„bei der Groteske handelt es sich um eine Art Liebeserklärung ans megalomane „Spielen““ Isabella Breier, „Grapefruits oder vom großen Ganzen“ Edition.fabrik.transit _ Buchneuerscheinung_Wien 2.1.2023

Liebe Isabella, Dein Buch „Grapefruits oder Vom großen Ganzen“ erschien am 30.12.2022. Worum geht es darin?

Vor sechseinhalb Jahren spaltete sich Eos, die Protagonistin, auf der griechischen Insel Naxos in zwei Personen auf. Diese führten daraufhin ihr je eigenes Leben und entwickelten sich dementsprechend unterschiedlich. Die eine Eos blieb damals länger vor Ort, lernte Ionys und Ria kennen und feierte auf deren Anwesen ein dreitägiges ekstatisches Fest. Hernach lebte sie (gemeinsam mit ihrer ursprünglich aus Argentinien stammenden Partnerin Valentina) als freischaffende Künstlerin weiter. Die andere Eos verließ die Insel vorzeitig, kehrte nach Österreich zurück, beendete ihre künstlerische Tätigkeit abrupt. Statt dessen begann sie, in einer Galerie zu jobben. Als spätere Angestellte des dortigen Management-Teams begegnete sie Rudolf alias Chucho, einem prominenten „Ausnahmemeister“. Im Rahmen ihrer (für eine Vernissage seiner „Caminos Precarios“) unternommenen Untersuchungen zu Wirken und Werk des allseits beliebten Stars entdeckt sie nun, dass die Bildnisse der Artefakte seiner geplanten Ausstellung bereits existieren: als Arte Urbano im öffentlichen Raum …

„Grapefruits oder vom großen Ganzen“ Isabella Breier. Edition.fabrik.transit Wien 2022

„Grapefruits“ ist der Name eines von (an der Menschenwelt interessierten, aber deren Logiken nicht gutheißenden) schrulligen Göttern initiierten, radikal eigenwilligen, angeblich aufs „große Ganze“ bezogenen Kunst-Kollektivs, das in jedem Kapitel mitmischt und andauernde Verwirrung stiftet.

Wie kam es zu Idee und Entstehung?

Es war einmal eine Ansammlung von Interessensgebieten mit unterschiedlichsten Vegetationstypen. Auf den durchwachsenen Riesengründen flanierten Fragen herum und einige Ideen. Über Umwege fanden sie Gefallen an Bildern und Motiven. Und es tauchten Gestalten auf, wie aus dem Nichts und doch nicht fremd. Sie schulterten alles, die zappligen Fragen und edlen Ideen. (Und vice versa.) Gemeinsam trieb man sich jedenfalls durch allerlei Dickicht. Jene Figuren, die sich weder verirrten noch mit der Grobkonzeption zerstritten, schlugen sich beharrlich durch die Handlungsstränge. Sie streunten ein paar Jahre durch sämtliche Szenen und zogen mich hinter sich her. (Oder umgekehrt.)

Was ist Dir im Schreiben wichtig?

Je nach Text, Sujet und Stimmung gibt es unterschiedliche Prioritäten. Und je nach Genre oder Genreüberlappungsmethodik eröffnen sich spezifische Möglichkeitsräume. Langstreckenprosa eignet sich unter anderem dazu, ein umfangreiches Themenfeld zu beackern. Simplifizierend könnte ich sagen, dass ich mich beim Schreiben einerseits mit der Welt befassen beziehungsweise mit gewissen Aspekten der sozialen Realität oder damit in Verbindung stehenden Lebensformen und Empfindungshaushalten, andererseits mit Hinter- und Neben- und Vordergründen der Genese von Wahrnehmungsmustern auseinandersetzen will. Entscheide ich mich für einen nicht-fiktiven Stoff beziehungsweise einen faktische Verhältnisse oder Zusammenhänge oder politische Ereignisse streifenden Plot, halte ich es für notwendig, mich mit der Materie ausgiebig vertraut zu machen. Wenn – wie zum Beispiel in „Grapefruits“ – die Freundin der Protagonistin ihre frühe Kindheit im Argentinien der Militärdiktatur verbrachte, was sowohl bezüglich der Figurenzeichnung als auch des Handlungsgeflechts ins Gewicht fällt, muss ich mir (jenseits der konkreten Belange der erfundenen Rollenbiografie) einen entsprechenden Überblick verschaffen und quasi einverleiben, d.h. wenigstens so viel an Historischem wissen, dass ich es verantworten kann, das zu erzählen oder anzudeuten oder zu bebildern, was ich erzähle oder andeute oder bebildere. Also möchte ich jede Menge (auch oder vor allem Nicht-Literarisches) darüber gelesen und/oder mit diesbezüglich kompetenten Individuen kommuniziert haben – und zwar unabhängig davon, ob im Buch überhaupt etwas von den signifikanten Inhalten oder erworbenen Kenntnissen zur Geltung respektive der gewonnene Ein- zum expliziten Ausdruck kommt. Denn beim Verfassen eines ausufernden Romans überschlagen sich x Wellen, und ich tauche in einen komplizierten Kosmos ein. (Mit ein bisschen Glück sitzt man während des Strukturierens der Story der reizvollen Illusion auf, als ginge von ihr oder den Charakteren eine starke Sogwirkung aus. Das damit korrespondierende Mich-Versenken in Sachbereiche liebe ich ebenso, wobei ich bei manchen Einfällen oder konzeptionellen Überlegungen vorsichtig sein beziehungsweise ein zeitliches Limit setzen muss, weil ich sonst dazu tendiere, auf ewig unterzugehen. Mehrmals schon vergaß ich vor lauter Begeisterung für die Recherche beinahe auf den Roman, dessentwegen ich mit ihr angefangen hatte.)

