„Austropop – von Mozart bis Falco“ Ausstellung _ Theatermuseum Wien 2023
12. Oktober 2022 bis 4. September 2023
Es ist eine ganz außergewöhnliche und begeisternde gleichsam Konzertbühne des 18. bis ins 21.Jahrhundert, die das Theatermuseum Wien in der Ausstellung „Austropop“ aufleben und einmalig in Bild, Ton und Text vielseitig klingen lässt.
Einmalige Artefakte wie Bühnenkostüme von Mozart, Nestroy bis Falco, ein nachgebauter Videodrehset von „Jeanny“, eine Sitzecke des legendären Künstler*innen Cafè Hawelka, eine 80er Disco und zahlreiche einzigartige Fotos, LP`s, Videoclips und nicht zuletzt eine Fülle an 70/80er Artikel im Museumsshop lassen diesen Museumsbesuch zu einem Erlebnis werden!
Der zur Ausstellung erschiene Begleitband „Austropop“ verbindet Informationen wie Analysen von Zeitzeugen und Kennern der Musikszene Österreichs und vertieft wie erweitert die so packenden Eindrücke der Ausstellung.
„Eine Ausstellungssensation zu Musik und Leben Österreichs, die im umfassenden sinnlich-anschaulichen Erleben wie in kompakter Information und Reflexion Maßstäbe setzt! Sehen, Hören und Fühlen Sie sich das an!“
Liebe Nadja, Dein Tanztheaterstück „ONXT! oder: Die Realität sägen.“ Hat am 13.12. in der Theater Arche/Wien Premiere. Dabei steht das Thema Angst/ONXT! im Mittelpunkt. Welche Aspekte sind Schwerpunkte Deiner Stückentwicklung und wie kam es zu diesem Projekt?
ONXT! ist mein erstes Solo-Projekt und hat daher eine ganz besondere Bedeutung für mich. Das Stück setzt sich mit dem Phänomen der physischen Isolation als Folge eines totalen psychischen Rückzugs auseinander. Im Mai 22 habe ich bereits eine Erstversion des Stückes im kleinen Rahmen gezeigt – jetzt freue ich mich darauf, die weiterentwickelte, gereifte Fassung präsentieren zu können.
Der Ausgangspunkt für die Arbeit an ONXT! war das eigenartige Gefühl, das mich während der Corona-Lockdowns 2020 und 2021 beschlichen hat: wie gut wir Menschen doch unser Leben auch ohne direkte menschliche Kontakte leben können, wie anpassungsfähig wir doch sind! Und: wie gut wir uns doch selbst für eine gewisse Zeit vormachen können, dass „eh alles normal“ ist!
Vor Jahren hat mich ein Theaterstück sehr beeindruckt, in dem eine dystopische Welt beschrieben wurde, in der alles – vom Einkaufen bis zur persönlichsten Kommunikation – ausschließlich über Internet stattfindet und in der es keine physischen Kontakte mehr gibt.
Was damals völlig utopisch erschien, wurde im Frühjahr 2020 plötzlich Wirklichkeit: wie viele andere saß ich wochenlang allein in meiner Wohnung und hatte große Angst davor, einkaufen zu gehen oder ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen. Dank der technischen Möglichkeiten, Berufliches auch per Video-Call zu erledigen, blieb das Leben irgendwie am Laufen.
Das unheimliche, diffuse Gefühl einer unkontrollierbaren Bedrohung von außen, wie man sie vorher nicht gekannt hatte, war aber nicht wegzuleugnen.
Eine Frage, die mich in während dieser Zeit zu beschäftigen begann, war außerdem: Was ist jetzt eigentlich noch „echt“? Können zwischenmenschliche Beziehungen zur Gänze in den digitalen Raum verlegt werden?
Social Media rückte dank der Ausgangsbeschränkungen plötzlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Täglich sah ich das Leben der anderen – aufwendig dekoriert, verfeinert und auf dem Silbertablett serviert. Alle schienen mit der außergewöhnlichen Situation viel besser zurechtzukommen als ich, fotografierten sich selbst mit dem Lockdown-Achterl am Balkon im Sonnenuntergang, kommunizierten und flirteten über Apps, die mir mehr Angst machten, als das Virus selbst. War ich die einzige, die von Zukunftsängsten, Einsamkeitsgefühlen und einer gewissen Torschlusspanik gequält wurde? Was ist, wenn ich nie wieder auf der Bühne tanzen kann? Wenn ich nie wieder die Gelegenheit bekomme, einen Mann kennen zu lernen? Wenn der Lockdown andauert, bis ich alt bin?
