Ganz unterschiedlich. Ich habe immer mindestens 3 Projekte am Laufen, seien es Theaterproduktionen oder Events, bei denen ich beteiligt bin, oder Nebenjobs. Wenn ich früh einen Termin habe, springe ich meistens gleich aus dem Bett und nach einer Dusche, schon zur Tür hinaus. Angezogen natürlich. Den typischen Tagesablauf habe ich eigentlich nicht. Während den Lockdowns habe ich mir einen groben Rhythmus geschaffen oder besser gesagt, eine tägliche To-Do-Liste, aber eher um in der Untätigkeit nicht durchzudrehen. Heute muss ich vielmehr sehen, wie ich alles unter einen Hut bekomme. Manchmal nähe ich selbst die Kostüme für Produktionen, an denen ich beteiligt bin. Das spart zwar Geld, aber nicht meine Zeit. Deshalb fühlt sich mein Tag manchmal wie eine Partie Tetris an, aber ich will mich nicht beschweren. Ich habe lieber viel zu tun als gar nichts.
Nina Batik_Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht die Hoffnung zu verlieren, würde ich sagen. Es gibt glaube ich niemanden, den die Ereignisse der letzten zweieinhalb Jahren kalt gelassen haben. Ich habe gesehen was die Isolation der letzten zwei Jahre mit manchen Menschen gemacht hat. Vielen geht es nicht gut, mental oder finanziell. Da nicht den Glauben an eine bessere Zukunft zu verlieren ist schwer, aber das ist es, was einen am Ende schließlich weitermachen lässt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Nicht dieselben Fehler zu wiederholen. Immer wenn es einen Neubeginn geben soll, werden am Ende dieselben Fehler gemacht wie zuvor. Und meistens ist der größte Fehler zu glauben, dass man es bereits besser weiß, als die Vorgänger. Das wir klüger und reifer als Menschheit geworden sind. Fakt ist doch: Wann immer man Raum für menschliche Gier, Hass, und Egoismus lässt, wird dieser auch gefüllt werden. Wenn es Gesetzeslücken gibt, werden diese genutzt werden.
Die Kunst, sollte meiner Meinung nach sowohl den Menschen den Spiegel vorhalten, als sie auch zum Träumen einladen. Wenn Kunst nur zerstreuen soll, dann vergessen die Menschen zu leicht die Probleme ihrer Realität. Wenn die Kunst einem nur vorhält, wie schlecht die Welt ist, dann geht wiederum die Hoffnung verloren, es besser machen zu können.
Das Theater, Schauspiel… im Grunde erzählen wir Künstler:innen immer eine Geschichte. Und eine Geschichte kann Gedanken in Bewegung setzten, die alleine nie zum Rollen begonnen hätten. Sie kann inspirieren. Kunst hat die Macht das Denken der Menschen zu beeinflussen und zu verändern, was kann mächtiger sein? Deshalb sehe ich die Aufgabe der Kunst darin, nicht die Menschen von ihrem Leben und ihren Problemen abzulenken, sondern sie auf geschickte Art und Weise heranzuführen, um diese leichter verdaulich zu machen.
Was liest Du derzeit?
Marc Aurels Selbstbetrachtungen
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Blick` in dein Inneres. Da ist die Quelle des Guten, die niemals aufhört zu sprudeln, wenn du nicht aufhörst zu graben. – Marc Aurel
Nina Batik_Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin
Vielen Dank für das Interview liebe Nina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musik-, Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Jennifer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf sieht immer anders aus. In diesen Tagen sitze ich viel vor meinem Computer und schreibe Hörfilme für blinde und sehbehinderte Menschen. Nächste Woche reise ich nach Deutschland und probe für ein neues Stück am Theater Bielefeld.
Jennifer Pöll, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Unseren Optimismus und unsere Empathie nicht zu verlieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater und die Kunst an sich hat die Aufgabe aufzuzeigen. Zu veranschaulichen, womit die Menschheit sich beschäftigen soll, ja muss. Gleichzeitig muss es die Möglichkeit schaffen, dem Alltag und den Sorgen zu entfliehen und den Geist freizulassen.
Was liest Du derzeit?
