„Dass wir uns nicht in einen Kulturkampf ziehen lassen“ Frank Rudkoffsky, Schriftsteller _ Stuttgart 14.9.2022

Lieber Frank, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan nicht allzu glamourös: Wie viele anderen Autor*innen auch habe ich einen Brotjob, dem ich mich meistens am Vormittag widme. Derzeit mache ich die Öffentlichkeitsarbeit für die kleine, sympathische Fraktionsgemeinschaft PULS im Stuttgarter Rathaus und bin nebenher als Freier Journalist tätig – und das mache ich beides ziemlich gern. Aber im Mittelpunkt der nächsten Monate steht für mich natürlich besonders die Veröffentlichung meines dritten Romans „Mittnachtstraße“ (Voland & Quist). Gerade bereite ich die kommenden Lesungen aus dem Buch vor und habe auch schon die ersten Interviews gegeben – es stehen also zumindest ein bisschen glamourösere Zeiten an.

Frank Rudkoffsky, Schriftsteller 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Nerven bewahren. Aufeinander zugehen. Zuhören. Und nicht zuletzt: Die Angriffe derer, die den demokratischen Diskurs längst verlassen haben oder auf dem besten Wege nach draußen sind, einfach ins Leere laufen lassen. Alles andere gibt ihnen mehr Raum, als ihnen in unserer Gesellschaft eigentlich zusteht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es fällt den Menschen in unserer Gesellschaft immer schwerer, Ambivalenzen auszuhalten – weder mit Blick auf andere noch auf sich selbst. So wichtig Haltung und berechtigter Widerspruch auch sind: Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht in einen Kulturkampf mit zwei einander unversöhnlich gegenüberstehenden Seiten ziehen lassen, wie er etwa in den USA längst herrscht. Und da sehe ich auch die Literatur, die Kunst in der Pflicht: Empathie lernen wir nur, wenn wir versuchen, andere zu verstehen – und zugleich wagen, uns auch unseren eigenen Widersprüchen zu stellen.

Was liest Du derzeit?

Aktuell lese ich „Die Anomalie“ von Hervé Le Tellier, davor war’s „Die Diplomatin“ von Lucie Fricke. Beides wirklich herausragend gute Bücher. Mein Lieblingsbuch in diesem Jahr war bislang allerdings „Erschütterung“ von Percival Everett – ein Meisterwerk.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In meinem neuen Roman „Mittnachtstraße“ geht es unter anderem um Väter und Söhne und darum, wie schwer es ist, (falsche) Prägungen zu überwinden – und in der heutigen Zeit immer das richtige zu tun. Die Hauptfigur Malte hielt sich stets für einen guten Menschen, einen besseren als seinen cholerischen Vater, den er schon vor Jahren aus seinem Leben verbannt hat. Als dieser plötzlich wieder sein Leben tritt und als Demenzkranker auf seine Hilfe angewiesen ist, setzt das eine Kettenreaktion in Gang, die Malte all seine eigenen Widersprüche vor Augen führt. Wenn er permanent von schlechtem Gewissen und Scham geplagt wird: Ist er dann wirklich so ein guter Mensch, wie er immer dachte – oder ist er bloß ein Heuchler, der sich nach Anerkennung sehnt?

Wie aufrichtig unsere Überzeugungen eigentlich sind, das ist eine Frage, die wir uns alle ab und an stellen sollten – und die gleich bei der ersten Begegnung beider Figuren im Roman auf den Punkt gebracht wird. Als Maltes Vater in erkennbar schlechtem Zustand wieder auftaucht, heißt es:

Trotzdem beteuerte er, als er nach fast zwei Jahren Funkstille unerwartet in Maltes Einfahrt auftauchte, süffisant: »Wie soll’s mir schon gehen? Du weißt doch: Schlechten Menschen geht’s immer gut.«

»Gilt das auch umgekehrt?«, erwiderte Malte gereizt, und damit war fürs Erste alles gesagt.

