Liebe Sabine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unser Tagesablauf als Familie ist derzeit wesentlich von den beiden Kindern bestimmt – das Dezemberbaby sucht seinen Rhythmus noch, das „große“ Kind wacht dafür verlässlich beinahe jeden Tag um dieselbe Zeit auf und geht abends nach vielen Warum-Fragen um ungefähr dieselbe Zeit schlafen. Für das Schreiben und anderes sind derzeit eher leere Minuten (so es sie denn gibt) als größere Zeiträume reserviert, schnelles Notieren zwischendurch und Wiederfinden von Notizen abends, wenn einmal beide Kinder schlafen.
Sabine Schönfellner, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was für alle wichtig ist, wage ich nicht zu beurteilen. Ich stelle nur erfreut fest, dass langsam eine immer breitere gesellschaftliche Diskussion darüber einsetzt, was Arbeit ist und wie viel Zeit wir mit ihr verbringen wollen, ob wir andere Aufgaben und Ziele wirklich immer auf ein vages Später verschieben können und sollen. Das kann für Privatleben, Familienleben und Gesundheit nur von Vorteil sein, denke ich.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich möchte Kunst und Literatur ungern zu große Aufgaben aufbürden. Wenn man nach der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur fragt, geht es dabei schnell auch um deren Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Die Möglichkeiten, mit Literatur andere und neue Denkräume zu erschaffen und Einblicke in Lebenswelten zu geben, die einem fremd sind, erscheinen mir immer lohnenswert – ein direkter Transfer ins Leben ist mir zumindest noch nicht gelungen, aber Anstöße liefern sie auf jeden Fall.
Was liest Du derzeit?
Ich lese aktuell „Die Vermengung“ von Julia Weber, das mich in seiner skizzenhaften, fragmentarischen Annäherung an Beziehungen, Familienleben und die Herausforderungen, die diese für (künstlerisches) Arbeiten bedeuten, sehr anspricht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„We talk a lot about the weather. All of us miss the weather, which surprised us. It’s as if the only thing we can bear to have in common is weather conditions on a lost planet.“ (Olga Ravn, „The Employees. A workplace novel of the 22nd century“, aus dem Dänischen übersetzt von Martin Aitken, S. 84)
Vielen Dank für das Interview liebe Sabine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sabine Schönfellner, Schriftstellerin
Zur Person: Sabine Schönfellner, geboren 1987, studierte Literaturwissenschaft, Skandinavistik und Deutsch als Fremdsprache, anschließend Promotion in Literaturwissenschaft. Arbeitet als freiberufliche Texterin und Lektorin, organisiert und leitet Schreibwerkstätten. Zahlreiche Preise und Stipendien.
Aktuelle Veröffentlichungen:Herbstwespen (Erzählung, mikrotext, 2020), Draußen ist weit (Roman, Literaturverlag Droschl, 2021).
Zu meinem derzeitigen Tagesablauf gehören die Vorbereitungen für meine Wiederaufnahme. Ich verbringe viel Zeit damit, mir alte Aufnahmen meiner Interviews anzusehen, um das Material, das nicht in die endgültige Inszenierung aufgenommen wurde, zu überdenken und zu vertiefen. Ich verbringe auch viel Zeit im Theater, um an der technischen Umsetzung zu arbeiten.
Leni Plöchl, Regisseurin und Performerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, Humor ist in dieser Zeit für uns alle besonders wichtig. Er ermöglicht es uns, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, leichter zu bewältigen. Indem wir über uns selbst und unsere Probleme lachen, erkennen wir die Unsinnigkeit mancher Dinge und können etwas Abstand gewinnen. Wenn wir gemeinsam lachen, können wir uns verbunden fühlen,… auch wenn wir physisch getrennt sind.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ich finde, dass die Fähigkeit, Probleme aus einer anderen Perspektive zu betrachten, besonders wichtig ist, um uns gesellschaftlich und persönlich auf den bevorstehenden Aufbruch vorzubereiten. Theater und Kunst spielen dabei eine wichtige Rolle, indem sie gesellschaftliche Themen ins Bewusstsein rufen und uns dazu ermutigen, Empathie und Verständnis für andere zu entwickeln. Theater ermöglicht uns gemeinsam zu erleben und uns zu verbinden. „
Was liest Du derzeit?