Das Textbuch zu dem Stück, dass ich nächste Woche zu Proben beginne. Und gerade gestern habe ich mir das neue Buch von Ferdinand von Schirach geholt: „Nachmittage“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich würde gerne das südafrikanische Wort und Lebensgefühl Ubuntu teilen. Es bedeutet in etwa Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gemeinsinn, sowie die Erfahrung und das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines Ganzen ist. In vielen afrikanischen Ländern ist Ubuntu ein Lebenskonzept. Das Individuum wird nicht als Einzelkämpfer definiert, sondern als untrennbar mit der größeren Gemeinschaft verbunden. Ein bisschen mehr Ubuntu würde der Menschheit und dem Planeten gerade jetzt guttun
Vielen Dank für das Interview liebe Jennifer, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Mara, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
„Und ich, war ich je einverstanden?“, Undine wird nicht von Hans nach ihrer Meinung gefragt – Undine reflektiert und fragt sich schließlich selbst – Undine geht (einen Schritt weiter).
Frauen sind keine Gefahr für das andere Geschlecht. Es besteht eine Eigenverantwortung auch auf Seiten der Männer. Ich kenne durchaus Frauen, die mit dem Gedankengut aufgewachsen sind, eine Gefahr für Männer darzustellen, sie mussten auf ihr Äußeres und ihr Verhalten achten um „ja niemanden zu verführen!“ Da geht das Selbstbewusstsein oftmals flöten.
Undine denkt, versteht, hört zu – sie kann Hans 1, 2, 3… Parole bieten.
Liebe braucht oftmals nicht mehr als gemeinsam die Zeit vergessen zu können und DA zu Sein.
Nicht zu verbittern. „Aber so kann ich nicht gehen.“
„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Zum Glück hat sich vieles positiv entwickelt. Ich bin sehr dankbar, für die Errungenschaften mutiger Frauen, die vor oder schon in meiner Zeit gelebt haben/leben. Wenn ich z.B. Werbungen aus den 50/60er Jahren ansehe, dann lässt mich das Staunen, wie Frauen damals noch reden, spielen und sich zeigen sollten… Es ist erleichternd zu wissen, dass solche Werbungen heute keinen Platz mehr haben in unserer Gesellschaft. Das ist natürlich nur ein kleines Beispiel.
Heutzutage finde ich es außerdem seltsam, dass zwar in Texten oder der Bundeshymne gegendert wird aber die Behandlung und Bezahlung am Arbeitsplatz noch immer nicht überall geschlechtsunabhängig ist. Manchmal kämpfe ich aber auch mit Ausdrücken wie z.B. „Frauenquote“. Ist es wirklich so notwendig Frauen durch eine extra Tür hineinzulassen? Warum kann es noch immer nicht überall selbstverständlich sein, dass auch Frauen genauso gute Arbeit leisten können wie Männer.
Durch die vielen Geschlechter-Diskussionen die zurzeit in unserer Gesellschaft stattfinden, wird sich vermutlich noch einiges neu gestalten. Man bleibe gespannt.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Nach wie vor ist sie spürbar. Auch wenn die gesetzlichen Grundlagen bei uns eine machtmäßige Gleichstellung garantieren, sind diese patriarchalen Strukturen heute in verschiedenen Milieus trotzdem noch existent. Es liegt viel an den einzelnen Personen, wie damit umgegangen wird.
Was mir lange nicht bewusst war: Erst seit 1975 dürfen Frauen in Österreich ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander von Mensch und Mensch im gesellschaftlichen Lebens aus. Welche Auswege siehst Du da?
Ehrlich gesagt, finde ich es sehr schwierig auf solche „großen Fragen“ eine Antwort zu geben.
Was mir persönlich ein Anliegen ist und wo ich denke, dass es für ein gutes Miteinander grundlegend ist: Aufrichtigkeit und Vergebung.
„Wenn dir nichts mehr einfiel zu deinem Leben, dann hast du wahr geredet aber nur dann.“
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Lernen sich abzugrenzen, wenn es notwendig ist. Nein sagen zu können. Emotionen/Gedanken an- und auszusprechen. Umstände beim Namen zu nennen. Sich zugestehen, wenn etwas zu viel ist / zu viel wird. Aber nicht zu resignieren. Nicht alles Versagen und jeglichen Weltschmerz auf sich selbst zu beziehen. Ungesunde Abhängigkeiten erkennen, eingestehen, auflösen.
Was bedeutet Dir Natur?