Frank Rudkoffsky, Schriftsteller 

Vielen Dank für das Interview lieber Frank, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Frank Rudkoffsky, Schriftsteller 

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Foto_Ronny Schönebaum

9.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„EKG unter Aufsicht der Sterne“ Gabriel Wolkenfeld, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Gelsenkirchen/D 14.9.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Gemeinheiten in Geheimschrift

Inkontinenz des Herzens

Väter, verschüttet, Mütter sanft gebettet am

Ende der Enden

Prophet des leisen Wortes  

Echo, pendelnd zwischen den Tauben, geschluckt von den Stummen

Asche auf Asche

Callboy ohne Talent für die Liebe

Eingetütete Ware, aufs Gramm abgewogen, in

Alarmbereitschaft: Hundertschaft der Verschwörungstheoretiker

Cherub, frisch in die Psychiatrie eingewiesen, auch er: Waise der

Hässlichen Jahreszeit Krieg

Am Zweifel verschluckt, hassgemästet

Nicht Nacht soll sich einnisten

Chirurgischer Eingriff am offenen Verstand  

EKG unter Aufsicht der Sterne


Gabriel Wolkenfeld, 31.8.2022

Gabriel Wolkenfeld, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Gabriel Wolkenfeld, Schriftsteller

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 31.8.2022.

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„Caute“ Lisei Haardt-Spaeth, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Ferrara/I 13.9.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Caute

Grauen Immer, bei dem Gedanken an Bombenhagel, überall, Menschenschreie, Blut, Schutt, Gänsehaut. Verrückung. Existenzen zerstört. Zerstörte Zukunft. Kriegsmusik.


Profit. Das ist die andere Seite. Gewinne. Wahnsinn. Existenzzerstörung. Grauen. Traumata der Vielen. Das Ergebnis. Auf der anderen Seite. Das ist denen egal. Profit. Caute, Spinzozas Motto. Empathie?

Auf dass die Machtgier und die Profitgier die ganze Welt untergehen lässt.


Caute Holt die Verrückten da weg. Wir haben nur eine Erde. Apokalypse? Oder Rom geht unter? Nein. Nie wieder Krieg! Die Utopie. Schön wärs. Ich hab geträumt, … Caute, Platon wurde als Sklave verkauft. Ende, … oder nicht?


Lisei Haardt-Spaeth, 31.8.2022

Lisei Haardt-Spaeth, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Lisei Haardt-Spaeth, Schriftstellerin

Alle Fotos_privat/Ferrara/I.

Walter Pobaschnig _ 31.8.2022.

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„Auf dass wir teilen unsere Schmerzen“ Helmut Steiner, Schriftsteller _ Thürnthal/NÖ 13.9.2022

Lieber Helmut, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin Abendmensch, schlafe lange und bin erst nach einem doppelten Espresso ansprechbar. Dann widme ich mich meiner Post und helfe meinem Sohn bei der Bewältigung regulatorischer Hürden in seiner Firma. Nach dem Mittagessen – es gibt jetzt viel Gemüse aus dem Garten – erstelle oder korrigiere ich technische Dokumentationen. Am Abend plaudern meine Frau und ich gerne mit Freundinnen und Bekannten beim Heurigen. In den Sommermonaten arbeite ich erst spät abends an meinen aktuellen literarischen Werken und Ideen.

Helmut Steiner, Schriftsteller  

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, das Notwendige vom Unnötigen zu trennen, ungeachtet kurzsichtiger Politik und vermeintlicher Erfordernisse einer global agierenden Wirtschaft, wird uns helfen zu leben und zu überleben im Einklang mit der Natur und mit uns selbst. Ein Blick aus dem Fenster auf die Straßen und Gassen, in die nächste Fabrikhalle und auf die Äcker zeigt uns, was falsch läuft. Wir müssen wieder kleinere Strukturen schaffen und zusammenrücken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ob es ein Aufbruch ist, der uns bevorsteht? Mit Pandemie, Krieg, Inflation, Energieknappheit und dem Geschrei nach Waffen erleben wir hautnah, wie leicht und wie rasch eine heile Welt aus den Fugen geraten kann. Für mich ist es das Mantische, das Seherische der Kunst, das aufzeigt und wachrüttelt. Vielleicht kann es uns dadurch vor Unheil bewahren.

Was liest Du derzeit?

Ian Mortimer, Zeiten der Erkenntnis

            (Wie uns die großen historischen Veränderungen bis heute prägen)

John Freely, Platon in Bagdad

            (Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein wenig Hoffnung (aus dem Gedichtband „Zwischen den Zeilen“):

Langsam, langsam

Langsam, still, klammheimlich

kehrt das Glück zurück

in unsere Kammern,

in unsere Herzen.

