Zur Person_Alec Richard, Jahrgang 1987, ist ein dichter Dichter und Autor, der sich nicht als Künstler bezeichnen muss, denn er ist Kunst – Eine Kunstfigur im wahrsten Sinne! (Text: Alec Richard)
Charlie Watts, mit vollen Namen Charles Robert „Charlie“ Watts, geboren am 2.Juni 1941, gestorben 24.August 2021 in London. Musiker, Schlagzeuger. Band „Rolling Stones“.
So die biographischen Eckdaten zu einer Persönlichkeit, von der auch in all den Jahrzehnten des großen Erfolges nicht mehr bekannt zu sein scheint. Ein Musiker, Schlagzeuger, ein loyales Bandmitglied mit Leib und Seele, der als Mensch stets im Hintergrund blieb. Und doch den Takt vorgab, den musikalischen Stil prägte und die Musikwelt revolutionierte.
Weltweite Betroffenheit und Beileidskundgebungen begleiten seinen Tod. Auf der Konzerttournee der Stones 2022 wird stets zu Beginn Charlie Watts gedacht. Eine Ehrerbietun, die ihm die Band erweist. Eine Verneigung vor einem ganz großen stillen lauten Künstler und Menschen, der Bühne und Welt verließ…
Doch wer war Charlie Watts? Wo wuchs er auf, wie war sein Weg zur Musik, was prägte ihn? Wie kam er zu den Rolling Stones und wie ging es weiter im Erfolg, im Ausgesetztsein der Öffentlichkeit und dann in den stillen Jahren, die von Tourneen begleitet sind…wer war der Mann am Schlagzeug der Rolling Stones?
Paul Sexton, Autor, Journalist, Radiomacher, bester Kenner der Rolling Stones mit exklusiven Zugängen, legt nun eine einfühlsame wie genau dokumentierende Biographie war, die eintauchen lässt in ein Leben für die Musik wie ein Leben inmitten der Musik. Eine Autobiographie als Erlebnis und Ereignis, das auch von vielen wunderbaren Fotos (von Kindheit an) begleitet ist.
„Die Biographie von Charlie Watts wie ein mitreißendes Konzert der Rolling Stones im sensationellen Lebensbeat des genialen Musikers!“
Charlie’s good tonight, Paul Sexton. Ullstein 2022
Liebe Abla Alaoui, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich im Theater arbeite und die Shows für gewöhnlich abends stattfinden, kann ich gemütlich in den Tag starten. Ich habe Zeit an meinem zweiten Roman zu arbeiten, zu lesen, für weniger romantische Dinge wie Einkauf und Haushalt, und mich in Ruhe einzusingen.
Am frühen Abend geht es dann ins Theater, wo ich verschiedene Stationen ablaufe: Ich gehe in die Maske und bekomme meine Perücke aufgesetzt, schminke mich, singe mich noch gründlicher ein und ziehe mein Kostüm an. Dann gibt es noch einen sogenannten Fight-Call, in dem wir alle Kampfszenen im Musical Der Glöckner von Notre Dame durchgehen, damit es während der Vorstellung zu keinen Verletzungen kommt. Die Show macht viel Spaß und nach dem Schlussapplaus sitze ich oft noch mit Freunden zusammen, bis es dann Zeit zum Schlafengehen ist.
Wo fange ich an? Ich denke, es ist besonders wichtig sich klarzumachen, dass die eigene Sicht auf die Welt nicht die einzig richtige ist. Es ist wichtig, dass wir uns in Empathie üben, in Entschleunigung und Selbstliebe. Wir müssen lernen unseren Gefühlen Raum zu geben und lernen, wie wir sie kommunizieren. Es ist wichtig Grenzen zu respektieren und zu setzen. Wir müssen einsehen, dass es kein „besser“ und „schlechter“ in dieser Welt gibt, sondern nur ein „anders“. Es ist wichtig zu verstehen, dass man als einzelner Mensch einen großen Unterschied machen kann, wenn es um Natur, unsere Mitmenschen oder Tiere geht.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, Kunst und Literatur kann wie nichts anderes neue Sichtweisen aufzeigen, die uns inspirieren neue Wege einzuschlagen. Doch ein Gedicht kann noch so berührend, Prosa noch so fesselnd, ein Portrait noch so einnehmend sein, wenn wir nicht offen sind über neue Sichtweisen zu reflektieren, kann keine Veränderung stattfinden. Wenn wir nicht bereit sind uns zu ändern, wird keine Veränderung stattfinden. Dafür müssen wir uns die Angst vor Veränderung nehmen lassen, und vielleicht schafft dies die Sprache der Kunst.