Echt – das war für mich schon immer das Meer. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Körper sich der Urkraft des Meeres anvertraut, spüre ich Ganzheit, Heilung, Freiheit. Deshalb habe ich in ONXT! das Meer ganz bewusst als Symbol für die Sehnsucht nach dem „Echten“ ausgewählt.
Andersens kleine Meerjungfrau, die in ONXT! eine wichtige Rolle spielt, war hingegen nicht geplant. Sie ist während der Proben irgendwann plötzlich aufgetaucht und hat ihren Platz vehement eingefordert.
Sie symbolisiert für mich einerseits das mir nur allzu bekannte Gefühl „anders als man möchte“, „nicht richtig“, „abgetrennt“ zu sein. Andererseits steht sie für die Angst, nicht geliebt zu werden, wenn man einfach so ist, wie man eben ist. Sie nimmt für die Liebe des Prinzen schmerzhafte Veränderungen auf sich und verkauft dafür das einzige, was sie an sich wirklich mag – ihre Stimme – an die Meerhexe.
Warum fühle ich mich ihr so verbunden? Versuche ich nicht auch mein ganzen Leben lang auf verschiedenen Ebenen – darunter natürlich auch in meinem Beruf als Tänzerin – eine andere, perfektere zu werden oder zumindest als solche zu erscheinen? Welche Rollen spiele ich in meinen verschiedenen Lebenssituationen, und was davon bin wirklich ich?
Angst ist ein Phänomen unserer Zeit. Welche Gründe siehst Du dafür?
Ich denke, dass wir in einer Zeit leben, in der wir einerseits beruflich und technisch fast unbegrenzte Möglichkeiten haben und durch Globalisierung und Digitalisierung mit der ganzen Welt verbunden sind, andererseits auf persönlicher Ebene feststellen müssen, dass wir immer mehr auf uns selbst gestellt sind. Soziale Gefüge, die noch vor wenigen Jahren selbstverständlich waren, verschwinden bzw. werden von virtuellen Communities ersetzt. Ich denke, dass Angst viel mit Einsamkeit zu tun hat, mit fehlender Einbindung in eine funktionierende Gemeinschaft, mit den Gefühl, sich auf nichts und niemanden verlassen zu können.
Wie gehst Du persönlich mit Angst um?
Hmm. Ich habe oft Angst, vor allem auf sozialer Ebene, z.B. Angst vor Zurückweisung, Angst mich zu blamieren (was manchmal zu einem übertriebenen Perfektionismus führt). Ich bin mir oft unsicher bzw. „traue“ mich einfache Dinge nicht sofort, wie z.B. einen bestimmten Anruf machen oder jemanden um Hilfe bitten. Und dann sind da natürlich auch gewisse Zukunfts- oder Versagensängste, dass mich niemand liebt oder dass ich nicht „gut genug“ bin, dass meine Kunst nichts „wert“ ist.
In den letzten Jahren habe ich gelernt, meinen Ängsten mit Meditation bzw. meditativem Yoga zu begegnen. Das hilft nachhaltig, finde ich.
Und ich kann große Ängste überwinden, wenn ich etwas wirklich will: dann springe ich zu meinem eigenen Erstaunen plötzlich ohne Zögern über meinen Schatten ;-).
Dein Stück thematisiert auch die Balance, Ambivalenz von Realität und Phantasie. Wie siehst Du den Zugang, Umgang damit persönlich?
Ich war ein extrem phantasievolles Kind, dass oft auch in eine Art Parallelwelt abtauchte. Ich habe z.B. lange fest daran geglaubt, dass ich eigentlich von einem anderem Planeten komme, nur versehentlich auf der Erde gelandet bin und bald wieder von einem Raumschiff abgeholt werde.
