

Liebe Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeden Tag anders! Das ist das Schöne an der Selbstständigkeit und etwas, das ich während der vielen Lockdowns die letzten Jahre am meisten vermisst habe.

Sophie Isermann, Schauspielerin, Sprecherin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen (Pandemie, Krieg,..) ist es wichtig sich vor Augen zu halten, dass es auch so viel Schönes im Leben gibt. Natürlich soll man vor der Realität nicht die Augen verschließen, aber nur die negativen Dinge im Leben zu sehen, ist auf Dauer nicht gesund.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst sowie Theater & Schauspiel sind für viele Menschen – oft auch durchaus unbewusst – eine Möglichkeit Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und auf Missstände hingewiesen zu werden.

Was liest Du derzeit?

In Vorbereitung auf ein neues Projekt sehr viel Schiller, Goethe und Lessing.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist, dann suche dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht! – W. Shakespeare

Vielen Dank für das Interview liebe Sophie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sophie Isermann, Schauspielerin, Sprecherin

https://www.sophieisermann.com/

Foto_Andrea Peller

18.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gehen entlang der Zäune“ Nico Feiden, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Köln 13.6.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gehen entlang der Zäune

Ist wie grenzengezogenenes schweigen

Vielleicht, nur vielleicht verbrennen wir unsere Lippen an

Erinnerungen, die zu Stille worden



Panik als ein Wort der Mächtigen.

Errungenschaft, nur der Ort an dem zu Leben unmöglich wurde

Angenommen, ich lege meinen Finger in die Wunde der Stadt in die

Charismatischen Augen derer,

die nie Zeit für ein Lächeln hatten.

Erinnerst du dich an die Pfütze in der sie die Luftschläge sahen? So unwirklich wie ein Gemälde von René Magritte. In die Ruinen gemalt, als Staub zwischen Trümmern.



Aber so sieht man den Krieg & sieht ihn eben nicht. In den Augen & den Hälsen der ausgebrannten Kellerkerzen  in Mariupol.



Chancen, dass sind Provilegien der anderen, die Zeit haben, zu hinterfragen; eine Waffenlieferung, ein Gesetz, ein verschissenes Bruttoinlandsprodukts…

Hier, kochen sie Reis für 13 Tage Hunger

Aber mit jedem Haus stürzt ein Stück

Traum aus der Welt.

Niemals waren sie dort, die Richard David Prechts, oder die Dichter oder #fuckyouLarsEidinger.

Chancen auf Frieden, Chancen die Hand zu heben und nichts zu betrachten, als den Himmel zwischen den gespreizten Fingern, aber

Eigentlich wäre selbst das zu viel verlangt.

In einer Zeit, da wir vergaßen die Augen über die Augen der Welt zu legen und das Bild im Inneren abzugleichen.

Ich denke ein Ende & meine Jetzt. Ich denke den Tag, an dem wir aufstehen aus diesem Leben und sagen: nichts war gut & wir wussten was wir tun, was wir nicht tun  & Wir waren wie Blinde auf dem Weg zum Abgrund. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Ich denke ein Ende & meine Jetzt

Nico Feiden, 28.5.2022

Nico Feiden, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Nico Feiden, Schriftsteller

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 26.5.2022.

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„Hoch und tief und intensiv“ Iris Julian_Performance Künstlerin _ Station bei Malina _ Wien 13.6.2022

Iris Julian_Performance Künstlerin, Kulturwissenschafterin

Liebe Iris, wir sind hier an persönlichen wie literarischen Bezugspunkten der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in Wien. Ist es auch in Deinen Kunstprojekten so, dass Du Lebensorte als Ausgangspunkte aufnimmst?