Jacques LE GOFF “Die Geburt Europas im Mittelalter”. Ich bin erst am Anfang…also noch kein Buchtipp 😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Die Wahrheit im Theater ist immer auf Wanderschaft”
Peter Brook
Vielen Dank für das Interview liebe Leni viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Performanceprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Leni Plöchl, Regisseurin und Performerin
Aktuelle Produktion:
DA WAR ICH NICHT MEHR DA
Digitales Maskenspiel von und mit Leni Plöchl
WERK X-Petersplatz, 1010 Wien _14.01.2023, 19:30 Uhr
Da bin ich. Und da bist Du. Nackt. So beginnt es. Könnte es beginnen. Wenn es draußen regnet und still ist. Und die Musik erzählt. Von Erinnerungen.
Doch da ist auch das Scheinwerferlicht. Und das reicht nicht für alle. Nicht hier, nicht im Boot, nicht in Afrika, nicht vor dem Supermarkt, nicht im Brunnen. Also werde ich ich sein und du du sein, bleiben, werden, haben. Basta.
Und die Show beginnt. Die große Show. Meine große Show. Bis zum Ende…
Bis das Licht ausgeht….im Regen
Martin Gruber und das aktionstheaterensemble eröffnen das Theaterjahr Wiens mit einem sensationellen Bühnentornado im rasenden Dialog von Wort, Körper, Musik, der aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen in unglaublicher Verdichtung und Transformation zwischen Alltag und Reflexion einmalig vor dem grenzenlos staunenden Publikum auf der vor Spielwitz und Spielfreude in Tragik und Komik bebenden Bühne mitreißend oszillieren lässt.
Es ist höchste Theaterkunst wie hier Leben in allen abgründigen Schattierungen von Sehnsucht und Einsamkeit ins lodernde Bühnenlicht gesetzt und in hervorragender Dramaturgie, einmaliger Schauspielkunst wie wunderbarer musikalischer Orchestrierung in Grund und Abgrund zelebriert und zerlegt wird.
„Ein sensationelles Spiegelkabinett von Zeit und Leben als einmaliges Bühnen-Gesamtkunstwerk!“
DIE GROSSE PENSION EUROPA SHOW IM WERK X WIEN _Premiere: 11.01.23 |
Weitere Termine _ 12.01.23 | 13.01.23 | 14.01.23 | 17.01.23 jeweils 19.30h (Dauer ca. 2,5h mit Pause)
Werk X Wien, Oswaldgasse 35A, 1120 Wien
KONZEPT UND INSZENIERUNG: MARTIN GRUBER | TEXT: MARTIN GRUBER UND AKTIONSTHEATER ENSEMBLE SOWIE CLAUDIA TONDL UND ELIAS HIRSCHL | DRAMATURGIE: MARTIN OJSTER | BÜHNE, KOSTÜM: VALERIE LUTZ | VIDEO: RESA LUT | REGIEASSISTENZ: MICHAELA PRENDL | MEDIENKONTAKT: GERHARD BREITWIESER | LIVE-MUSIK: DOMINIK ESSLETZBICHLER, CHRISTIAN MUSSER, DANIEL NEUHAUSER, GIDON OECHSNER, DANIEL SCHOBER, PETE SIMPSON
DARSTELLER:INNEN: BABETT ARENS, MICHAELA BILGERI, AISHA EISA, ISABELLA JESCHKE, ELIAS HIRSCHL, RAPHAEL MACHO, KIRSTIN SCHWAB, TAMARA STERN UND BENJAMIN VANYEK
Lieber Kevin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein künstlerisches Leben ist geprägt von einer Art Dualismus. Es gibt sehr produktive Zeiten, in denen sich oft mehrere Projekte überlappen und mich sehr fordern. Dazwischen entsteht dann aber immer wieder eine Art „Zwischenstopp“, also eine ruhigere Phase, die ich zur Regeneration und Evaluierung nutze.