Als ich älter wurde, habe ich zum Glück auch praktische Eigenschaften entwickelt, konnte aber immer gut träumen und mich Phantasiewelten einlassen, natürlich auch inspiriert durch Bücher, Theaterstücke und Musik.
Ich bin sehr froh über meine blühende Phantasie, die mich beim Geschichtenerzählen, Choreografieren und Schreiben so gut wie nie im Stick lässt. Andererseits muss ich mich schon manchmal einbremsen, wenn ich zu sehr ins Träumen abdrifte. Oder noch gar nicht eingetretene (Wunsch- oder Angst-)Situationen in meiner Vorstellung schon so realistisch erlebe, dass ich mich dabei ertappe, sie bereits als real zu empfinden.
Welche Möglichkeiten sind Du im Tanz mit Angst und den Spannungen von Realität und Phantasie umzugehen?
Ich denke, dass der Tanz ein gutes Medium ist, um das Unbewusste durch den Körper sprechen zu lassen. Sowohl in der Improvisation als auch beim Entwickeln von Stücken. Ich habe schon viele Choreografien zum Thema Angst gemacht, besonders als junge Tänzerin. Das war immer sehr befreiend, hat mich in meiner persönlichen Entwicklung jedes mal einen Schritt weiter gebracht.
In meinen Stücken mische ich gerne Phantasie und Realität. Es gibt meistens sowohl Szenen, die sehr realistisch bzw. „aus dem Leben gegriffen“ sind, als auch Sequenzen, die ins Mystische, Absurde oder Surreale gehen. Ich denke, dass das auch ein guter Weg ist, um das Publikum auf bewusster und unbewusster Ebene anzusprechen und zum Träumen und Nachdenken anzuregen.
Wie war Dein Weg zum Tanz und was sind Deine weiteren Projektpläne?
Die Entscheidung, Tänzerin zu werden, habe ich mit vier Jahren getroffen, nachdem ich eine Verfilmung des Balletts „Der Nussknacker“ gesehen hatte.
Trotz dieser klaren Ausrichtung von klein auf war mein Weg zum (professionellen) Tanz alles andere als geradlinig. Nach einer zu spät begonnen Ballettausbildung landete ich nach einem Abstecher zum Musical beim modernen und zeitgenössischem Tanz und schließlich auch beim Schauspiel.
Die Pandemie war ein Einschnitt in meinem künstlerischen Leben: auch bei mir sind viele geplante Projekte zum Erliegen gekommen und konnten nicht mehr fortgesetzt werden. Durch mein Engagement bei der Initiative Tanz und Bewegungskunst Österreich, deren Obfrau ich bin, und bei der gewerkschaftlichen Initiative vidaflex haben sich auch viele neue Möglichkeiten ergeben die mein Leben bereichern.
Im Moment bin ich gerade dabei, meine berufliche Zukunft zu planen und zu strukturieren. Ein großer Wunsch ist es jedenfalls, mit meinen Tanztheaterstücken wieder mehr zu reisen und sie öfter zu spielen.
Was macht für Dich die Faszination der Kunstform Tanz aus?
Die besondere Spürbarkeit, Die Verständigung ohne Worte. Der großzügige Interpretationsspielraum. Die Vielfalt. Die Emotionalität.
Was wünscht Du Dir für die Tanzszene in Wien?
Für die Tanzszene in Wien wünsche ich mir, dass sie sich traut, offener, soldarischer, selbstbewusster und toleranter zu werden. Toleranter auch gegenüber den Tanz-Kolleg*innen, die sich weigern, sich den künstlerischen Anforderungen, die von „aktuellen zeitgenössischen Strömungen“ bzw. von den Fördergeber*innen vorgegeben werden zu unterwerfen. Ich denke, dass Kunst und insbesondere auch der Tanz eine Vielfalt braucht, die frei, mutig und unkonventionell sein darf. Und dass der Tanz tanzen dürfen muss, ohne als „zu wenig innovativ“ abgetan zu werden.
Außerdem wünsche ich der Tanzszene in Wien einen Ort, wo sie in all ihrer Vielfalt sichtbar gemacht und gewürdigt wird.
Was möchtest Du angehenden Tänzer*innen mitgeben?