Auf dass wir teilen unsere Schmerzen,

um halb zu haben,

was Leid und Weh uns zugefügt im Lauf der Jahre.

Tragen wird uns Liebe,

betten die Hoffnung.

Vielen Dank für das Interview lieber Helmut, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Helmut Steiner, Schriftsteller

Helmut Steiner, 1956 in Krems an der Donau in Niederösterreich geboren, wuchs in einer Arbeitersiedlung am Stadtrand von Krems auf. Er studierte in Wien und verbrachte danach mehrere Jahre in Deutschland. Er lebt und arbeitet in Thürnthal (NÖ). In jungen Jahren als Musiker und Komponist aktiv, hat er über das Schreiben einen neuen Zugang zu kreativem Schaffen gefunden und bedient mit Lyrik, Kurzgeschichten und Romanen ein breites Spektrum der Literatur.

Auswahl Veröffentlichungen:

Ein Schneckenmärchen, 2021 Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt _ ISBN 978-3-7534-1649-6

Klagelieder, 2021 Herausgeber literatur thürnthal, Verlag BoD, Norderstedt, ISBN 978-3-7557-1199-5

Novemberwind, Lyrik, 2014 Verlag Berger Horn/Wien ISBN 978.3-85028-671-8

Foto_privat

13.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„ich : du : wir“ Begeisternde Uraufführung_ Theater Arche Wien _ 12.9.2022

ich : du : wir

Wer bin ich?

Wer bin ich, wenn ich alleine bin?

Wer bist Du?

ich : du : wir

Ich bin!

Ist das genug?

ich : du : wir

Wo bist Du Zuhause?

Wofür brennst Du?….

Es sind diese Fragen, die das Publikum zu Beginn meditativ empfangen und zur Innenschau, zum Blick in den Spiegel einladen, die auch das Bühnenbild bestimmen.

Die Ruhe wird dann jäh vom Soundlärm und Stress der Stadt unterbrochen und in Wort, Tanz und Musik beginnen sich die 4 hervorragenden Schauspielerinnen Manami Okazaki, Paula Krüger, Mirjam Plank und Elke Waibel  in variantenreicher expressiver wie ganz stiller eindringlicher Darstellung den Eingangsfragen nach Zugängen, Gründen, Fragen von Identität, die auch von Intervieweinspielungen ergänzt werden, zu stellen und diese Fragen beeindruckend dialogisch im wunderbaren Gruppenspiel wie in Ansprache an das Publikum zu öffnen.

Regisseurin Jil Clesse gelingt mit „ich : du : wir“ eine Inszenierung, die von Beginn an intensiv das Publikum mitnimmt. Mit dem ersten Wort, der ersten Frage im Dunkel, dem Erzählen, Erinnern, Sagen des hervorragenden Ensembles ist es ein Mittendrin, welches sich in der großartigen Darstellung mit beeindruckenden Tanz, Musik, Gesang Elementen bis zum Finale begeisternd fortsetzt.

Theater zeigt an diesem Abend in größter Spielfreude seine ganze wunderbare Bandbreite an schauspielerischer Vielfalt und deren Möglichkeiten von Publikumsfaszination wie gesellschaftskritischem Impuls und Reflexion.

Ein Abend, der begeisternd staunen wie eindringlich berührt, packt und nachdenken lässt in einer mitreißenden Inszenierung und Darstellung, der rundum zu gratulieren ist!

ich : du : wir _ Uraufführung _ Theater Arche _12.9.2022 _
Ensemble _ Manami Okazaki, Mirjam Plank. Elke Waibel, Paula Krüger (von links)

ich : du : wir _Uraufführung _ TheaterArche Wien

Regie: Jil Clesse

Regieassistenz: Bianca Anne Braunesberger

Ensemble: Manami Okazaki, Paula Krüger, Mirjam Plank, Elke Waibel

Weitere Termine: 13., 16., 17., 19., 20., 26., 27. und 28. September 2022 jeweils 19.30

