Liebe Nelly, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Morgens mache ich ein paar Sonnengrüße um wach zu werden. Nach dem Frühstück folgen verschiedene Schauspiel- und Stimmübungen. Mittags treffe ich mich mit Freunden in der Mensa. In der Bibliothek kümmere ich mich um Organisatorisches und schreibe Bewerbungen.
Wenn ich wieder nach Hause komme arbeite ich an einem Monolog oder nehme ein E-Casting auf. Dann koche ich.
Abends bekomme ich nochmal richtig Lust zu tanzen und danach schaue ich ein bisschen Netflix. Wenn ich mich ins Bett lege meditiere ich und schlafe dadurch relativ schnell ein.
Nelly Trebing, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Neben der Bewältigung der Klimakrise und dem Krieg in der Ukraine ist meiner Meinung nach das Ausleben von Emotionen dringend nötig. Dass man auf die Frage: „Wie geht es dir?“ nicht mehr aus Höflichkeit mit „gut“ antwortet. Meistens ist das sowieso gelogen.
Dass man selbstbewusst zu dem stehen kann, was man ist und was man fühlt. Unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Glauben etc. Wir müssen lernen füreinander und auch für uns selbst da zu sein. Das aus dem Gegeneinander ein Miteinander wird. Nur gemeinsam können wir wachsen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Es ist dringend nötig, dass wir wieder zu uns selbst zurückfinden, alte Wunden heilen und gemeinsam glücklicher und nachhaltiger zusammenleben.
Die Kunst ist da für mich wie ein Spiegel. Oder ein Ort, der mir ermöglicht meine Emotionen auszuleben und zu erkunden. Sobald man das teilt, kann man anderen Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind. Dass das was sie fühlen eine Berechtigung hat. Dass wir als Individuum genau so richtig sind, wie wir sind und jeder seine Stärken einbringen kann.
Was liest Du derzeit?
How to Stop Acting – Harold Guskin
Offene See – Benjamin Myers
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Was dich anders oder seltsam macht, das ist deine Stärke.“ – Meryl Streep
Vielen Dank für das Interview liebe Nelly, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Nelly Trebing, Schauspielerin
Foto_Torsten Schepers.
6.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Behzad, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022!
Wie gestalte sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?
Der Text ist ein Ausschnitt aus meinem in August erscheinenden Roman „Hund, Wolf, Schakal“. Die Passagen entstanden ungefähr vor einem Jahr.
Ich hatte die letzten Wettbewerbe mitverfolgt und Phillipp Tingler war mir besonders aufgefallen, seine strenge, für mich nicht immer durchschaubare Art, mit der er es mit jeder meiner Romanfiguren aufnehmen könnte. Dass der Verlag ausgerechnet ihm meinen Text gab, machte mir zunächst Angst. Dann schrieb er mir aber und gratulierte zu dem Text. Das war für mich, als hätte ich schon gewonnen. Das sagte ich ihm auch gleich.
Die beste Reaktion auf die Bekanntgabe kam von meiner Verlobten, die gleich am drauffolgenden Tag anfing, mich für den Fall zu coachen, dass ich nicht gewinnen sollte. Ich glaube, sie hält mich für keinen guten Verlierer.
Behzad Karim-Khani, Schriftsteller
Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?
Es geht hier um mein Debüt und gleich für einen so wichtigen Wettbewerb nominiert zu sein, ist natürlich eine große Sache für mich. Ich bin aber überraschend unaufgeregt. Ich meditiere aber auch wieder mehr.
Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen Ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“
Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?