Seid aufmerksam, spürt in euch hinein und lasst euch nicht einreden, dass etwas an euch nicht richtig, zu viel oder zu wenig ist. Dass ihr zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu rund, zu eckig, zu einwärts oder zu introvertiert seid. Ihr seid wunderbar, genau so wie ihr seid!
Was wünscht Du Dir im Umgang mit Angst für unsere Gesellschaft?
Ich wünsche mir für den Umgang mit Angst, dass man darüber reden darf. Dass man zugeben darf, dass man Ängste hat, ohne gleich komisch angeschaut oder als „schwach“ abgetan zu werden.
Ich denke, dass gerade die Menschen, die nicht die lautesten, extrovertiertesten und unempfindlichsten sind, eine ganze Menge zu sagen haben, das unsere Gesellschaft bereichern kann. Hören wir ihnen zu! Vielleicht fassen wir so ja auch Mut, unseren eigenen Ängsten ins Auge zu sehen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Akrostichon bitten?
Liebe Angela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich wollte ich die freien Tage vor allem zum Lesen und Schreiben nutzen, doch mein Partner hat sich kurz vor Heiligabend mit Corona infiziert und isoliert – daher spiele ich momentan viel Playmobil mit unserem Sohn.
Angela Lohausen, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zuversichtlich bleiben bei all den großen und kleinen Herausforderungen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Unser eigenes Verhalten daraufhin prüfen, ob es zukunftsfähig ist. Das betrifft den Umgang mit (endlichen) Ressourcen, aber es geht auch darum, eine entsprechende Haltung zu entwickeln, „den Mächtigen ins Gewissen reden“, wie es Kardinal Frings schon vor vielen Jahrzehnten ausgedrückt hat – also Lobbyarbeit für diejenigen, die (unter den Folgen der Klimakatastrophe) am meisten leiden.
Literatur und Kunst an sich darf und muss vielleicht sogar politisch sein, sich einmischen, Stellung beziehen.
Was liest Du derzeit?
„Rosa in Grau. Eine Heimsuchung“ von Simone Scharbert, den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch („Wir haben es nicht gut gemacht.“) und zwischendurch immer wieder „Gesammelte Gedichte“ von Jürgen Becker.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Nicht müde werden
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten
Hilde Domin
Vielen Dank für das Interview liebe Angela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Angela Lohausen, Schriftstellerin
Zur Person_
Angela Lohausen, Lyrikerin, promoviert zurzeit über Lyrik im Exil. Sie arbeitet in der Erwachsenenbildung und als freie Autorin und Lektorin. Ihre Lyrik erschien in mehreren Anthologien, u.a. in Anton G. Leitners „Das Gedicht“ und in der von Axel Kutsch herausgegebenen Anthologie „Versnetze“. Sie wohnt in Kreuzau/NRW.
Foto_privat
27.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Isabella, Dein Buch „Grapefruits oder Vom großen Ganzen“ erschien am 30.12.2022. Worum geht es darin?
Vor sechseinhalb Jahren spaltete sich Eos, die Protagonistin, auf der griechischen Insel Naxos in zwei Personen auf. Diese führten daraufhin ihr je eigenes Leben und entwickelten sich dementsprechend unterschiedlich. Die eine Eos blieb damals länger vor Ort, lernte Ionys und Ria kennen und feierte auf deren Anwesen ein dreitägiges ekstatisches Fest. Hernach lebte sie (gemeinsam mit ihrer ursprünglich aus Argentinien stammenden Partnerin Valentina) als freischaffende Künstlerin weiter. Die andere Eos verließ die Insel vorzeitig, kehrte nach Österreich zurück, beendete ihre künstlerische Tätigkeit abrupt. Statt dessen begann sie, in einer Galerie zu jobben. Als spätere Angestellte des dortigen Management-Teams begegnete sie Rudolf alias Chucho, einem prominenten „Ausnahmemeister“. Im Rahmen ihrer (für eine Vernissage seiner „Caminos Precarios“) unternommenen Untersuchungen zu Wirken und Werk des allseits beliebten Stars entdeckt sie nun, dass die Bildnisse der Artefakte seiner geplanten Ausstellung bereits existieren: als Arte Urbano im öffentlichen Raum …
„Grapefruits oder vom großen Ganzen“ Isabella Breier. Edition.fabrik.transit Wien 2022
„Grapefruits“ ist der Name eines von (an der Menschenwelt interessierten, aber deren Logiken nicht gutheißenden) schrulligen Göttern initiierten, radikal eigenwilligen, angeblich aufs „große Ganze“ bezogenen Kunst-Kollektivs, das in jedem Kapitel mitmischt und andauernde Verwirrung stiftet.