TheaterArche

Münzwardeingasse 2a, 1060 Wien

https://www.theaterarche.at/events/ich-du-wir-kooperation/

Walter Pobaschnig 12.9.2022

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„Ich denke, es ist eine Art von „innerer Raum“, der uns hält“ Julia Gradl, Musikerin _ Wien 12.9.2022

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Bei mir gestaltet sich fast jeder Tag anders, dennoch ist mir die Zeit nach dem Aufstehen die kostbarste. Ich nehme mir mehrere Stunden für Atem- und Körperübungen und fürs Schreiben, um mich im Tag einzufinden. Auch abends und nachts erfüllt es mich, noch aktiv zu sein. Das „dazwischen“ ist manchmal voller und manchmal leerer. Je nachdem, was gerade …gemacht gehört….oder, wo gerade der Fokus liegt.

Julia Gradl, Musikerin, Pädagogin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke es ist eine Art von „innerer Raum“, der uns hält, in dem wir uns geborgen fühlen, uns zurückziehen als auch zeigen können, durch den wir uns vernetzen und in Kontakt mit dem Außen treten können. Ein innerer Anker sozusagen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich denke mir, dass, so wie alles immer in Bewegung ist – sei es in der Natur oder auch im Körper – auch Musik und Kunst von diesem „im Fluss sein“ und der pulsierenden Aktivität leben. Im Rahmen einer Fortbildung zu Atem-, Körper und Stimmentfaltung wurde kürzlich der Unterschied zwischen „Spüren“ und „Kontakt“ versucht zu besprechen. Beide Qualitäten ähneln sich und sind doch so verschieden. Die Kunst an sich hätte wohl nicht den Stellenwert, den sie hat, würde sie nicht gespürt, oder würde nicht Kontakt zu ihr aufgenommen werden.

Was lest Ihr derzeit?

Ich lese gerne mehrere Bücher gleichzeitig. Neben einem Roman einer Romanreihe von Joachim Meyerhoff („Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“) setzte ich mich mit dem Werk von Erich Wilk, dem Begründer der Atemtypen, auseinander. Immer wieder greif ich auch zu dem Buch „Spirituelle Traumarbeit“ von Llewellyn Vaughan-Lee.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?

Albert Einstein beschreibt, dass es zwei Arten zu leben gibt. Die eine ist, so zu leben, als wäre nichts ein Wunder. Die andere ist, so zu leben, als wäre alles ein Wunder.

Und dann noch: Halte dich aus im Innehalten und sei gespannt, was passiert!

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Gradl, Musikerin, Pädagogin 

Foto_privat

8.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Give“ Sheida Samyi, Künstlerin _ Give Peace A Chance _ Villach 12.9.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Give

Immediate

Viral

Ease

Pray for

Endless love

And

Chaos

Ends

As

Clear

Hope

And

No

Chance will ever

Escape

Sheida Samyi, 21.8.2022

Sheida Samyi_Künstlerin, Poetin, Graphik Designerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Sheida Samyi_Künstlerin, Poetin, Graphik Designerin

www.sheidasamyi.com

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 21.8.2022.

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„Fretten“ Helena Adler. Jung und Jung Verlag.

„Wir sind daheim, wie man bei uns sagt…“

Da ist der Traum und alles wie es war ist wieder im Kopf bis es explodiert. Das Elternhaus. Der Berg. Das Leben, die Liebe und der Tod ringsum. Der Regen. Die Mücken…Die Abendsonne…und es geht weiter…

Du schläfst auf mir, ich bin Dein Polster, erhöre dich und wiege dich in meinem Atem…“.

Wir sind daheim, wie man bei uns sagt…

Helena Adler, Salzburger Schriftstellerin, legt nach Ihrem Sensationsdebüt „Die Infantin trägt den Scheitel links“ (2020) mit „Fretten“ ihren zweiten Roman vor, der in einem mitreißenden Monolog ein Feuerwerk von Bildsprache als Manifest und Schrei zündet und im rasenden Sprachraum(schiff) durch Zeit und Leben katapultiert. Es gibt hier keinen Anfang und kein Ende, sondern nur ein Mittendrindsein, einen Welt-Raum, der du und ich, damals und jetzt, Tag und Nacht, Traum und Realität umfasst und in dem Leben und Sprache alles ist. Und all das Erlebte, Gesehene, Befürchtete und Erhoffte muss raus. Auf den Tisch, die Erde, in den Himmerl, in das Wort. Expressiv, explosiv und mit einer Zärtlichkeit und einem Zorn, der Liebe ist, war, vielleicht sein könnte. Liebe, die in die Augen, auf und unter die Haut sehen will. Da wo es rot, wund ist, wo Liebe und Leben wohnt, haust, wuchert, weitergeht und endet…