Was liest Du derzeit?
Three women von Lisa Taddeo.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Liebe zum Selbst, die einzig wahre Romanze. La vie en rose, Baby! Ich gehe nicht, ich tanze. – M. Eppler
Vielen Dank für das Interview liebe Abla, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musical-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_Abla Alaoui ist Musicaldarstellerin und Hamburgerin mitmarokkanischen Wurzeln. Sie hat ein Herz für gutesEssen, mutige Menschen und gemütliche Schmökertage.Abla Alaoui spielt derzeit die Esmeralda in „Der Glöcknervon Notre Name“ bei den Vereinigten Bühnen Wien. Inihrem Debütroman schreibt sie humorvoll undwarmherzig über etwas, das wir alle kennen: die liebeFamilie und das, was das Herz will.
Roman Neuerscheinung _ Abla Alaoui, Bissle Spätzle, Habibi? Happy Valentine‘s Day! Eine romantic comedy mit Culture-Clash Ullstein Verlag _26.1.2023
Amaya ist in Hamburg geborene Marokkanerin, 30 und Single. Eine Konstellation, die ihre Eltern in stete Sorge versetzt und ihre Schwester dazu veranlasst, das Projekt „Heirat“ für sie anzukurbeln. Bei einer Familienfeier lässt Amaya sich dazu überreden, Minder zu installieren, eine Dating-App speziell für Muslime – und selbst ihre Mutter swipt begeistert für sie. Als Amaya mit Ismael, einem der potenziellen Ehemänner ausgeht, ist es jedoch dessen bester Freund, der ihr Herz schneller schlagen lässt. Daniel ist allerdings nicht nur Deutscher, was bei Baba schon für Sodbrennen sorgen würde, sondern schlimmer: Schwabe. Das ist von Amayas norddeutschem Aufwachsen weiter entfernt als Marrakesch, wie sie beim ersten Besuch in Stuttgart feststellen muss. Und als Amaya dann auch noch vor lauter Sorge vor der Ablehnung ihrer Eltern den beiden Ismael als potenziellen Schwiegersohn vorstellt, während Daniel staunend danebensitzt, ist das Chaos perfekt. Darauf erst mal ‘ne Portion Spätzle, Habibi….
Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als Freiberufler erfreulich unterschiedlich, grundsätzlich gehört der Morgen der Literatur, entweder Bücher lesen, Dramaturgisch arbeiten oder Text auswendig lernen. Nachmittags oft Hörbücher einsprechen für die Blindenbibliothek Zürich oder in Antiquariaten herumstöbern, Besprechungen oder Proben, abends meist Aufführungen. Die Strecken zwischen Wohnung und den Arbeitsplätzen möglichst zu Fuss zurücklegen. Nach Arbeitsschluss meist noch eine Folge der aktuellen Serie, denn: Immer einen Roman und eine Serie „in Arbeit haben“; die einen mit ihren Geschichten über die Woche begleiten.
Andreas Storm, Schauspieler, Regisseur
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich weniger über seine/Ihre Meinungen zu definieren als über die Fragen, die man stellt. Aber das ist leichter gesagt als getan, auch und gerade für mich. Ach so, und sich im Zweifelsfall immer als Teil des Problems ansehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Der Kunst und der Kultur kommt die elementare Rolle zu, unsere geistige Gesundheit zu garantieren. Bei Wikipedia steht:
„Der Rechtsbegriff Unterhalt bezeichnet die Verpflichtung eines Rechtssubjekts, die Existenz eines anderen Menschen zu sichern“. Und die vielgeschmähte Unterhaltung sichert die Existenz einer Gesellschaft.
Was liest Du derzeit?
Zuletzt gelesen: „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon. Ein Ereignis. Derzeit: Dagmar Leupold, „Dagegen die Elefanten“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn etwas nicht mehr zu reparieren ist, dann ist es auch nicht mehr kaputt:
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Vielen Dank!
Wie wir Norddeutsche sagen: Da nich für!