Diese Unstetigkeit ist einerseits natürlich etwas Schönes. Gerade für eine Persönlichkeit, wie die meine, die ständig nach Neuem sucht und sich nicht im Wiederholenden abnutzen möchte, ist es wunderbar immer wieder neue Menschen kennen zu lernen, neue Geschichten zu erzählen und gemeinsam etwas Einzigartiges zu erschaffen.
Andererseits sind die Phasen dazwischen immer wieder eine Herausforderung an das eigene Selbstbild. Stichwort: Evaluierung. Als selbstkritischer Mensch stelle ich mir in ruhigen Momenten natürlich Fragen wie „Wo will ich als Künstler hin?“ „Bin ich auf dem richtigen Weg?“ „Interessiert das, was ich zu bieten habe, irgendjemanden?“ In Zeiten von Instagram natürlich auch „Wieso drehen alle anderen häufiger als ich?“
Dann tröstet mich die Einsicht, dass ich mich gerade in einem Wellental befinde, auf das immer wieder ein Wellengipfel folgen wird. Und, dass es vielen Kollegen, mit denen ich darüber gesprochen habe, ähnlich ergeht. Es gehört einfach zum Job. Genauso wie die mittlerweile überhand nehmenden E-Castings.
Kevin Krennhuber, Schauspieler, Sprecher und Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Während der Pandemie war es wichtig, auf unsere Gesundheit und die der anderen zu achten. Eine vergleichsweiße einfache Aufgabe.
Mittlerweile stehen wir am Beginn einer wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Krise der westlichen Hemisphäre, die das Leben jedes Einzelnen schon jetzt verändert und noch viel stärker verändern wird. Von der Klimakrise ganz zu schweigen. Vieles, was für unser gesamtes Leben bisher selbstverständlich war, wird sich verändern oder ganz verschwinden.Das Außen wird unsicher und vage.
Ich denke deshalb, dass jetzt zwei Dinge für uns alle besonders wichtig werden:Zum einen sollten wir unsere Bedürfnisse und Sicherheiten wieder vom Außen ins Innen transferieren. Wenn wir unabhängig von einer sich ständig stark verändernden und deshalb teilweise auch bedrohlichen Welt sein wollen, dann müssen wir in uns einen Raum schaffen, der unabhängig ist von äußeren Einflüssen. Viktor Frankl wusste, wie das geht.
Zum Anderen, müssen wir uns unsere Ziele enger stecken. Die Zeiten von „Du kannst alles werden, wenn du es dir nur selber eindringlich genug einredest“ sind vorbei. Je mehr Variablen in die Gleichung kommen, desto konkreter sollten die Konstanten sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Kunst als Funke des Moments hat die magische Fähigkeit aus Nichts Etwas zu erschaffen, und diese Fähigkeit hat uns immer schon durch schwierige Zeiten geholfen, weil sie uns auf der sublimsten Ebene verbindet. Eine Ebene, die ohne alles auskommt.
Die Kunst vergangener Zeiten kann uns aber auch helfen, Ereignisse, die auf uns zukommen, richtig einzuordnen. Wir können von den Erfahrungen unserer Vorgänger lernen, können Trost aus den Beschreibungen ihrer Erlebnisse ziehen.
Und die Kunst als in Beziehung setzendes Medium wird uns auch beim Einordnen und Verarbeiten helfen.
Was liest Du derzeit?
Ich habe vor kurzem ein Buch wieder zur Hand genommen, dass ich vor langer Zeit zu lesen begonnen, aber nie beendet hatte: Stefan Zweigs – Die Welt von gestern. Nun scheint der Zeitpunkt richtig zu sein, es fertig zu lesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Keinen klugen Satz eines weisen Autors, sondern die Worte meiner leider schon lange verstorbenen Großtante Mimi – simpel, aber mächtig: „Wer waaß wofür’s guat woa?“ (Wer weiß wofür es gut war?)
Vielen Dank für das Interview lieber Kevin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Kevin Krennhuber_Schauspieler, Sprecher und Musiker
Zur Person_ Kevin Hermann Krennhuber wurde in Linz geboren. Kindheit und Jugend verbrachte er in Oberösterreich. Nach der Matura am Stiftsgymnasium Kremsmünster führte ihn sein Weg zuerst als Kameramann zum TV danach als Moderator zum Radio.