Helena Adler schreibt als würde William Turner mit Edvard Munch in den Sonnenuntergang blicken. So ist es, sagen sie dann, gehen wir jetzt dorthin wo die Farben herkommen, das Licht, der Schmerz, die Form, die Liebe. Am Weg schreiben wir darüber – solange bis es dunkel wird…

„Ein Roman der Mensch, Liebe, Welt bei Schweiß, Blut und Tränen unvergleichlich zu packen weiß.“

Walter Pobaschnig  9_22 _ 1/24

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„Die Natur des Menschen hat das Bedürfnis nach Verbindung“ AnotherR_Leonie Wahl/Desi Bonato _ dancer/choreographer _ Premiere OFF Theater Wien 30.9.2022

„AnotherR – Die Wirklichkeit ist ganz woanders!“ _
Leonie Wahl (rechts im Bild) / Desi Bonato_dancer/choreographer _ Wien

Liebe Leonie! Liebe Desi! „AnotherR – Die Wirklichkeit ist ganz woanders!“ ist der Titel Eurer Tanzperformance, die am 30.9.2022 im OFF Theater/White Box Wien Premiere hat.

Wie kam es zu diesem Thema?

Leonie Wahl (LW): Die Idee ein Tanzstück über den Einfluss virtueller Realität auf Mensch und Gesellschaft, unsere Körper, unsere Emotionen zu konzipieren, hat mich schon lange beschäftigt. Ich habe dann mit Ernst (Ernst Kurt Weigel, Schauspieler, Regisseur, Autor, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer OFF-Theater Wien, Gründer und Leiter des „Bernhard Ensemble“ Wien; Anm.) darüber gesprochen und wir sind dann gleich in den Proberaum, haben die Brillen besorgt und es ging los (lacht).

Wie ist die Choreografie dazu entstanden?

LW: Am Beginn standen persönliche Zugänge zum Thema. Ich habe dann im Studio Fixpunkte der Choreographie erarbeitet, die wir dann in Form und Ablauf weiterentwickelten. Es folgt da ein Schritt dem anderen.

Desi Bonato (DB): Wie beeinflussen sich Realität und virtuelle Realität, wie verbinden sie sich, spielen sie miteinander?Wo werden wir überfordert, vereinnahmt und wann kann virtuelle Realität ein verrücktes Gefängnis werden, ohne dem du nicht leben kannst? Diese Gesichtspunkte sind auch ein Teil des Aufbaus der Choreografie.

Wie gelingt diese beeindruckende Körperdynamik, -expressivität in gemeinsamer Performance?

DB: Jede Bewegung hat einen ganz bestimmten Aufbau und eine „Lesart“ im Ausdruck. Diese ist wiederum Teil einer Struktur, der wir folgen.

LW: Form, Ausdruck, Raum. Das sind die Grundlagen, auf denen eine Choreografie aufbaut. Es fließen dann persönliche Erfahrungen, Erinnerungen ein, die ich ausdrücke und an meine Tanzpartnerin weitergebe und aufnehme.

Jeder Körper, jeder Mensch ist anders. Es geht da nicht um Perfektion in völliger Übereinstimmung, sondern um das Erkennen von individuellen Möglichkeiten, Qualitäten. Dabei ist für mich die gemeinsame Intention ganz wesentlich.

Welche Rolle spielt die Musik in der Performance?

LW: Das ist ein sehr wichtiger Teil. Es freut uns sehr, dass wir mit Bernhard Fleischmann kooperieren (Bernhard Fleischmann ist ein österreichischer Musiker, Komponist und Produzent. Er wurde er 2019 mit dem Österreichischen Filmpreis 2019 in der Kategorie Beste Musik ausgezeichnet, Anm.) und er wird auch live spielen.