Ich bin ein Geflüchteter, ein Flüchtling. Auch dort, wo meine Heimat hätte sein können, war ich das. Die ersten vier Schulklassen besuchte ich an vier verschiedenen Schulen, in drei verschiedenen Städten, in zwei verschiedenen Ländern, auf zwei verschiedenen Kontinenten. Ich wohnte in den letzten 20 Jahren in zwölf, vielleicht aber auch in fünfzehn verschiedenen Wohnungen, an die ich mich teilweise nur mit einem „Ach ja! Die gab es ja auch noch.“ erinnere und die allesamt aussahen, als wohnte ich bei jemandem, der gerade verreist war oder als wäre ich dabei auszuziehen. In mindestens zwei Wohnungen packte ich die Kartons nicht einmal aus, in eine weitere trug ich meinen Kram erst gar nicht rein. Das hat aber nichts Problematisches oder gar Dramatisches für mich. Ganz im Gegenteil.
Die Schwere, das zufällig Gewachsene, das unkontrolliert Wuchernde, das sich mit dem Bleiben zwangsläufig ergibt, fand ich immer beklemmend. Ich weiß nicht, wie die Verbundenheit mit einem Ort aussehen soll. Wie es sich anfühlt, wenn ein Berg, ein Stadtteil einen inspirieren. Und so habe ich Heimatprosa nie verstanden. Der Anfang meines Schreibens war kein Ort, sondern die Unruhe.
Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig und welche aktuellen Projekte gibt es?
Bei meinem aktuellen Roman ging es sprachlich darum, einen neuen Ton zu kreieren. Rhythmus, Bildsprache, Intensität, Dichte. Darum, Pathos zu wagen, aber auch zu dosieren. Melancholie zu wagen, aber ihr auch eine Härte, eine erzählerische Kühle entgegenzusetzen.
Das zweite Buch, an dem ich gerade arbeite, ist anders. Es trägt sich nicht über einen Sound. Es ist die gleiche Handschrift, aber es soll kein Stil erkennbar sein. Stil ist eine Falle. Es geht dort darum, ein neues post-Nachkriegsdeutschland zu erdenken.
Das tue ich, indem ich versuche zwischen meinem Vater und meinem Sohn, mein gesellschaftliches Ich zu verhandeln. Dafür gilt es, meinen Vater zu verstehen. Seine Wandlung, seine Liebe, sein Schweigen, seine Müdigkeit, sein Deutschland.
Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?
Nicht viel. Das Nötige.
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Bitte betrachten Sie dies als letzte Warnung. Geben sie dem Frieden eine Chance. Ansonsten sieht sich die Europäische Friedenspoesie-Bewegung gezwungen, JEDEN Tag ein neues Friedensgedicht zu schreiben, so lange, bis sie diesen brutalen und sinnlosen Krieg beenden. Wir werden alle Friedensgedichte online veröffentlichen. Manche von uns werden sie sogar laut lesen. Lassen Sie es nicht so weit kommen. Geben Sie dem Frieden eine Chance.
GIVE PEACE A CHANCE
Liebe Friedensgenossen!
G eben? Von was denn? Was wollt ihr von mir?
I mmer wollt ihr, dass ich etwas gebe
V ersteht ihr nicht, dass ich keine Lust mehr habe
E s ist effektiver, sich zu nehmen, was man möchte
P oesie führt zu Muskelschwund und Haltlosigkeit
E lementare Bedürfnisse eines Führers dürfen nicht missachtet werden
A ndernfalls kann der Führer für nichts mehr garantieren
C hancen müssen ergriffen werden, wenn sie reif sind
E hrgeizige Ziele müssen mit allen Mitteln umgesetzt werden
A ndernfalls gäbe es noch die nukleare Option
C hemische Waffen haben wir noch gar nicht erwähnt
H alten sie uns besser nicht auf mit ihrem Friedensgeschwätz
A mbitionslose Menschen lieben den Frieden
N atürlich will ich das alles nicht, ich bin gezwungen
C harmeoffensiven wären mir auch lieber
E rklären sie sich einfach mit meinen Bedingungen einverstanden
Liebe Yasemin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf richtet sich nach meinen Kindern sowie meiner Arbeit. Ich bin nebenberuflich selbstständig als Filmemacherin und versuche Beruf-ung und meine Liebsten zeitlich unter einen Hut zu bekommen. Da bleibt nicht viel Zeit für mich selbst. Aber ich genieße jede Minute, ob jetzt mit meiner Familie oder in meinen Projekten.