Wie kam es zu Idee und Entstehung?
Es war einmal eine Ansammlung von Interessensgebieten mit unterschiedlichsten Vegetationstypen. Auf den durchwachsenen Riesengründen flanierten Fragen herum und einige Ideen. Über Umwege fanden sie Gefallen an Bildern und Motiven. Und es tauchten Gestalten auf, wie aus dem Nichts und doch nicht fremd. Sie schulterten alles, die zappligen Fragen und edlen Ideen. (Und vice versa.) Gemeinsam trieb man sich jedenfalls durch allerlei Dickicht. Jene Figuren, die sich weder verirrten noch mit der Grobkonzeption zerstritten, schlugen sich beharrlich durch die Handlungsstränge. Sie streunten ein paar Jahre durch sämtliche Szenen und zogen mich hinter sich her. (Oder umgekehrt.)
Was ist Dir im Schreiben wichtig?
Je nach Text, Sujet und Stimmung gibt es unterschiedliche Prioritäten. Und je nach Genre oder Genreüberlappungsmethodik eröffnen sich spezifische Möglichkeitsräume. Langstreckenprosa eignet sich unter anderem dazu, ein umfangreiches Themenfeld zu beackern. Simplifizierend könnte ich sagen, dass ich mich beim Schreiben einerseits mit der Welt befassen beziehungsweise mit gewissen Aspekten der sozialen Realität oder damit in Verbindung stehenden Lebensformen und Empfindungshaushalten, andererseits mit Hinter- und Neben- und Vordergründen der Genese von Wahrnehmungsmustern auseinandersetzen will. Entscheide ich mich für einen nicht-fiktiven Stoff beziehungsweise einen faktische Verhältnisse oder Zusammenhänge oder politische Ereignisse streifenden Plot, halte ich es für notwendig, mich mit der Materie ausgiebig vertraut zu machen. Wenn – wie zum Beispiel in „Grapefruits“ – die Freundin der Protagonistin ihre frühe Kindheit im Argentinien der Militärdiktatur verbrachte, was sowohl bezüglich der Figurenzeichnung als auch des Handlungsgeflechts ins Gewicht fällt, muss ich mir (jenseits der konkreten Belange der erfundenen Rollenbiografie) einen entsprechenden Überblick verschaffen und quasi einverleiben, d.h. wenigstens so viel an Historischem wissen, dass ich es verantworten kann, das zu erzählen oder anzudeuten oder zu bebildern, was ich erzähle oder andeute oder bebildere. Also möchte ich jede Menge (auch oder vor allem Nicht-Literarisches) darüber gelesen und/oder mit diesbezüglich kompetenten Individuen kommuniziert haben – und zwar unabhängig davon, ob im Buch überhaupt etwas von den signifikanten Inhalten oder erworbenen Kenntnissen zur Geltung respektive der gewonnene Ein- zum expliziten Ausdruck kommt. Denn beim Verfassen eines ausufernden Romans überschlagen sich x Wellen, und ich tauche in einen komplizierten Kosmos ein. (Mit ein bisschen Glück sitzt man während des Strukturierens der Story der reizvollen Illusion auf, als ginge von ihr oder den Charakteren eine starke Sogwirkung aus. Das damit korrespondierende Mich-Versenken in Sachbereiche liebe ich ebenso, wobei ich bei manchen Einfällen oder konzeptionellen Überlegungen vorsichtig sein beziehungsweise ein zeitliches Limit setzen muss, weil ich sonst dazu tendiere, auf ewig unterzugehen. Mehrmals schon vergaß ich vor lauter Begeisterung für die Recherche beinahe auf den Roman, dessentwegen ich mit ihr angefangen hatte.)