DB: Bernhard Fleischmann hat eine ganz außergewöhnliche Fähigkeit eine Tanzchoreografie aufzunehmen und auch impulsgebend zu inspirieren. Auch ein Kreieren von Atmosphäre zeichnet ihn aus, in der wir uns sehr wohl fühlen.

Wie geht Ihr persönlich mit virtueller Realität um?

LW: Desi ist nicht so abhängig (lacht).

DB: Ich gehöre einer Generation an, in der virtuelle Realität eine große Rolle spielt. Es ist ein Statement unserer Persönlichkeit aber auch ein Kampfplatz, in dem es um Macht geht. Ich bin mir auch dessen bewusst und daher nicht der größte Fan von virtueller Realität. Die Gewohnheiten sind in meiner Generation ganz verschieden, jeder Mensch hat da seine eigene Perspektive. Für mich ist eine gute, dosierte Form virtueller Realität hilfreich, etwa um Freude zu erleben, aber nicht mehr. 

LW: Ich benutze das Internet sehr gerne, es ist faszinierend, aber es gelingt mir auch gut virtuell dann wieder auszusteigen. Ich bin in einer Familie ohne Fernseher aufgewachsen, daher fällt mir das vermutlich leichter. Wenn du mit einem Fernseher aufwächst, hast du den Bildschirm ständig vor dir und am Computer ist das dann dasselbe. Da wirst du vielleicht leichter zum totalen virtuellen Junkie (lacht).

Kennzeichnet die moderne Gesellschaft, den modernen Menschen ein Ringen, ein Kampf zwischen Virtualität und Realität?

DB: Es ist unmöglich beide „Welten“ zu trennen. Es gibt Menschen, die ohne Telefon, Internet leben wollen, aber das sind sehr wenige. Persönlich ist immer wieder zu entscheiden, was „zu viel“ ist.

LW: Ich habe keine Angst vor der virtuellen Realität. Für mich ist es wie alles andere, das Freude macht. Wenn es da eine Balance von realer Begegnung, Mensch, Kultur, Natur und virtueller Realität gibt, ist diese für mich nicht beängstigend. „Too much ist natürlich to much“, das ist aber bei allen Dingen so.

Was mir mehr Sorge bereitet, ist die virtuelle Macht an sich, etwa was persönliche Daten und damit Kontrolle betrifft (Konzerne reich macht, Menschen ausbeutet und die Gemeinschaft schwächt). Das macht natürlich Angst.

Wie bei der Entdeckung der Kernspaltung, kann das Internet friedlich zum Wohle aller genutzt, aber auch als Instrument der schlimmsten Zerstörung missbraucht werden. Entscheidend ist, wie wird mit all diesen wertvollen Informationen letztlich umgegangen?

Ich vertraue grundsätzlich in die Natur des Menschen und das Bedürfnis nach Verbindung. Da ist das Internet eine Möglichkeit und keine Atombombe, aber auch eine Erfindung, in der es bestimmt noch Lösungen für die verschiedenen Probleme geben wird.

Trennt oder verbindet virtuelle Realität Menschen?

DB: Virtuelle Realität ist eine Verbindung, aber keine reale, im Gegensatz dazu ist es die Illusion einer Verbindung. Eine „face to face“ Begegnung in der Realität hat natürlich ganz andere Voraussetzungen, Erfahrungen, Wertigkeiten.

LW: Dieses reale Begegnen in allen Emotionen ist auch ein wesentlicher Aspekt der Choreographie. Ebenso wie das gemeinsame virtuelle Spiel, das Freude bereitet. Das ist auch unsere Intention, diese Freude auszudrücken.

DB: Spiel ist immer Freude, die sichtbar ist. Körperlich sichtbar. Unser Stück soll das auch zeigen.

Ihr seid ein großartiges Team! Wie lange arbeitet Ihr schon zusammen?

DB. Es gab bisher eine gemeinsame Produktion und Begegnungen bei unterschiedlichen Projekten und Auditions.

LW: Wir haben viel Gemeinsames, etwa unsere internationalen Stationen als Tänzerinnen. Auch Italien, wo wir aufgewachsen sind, verbindet uns. All das fließt in Projekte ein und macht es zusätzlich sehr spannend.