Jeder Tag sieht deshalb etwas anders aus. Sobald die Kinder versorgt sind, kommt die Arbeit, danach wieder die Kinder und/oder Meetings für diverse Projekte und deren Vorbereitung sowie Umsetzung.
Yasemin Cetinkaya, Filmemacherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das wir uns nicht beirren lassen, sondern auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist für einen selbst. Solange wir das machen können und dürfen, was uns erfüllt, sollten wir es auch machen und dankbar dafür sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wesentlich wird sein, dass wir alle zusammenhalten, gerade jetzt in so schwierigen Zeiten ist es enorm wichtig, dass wir als Gesellschaft mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Es wird auch eine Zeit nach der Pandemie und des Krieges geben und wir sollten uns danach noch in die Augen schauen können.
Es bringt nichts, wenn ich zu Hause einen vollen Kühlschrank habe und weiß, dass nur ein paar Hundert Meter von mir entfernt jemand hungert und ich unternehme nichts dagegen. Hunger ist die größte Not in unserer Zeit und dass wir unsere Augen nicht davor verschließen, ist denke ich das Wichtigste im Moment.
Auch was die künstlerischen Berufe betrifft, kann ich nur sagen, dass es noch nie so wichtig war, dass diese endlich ihre verdiente Wertschätzung bekommen! Es ist eine große Herausforderung für eine/n Künstler:in durchzukommen, das machen zu können, wofür man brennt, ohne sich selbst dafür aufzuopfern. „Ohne Kunst ist es still!“
Was liest Du derzeit?
Zurzeit lese ich „Feig, faul & frauenfeindlich“ von meinem guten Freund Omar
Khir Alanam
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Filmzitat vom Film „American Shaolin“ aus dem Jahr 1991, Regie: Lucas Lowe
San De: „…. Du kommst mir vor, wie jemand, der im Süßwasser schwimmt und schreit, mich dürstet. Was du suchst, ist hier alles vorhanden…„
Vielen Dank für das Interview liebe Yasemin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Yasemin Cetinkaya, Filmemacherin
Foto_privat.
18.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich liebe es morgens bei mir anzukommen, Ideen und Eingebungen zu sammeln.
Dann geht’s auch schon auf ins Studio zum täglichen Training mit meiner „LEMOUR- Familie“, das sind Miriam und Ben, wir leiten gemeinsam die Company. Nach gegenseitigem Update und Besprechung über alles, was ansteht folgt der Hauptteil unserer Arbeit: intensives Proben am aktuellen Stück.
Sarah Kerneža _ Schauspielerin, künstlerische Leitung von LEMOUR-Physical Theatre
Abends möchte mein Hund dann eine große Runde drehen und irgendwann zwischendurch versuche ich Zeit für Emails, Anrufe, Onlinepräsenz, kreative Prozesse, Schreiben von Bewerbungstexten aller Art, Regeneration und Familie zu finden.
An Vorstellungstagen ist es anders, da ballt sich die ganze Konzentration jeder Handlung auf den „heiligen“ Moment des Auftritts hin und ich erlebe den ganzen Tag mit Warmup, Anreise, Aufbau, Schminken, Einschwingen als bedeutsames Ritual.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Anwesend zu sein im eigenen Leben. Den eigenen Funken immer wieder neu zu entfachen und – viiiel Humor.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich kann dabei nur von meiner eigenen, der Vision von LEMOUR sprechen: wir sehen uns als wortlose Geschichtenerzähler. Geschichten sind zeitlos und wir Menschen mochten sie immer schon, da sie Nahrung für die Seele sind. Sie geben Halt und Orientierung, amüsieren und bringen zum Lachen oder Weinen. Die richtige Geschichte im richtigen Moment kann für einen Menschen heilsam sein, denn sie kann einen Menschen in Berührung mit sich selbst bringen. Und wenn ich in Berührung mit mir selbst bin, dann kann ich meine Welt – und somit im Endeffekt die ganze Welt, denn jeder große Wandel beginnt im Kleinen innen drin – bewusst gestalten. Und erst dann kann Aufbruch und Neubeginn zu etwas Wünschenswerterem führen.