Im Allgemeinen vermittelt mir das literarische Arbeiten beziehungsweise ein aufmerksames, behutsam dahintastendes oder verwildert assoziations- und konnotationsgetriebenes, oft zeitvergessenes Hantieren mit Sprache, den Akten und Potenzen und Grenzen – dieses (von mir immerhin temporär genossene) Privileg (über das grundsätzlich alle Menschen verfügen können sollten), sich jeweils stundenlang Fragen der Rhythmik, Konstruktion, Figurengestaltung oder einzelnen Formulierungsdetails zu widmen – das erhebende Gefühl, etwas lebendig werden zu lassen. Und der eigene Horizont erweitert sich sowohl im Prozess des zögerlichen Ausprobierens als auch des enthusiastischen Tippens oder Kritzelns in bisweilen überraschenden Hinsichten. Man kann sich sogar in einen intensiven Rausch hineinschreiben und in Folge – mit ein wenig Abstand und wieder nüchterner Reflexion dessen, was da jetzt steht – zu einem dichteren Verständnis diverser Relationen gelangen.
Wo wirst Du Dein Buch präsentieren?
Weil ich demnächst nach Mexiko fliegen, bis mindestens Ende März bleiben und vor Ort auf andere Projekte konzentriert bzw. anderweitig beschäftigt sein werde, ist vorerst keine Buchpräsentation geplant. (Es eilt ja nicht. Vielleicht im Spätsommer oder Herbst?) Wahrscheinlich stelle ich in den nächsten Monaten ein Lesevideo oder eine weitere Audiodatei online.
Mit welchen Worten möchtest Du Dein Buch empfehlen?
„Grapefruits oder Vom großen Ganzen“ werkelt mit verschiedensten Textsorten und narrativen Techniken. Die skurril verwickelte Geschichte bewegt sich auf differierenden Zeit- und Wirklichkeitsebenen. Einerseits gibt’s surreale und von mythologischen und magischen Motiven wie Akteurinnen und Akteuren durchdrungene Sphären und etliche (auf Geschehnisse im Text verweisende) „Texte im Text“, andererseits „bodenständige“ Rahmenhandlungsgerüste. Letztlich handelt es sich bei der Groteske auch um eine Art Liebeserklärung ans megalomane „Spielen“.
Vielen Dank für die Buchvorstellung, liebe Isabella, viel Freude und Erfolg!
Buchvorstellung_ „Grapefruits oder vom großen Ganzen“ Isabella Breier. Edition.fabrik.transit Wien 2022
Zur Person_Isabella Breier
*1976 in Gmünd/NÖ; aufgewachsen in Wels; Studium der Philosophie und Germanistik in Wien; 2000: Geburt ihrer Tochter Hannah Medea; 2005: Dissertation zu Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ und Wittgensteins „Sprachspielbetrachtungen“; seit damals u.a. Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache; regelmäßige Aufenthalte in Südmexiko; zahlreiche Veröffentlichungen (Lyrik, Prosa) in Literaturzeitschriften und Anthologien
101 Käfer in der Schachtel.Ihr Verschwinden in Bildern. Klagenfurt: Kitab Verlag 2007
Interferenzen. Erzählungen, Kurz- und Kürzestgeschichten. Klagenfurt: Kitab Verlag 2008
Prokne & Co. Eine Groteske. Klagenfurt: Kitab Verlag 2013
Allerseelenauftrieb. Ein Klartraumprotokoll. Wels: Mitter Verl. 2013
Anfang von etwas (Reihe: Neue Lyrik aus Österreich; Hg.: Jensen, Treudl, Vyoral; Band 8). Horn: Verlag Berger 2014
DesertLotusNest. Anmerkungen zur „Poetik des Phönix“. Weitra: Bibliothek der Provinz. 2017
mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen,dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle (Lyrikband in zwölf Kapiteln). Wien: fabrik.transit 2019
Grapefruits oder Vom großen Ganzen (Groteske). Wien: fabrik.transit 2022/2023
Foto Portrait_privat.
28.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sabine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ab halb neun bis ca zwölf Uhr widme ich mich dem Schreiben, Recherchieren für ein neues Buchprojekt und Sammeln von Ideen. Nachmittags gehe ich private Verpflichtungen nach. Zwei bis drei Mal wöchentlich begebe ich mich abends zur Arbeit, wo ich als Krankenschwester im Nachtdienst tätig bin.