Lieber Walter! Danke für die Frage! Tatsächlich führe ich eine inszenatorische Technik des in Kanada lebenden Choreograf Benoît Lachambre weiter. Diese besteht darin, sich zunächst der eigenen Energie gewahr zu werden, ein langwieriger Prozess, der bei muskulären Spannungen ansetzt. Für meine Kunstprojekte habe Benoîts Technik weiterentwickelt, dafür betrete ich Räume, um Energie zu fühlen. In meiner Videoarbeit „real estate speculation“ (zu sehen auf Vimeo) kann man mich in einem Moment beobachten, in dem ich eine 93 jährige Frau in mir fühlte. Sehr intensiv war die Raumenergie auch in einem Bunker aus dem 1. Weltkrieg, Schauplatz des Filmes „Dolomitenfront“, dessen Regisseur mir die Möglichkeit gab, diesen nicht öffentlichen Ort zu betreten.

Für das von Dir vorgeschlagene Konzept des Fotoshootings visualisierte ich im Vorfeld Koordinaten im Leben Ingeborg Bachmanns, ein Verleger kam in meinen Sinn, der am selben Tag noch zu treffen sei. Die Beatrixgasse, durch die sie/ich ging, fühlte sich wesentlich verändert an, kurz, es entspann sich ein Netzwerk, das mich in verschiedene Richtungen zog und sich, so hoffe ich, durch die Fotos an die Leser:innen Deines Blogs vermittelt.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Der intensivste Moment war unser Fotoshooting. Ich muss aber auch sagen, dass mich ihr Roman „Malina“ packt. Endlich packt mich Literatur wieder. Vor der Fertigstellung meines PhD habe ich viel gelesen, auch Werke, die abseits unserer westlichen Wahrnehmung entstanden. Gern las ich Romane der aus der Türkei stammenden Schriftstellerin Sevgi Soysal, da sie mit sprachlichen Strukturen politische Inhalte ausdrückte, zum Beispiel lässt sie lediglich Figuren einer reichen Oberschicht im Futur denken, um zu kritisieren, dass es für arme Menschen keine Möglichkeit eines Zukunftsentwurfs gibt. Ich denke, das wäre auch für Menschen im heutigen Wien, die von Armut betroffen sind, zutreffend.

Wie bedeutsam ist Literatur in Deinen Projekten?

Literatur ist insofern bedeutsam, da sie – ähnlich Philosophie und Mathematik – uns aus unserem Kommunikations- und Denkmustern heraus, auf andere Ebenen führt.

Wie war Dein Weg zur Weg zur Kunst und welche Schwerpunkte gibt es da?

Stell Dir vor, tatsächlich war mein Weg vermittelt über den ORF, ich stamme aus einem sehr kleinen Ort. Ohne die Sendung „Kunststücke“ wäre ich, bevor ich mit 14 nach Wien ging, nicht so jung mit experimenteller Kunst in Berührung gekommen. Ich verstand die Filme freilich nicht, aber was ich nicht verstehe – das fasziniert mich. Und so kam ich zur Philosophie und zu Konzepttanz und Konzeptkunst.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Ich möchte, neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, ein konzeptuelles choreografisches Stück entwickeln, das Gebärdensprache in Tanz übersetzt. Damit erreiche ich Menschen unterschiedlich ausgeprägter Sinne auf andere Weise, die Verhältnisse werden sich „umkehren“, und ein somatischer Nachteil wird zu einem Vorteil bei der Rezeption des Stücks.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Wien?

In meinem Leben gibt es mittlerweile zu viele Bezüge zu Wien. In vielen Bezirken gelebt, haben sich aus den Orten und ihren sozialen Milieus viele Geschichten entsponnen. Hoch und Tief.

Welche Eindrücke nimmst Du vom „Ungargassenland“ Ingeborg Bachmanns mit?

Hoch und Tief und intensiv.

Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Akrostichon bitten?

Es handelt sich nicht um ein klassisches Akrostichon, sondern die von mir vorgeschlagene Struktur ist zum Tanzen gedacht (–) bedeutet (für mich) ein Rond de Jambe, jede(r) kann es anders interpretieren:

I    ( … ) (–) (– –) (– –)

(– –) ( … ) (–) (– –)

(– –) (–) ( … ) (– –)

E   (–) (–) (– –) ( … )

B   (–) (– –) ( … ) (– –)

O   (– –) ( … ) (– –) (–)

R   ( … ) (– –) (–) (– –)

G   (– –) (–) ( … ) (– –)

Iris Julian_Performance Künstlerin, Kulturwissenschafterin

Vielen Dank, liebe Iris Julian, für Deine Zeit in Wort und Bild bei Malina, alles Gute für alle Projekte!

Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971

im Interview und szenischem Fotoportrait_

Iris Julian_Performance Künstlerin, Kulturwissenschafterin

http://www.iris-julian.com/

Interview und alle Fotos_Romanschauplatz _ Malina_Wien _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 5_22

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Humbert Fink Preis 2022 _ „Hütet euch vor den glatten, geschliffenen Reden“ Axel Karner, Schriftsteller _ Wien 12.6.2022

Lieber Axel Karner, herzliche Gratulation zum Klagenfurter Humbert Fink Preis für Literatur 2022!

Axel Karner, Schriftsteller _ Wien _ Humbert Fink Preisträger 2022 _

Du bist im Kärntner Drautal in einem evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen und warst dann als Religionslehrer in Wien tätig. Wo siehst Du Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?

Das Aufwachsen in einem evangelischen Pfarrhaus am Dorf mit seinen sprachlichen, religiösen und bildungsbürgerlichen Eigenheiten, sozialen Zwängen und familiären Idyllen, in denen die damaligen politischen und kulturellen Verhältnisse Kärntens mit seinen immer wieder nationalistisch geschürten Konflikten zwischen deutsch und slowenisch sprechenden Kärntnern kaum, und wenn nur verhüllt, abgebildet und thematisiert worden waren, barg viel Widersprüchliches. Neben dem geradezu verklärten Bild einer sorglosen Kindheit stand Verdrängung und Abspaltung. Eine zwanglose Unbefangenheit „Bullerbü´scher“ Gestaltung war im Rahmen sozialer Kontrolle durch Gemeindeglieder kaum zu leben und sicher nicht erwünscht.

Meine frühe Entwicklung vollzog sich auf einem Spannungsfeld gesellschaftlicher Privilegierung und einem daraus resultierenden Rollenverständnis, das mich von dörflichen Ereignissen oft schmerzlich fernhielt, zugleich aber eine besondere Aufmerksamkeit zumindest gegenüber der evangelischen Mehrheitsbevölkerung des Dorfes einforderte.

Die Wurzeln meines Schreibens finden sich in der Polarität einer wissenschafts-theologischen Sprachlosigkeit meines Vaters und einer besonderen seelsorgerlichen Zuwendung zu seiner ländlich-agrarisch zusammengesetzten Gemeinde. Was ein bestimmtes Maß an Empathie und ein hohes Gespür für Sprache und für Kommunikation voraussetzte. Aber auch aus der Musikalität meiner Mutter mit ihrem pädagogischen Scheitern an uns Kindern scheint eine Sehnsucht nach künstlerischem Ausdruck und sprachlichem Verständnis gewachsen zu sein.

Martin Luther betonte das „aufs Maul schauen“, die Wichtigkeit sprachlicher Lebenswelt, in seiner Bibelübersetzung. Deine bevorzugte literarische Sprachform ist die Lyrik im Dialekt. Was macht für Dich das Hören und Sagen im Schreiben aus?

Luthers Anspruch eines umfassenden Bibelverständnisses war zwar nur bedingt herrschaftskritisch angelegt, war aber umso befreiender in Sozial- und Glaubensfragen und verknüpft mit der Vorstellung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Authentizität in der sprachlichen Umsetzung der Übersetzung und Ausdeutung des biblischen Textes und eine genaue, das heißt die Lebenswelt der Leser abbildende Sprache, zeugen von seinem hohen sozialen Verständnis. Die Forderung nach allgemeiner Bildung folgt zwangsläufig. Luthers Ausspruch intendiert, im Verständnis der sprachlichen Botschaft, nahe seiner angesprochenen Zielgruppe zu sein. In seiner Emotionalität und musikalischen Veranlagung hatte Luther schließlich auch ein Gefühl dafür und setzte es gekonnt sprachkünstlerisch und musikalisch um.