Natur ist ein weiter Begriff… Eigentlich gehört der Mensch zur Natur. Sollte ein Teil davon sein. Aber er handelt meist nicht so. Ich brauche es z.B. an einigermaßen „naturbelassene“ Orte zu gehen. Da, wo der Mensch noch nicht alle Finger im Spiel hat. Wo Pflanzen und Tiere ein wenig in Ruhe gelassen werden. Da ich grundsätzlich im Zentrum von Wien lebe, ist das nicht immer so einfach. Aber man findet seine Ecken und Winkel.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Das ist die Frage. Ich denke, wir Menschen, zumindest in der westlichen Welt, müssen auf alle Fälle rasch lernen mit weniger Ressourcen auszukommen (egal ob Strom, Gas, Treibstoff, Essen, Wasser…). Sparsamer zu sein. Doch ich muss ehrlich sagen, manchmal frage ich mich ob der Wille zu dieser Harmonie bei uns Menschen überhaupt noch existiert oder durch Neid und Gier verschüttet ist. Alles natürlich allgemein formuliert. Ausnahmen gibt es zum Glück. Durch meine Nebenarbeit als Archäologin in Hallstatt und am NHM Wien bin ich jedenfalls immer wieder erstaunt wie Leute z.B. in der Bronze- und Eisenzeit ihre Ressourcen effizient genutzt haben und doch einen gewissen Reichtum aufbauen konnten. Oder gerade deshalb jenen Reichtum aufbauen konnten. Man kann als moderner Mensch sehr viel von diesen alten und keineswegs verstaubten Gesellschaftsformen mitnehmen. Der Mensch damals hat sich, wie es scheint, noch viel mehr als Teil der Natur gesehen und sich nicht dermaßen über die Tier- und Pflanzenwelt erhoben. Nachhaltigkeit und Recycling war „normal“.
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Zuwendung. Zärtlichkeit. Einsatz. Vergebung.
Was lässt Liebe untergehen?
Bitterkeit, Enttäuschung, Selbstsucht, zu hohe Erwartungen an sich und andere.
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
Mit einer Kasperl-Folge, in einem Kinder-Magazin abgedruckt, hat es begonnen. Das war mein ersten Lieblingsstück als kleines Kind. Das Nachspielen der Rollen, vor allem der Kasperl selbst hatte es mir angetan, hat die Schauspielbegeisterung in mir ausgelöst. Und die ist bis heute nicht gewichen.
Welche Berührungspunkte/Impulse mit/von Literatur gab es bisher in Deinen künstlerischen Projekten?
Einige. Ich wage zu behaupten, dass Theater und Literatur Hand in Hand geht.
Nicht umsonst gibt es ein eigenes Fach dazu in der Schauspielausbildung. Aber neben Pflichtlektüre habe ich auch selbst Werke gesucht und gefunden. Vor allem in den „eigenen“ Projekten/Performances spielte Literatur bis jetzt eine große Rolle. Wichtige Impulse haben mir z.B. C. Wolf mit „Kassandra“ und H. C. Artmann mit seinen Mundartgedichten geliefert.
Welche Impulse gibt es von der Natur für Dich persönlich?
Ich freue mich über eine schöne, grüne, nach Blumen, Blüten und Gräsern duftende Umgebung. Gute Gerüche sind für mich etwas unglaublich Belebendes. Oder am Wasser. Da ist es natürlich speziell. Bach, See, Meer, Regenpfütze. Die Wellen, die Spiegelungen, die Wasserläufer. Der Meeresgeruch. Das Salz. Gerne auch am Berggipfel mit Aussicht. Das liefert einen tollen Perspektivenwechsel. Rückt die (nur mehr um sich selbst drehenden) Gedanken wieder zurecht. Oftmals helfen aber auch Gewitter, Sturm und Nebel um Stimmungen für sich einzufangen.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Viel, mehr, alles?! Gerade in Dürrezeiten wie diesem Sommer, wo der Wasserspiegel in Flüssen und Seen rundherum sinkt etc., wird man wieder stärker daran erinnert wie kostbar Wasser ist. Wie gut, wenn man an der „Quelle sitzen“ kann. Außerdem, das Gefühl im kühlen Nass unterzutauchen, wenn es draußen heiß ist und alles ächzt, ist unbeschreiblich – der gesamte Körper wird auferweckt, bekommt neue Energie! Die größere Challenge ist es, dann ins Wasser zu hüpfen, wenn es schon lange keine 27°C draußen hat. Aber auch das kann irrsinnig animieren. Und: Laufen im Sommerregen – what a feeling! Wasser hat aber auch etwas Geheimnisvolles und eine irrsinnige Kraft. Man darf es nicht unterschätzen!