Sabine Foraboschi, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich finde, es ist wichtig, dass wieder Ruhe in uns einkehrt. Wir sollten uns jetzt auf die positiven Dinge konzentrieren, die – auch wenn wir sie nicht auf Anhieb erkennen- vorhanden sind.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und Kunst beeinflussen den Menschen. Filme, Bücher, Bilder, in denen – wenn auch indirekt – Stimmungen, Botschaften weitergegeben werden. Das verleiht dem Künstler Macht, aber auch eine große Verantwortung.
Was liest Du derzeit?
„Südtirol zwischen Almen und Palmen“: Eine Sammlung von 16 Kurzgeschichten verschiedener Autoren und Autorinnen
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Versuch ist der erste Schritt, deinem Ziel näher zu kommen.
Vielen Dank für das Interview liebe Sabine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sabine Foraboschi, Schriftstellerin
Zur Person: Sabine Foraboschi, Schriftstellerin, geboren in Bruneck, wohnhaft in Kurtatsch. Veröffentlichungen von Büchern sowie Texten in verschiedenen Zeitschriften.
Foto_privat.
19.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zur Person_ Sylvia Sabrowski, in Bottrop aufgewachsen und nach dem Studium der Psychologie und Pädagogik als Freiberuflerin tätig, lebt mit Mann, Kindern und anderthalb Katzen im Ruhrgebiet. Im Jahr 2003 hat sie den Wettbewerb „Talking of Angels“ mit dem lyrischen Text „Innerwelt“ gewonnen, der im Gasometer Oberhausen zu Bill Violas Videoinstallation „Five Angels for the Millennium“ vorgetragen und vertont wurde. Einige ihrer Kurzgeschichten und Gedichte wurden in Anthologien veröffentlicht. Bisherige Kriminalromane im Gmeiner-Verlag: Zechentod (2019), Zechenkiller (2020). Autorenhomepage: www.sylviasabrowski.de
Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Die Fragestellung trifft das generelle Paradoxon unsere Zeit erschreckend genau: Jetzt und Tagesablauf gleichzeitig beantworten zu wollen, widerspricht einander. Klar, im Vergleich zu 2020/21 habe ich wieder mehr Termine, kann wieder Projekte vor Publikum realisieren, „live” unterrichten etc., und ich versuche die gewohnte Normalität wieder herzustellen, obgleich ich daran an jedem Tag – manchmal glücklich, ein anderes Mal produktiv und dann auch wieder deprimiert – scheitere.
Mein Tagesablauf wird zunehmend zu einem Tagesgeschehen und mein Bemühen ist, das Jetzt auszufüllen und weniger zu planen. Und mit allem aufzubringenden Optimismus ist das die Quintessenz, die ich durch die aktuellen und nicht mehr ganz aktuellen Krisen (und den daraus resultierenden Folgeschäden) gelernt habe: nicht im Extrapolieren von Möglichkeiten und Planen anhand von Wahrscheinlichkeiten, sondern im Tun anhand meiner Fähigkeiten (und dieses zu optimieren) liegt die Kraft des Fortschreitens.
Also, um die Frage irgendwie zu beantworten: mein Tagesablauf ist das, was ich in Abfolgen von vielen „Jetzt-Zuständen” im Rahmen einer gewissen Routine und akzeptierten und auch geliebten Strukturen erfüllen kann, muss und will 😉.
Peter Uhl_ Theatermacher, Schauspieltrainer und Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ach herrje, wo soll ich anfangen?! Strukturell gesehen Politiker*innen, die diese Bezeichnung verdienen, ohne, dass die alten Griechen im Grab rotieren. In gesellschaftlichem Hinblick ein Besinnen darauf, dass es nicht genügt, der Spezies Mensch anzugehören, sondern dass man zusätzlich auch menschlich sein sollte; in wirtschaftlichen Sphären vielleicht doch noch einmal das Dogma „Geht es der Wirtschaft gut, geht es dem Menschen gut” zu überdenken; in medizinischen-pflegerischen Belangen die Einsicht, dass dies kein profitorientierter Sektor sein kann und darf; generell, dass Arbeit wertschätzend beglichen wird; … dass Bildung keine Anhäufung von Wissen, sondern ein Erfahrungsprozess und ein Verständnis von Zusammenhängen ist; und im privaten Bereich, dass Verachtung, Neid oder das Festhalten an überholten Strukturen, Geschlechterrollen und -bildern keine funktionale Gesellschaft hervorbringt. Für mich persönlich, dass Selbstverantwortung, Verantwortung gegenüber anderen und sich einen kritischen Geist zu bewahren etwas ist, das stets hochgelebt, aber auch ständig hinterfragt und gegebenenfalls angepasst/korrigiert werden muss.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Generell sollte Kunst und Kultur stets über den Tellerrand blicken, Missstände veranschaulichen und/oder Visionen sowie Illusionen bieten – unabhängig von Krisenzeiten, vermeintlichem Wohlstand, gesellschaftlichem Aufschwung oder allgemeiner Stagnation.