Aber mit dem „aufs Maul schauen“ allein ist es nicht getan. Prinzipiell hat jede Form von Sprache seine Berechtigung. Sprache ist für alle komplexeren Tätigkeiten und Denkvorgänge des Menschen unverzichtbar. Einschränkungen sind moralisch und ethisch begründet. Sprache ist aber kein „nachträgliches“ Mittel zur Verständigung zwischen Menschen, denn jede Auffassung von Dingen und Sachverhalten in der Welt ist sprachlich strukturiert. Der Mensch lebt und arbeitet in der Sprache.

Dass Sprache als komplexes kommunikatives System als Medium des Denkens und der Weltauffassung“ (Alexander von Humboldt) zu verstehen ist, gilt auch für den Gebrauch des Dialekts.

Ganz egal, ob dieser nun als regionale Form des Sprechens und Schreibens einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe als authentisches kommunikatives Mittel zugeschrieben wird, oder ob er als Kunstmittel etwa in einem Wechsel und Austausch der Sprachäußerungen unterschiedlicher sozialer Gruppen zum Zweck der Verfremdung oder als Ausdruck der Befremdung, eine Rolle spielt.

Letzten Endes geht es immer um Diskurs und Verstehen wollen in einer unterschiedlich erfahrenen und aufgefassten Welt. Ein Rest an Miss- und Unverständnis wird bleiben.

Für meinen frühen und damit prägenden Spracherwerb sind mehrere Aspekte entscheidend. Es gibt keine muttersprachliche Herleitung für mein Sprechen. Die Verkehrssprache zu Hause war gepflegte Umgangssprache. Mein Vater, der als in der Monarchie geborener Burgenländer mehrsprachig aufgewachsen ist, lernte Deutsch in der Form des heanzischen Dialekts und Ungarisch. Meine Mutter, in Leipzig geboren, sprach ursprünglich sächsisches Deutsch und musste, um in Kärnten verstanden zu werden, „nach der Schreibe“ reden.

Wie kam ich dann zu meinem ausgeprägten Kärntner Dialekt? Um in der sozialen Besonderheit als Pfarrerskind nicht auch sprachlich aufzufallen, habe ich die Rede der Dorfkinder übernommen. Meine erste Fremdsprache ist Deutsch und mindestens genauso mangelhaft, wie alle anderen Sprachlernversuche im Laufe meines Lebens.

Welche Themen wählst Du in Deiner Dichtung?

Ich folge einer inneren Struktur. Themen drängen sich auf. Es sind scheinbar fast immer dieselben: der Mensch in seiner Einsamkeit, ausgesetzt der Gewalt, der Unterdrückung erleidet und verzweifelt, und in seiner Sprachlosigkeit im Wechselspiel zwischen Macht und Ohnmacht auf seinen Tod zugeht. Dabei zieht sich Sprachlosigkeit wie ein roter Faden auch durch mein Leben, überspielt und übertüncht von pausenloser Plapperei.

Ich wähle Themen nicht in der Weise, dass ich mir die Frage stelle, welchem Zeitgeschmack und welchem aktuellen Ereignis ich mich als nächstes zuwenden könnte. Mich treiben weder kommerzielle, noch imagefördernde Motive. Noch werde ich wichtigtuerisch über das Weltgeschehen kalkulieren.

„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht“ formulierte die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Was kann, muss Sprache angesichts des Krieges leisten?

Bachmann fragt, sucht, ringt in ihrer Dichtung um ein befreites weibliches Selbstverständnis, angesichts einer vom Nationalsozialismus, von Krieg und Mord geprägten, zum Großteil absenten Vätergeneration. In diesem verleugnenden, verdrängenden und dann auch abgespalteten Kontext verstehe ich auch meine eigene Blindheit und eigenes Versagen in der Welt.