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Mittendrin statt nur dabei. Immer wieder freuend, wenn die Tage „wieder länger werden“.
Was sind Deine kommenden Projektpläne?
Ein eigenes Projekt mit zwei Schauspielkolleginnen gespielt im Oktober in der Steiermark und in Wien. Ab November wird wieder mit Ergo Arte für die nächste Produktion geprobt.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
„Ich liebe das Wasser, seine dichte Durchsichtigkeit, das Grün im Wasser und die sprachlosen Geschöpfe (und so sprachlos bin auch ich bald!), mein Haar unter ihnen, in ihm, dem gerechten Wasser, dem gleichgültigen Spiegel, der es mir verbietet euch anders zu sehen. Die nasse Grenze zwischen mir und mir…
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten? (Wortassoziation zu der Buchstabenfolge – U=Stichwort, N=…..)
Liebe Martha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf als freischaffende Sängerin gestaltet sich abwechslungsreich, je nachdem, ob ich gerade zuhause bin, probe und Projekte vorbereite oder ob ich für Produktionen und Konzerte unterwegs oder auf Reisen bin.
Tägliche Fixpunkte sind für mich Körperarbeit, Üben, Repertoire-Studium und Organisatorisches (d.h. E-Mails, Calls, Meetings, Marketing inkl. Aufnahmen, Veranstaltungen…). Während der letzten zwei Saisonen ging ich auch musikfernen Beschäftigungen nach. Ich schätze nun die zurückerlangte Zeit für die Musik ganz besonders. Natürlich bringt das nach den Covid-Jahren auch viel Arbeit des Neuaufbaus mit sich. Um bei all dem die Ruhe zu bewahren, helfen mir Meditation und Zeit in der Natur. Gemeinsame Erlebnisse mit meinen Lieblingsmenschen, Klavier spielen und lesen sind für mich „Inseln“, die mir Freude und neue Inspiration schenken.
Martha M. Harreiter, Sopran
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir sollten den Widrigkeiten, die wir aktuell durchleben, als Zivilgesellschaft entschlossen entgegentreten. Ich wünsche mir, dass wir einander aufbauen, Probleme gemeinsam lösen und die Schwächsten unter uns schützen. Ich bin überzeugt, dass wir großen Themen wie dem Klimawandel als Gemeinschaft begegnen müssen und dass der Einsatz für den Frieden, im Kleinen wie im Großen, nie vergeblich ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Wir erleben seit Beginn der Covid-Krise sehr instabile Zeiten, verbunden mit einer ständigen Beschleunigung des Alltags und großen Verunsicherungen. Musik darf für mich einen Hafen anbieten, in dem man im Augenblick des Hier und Jetzt, bei sich ankommen kann. Manchmal entsteht dabei auch eine Klarheit im Herzen, die einen all die guten Möglichkeiten wieder erkennen lässt, die uns das Leben schenkt. Musik soll aufbauen und begleiten, sie darf wertfrei spiegeln, was uns bewegt.
Was liest Du derzeit?
“Was uns frei macht. Für eine Spiritualität der Entfaltung” von Matthias Beck
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Es ist ein großer Unterschied, ob ich etwas weiß, oder ob ich es liebe; ob ich es verstehe, oder ob ich nach ihm strebe.” (zugeschrieben Francesco Petrarca,
1304-1374) und immer R. M. Rilkes Briefe an einen jungen Dichter: “Die Zukunft steht fest, lieber Herr Kappus, wir aber bewegen uns im unendlichen Raume.”