Andreas Storm, Schauspieler, Regisseur
5 Fragen an Künstler*innen:
Andreas Storm, Schauspieler, Regisseur
Fotos_privat
30.11.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Da sind das Leben und die Träume. Der Weg nach Wien. Ein Neubeginn fern von Familie und Vertrautem. Mut. Jetzt nur der Tag und das Schreiben. Und der Raum der Stadt. Ein Finden, ein Suchen. Immer wieder. Nach Worten, nach der Liebe, nach dem Leben…
Und auch zum Überleben in der Stadt wird das Papier, das Geschriebene, das Weggeworfene ein Weg. Es wird auf morgendlichen Touren in Altpapierbehältern gesucht, gefunden, aufgehoben, verkauft und literarisch verwertet. Eine Schatzsuche, welche die Miete, den Tag bezahlt und ein Schriftstellerleben ermöglicht und inspiriert…
Und da ist die Liebe. In der kleinen Wohnung. Im Teilen von allem. Im Freuen. Im Weitergehen zwischen, mit Geschriebenem…
Doch dann Wegkreuzungen. Das Schreiben und die Öffentlichkeit. Endlich! Neue Horizonte….
Und die Liebe? Auch sie geht weiter…da und dort…kommt…mittendrin im Ringen zwischen Schreiben, Leben, Erleben…
mittendrin ein Geheimnis…ein glückliches Geheimnis…am Grund einer Gesellschaft…der Weg eines Schriftstellers….
Arno Geiger, 1996 und 2004 Teilnehmer am Ingeborg Bachmannpreis in Klagenfurt, 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, ist einer der bedeutendsten wie einflussreichsten Schriftsteller der Gegenwart, der mit jedem neuen Roman zu überraschen wie zu begeistern weiß.
Diesmal ist es ein autofiktionaler Lebens(rück)blick auf das Wollen, Werden und Leben einer Schriftstellerexistenz in allen Facetten, Nuancen und Farben des Dorthin und des Weitergehens.
Geigers Sprache ist formbewusst einmalig wie im Erzählstrang virtuos. Es ist Seite um Seite ein Mitgerissenwerden in Neugierde und Spannung. Dabei sind Erzähl- und Reflexionsebene in einmaliger Verbindung und greifen weit über ein Leben hinaus und in das Leben an sich hinein. Was bedeutet Schreiben? Was Leben, Liebe? Was Erfolg?
„Ein begeisternd virtuoses wie schonungsloses Buch über das Leben, das Schreiben, die Liebe!“
„Das glückliche Geheimnis“ Arno Geiger. Hanser Verlag. 2023
Liebe Michaela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn ich nicht in der Agentur arbeite mache ich am Morgen so oft wie möglich Sport, dann geht’s los: recherchieren, plotten oder schreiben. In meinen aktiven Schreibphasen verlasse ich den ganzen Tag über kaum meinen Schreibtisch. In diesen Wochen und Monaten vernachlässige ich Freunde und Familie. Danach bin ich ganz verwundert, dass überhaupt noch jemand da ist. Es gibt tatsächlich Beziehung und Freundschaften, die das aushalten.
Michaela Baumgartner, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonnenheit, Verständnis, Toleranz und Bewusstsein.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wir müssen uns von Gewohnheiten lösen, von vielen scheinbaren Bequemlichkeiten verabschieden. Das wird niemandem leichtfallen, weil auch Verzicht damit Hand in Hand gehen wird. Aber wahrscheinlich werden wir irgendwann erkennen, dass dieses neue Leben für alle nicht nur mehr Fairness und Ausgewogenheit, sondern mehr Glück und Freude beinhaltet.
Aufgabe der Literatur, der Kunst an sich ist es wie immer, voranzugehen, dieses neue Bewusstsein zu lancieren.
Was liest Du derzeit?
Einen Klassiker, nämlich Hermann Hesses „Narziß und Goldmund“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“
aus Ingeborg Bachmann, „Die gestundete Zeit“
Vielen Dank für das Interview liebe Michaela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Michaela Baumgartner, Schriftstellerin
Zur Person_Michaela Baumgartner studierte Geschichte, Germanistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Die promovierte Historikerin war als Sachbuch-Lektorin, Kommunikationstrainerin und freie Journalistin bei verschiedenen Tageszeitungen und Magazinen und schließlich in einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und Corporate Publishing in Wien tätig. Mit ihren Romanen gelingt es der gebürtigen Oberösterreicherin und gelernten Buchhändlerin, das traditionsreiche Genre des englischen Regency-Romans um eine österreichische Variante zu bereichern.
Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf variiert, je nachdem, ob respektive wie viele Wochenstunden ich gerade als Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache unterrichte, ob ich vor kurzem ein Stipendium bekommen und aufgrund der damit verknüpften finanziellen Förderung weniger anderweitig zu arbeiten und also mehr Zeit und Kraft fürs literarische Tätigsein habe, ob ich etwas (mit Freund*innen oder der Familie) unternehme oder mich eine Weile zum Schreiben zurückziehe, ob ich mich in Wien befinde oder in Südmexiko, ob ich zu Hause bleibe oder umherstrolche oder reise usw.
Isabella Breier, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich hielte es für notwendig, uns schleunigst weltweit in Richtung egalitäre, sozialistisch-demokratische Gesellschaftstransformation zu begeben beziehungsweise zu einer fürsorglichen, bedürfnisgeprägten Strukturierung unseres Zusammenlebens zu finden – eine solche, die Menschen- und Umweltrechte nicht nur artikuliert oder verhandelt, sondern umfassend verwirklicht. (Den Konjunktiv II verwende ich, weil ich lügen würde, wenn ich vorgäbe, derzeit optimistisch zu sein.)
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Menschen stehen (je nach sozialen Variablen, sozioökonomischer Situiertheit u.v.m.) vor höchst unterschiedlichen Problemen und Aufbruchszenarien – ob vor Krisenzeiten, währenddessen oder danach. Auch unter jenen Katastrophen, die alle beziehungsweise den humanen Fortbestand unserer besonderen Spezies betreffen, leiden die Ärmeren und Armen, die Unterdrückten und Marginalisierten heftiger. Um’s kompakt auszudrücken: Wesentlich wäre es meines Erachtens, dass – in internationalem Maßstab – ein starkes vernünftiges Bündnis linker antifaschistischer Parteien und Gruppierungen erfolgreich für die Überwindung der kapitalistischen Wirtschafts- und Sozial- als brutale Kreaturen- und Naturausbeutungsordnung kämpft, d.h. für eine menschenwürdige Gesellschaft als eine der sozialen Gleichheit, in der alle Individuen mit ihren jeweiligen Gemeinsamkeiten und Differenzen ein bestmöglichst gutes Leben führen können sollen und die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Umwelt beziehungsweise des Planeten (als Existenzraum für uns und alle anderen Tiere und Pflanzen) verantwortungsvoll vollzogen werden.
Bezüglich der Rede von der „Kunst an sich“: Diese ist eine bedeutungsgeladene bis schwärmerische Begrifflichkeit, der sehr komplexe Wirklichkeiten gegenüberstehen. Möchte man auf die Frage, welche Rolle der Literatur in einem bestimmten Zeitraum (als einer vergangenen oder präsenten Etappe einer kulturellen sowie wirtschafts- und soziopolitischen Konstellation) de facto zukommt, ernsthaft sinn- bzw. gehaltvoll replizieren, braucht es notgedrungen eine (literatur)soziologische Analyse respektive fundierte empirische Untersuchungen. (Eine solche Bestandsaufnahme von Präformiertheiten, Korrelationen, Rückkopplungen können KünstlerInnen oder SchriftstellerInnen – in ihrer Position als ebensolche, mit jenen Mitteln oder Instrumentarien – in keinster Weise leisten. Das gilt für sämtliche selbst- und fremdernannte Intellektuelle, die sich nicht an Grundsätzen einer sachlich versierten, konsistenten und nachvollziehbaren Argumentationsführung orientieren (wollen). Ohne irgendetwas genauer erforscht oder durchleuchtet oder sich systematisch ein Mindestlevel an (zu belegenden) Kenntnissen erarbeitet zu haben, kann man maximal sagen oder schreiben, was man someint, was man erlebt, hört, diskutiert, querliest und vor sich hin oder her sinniert. Mit etwas Glück palavert man originell dahin, und bestenfalls bietet man anregende Denkimpulse. (Genau deswegen nerven mich nicht wenige Essays oder Kommentare gewisser (vor allem prominenter) Kunstschaffender oder Seitenblicke-Sweethearts oder jenseits jeder Fachkompetenz in die Gunst oder Ungunst der Stunde hinein spekulierender Philosophierender zu Themen, von denen sie manchmal (allem Anschein nach) nicht mehr verstehen als ich oder meine (ebenso sachfernen, allerdings weder künstlerisch oder philosophisch tätigen noch prominenten) Nachbarn, deren (nicht geschriebene) Artikel oder Statements nicht veröffentlicht werden würden.))