Ich würde sagen Künstler*innen sind die Priester*innen der neuen Zeit. Und wir haben damit auch eine Menge Verantwortung, denn wir erschaffen (innere) Bilder – und Bilder sind Möglichkeiten. Möglichkeiten sind die Leitsterne der Menschen.
Was liest Du derzeit?
Rock Your Life von Rudolf Schenker und Lars Amend.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Einen Teil von Charlie Chaplins Gedicht, der auch unser aktuelles Stück inspiriert hat:
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin und dass alles, was geschieht, richtig ist von da an konnte ich ruhig sein. Heute weiß ich: Das nennt man VERTRAUEN.
Sarah Kerneža _ Schauspielerin, künstlerische Leitung von LEMOUR-Physical Theatre
Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sarah Kerneža _ Schauspielerin, künstlerische Leitung von LEMOUR-Physical Theatre
Fotos_Dritter.Akt.
29.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Stefan, Du hast vor 27 Jahren, mit 27 Jahren, den 19. Bachmannpreis 1995 in Klagenfurt gewonnen. Welche Bedeutung hatte dies damals für Dich und welche Erinnerungen hast Du heute daran?
Ich habe starke Erinnerungen daran. Es war ein prägender Moment, der für mich viel verändert und Türen geöffnet hat. Ich war auch noch nie so aufgeregt vor einer Lesung.
Nach Klagenfurt bin ich als weitgehend unbekannter Autor gefahren. Bis dahin hatte ich bei zwei kleineren Verlagen Veröffentlichungen. Mein erstes größeres Buch wurde im Klagenfurter Ritterverlag publiziert und das hatte bis zum Bachmannpreis eine Verkaufszahl von 42 Stück. Nach dem Bachmannpreis stieg dann der Absatz auf mehrere tausend.
Der Bachmannpreis war der Leg-Opener. Insofern gibt es sehr viele Eindrücke aus dieser Zeit.
Wie kam es damals zu Deiner Bewerbung für die Teilnahme am Bachmannpreis?
Ich habe mich nicht beworben. Das konnte man auch nicht, denke ich. Mich hat damals Ferdinand Schmatz (Schriftsteller, 1995/96 Juror beim Bachmannpreis, Anm.) gefragt, ob ich nach Klagenfurt fahren will.
Es war damals unter Autoren umstritten, ob man überhaupt am Bachmannpreis teilnehmen oder diesen aufgrund des medialen Eventcharakters boykottieren soll.
Ich dachte mir, man bekommt da fürs Lesen zehntausend Schilling, da ist der Urlaub schon mal finanziert (lacht) und man kann nicht wirklich was verlieren. Daher hat sich für mich die Frage nicht groß gestellt, ob ich hinfahren soll oder nicht.
Was waren Deine Überlegungen für den Klagenfurt-Text?
Ich wollte mit meinem Text, den ich extra für den Wettbewerb geschrieben habe, schon zeigen, was ich kann. Es war ein Text für Klagenfurt, kein Romanauszug.
Beim Text selbst war mir wichtig, dass er beim Lesen, sein Sprachrhythmus, funktioniert.
Ein Text hat bei mir immer mehrere Phasen. Die Erstfassung für Klagenfurt war ziemlich schlecht und der einladende Juror Ferdinand Schmatz sagte, dass ich noch viel daran arbeiten müsste. Dann gab ich ihm irgendwann die Endfassung und wir haben uns zum Gespräch getroffen. Schmatz hatte ja zunächst mehrere Kandidaten in der Auswahl und war sich nicht sicher, ob er mich nehmen soll. Bei dem Gespräch über den Text sagte er dann: „Ich glaub´, Du kannst des gwinnan.“ Und ich dachte: „Der spinnt“ (lacht).