2011 schloss er das Studium der Allgemeinen Sprachwissenschaft in Wien mit Diplom ab. Es folgte eine mehrjährige Schauspielausbildung und schließlich 2017 die paritätische Bühnenreife. Kevin Krennhuber ist als Sprecher vor allem auf ORF III und Servus TV zu hören, zu sehen war er zuletzt im Theaterforum Schwechat als Major Petkoff in G. B. Shaws „Helden“.
Lieber Walter, ich werde das nicht schaffen. Das Thema ist so traurig, dass ich, egal was ich sagen möchte, an dieses nicht rankomme, alle Wörter nichtig und unwichtig erscheinen. Ich würde es so leer lassen wollen, weil meine Worte sie nicht ausfüllen können.
Zur Person_Thomas Hofer, 1978 in Eisenstadt geboren, aufgewachsen in Mattersburg und Walbersdorf. Studium Germanistik, Geschichte und Keltologie in Wien, zahlreiche Studienaufenthalte in der irischen Gaeltacht. Im Frühjahr 2023 erscheint der Kurzgeschichtenband „Shit, Oida! Erlebtes und Erlittenes aus den 80ern“ bei edition lex listz 12.
Liebe Franziska, Dein aktueller Roman „unlebbar“ ist im Oktober 2022 erschienen. Worum geht es darin?
Der 75-jährige Fred bricht in seiner Wohnung zusammen. Seine Nachbarin Nicole und ihr Sohn Leo finden ihn und alarmieren den Notarzt. Sie übernimmt widerwillig die Aufgabe, bis zu dessen Rückkehr regelmässig nach ihrem Nachbar zu schauen. Fred nutzt die Gelegenheit, sein Gewissen zu erleichtern. Doch Nicole hat mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen. Nach und nach realisiert sie, dass ihre traumatische Kindheit auf verhängnisvolle Weise mit Freds Vergangenheit verknüpft ist.
Wie kam es zu Idee und Entstehung?
2013 ist mein Buch „Mordfall Gyger – eine Spurensuche“ erschienen. Mich erschreckte, dass nicht einmal ein Tötungsdelikt an einem 14-Jährigen das Schweigen innerhalb einer verschworenen Männergruppe brechen konnte. Als eine Frau mir von ihrem Leben voller Angstzustände und Panikattacken erzählte und davon, dass ihre Vergangenheit mit einigen dieser Männer zu tun hatte, wollte ich die beiden Geschichten auf einer psychologischen Ebene miteinander verknüpfen: Die Last des schlechten Gewissens einerseits und die lebenslangen Folgen von Missbrauch und Gewalt andererseits.
Was ist Dir im Schreiben wichtig?
Wichtig sind mir während des Schreibens zwei Dinge: Erstens, dass sich dabei die erhofften verstärkenden Töne zwischen den Zeilen einflechten und sie in tiefsten Ebenen nachklingen und Zweitens, dass ich intuitiv jene Worte und Sprache finde, welche die Geschichte am treffendsten vermitteln.
Wo wirst Du Dein Buch präsentieren?
Die Buchvernissage hat in der Buchhandlung stattgefunden, weitere Lesungen mit Gesprächen finden an Literatur- und Kunstorten statt und geplant ist eine Lesereise zusammen mit Fachpersonen wie z.B. Opferhilfestellen, Psychiaterinnen und Traumaexperten.
Mit welchen Worten möchtest Du Dein Buch empfehlen?
Schweigen löst keine Probleme. Wegschauen noch weniger. Sich dagegen auf Unangenehmes einzulassen und Anteil nehmen, verstärkt Verständnis und ermöglicht Veränderung. „Unlebbar“ bietet sich an, mitzuerleben, wie sich langjähriges Schweigen und lebenslange Angstattacken anfühlen sowie öffentlich über solche Themen zu sprechen und auf diese Weise Gewalt zu reduzieren und Täter zu schwächen.
Franziska Streun, Schriftstellerin
Vielen Dank für die Buchvorstellung, liebe Franziska, viel Freude und Erfolg!