Um auf die Frage, welche Rolle der Literatur (meiner Meinung (als Privatperson, Autorin und ehemaliger Germanistikstudentin) oder meinem Wunschtraum nach) gegenwärtig zukommen sollte oder könnte, eine (höchstpersönliche und provisorische) Antwort zu formulieren, die natürlich – über die unter spezifischen Lebensbedingungen entwickelte Leidenschaft für Kunst und die auch nicht vom Himmel gefallene „(Hass-)Liebe zur Sprache“ etc. hinaus – mit meiner politischen Einstellung zu tun hat: Vielleicht vermag sie – zusätzlich zur Ermunterung zum Genuss von Metrik und Musikalität, zur Vermittlung von Freude an der Sinnlichkeit und an der Schönheit syntaktischer, rhythmischer und lautlicher Sphären oder mannigfaltig vitalisierter Imaginationen, zur Inspiration als Intensivierung eines Lebendigkeitsgefühls oder einer beseelten Stimmung, zur Aktivierung oder Steigerung von Affekten – dazu beizutragen, Zusammenhänge besser zu begreifen beziehungsweise darauf zu verweisen, dass man in der vermeintlichen Selbstverständlichkeit, in der „wir“ „uns“ als Zeitgenoss*innen bewegen, vieles überhaupt nicht oder völlig falsch versteht. Ich schätze Texte, die veranschaulichen oder zumindest anklingen lassen, wie mehrschichtig und diffizil verwoben sich die verschiedensten Verhältnisse oder Aspekte unserer Welt als „Erscheinungs- oder Handlungsraum“ (Arendt) bzw. Umstände wie Facetten unseres je individuell erfahrenen lust- und schmerzvollen Existierens und Probierens und Scheiterns gestalten. (Das muss weder in realistischem noch naturalistischem Stil geschehen. Es braucht dafür nicht unbedingt einen Brechtschen Erklärungsimpetus oder ambitionierte Parabelhaftigkeit. Surrealistische bis dadaistische Schöpfungen, prima facie völlig apolitische Nabelbeschau-Prosa oder die rigoroseste L’art pour l’art können – oft über ihre Intention hinaus, an der Urheberin oder dem Urheber vorbei, kon-/trans-/intertextuell betrachtet – Allgemeines induzieren oder illustrieren (lassen). Zwischen den Zeilen bezeugen auch scheinbar zeitraumlose Sprachopera den Zeitraum, in dem sie entstanden.) Zwar bin ich aufs äußerste zurückhaltend damit, zu behaupten: A und b müsse ein literarischer Text prinzipiell, und c und d dürfe er keinesfalls. Aber mir persönlich gefällt es, wenn sich Literatur mit den Bedingungsgeflechten, in oder mit deren Schlingen wir Menschen leben oder leben könnten, gelebt haben oder gelebt haben könnten, konfrontiert – in welchem Modus auch immer. Kurzum: Innerhalb der Grenzen dessen, was (Sprach-)Kunst kann (ohne aufzuhören, (nur) (Sprach-)Kunst zu sein), ist sie potentiell zu vielerlei in der Lage und soll sowohl desillusionieren als auch Illusionen verschaffen, etwas Punkt für Punkt klären und verrückt vermischen oder nur zu Entspannung, bloßer Unterhaltung und Zerstreuung dienen, demgegenüber auch Engels- oder Eselsgeduld, emotionale wie kognitive Mühe, anstrengenden oder verdrießlichen Lektüreeinsatz einfordern (ich bin keine Anhängerin der auch von zahlreichen RezensentInnen (wie ein göttliches Gebot) gepredigten Leichtigkeitsdirektive), erfrischen oder ermüden, erstaunen oder verärgern, überraschen oder langweilen, zu eutopischen Phantasien animieren und vor dystopischen Zuständen oder erschreckenden Gegebenheiten warnen oder sogar Trost spenden, Hoffnung wecken oder einen Optimismus heraufbeschwören dürfen, der einer „objektiveren Begutachtung“ des realen Stands oder Laufs der Dinge eventuell oder sicher nicht standhalten würde.