Der Hauptpreis war für mich völlig undenkbar. Ich dachte, wenn es ganz gut läuft, bekomme ich vielleicht ein 3sat Stipendium, das war der letztgereihte Preis. Aber den Bachmannpreis zu gewinnen, war nicht in meiner Vorstellungswelt. Es war ja auch so, dass immer Autoren gewonnen haben, die große Verlage hinter sich hatten.
1995 waren es auch noch 22 oder 24 Autoren, die gelesen haben, also viel mehr als heute (2022 sind es vierzehn Auror:innen, fünf Frauen und neun Männer; Anm).
Ja, und ich „hab` dann den Schas gwunnan“ (lacht).
Gab es vor Deiner Live-Lesung bestimmte Vorbereitungen?
Nein, ich habe drei Bier getrunken, weil ich so nervös war. Ich hab` das aber rausgeschwitzt. Meinen einladenden Juror habe ich dies vor der Lesung erzählt und der sagte: „Du spinnst, da wirst ja nicht mehr lesen können“ (lacht). Aber die Nervosität war so riesig, dass der Alkohol sofort weg war.
Wie hast Du den Bachmannpreis als literarischen Treffpunkt erlebt?
Für mich waren es lauter berühmte Menschen, die da herumspaziert sind. Gert Jonke (*1946 +2009; erster Bachmannpreisträger 1977) ist in der ORF Kantine gesessen, Robert Schindel war dort, der Suhrkamp Lektor wurde mir vorgestellt. Da war schon das Bild, da konzentriert sich die Literaturwelt. Und alles im gemütlichen Klagenfurter Ambiente. Abends sind die Leute mit dem Radl zum Wörthersee gefahren, es war sehr glücklich.
Aber im ORF Zentrum bei den Lesungen hatte ich das Gefühl, hier wird gerichtet. Es gab auch die Angst, dass man von der Jury hingerichtet wird (1995 waren es elf Jurymitglieder:innen, Anm.). Das wurde ich jetzt nicht, aber die Angst, dass man komplett versagt, war da, weil man das im Regelfall nicht gewöhnt ist, dass eine Kamera auf einen gerichtet ist. Angst, dass die Stimme komplett versagt oder man kollabiert. Was ja nie passiert ist, aber ich konnte mir alles vorstellen.
Angespannt vor der Lesung war ich nur bezüglich der Leseperformance. Was die Jury sagen würde, war mir völlig wurscht.
Wann hast Du gelesen?
Die Lesereihefolge ist ja nicht unentscheidend. Das ist wahrscheinlich auch heute noch so, aber damals noch mehr, weil es ja so viele Lesende gab. Ich war am Freitag Nachmittag dran, so zwischen 15h und 17h, was ich mich erinnere. Es war die letzte Lesung des Tages. Das haben erstens sehr viele Zuschauer im Fernsehen gesehen und viele sprechen mich heute noch darauf an – „I bin hamkuman und hob den Fernseher aufdraht und do worst du und host glesn und dos wor a Wahnsinn“ (lacht). Das habe ich oft gehört.
Mein Lesungstermin war zeitnah zur Jurysitzung, was auch ein Vorteil war. Bis zum damaligen Zeitpunkt haben die mit Nummer eins nie etwas gewonnen.
Es war eine gute Stimmung unter uns Lesenden. Die Gundi Feyrer (Schriftstellerin, Bildende Künstlerin, Bachmannpreisteilnehmerin 1995, Anm.) etwa, die meine Nachbarin im Hotel war, und die ich sehr schätze, ist am Sonntag zur Preisverleihung gar nicht hingegangen, weil sie sagte, dies ist völlig wurscht und sie hat das dann total verpennt (lacht), auch weil wir am Abend davor ziemlich gefeiert haben. Sie hat das 3sat-Stipendium gekriegt und musste erst aus dem Hotel geholt werden.