Martha M. Harreiter, Sopran
Vielen Dank für das Interview liebe Martha, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Da sind das Meer und die Insel. Da ist ein Mensch und da sind die anderen. Ein Gegenüber zu allem. Ein täglicher Kampf beginnt. Gegen die Natur, gegen den Tod. Gegen die Zeit hier, die sich dem Ende zuneigt…
„War es schon Tag geworden oder war immer noch Nacht? Welchen Weg sollte sie dieses Mal nehmen? Kurz spürte sie den Boden nicht mehr. Eine Leere umgab sie, ein großes Nichts, das sie langsam verschluckte…“
Tanja Raich, für ihren Debütroman „Jesolo“ (2019) für den Österreichischen Buchpreis wie dem Alpha Literaturpreis nominiert, katapultiert Leserin und Leser mit ihrem zweiten Roman „Schwerer als das Licht“ gleichsam in eine mitreißende Wort- und Bilderwelt, von der es, wie für die namenlose Ich-Erzählerin im täglichen dystopischen Lebenslauf von Hunger, Angst und Einsamkeit kein Entkommen gibt. Es ist eine faszinierende direkte Sprach- und Erzählkraft, die unmittelbar bildlich wie situativ hineinzusetzen vermag und in welcher Wörter wie Farben auf der Leinwand Aktion, Spannung wie Empathie in Form und Ansprache einzigartig zu erzeugen vermögen.
Literaturgeschichtlich nimmt Tanja Raich in „Schwerer als das Licht“ äußerst bemerkenswert den existentiell gesellschaftskritischen Kontext des Verschwindens, etwa bei Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger oder Birgit Birnbacher, auf und führt diesen in einen elementaren Kontext eines Überlebenskampfes der Natur gegenüber weiter, in dem der Mensch ganz auf Bedürfnis und Instinkt gestellt ist und sich gegen das Verschwinden angesichts der elementaren Gewalt der auflösenden Welt selbst stemmt. Es ist ein postkultureller dystopischer Zustand, in dem Kraft, Macht der Natur in den Fokus des Ausgangs- wie Horizontpunktes des Menschseins und -vergehens treten. In allem zerstörerischen Movens des Bestimmt-, und Umgebenseins von Natur klingt aber auch eine Seinsklammer von Anfang und Ende im Hoffnungshorizont an und nimmt damit eine apokalyptische Wendung als Referenz hinzu.
„Eine packende wie raffiniert hintergründige dystopische Parabel über Mensch, Natur und Zeit, die in expressionistischer Sprachschönheit vielstimmige spannende literarische Referenzen anklingen lässt und damit selbstbewusst umgeht.“
Tanja Raich, Schriftstellerin
Romanneuerscheinung: „Schwerer als das Licht“ Tanja Raich. Roman. Blessing Verlag.
Besprechung_Walter Pobaschnig 9/22
Alle Fotos_Portrait_Walter Pobaschnig_Station bei Malina_ Wien 6/20
Liebe Tanja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Holzofen heizen, Frühstück richten, Hund versorgen, Schwammerl suchen, Ofen heizen fürs Mittagessen, im Trivial Pursuit gegen meine Kinder verlieren, wieder den Ofen anschüren, um Kaffee zu kochen. Dazwischen ganz viel lesen und Bogenschießen. So sehen derzeit meine Urlaubstage in unbeschwerter Abgeschiedenheit auf einer Kärntner Alm aus.
Tanja Wildbahner, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Diese Frage ist für mich ohne Kontext zu offen gestellt, um sie konkret beantworten zu können. Außerdem kann ich nur für mich selbst sprechen und nicht für alle. Dies bedeutet in meinem Fall, dass ich JETZT GERADE hoffe, den Schulstart mit drei Kindern ohne gröbere Zwischenfälle hinter mich zu bringen, während parallel diverse Renovierungsarbeiten am Haus laufen. Natürlich könnte ich hier Stellung beziehen zur Welt- und Innenpolitik, aber ich bin der Meinung, das führt zu weit und gleichzeitig zu nichts, denn die ganz persönlichen Themen, die für jede und jeden Einzelnen von uns Bedeutung haben, können auf diesem Weg kaum gelöst werden.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Jede Kunstform sollte auf Perspektivenvielfalt achten und sich nicht für eine Retter – Oper-Täter-Kategorisierung instrumentalisieren oder gar missbrauchen lassen. Damit geraten alle Beteiligten in ein Dreieck der Hilflosigkeit. Solches schwarz-weiß-Denken brauchen wir nicht, um unsere Gesellschaft voran zu bringen, denn dies, so zeigte es uns die Geschichte bereits, führt zu nichts als Spaltung und Terror.
Was liest Du derzeit?
Jan M. Malecki (2021). A history of Krakow for everyone.
Rebecca Gablé (2011). Der dunkle Thron.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„It´s the end of the world as we know it. And I feel fine.” (Michael Stipe aus dem gleichnamigen Song von R.E.M.)
Tanja Wildbahner, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Tanja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!