(Amen. 😊 Die gestellte Frage ist sehr interessant, wirft weitere Fragen auf. Deswegen zieht sich diese Erläuterung, warum ich mir mit einer knappen Antwort schwertue, extra in die Länge.)
Was liest Du derzeit?
Mehreres gleichzeitig. Letzte Nacht las ich die letzte Seite des Romans Ghana must go. Deswegen bin ich noch ganz im Bann von Taiye Selasis Erzähluniversum. Und mit folgendem Band wurde ich vorgestern fertig: Strehle, Samuel: Kollektivierung der Träume. Eine Kulturtheorie der Bilder. Weilerswist 2019
Einige Tage vor Weihnachten begann ich außerdem mit Infinite Jest von David Foster Wallace. Vor circa zehn Jahren las ich’s in der deutschen Übersetzung (Unendlicher Spaß), und nun genieße ich das Original.
Bei folgenden Büchern stecke ich momentan ebenso mittendrin:
Illades, Carlos: El marxismo en México. Una historia intelectual. Méx. 2018
Cassirer, Ernst: Lectures on Ancient Philosophy (Hg.: Borbone, G. (Philosophische Bibliothek)). Hamburg 2022
Jaeggi, Rahel u. Loick, Daniel (Hg.): Nach Marx: Philosophie, Kritik, Praxis. Berlin 2013
Und mehrmals wöchentlich tagträume ich mich ein wenig durch das Œuvre Rajzel Zychlinskis: di lider 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch (Hg. u. übertr. von Witt, Hubert). Frankfurt a.M. 2003
Alle diese Werke möchte ich weiterempfehlen!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Erstens eine (halbwegs guten Gewissens aus dem Zusammenhang gerissene) Zitatstelle von Hannah Arendt – aus dem zuerst 1971 in „The New York Review of Books“ erschienenen Aufsatz „Lying in Politics: Reflections on The Pentagon Papers“ („Die Lüge in der Politik“):
„Tatsachen bedürfen glaubwürdiger Zeugen, um festgestellt und festgehalten zu werden, um einen sicheren Wohnort im Bereich der menschlichen Angelegenheiten zu finden.“
Und zweitens die (hier von K.-P. Wedekind übersetzte) Anfangsstrophe des Gedichts „Το νοήμα της απλότητας“ („Der Sinn der Einfachheit“) von Jannis Ritsos:
„Hinter einfachen Dingen verstecke ich mich, damit ihr mich findet.
Findet ihr mich nicht, findet ihr die Dinge,
ihr berührt, was meine Hand berührt hat,
die Spuren unserer Hände treffen sich.“
Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Isabella Breier, Schriftstellerin
Zur Person_Isabella Breier
*1976 in Gmünd/NÖ; aufgewachsen in Wels; Studium der Philosophie und Germanistik in Wien; 2000: Geburt ihrer Tochter Hannah Medea; 2005: Dissertation zu Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ und Wittgensteins „Sprachspielbetrachtungen“; seit damals u.a. Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache; regelmäßige Aufenthalte in Südmexiko; zahlreiche Veröffentlichungen (Lyrik, Prosa) in Literaturzeitschriften und Anthologien
101 Käfer in der Schachtel.Ihr Verschwinden in Bildern. Klagenfurt: Kitab Verlag 2007
Interferenzen. Erzählungen, Kurz- und Kürzestgeschichten. Klagenfurt: Kitab Verlag 2008
Prokne & Co. Eine Groteske. Klagenfurt: Kitab Verlag 2013
Allerseelenauftrieb. Ein Klartraumprotokoll. Wels: Mitter Verl. 2013
Anfang von etwas (Reihe: Neue Lyrik aus Österreich; Hg.: Jensen, Treudl, Vyoral; Band 8). Horn: Verlag Berger 2014
DesertLotusNest. Anmerkungen zur „Poetik des Phönix“. Weitra: Bibliothek der Provinz. 2017
mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen,dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle (Lyrikband in zwölf Kapiteln). Wien: fabrik.transit 2019
Aktuelle Veröffentlichung:
Grapefruits oder Vom großen Ganzen (Groteske). Wien: fabrik.transit 2022/2023