„AnotherR – Die Wirklichkeit ist ganz woanders!“ _ Koproduktion orgAnic reVolt / DAS OFF THEATER
von links_Desi Bonato_dancer/choreographer; Leonie Wahl, dancer/choreographer, Gründerin, künstlerische Leiterin orgAnic reVolt; Ernst Kurt Weigel, künstlerischer Leiter und Geschäftsführer OFF-Theater Wien, „Bernhard Ensemble; Mag. Christina Berzaczy
(Regie- und Dramaturgieassistenz)
; Nadine-Melanie Hack, BA
(Social Media)

Herzlichen Dank für die spannenden Probeneinblicke, das outdoors Fotoshooting, das Interview und die Gespräche mit Euren tollen Team!

Viel Freude und Erfolg für die Premiere von „AnotherR – Die Wirklichkeit ist ganz woanders!“ am 30.9.2002 im Off Theater/White Box Wien!

AnotherR _ DAS OFF THEATER, WHITE.BOX, Kirchengasse 41, 1070 Wien _ 30.9./1.10.2022 20h

Koproduktion orgAnic reVolt / DAS OFF THEATER

Die Wirklichkeit ist ganz woanders!

Eine Tanz Performance über den Einfluss virtueller Realitäten auf uns Menschen, unsere Körper, unsere Bewegungen, unsere Emotionen und dadurch auf die gesamte Gesellschaft.

Reality is somewhere else!

A dance performance about the influence of virtual realities on us humans, our bodies, our movements, our emotions and thus on the entire society.

Tanz, Choreografie: Desi Bonato und Leonie Wahl https://www.leoniewahl.com/news
Musik: b.fleischmann
Outside eye: Ernst Kurt Weigel
Lichtdesign: Julian Vogel

Dauer: 45″

Datum / Date:

30. Sept. & 1. Okt., jeweils 20:00 Uhr

DAS OFF THEATER, WHITE.BOX, Kirchengasse 41, 1070 Wien

Programm

„AnotherR – Die Wirklichkeit ist ganz woanders!“ _
Leonie Wahl (rechts im Bild) / Desi Bonato_dancer/choreographer _ Wien

Interview und alle Fotos _ Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 9_22

„Vielleicht geht`s jetzt in der Kunst einfach um Unterhaltung, ums Entfliehen“ Maria Lohn, Schauspielerin _ Wien 11.9.2022

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Schauspielerin verschieben sich meine Tage stets bis tief in die Nacht hinein, was mir bisweilen das Tageslicht raubt. Ich bin meinem kleinen Sohn unendlich dankbar dafür, dass er mir den Morgen als ganz wichtigen Teil meines Lebens zurückgeschenkt hat. Mit ihm habe ich wieder das Frühaufstehen gelernt.

Ein guter Tag beginnt für mich mit einer Tasse Assam Tee. Dieser Tee und sein Tee-Ei kommen überall hin mit, auch in Hotelzimmer zu meinen Filmdrehs. Das Tee machen ist für mich ein ganz wichtiges Morgenritual, das sich in der Stille und im Winter auch in der Dunkelheit des frühen Morgens am besten vollziehen lässt. Der Tee, der seine Zeit braucht, um sein wunderbares Aroma zu entfalten. Genauso wie meine Gedanken Zeit brauchen, sich ans Wachsein zu gewöhnen, ans Planen, ans Visionen erstellen. 2 Tassen davon werden es sein, bevor ich in meine Marmorhöhle („marble cave“) verschwinde. So bezeichne ich unseren Gewölberaum im hinteren Teil unserer Wohnung, der gänzlich unter der Erde liegt, mit Marmor und Salzlampen ausgestattet.

Hier starte ich in den Tag mit einem Ganzkörpertraining, stets beginnend mit dem Sonnengruß.

Mein Körper ist mein Werkzeug. Ihn zu bewegen, immer wieder aufs Neue zu kräftigen, innigst zu pflegen, sehe ich als meine Aufgabe. Wie das Cello für die Cellistin, das Skalpell für die Chirurgin, die Nähmaschine für die Schneiderin.

Danach ist es höchste Zeit für den Wirbelwind. Es gilt, mein Kind für die Schule vorzubereiten. Da darf es kurz mal wild und ungestüm sein. Da wird Frühstück gemacht, Zähne geputzt, geweint, gelacht. Da haben wir Angst vor dem Zuspätkommen, dann passt die Farbe der Hose nicht, dann wird Orangensaft verschüttet. Da holt mich schnell die Realität ein, da geht es ums echte Leben, da wird mir der Spiegel vorgehalten, da werden mir meine Grenzen und meine Unendlichkeit gezeigt.

