„Vielleicht geht`s jetzt in der Kunst einfach um Unterhaltung, ums Entfliehen“ Maria Lohn, Schauspielerin _ Wien 11.9.2022

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Schauspielerin verschieben sich meine Tage stets bis tief in die Nacht hinein, was mir bisweilen das Tageslicht raubt. Ich bin meinem kleinen Sohn unendlich dankbar dafür, dass er mir den Morgen als ganz wichtigen Teil meines Lebens zurückgeschenkt hat. Mit ihm habe ich wieder das Frühaufstehen gelernt.

Ein guter Tag beginnt für mich mit einer Tasse Assam Tee. Dieser Tee und sein Tee-Ei kommen überall hin mit, auch in Hotelzimmer zu meinen Filmdrehs. Das Tee machen ist für mich ein ganz wichtiges Morgenritual, das sich in der Stille und im Winter auch in der Dunkelheit des frühen Morgens am besten vollziehen lässt. Der Tee, der seine Zeit braucht, um sein wunderbares Aroma zu entfalten. Genauso wie meine Gedanken Zeit brauchen, sich ans Wachsein zu gewöhnen, ans Planen, ans Visionen erstellen. 2 Tassen davon werden es sein, bevor ich in meine Marmorhöhle („marble cave“) verschwinde. So bezeichne ich unseren Gewölberaum im hinteren Teil unserer Wohnung, der gänzlich unter der Erde liegt, mit Marmor und Salzlampen ausgestattet.

Hier starte ich in den Tag mit einem Ganzkörpertraining, stets beginnend mit dem Sonnengruß.

Mein Körper ist mein Werkzeug. Ihn zu bewegen, immer wieder aufs Neue zu kräftigen, innigst zu pflegen, sehe ich als meine Aufgabe. Wie das Cello für die Cellistin, das Skalpell für die Chirurgin, die Nähmaschine für die Schneiderin.

Danach ist es höchste Zeit für den Wirbelwind. Es gilt, mein Kind für die Schule vorzubereiten. Da darf es kurz mal wild und ungestüm sein. Da wird Frühstück gemacht, Zähne geputzt, geweint, gelacht. Da haben wir Angst vor dem Zuspätkommen, dann passt die Farbe der Hose nicht, dann wird Orangensaft verschüttet. Da holt mich schnell die Realität ein, da geht es ums echte Leben, da wird mir der Spiegel vorgehalten, da werden mir meine Grenzen und meine Unendlichkeit gezeigt.

Stille.

Maria Lohn, Schauspielerin

Dann verlagert sich mein Fokus ins Virtuelle. Mein Instagram-Account bedarf meiner Aufmerksamkeit, Emails werden beantwortet, Telefonanrufe, Ecastings müssen vorbereitet werden, wofür es Text zu lernen, Kostüme auszusuchen und den Raum auszuleuchten gilt. Castings sind für mich in den letzten beiden Jahren sehr technisch geworden. Als Schauspielerin ist man Mensch für alles geworden. In meiner Ausbildung damals vor fast 20 Jahren, durfte man sich allein auf die Rollengestaltung konzentrieren. Jetzt habe ich gelernt, welche Lichteinstellung welchen Schatten neutralisiert, welche Kostümfarbe zu welchem Hintergrund passt, mit welcher Kameraeinstellung man bestimmte Emotionen am elegantesten zur Geltung bringt. Theoretisch! Das Video wird am Ende immer abgeschickt. Perfekt ist es nie. Und unendlich ist die Hoffnung auf ein gütiges Auge, auf einen wunderbaren Zufall.

Spaziergänge in meinem Bezirk Währing sind mir momentan besonders wichtig. Da gibt es den Türkenschanzpark, den Pötzleinsdorfer Schloßpark. Ich nehme mir Zeit an der frischen Luft, wobei das Wetter selten eine große Rolle spielt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Um es ganz nüchtern zu betrachten, brauchen wir wohl ein verstärktes Maß an Demokratiebesinnung. Noch nie hat die Europäische Union so sehr an Bedeutung gewonnen wie jetzt, nämlich als das Friedensprojekt, das ihrer Entstehung zugrunde liegt.

Den raschen Ausbau erneuerbarer Energien und den Weg zurück in einfachere Lebensweisen sehe ich als die drängendsten Herausforderungen der kommenden Jahre an.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich war 8 Jahre alt, als der Eiserne Vorhang fiel. Mein Vater war Historiker und in unserem Haus ging es um kein anderes Thema. Meine Eltern pflegten auch einige Freundschaften mit Menschen aus Ostdeutschland, sowie der heutigen Tschechischen Republik. Schon als Kind war ich peripher damit konfrontiert, was gewaltsames physisches Grenzen ziehen, bzw. das Unterjochen menschlicher Existenzen an Leid verursacht.

In der Frage Krieg oder Frieden kann es im Grunde immer nur um Empathie gehen. Europa/Wir ist/sind aus dem Märchenschlaf erwacht. Wir müssen ins Handeln kommen und eben genau diesem Friedensprojekt gerecht werden, dem wir unseren jahrzehntelangen Zustand seliger Schwerelosigkeit verdanken, inmitten einer von Krieg, Hunger und Zerstörung gebeutelten Welt.

Für mich bedeutet meine Arbeit als Schauspielerin immer auch ein Spiegel zu sein. Kunst generell ist vielleicht die Abbildung der Wirklichkeit, aber natürlich auch in unwirklicher Form. Kunst bietet vielleicht die Möglichkeit, sich, sein Handeln von außen zu betrachten und läßt unter Umständen gar einen Funken Reflexion zu.

Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht geht`s einfach um Unterhaltung, ums Entfliehen, bestenfalls um eine Gemütserregung.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig, da ich je nach Tagesverfassung auch einen bestimmten Text brauche, bzw. gedanklich konstruktiv verwerten kann.

Momentan offen sind:

Fear von Bob Woodward

Tropic of Capricorn von Simon Reeve

Women who run with the wolves von Clarissa Pinkola Estés

Hood Feminism von Mikki Kendall

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The audience doesn’t come to see you, they come to see themselves.“ Julianne Moore

„Fight for the things that you care about, but do it in a way that will lead others to join you.“ Ruth Bader Ginsberg

Maria Lohn, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Maria Lohn, Schauspielerin

https://www.maria-lohn.com/

Fotos_1 Volker Schmidt; 2,3 Jan Frankl;

8.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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