Was meines Erachtens an der aktuellen Lage ein Novum ist, sind die unterschiedlichsten Konfliktherde, die sich gleichzeitig aufgetan haben. War in der Vergangenheit der Fokus auf die Dekadenz des Adels, den Aufbruch der Arbeiter*innen, die Tragik eines Krieges und dessen Folgen, die sexuelle Revolution, die Rechte von Frauen etc. gerichtet, so ist es heute nicht mehr wirklich möglich, für das globale und lokale Geschehen einen einzigen „Hauptschuldigen” dingfest zu machen. Dadurch ist die Pluralität von Kunst und Kultur wichtiger denn je, um diese Komplexität zu verdeutlichen und im weiteren Sinne zu bedienen. Unabhängig davon, ob sie visionär, progressiv, provokativ oder im besten Sinne konservativ ist – oder einfach nur der Unterhaltung oder Ablenkung dient. Gerade die verabscheuungswürdige Polarisierung im Zuge der Corona-Jahre hat mir verdeutlich, wie wichtig es ist, wieder zu erlernen, eine gesunde Diskussion oder eine produktive Kontroverse zu führen – beziehungsweise einfach auch zuzuhören, ohne gleich allergisch auf gewisse Reizworte zu reagieren. Und darin liegt meines Erachtens auch ein Teil der unendlichen Kraft der Kunst: sie kann Fragen aufwerfen, mögliche Antworten anbieten, aber auch einfach nur „Dampf ablassen” … das Zu- und/oder Anhören/-schauen ist dabei stets Voraussetzung. Gerade in Wien haben wir diesbezüglich ein mannigfaltiges und großartiges Angebot – die Herausforderung besteht darin, die Menschen wieder besonders von den Vorzügen eines Theaterbesuchs zu überzeugen, um den Mehrwert, den sie gegenüber einer Lockdown-bedingten Bequemlichkeit in Hinblick auf Netflix & Co (ohne dadurch die dort mitunter angebotene hohe Qualität mindern zu wollen) klar zu machen. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass etwas hautnah zu erleben oder zu konsumieren intensiver ist, als es über einen Bildschirm flimmern zu sehen.
Aber ich denke, dass wir im optimalsten Fall gerade dabei sind, einen Aufbruch vorzubereiten und die Grundsteine für einen Neubeginn setzen. Es genügt nicht mehr, die Gesellschaft und Politik durch revolutionäre Impulse, Provokation oder Aktivismus wach zu rütteln, sondern wir brauchen (zusätzlich) eine grundlegende evolutionäre Veränderung – ein generelles Umdenken, das bis in die Tiefen unseres Reptiliengehirns vordringen muss und somit zur Selbstverständlichkeit wird. Das ist inzwischen durchaus ein tragisches Rennen gegen die Zeit geworden, dessen tatsächlicher Ausgang ich wahrscheinlich nicht mehr erleben werden darf oder muss.
Was liest Du derzeit?
„Ach, Marilyn” von Christina Jonke, immer und immer wieder – im Hinblick auf meine nächste Produktion (bin gerade in der Vorbereitungsphase und da gibt es in meinem Hirn keinen Platz für literarische Abwechslung 😜)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst.” (aus den Empfehlungen des Dalai Lama für das Leben im neuen Jahrtausend)
Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Peter Uhl_Theatermacher, Schauspieltrainer und Autor
Foto_privat.
18.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.