Wir sind alle Stammler. In biblischer Diktion würde ich mahnen: Hütet euch vor den glatten, geschliffenen Reden.

Sprache ist ein äußerst ambivalentes Phänomen. Sie kann fragil und zart, zugleich gewaltig, vehement und gewalttätig, tröstend, ohnmächtig, wortlos heilend und eloquent leer, oder ganz einfach vernichtend sein.

Angesichts des aktuellen Krieges in der Ukraine scheint es, dass Sprache nichts vollbringt, obwohl wir ständig propagandistisch manipuliert werden. Und auch gegenseitig manipulieren. Trotz dieses Versagens bleibt die Sprache wohl unsere einzige Hoffnung und Chance, aus dem Dilemma der Zerstörung herauszukommen.

Was liest Du selbst gerne?

Im Gegensatz zu meiner Ausbildung bin ich ein eklektischer Leser. Lese, was mir unterkommt. Ich klaube, lese auf, was ich finde, sammle (lego), oder lass abseits liegen, bis ich es gebrauchen kann oder etwas passt. Entziffre, deute, erkläre. In dieser Anarchie der Eindrücke hat auch der Zufall seine Systematik. Was mir zufällig erscheint, baut letztlich immer auf einem persönlich erfahrenen Hintergrund.

Derzeit lese ich unter anderem viele handwerklich gut erzählte Krimis des „American Noir“. Geschichten von Jim Thompson, Chester Himes, James Lee Burke, die bevölkert sind von Außenseitern, vom Schicksal einen Arschtritt kriegen und die, ohne Chance auf Erlösung um ihr nacktes Leben rennen. Dabei interessiert mich vor allem der soziale Subtext und fasziniert mich, wie die Ausweglosigkeit der Figuren und deren Führung durch den Autor, den Leser die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht spüren lässt (Chester Himes, Lauf, Hase, lauf). Eine ganz eigenartige und manchen persönlichen Alltagserfahrungen entsprechende Interpretation von Lebenslauf.

Axel Karner, Schriftsteller _ Wien _ Humbert Fink Preisträger 2022 _

Vielen Dank für das Interview, lieber Axel! Alles Gute und viel Freude und Erfolg weiterhin!

Humbert Fink Preisträger 2022 _ Axel Karner, Schriftsteller_Wien

Alle Fotos_Walter Pobaschnig 2021

Neuerscheinung: Axel Karner, „In adern dünn brach licht“ Gedichte. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2020

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Walter Pobaschnig 6_22

„Dass wir unsere Differenzen begrüßen und zelebrieren“ Laura Friedrich Tejero_Schauspielerin  _ Berlin 12.6.2022

Liebe Laura, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Oje, den gibt es nicht. Ich gestalte meine Tage so, dass jeder anders ist. Ich versuche, alle Leidenschaften unter einen Hut zu kriegen, was eine echte Herausforderung ist, wenn der Tag nur 24h hat.

Nur Zähneputzen kann ich vielleicht als tägliche Konstante nennen…

Laura Friedrich Tejero_Schauspielerin 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir aufeinander zugehen. Dass wir unsere Differenzen begrüßen und zelebrieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Als Künstlerin sehe ich mich in der Verantwortung, besonders genau hinzuhören. Es ist vor allem jetzt unsere Aufgabe, anderen Geschichten mit großer Empathie zu begegnen und sie für andere ebenso empathisch so zu erzählen. Ich sehe es als großes Privileg an, in meinem Beruf als Schauspielerin das Publikum auf eine emotionale Reise mitnehmen zu dürfen und ihnen andere Sichtweisen und Eindrücke aufzuzeigen.

In solchen Zeiten ist es daher umso wichtiger, die Geschichten bewusst auszuwählen, die man weitergibt.

Was liest Du derzeit?

Alle Drehbücher, die ich in die Finger kriege: Filme, Serien, Klassiker, neue Stoffe – für mich die beste Schule, um selbst eigene Drehbücher zu schreiben, womit ich während der Pandemie endlich begonnen habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„No dejes que el mundo cambie tu sonrisa. Haz que tu sonrisa cambie al mundo.”