Stille.

Maria Lohn, Schauspielerin

Dann verlagert sich mein Fokus ins Virtuelle. Mein Instagram-Account bedarf meiner Aufmerksamkeit, Emails werden beantwortet, Telefonanrufe, Ecastings müssen vorbereitet werden, wofür es Text zu lernen, Kostüme auszusuchen und den Raum auszuleuchten gilt. Castings sind für mich in den letzten beiden Jahren sehr technisch geworden. Als Schauspielerin ist man Mensch für alles geworden. In meiner Ausbildung damals vor fast 20 Jahren, durfte man sich allein auf die Rollengestaltung konzentrieren. Jetzt habe ich gelernt, welche Lichteinstellung welchen Schatten neutralisiert, welche Kostümfarbe zu welchem Hintergrund passt, mit welcher Kameraeinstellung man bestimmte Emotionen am elegantesten zur Geltung bringt. Theoretisch! Das Video wird am Ende immer abgeschickt. Perfekt ist es nie. Und unendlich ist die Hoffnung auf ein gütiges Auge, auf einen wunderbaren Zufall.

Spaziergänge in meinem Bezirk Währing sind mir momentan besonders wichtig. Da gibt es den Türkenschanzpark, den Pötzleinsdorfer Schloßpark. Ich nehme mir Zeit an der frischen Luft, wobei das Wetter selten eine große Rolle spielt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Um es ganz nüchtern zu betrachten, brauchen wir wohl ein verstärktes Maß an Demokratiebesinnung. Noch nie hat die Europäische Union so sehr an Bedeutung gewonnen wie jetzt, nämlich als das Friedensprojekt, das ihrer Entstehung zugrunde liegt.

Den raschen Ausbau erneuerbarer Energien und den Weg zurück in einfachere Lebensweisen sehe ich als die drängendsten Herausforderungen der kommenden Jahre an.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich war 8 Jahre alt, als der Eiserne Vorhang fiel. Mein Vater war Historiker und in unserem Haus ging es um kein anderes Thema. Meine Eltern pflegten auch einige Freundschaften mit Menschen aus Ostdeutschland, sowie der heutigen Tschechischen Republik. Schon als Kind war ich peripher damit konfrontiert, was gewaltsames physisches Grenzen ziehen, bzw. das Unterjochen menschlicher Existenzen an Leid verursacht.

In der Frage Krieg oder Frieden kann es im Grunde immer nur um Empathie gehen. Europa/Wir ist/sind aus dem Märchenschlaf erwacht. Wir müssen ins Handeln kommen und eben genau diesem Friedensprojekt gerecht werden, dem wir unseren jahrzehntelangen Zustand seliger Schwerelosigkeit verdanken, inmitten einer von Krieg, Hunger und Zerstörung gebeutelten Welt.

Für mich bedeutet meine Arbeit als Schauspielerin immer auch ein Spiegel zu sein. Kunst generell ist vielleicht die Abbildung der Wirklichkeit, aber natürlich auch in unwirklicher Form. Kunst bietet vielleicht die Möglichkeit, sich, sein Handeln von außen zu betrachten und läßt unter Umständen gar einen Funken Reflexion zu.

Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht geht`s einfach um Unterhaltung, ums Entfliehen, bestenfalls um eine Gemütserregung.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig, da ich je nach Tagesverfassung auch einen bestimmten Text brauche, bzw. gedanklich konstruktiv verwerten kann.

Momentan offen sind:

Fear von Bob Woodward

Tropic of Capricorn von Simon Reeve

Women who run with the wolves von Clarissa Pinkola Estés

Hood Feminism von Mikki Kendall

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The audience doesn’t come to see you, they come to see themselves.“ Julianne Moore

„Fight for the things that you care about, but do it in a way that will lead others to join you.“ Ruth Bader Ginsberg

Maria Lohn, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Maria Lohn, Schauspielerin

https://www.maria-lohn.com/

Fotos_1 Volker Schmidt; 2,3 Jan Frankl;

8.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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