Gab es auch ein Rahmenprogramm für Euch Lesende und wie ging es dann nach der Preisverleihung für Dich weiter?
Es gab während der Lesungstage ein Fußballspiel, aber da hat mich niemand gefragt, ob ich mitspielen will.
Als Bachmannpreisträger wurde ich dann vom Bürgermeister (Leopold Guggenberger, von 1973-1997 Bürgermeister von Klagenfurt, Anm.) zum Essen eingeladen. Was auch eigenartig war, weil man ist ja plötzlich nicht mehr der Mensch sondern der Preisträger, und der Bürgermeister weiß auch nicht, was er mit Dir reden soll (lacht).
Ich habe dann gemerkt, oder am Anfang nicht gemerkt, dass die Menschen nur den Bachmannpreisträger feiern. Man ist der Preisträger und wird als Sau durchs Dorf getrieben, durch das literarische Dorf. Aber gut, dass kriegt man irgendwann auch mit (lacht).
Ich habe das Preisgeld (Bachmannpreis 1995 _200 000 Schilling; 2022 _25 000 EUR, Anm.) bekommen, bin damit nach Wien gefahren und dachte, super, jetzt muss ich ein Jahr nicht arbeiten und kann auf Urlaub fahren. Ich bin zu meiner Wohnung gegangen und habe bereits im Gang das Telefon gehört (lacht). Ich bin dann zehn Tage lang nicht mehr davon weggekommen.
Dazu völlig überfüllte Briefkästen. Einerseits Briefe von Menschen, denen ich irgendwann über den Weg gelaufen bin, von Schul-, bis Kindergartenkollegen, alle haben sich da gemeldet, bis hin zu Stalkerinnen, die mir Bilder oder Telegramme geschickt haben.
Wenn ich in der Früh in Wien Hernals einkaufen ging, und dachte, da wird mich schon keiner kennen, wurde ich auf der Straße angesprochen – „Jeh, du host den Bachmannpreis gwunnan“ – es waren immer positive Kommentare. Aber wenn du verschlafen Semmeln kaufen gehst, ist das ungewohnt (lacht). Das war damals eine neue Erfahrung. Mittlerweile kenne ich das, wenn mich Leute anschauen.
Wie gingst Du mit dieser plötzlichen Veränderung des bisher gewohnten privaten wie literarischen Lebens um?
Wenn ich nicht etwas eitel wäre und dies nicht auch genießen könnte, hätte ich mich zurückziehen ziehen und den vorherigen Zustand annehmen können. Das haben viele Preisträger getan. Die haben den Preis genommen und sind abgetaucht. Bei manchen weiß man gar nicht ob sie noch schreiben.
Bei mir war das Leben ein Gang mit vielen verschlossenen Türen und mit der Preisverleihung Sonntag-Mittag sind dann viele Türen aufgegangen. Ich bin neugierig und bin durch viele Türen durchgegangen.
Es hat sich vieles erleichtert. Theater sind auf mich zugekommen und sagten „schreib` uns ein Stück“. Bis dahin hatte ich ja kein Stück geschrieben.
Hans Gratzer, der damalige Chef vom Schauspielhaus Wien, rief vom Urlaub in Mallorca aus in Wien an „treibst mir den auf, der muss mir ein Stück schreiben“ (lacht). Solches wird einem dann ermöglicht und da ist der Preis sehr hilfreich.
Wie gingst Du mit dieser so herausfordernden alltäglichen Bewältigung von Post, Telefonaten, Organisation, Terminen nach dem Bachmannpreisgewinn um?
Wenn so eine Veränderung passiert, weiß man, dass man funktionieren muss. Es war aber nicht das Gefühl, dass ich besonders glücklich dabei wäre.
Briefkasten ging ja, das war schnell sortiert. Es gab damals kein Internet, kein Handy und der Anrufbeantworter war immer voll. Die Anfragen reichten von Interviews bis zu absurdesten Dingen, etwa die Zifferblattgestaltung einer Uhr (lacht).