Ein spanisches Zitat, das übersetzt heißt: „Lass die Welt nicht dein Lächeln, sondern dein Lächeln die Welt verändern.“

Vielen Dank für das Interview liebe Laura viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Laura Friedrich Tejero_Schauspielerin 

Foto_Julian Freyberg

17.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Chimären Czárdás oder janusköpfig“ Eva Wal, Lyrikerin und bildende Künstlerin _ Give Peace A Chance _ Bonn 12.6.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Chimären Czárdás oder janusköpfig

Eva Wal_Lyrikerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Eva Wal_Lyrikerin und bildende Künstlerin

http://evawal.blogspot.com/

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 31.5.2022.

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„gerade jetzt die Chance zu ergreifen und neues Publikum zu begeistern“ Jakob Kajetan Hofbauer, Schauspieler _ Linz 11.6.2022

Lieber Jakob, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Theaterbetrieb läuft im Grunde wieder ganz normal. Das heißt von 10:00 Uhr bis 14:00 probe ich und abends von 19:00 bis 22:00 wird auch geprobt oder eine Vorstellung gespielt. Mit Ausnahme des allerersten Lockdowns wurde bei uns auch immer geprobt, als angestellter Schauspieler hatte ich also das große Glück nicht nur finanziell „sicher“ zu sein, sondern auch arbeiten zu dürfen, wenngleich ich auch das Vorstellung spielen sehr vermisst habe.  

Ein großer Unterschied zu den Jahren davor ist nun allerdings, dass oftmals kurzfristig wegen Erkrankungen Vorstellungen abgesagt werden müssen bzw. spontan und kurzfristig Einspringer passieren. Das kann teilweiße sehr anstrengend sein und lässt deutlich spüren, dass wir von der alten Normalität noch weit entfernt sind und auch noch länger bleiben werden.

Jakob Kajetan Hofbauer, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Verständnis aber vor allem bereit sein, spontan auf Veränderungen reagieren zu können und geistig flexibel zu bleiben, also jeden Tag auf neue Veränderungen reagieren zu können. Das ist anstrengend und ermüdend, umso wichtiger ist es aufeinander zu achten und Geduld und Verständnis nicht zu verlieren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Einige Theater und Kulturbetriebe leiden an Zuschauerschwund. Es gibt also für die Kunst zum einen die Aufgabe dieses Publikum zurück zu gewinnen und gerade jetzt die Chance zu ergreifen neues Publikum zu erschließen, für Theater und Kunst zu begeistern. Kinder und Jugendarbeit ist nun also wichtiger denn je, aber überhaupt sehe ich es als Aufgabe der Kunst die vergangenen Jahre nicht einfach hinter uns zu lassen und wieder zu einer alten Normalität überzugehen. Die Pandemie hat viele Missstände gezeigt, es wäre schade all das wieder zu vergessen und nichts zu verändern. Aufgabe der Kunst ist die Reflexion darüber nicht ersterben zu lassen, Visionen und Utopien zu entwerfen und daran zu arbeiten diese Utopien zu Realitäten werden zu lassen.

Was liest Du derzeit?

Der Schrei der Eule von Patricia Highsmith. Eine sehr bedeutende Schriftstellerin, die auch sehr streitbar ist. An ihren Büchern fasziniert mich, wie sie Charaktere entwirft und mit welchen Abgründen sie diese ausstattet, gerade aus schauspielerischer Sicht sind ihre Romanfiguren daher für mich sehr interessant, deshalb greife ich einmal pro Jahr zu einem Buch von ihr. Gerade ist es wieder soweit.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“If you can’t convince them, confuse them” Harry S. Truman

Ein sehr universal gültiger Satz, der zu reflektieren einlädt, aber vor dem man sich auch in Acht nehmen sollte.

Jakob Kajetan Hofbauer, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Jakob, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jakob Kajetan Hofbauer, Schauspieler

Fotos_Christine Miess

17.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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