Ein bisschen etwas macht man, aber irgendwann denkt man sich, jetzt reicht es. Nach ein paar Wochen sagte ich, so, jetzt ist es genug, ich fahre nach Italien. Einfach um wieder Ruhe zu haben und schreiben zu können.
Wie leicht, schwierig war es dann für Dich den eigenen literarischen Weg weiterzugehen? Gab es da auch Richtungsvorgaben von außen?
Nein, die gab es nicht. Für mich war die Grundsatzentscheidung zu treffen ob ich in dem Stil des Klagenfurt Siegertextes „Krautflut“ 40 Jahre weiterschreiben will, oder auch neue Sachen ausprobiere und dabei ein mögliches Scheitern zulassen will.
Man merkt dann relativ schnell, so ein Preis macht den ersten Satz auch nicht besser. Man fängt immer wieder bei Null an und muss mit jedem Text kämpfen.
Es ist schön für das Schreiben, dass es eine Auszeichnung gegeben hat, aber es gibt auch die Gefahr, die Selbstkritik zu verlieren. „Der bekannte Bachmannpreisträger, das muss gut sein, was der schreibt“ – aber die Selbstzweifel sind mir doch geblieben.
Du hast 1995 mit Deinem Siegertext „Krautflut“ virtuos sprachlich begeistert und bis heute überrascht, faszinierst Du mit wunderbar spannenden, witzigen, hintergründigen, so vielseitigen Projekten in Buch und auf der Bühne. Was inspiriert Dich?
Gute Frage (lacht).
Es ist die Neugierde und die Lust am Schreiben. Und auch das Spüren einer Notwendigkeit.
Es gab aber auch Jahre, wo ich schrieb, weil ich wusste, ich muss Geld verdienen für die Familie, die Kinder. Da waren Aufträge und die habe ich abgearbeitet. Schon auch mit Freude und Lust. Eine Mühsal war mir das Schreiben nie. Aber die Unbedingtheit war auch nicht immer da.
Jetzt habe ich wieder das Gefühl bei manchen Stoffen, das muss geschrieben werden. Das muss ich jetzt schreiben. Da ist ein innerer Drang. Ein Drang, die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen. Alles andere ergibt sich dann von selbst.
Was möchtest Du den Lesenden in Klagenfurt mitgeben?
Da fallen mir nur blöde Trainersprüche ein: cool bleiben. Genießt das Spiel.
Vielen herzlichen Dank für das Interview, lieber Stefan, viel Freude mit dem diesjährigen Bachmannpreis und eine wunderschöne Sommerzeit!
Viel Freude und Erfolg für alle Projekte!
Franzobel, Schriftsteller _ Wien _ Bachmannpreisträger 1995
Bachmannpreis 2022 _ im Rückblick _Interview:
Franzobel, Schriftsteller, Bachmannpreisträger 1995_ Wien
Herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022! Wie gestalte sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?
Ich freue mich sehr auf die Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022 und es ist mir eine Ehre, meinen Text in Klagenfurt lesen zu dürfen.
Usama Al Shahmani, Schriftsteller
Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?
Ich bereite mich sehr gerne vor und es macht Spaß.
Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen Ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“
Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?
Ich bin in Bagdad geboren. Die Inspirationen meines Schreibens liegen in Geschichten, die mir meine Grossmutter als Kind erzählt hatte.
Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig und welche aktuellen Projekte gibt es?
Mir ist wichtig in meinem Schreiben, dass ich authentisch bleibe, dass ich die Nähe zu mir, zu meinen Worten und Gefühlen mehr und mehr schaffe. Im August 2022 ein neuer Roman von mir beim Limmat Verlag in Zürich unter dem Titel „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“.
Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?
Mein Text, den ich lesen werde, mein Ausweis, mein Handy und meine Medikamente.
Usama Al Shahmani, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!