Im Allgemeinen vermittelt mir das literarische Arbeiten beziehungsweise ein aufmerksames, behutsam dahintastendes oder verwildert assoziations- und konnotationsgetriebenes, oft zeitvergessenes Hantieren mit Sprache, den Akten und Potenzen und Grenzen  – dieses (von mir immerhin temporär genossene) Privileg (über das grundsätzlich alle Menschen verfügen können sollten), sich jeweils stundenlang Fragen der Rhythmik, Konstruktion, Figurengestaltung oder einzelnen Formulierungsdetails zu widmen – das erhebende Gefühl, etwas lebendig werden zu lassen. Und der eigene Horizont erweitert sich sowohl im Prozess des zögerlichen Ausprobierens als auch des enthusiastischen Tippens oder Kritzelns in bisweilen überraschenden Hinsichten. Man kann sich sogar in einen intensiven Rausch hineinschreiben und in Folge – mit ein wenig Abstand und wieder nüchterner Reflexion dessen, was da jetzt steht – zu einem dichteren Verständnis diverser Relationen gelangen. 

Wo wirst Du Dein Buch präsentieren?

Weil ich demnächst nach Mexiko fliegen, bis mindestens Ende März bleiben und vor Ort auf andere Projekte konzentriert bzw. anderweitig beschäftigt sein werde, ist vorerst keine Buchpräsentation geplant. (Es eilt ja nicht. Vielleicht im Spätsommer oder Herbst?) Wahrscheinlich stelle ich in den nächsten Monaten ein Lesevideo oder eine weitere Audiodatei online.

Mit welchen Worten möchtest Du Dein Buch empfehlen?

„Grapefruits oder Vom großen Ganzen“ werkelt mit verschiedensten Textsorten und narrativen Techniken. Die skurril verwickelte Geschichte bewegt sich auf differierenden Zeit- und Wirklichkeitsebenen. Einerseits gibt’s surreale und von mythologischen und magischen Motiven wie Akteurinnen und Akteuren durchdrungene Sphären und etliche (auf Geschehnisse im Text verweisende) „Texte im Text“, andererseits „bodenständige“ Rahmenhandlungsgerüste. Letztlich handelt es sich bei der Groteske auch um eine Art Liebeserklärung ans megalomane „Spielen“.

Buchlink (Edition fabrik.transit):

Grapefruits (fabriktransit.net)

Isabella Breier, Schriftstellerin

Vielen Dank für die Buchvorstellung, liebe Isabella, viel Freude und Erfolg! 

Buchvorstellung_ „Grapefruits oder vom großen Ganzen“ Isabella Breier. Edition.fabrik.transit Wien 2022

Zur Person_Isabella Breier

*1976 in Gmünd/NÖ; aufgewachsen in Wels; Studium der Philosophie und Germanistik in Wien; 2000: Geburt ihrer Tochter Hannah Medea; 2005: Dissertation zu Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ und Wittgensteins „Sprachspielbetrachtungen“; seit damals u.a. Lehrkraft für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache; regelmäßige Aufenthalte in Südmexiko; zahlreiche Veröffentlichungen (Lyrik, Prosa) in Literaturzeitschriften und Anthologien

http://www.literaturport.de/Isabella.Breier/

literarische Publikationen:

  • 101 Käfer in der Schachtel. Ihr Verschwinden in Bildern. Klagenfurt: Kitab Verlag 2007
  • Interferenzen. Erzählungen, Kurz- und Kürzestgeschichten. Klagenfurt: Kitab Verlag 2008
  • Prokne & Co. Eine Groteske. Klagenfurt: Kitab Verlag 2013
  • Allerseelenauftrieb. Ein Klartraumprotokoll. Wels: Mitter Verl. 2013
  • Anfang von etwas (Reihe: Neue Lyrik aus Österreich; Hg.: Jensen, Treudl, Vyoral; Band 8). Horn: Verlag Berger 2014
  • DesertLotusNest. Anmerkungen zur „Poetik des Phönix“. Weitra: Bibliothek der Provinz. 2017
  • mir kommt die Hand der Stunde auf meiner Brust so ungelegen, dass ich im Lauf der Dinge beinah mein Herz verwechsle (Lyrikband in zwölf Kapiteln). Wien: fabrik.transit 2019
  • Grapefruits oder Vom großen Ganzen (Groteske). Wien: fabrik.transit 2022/2023

Foto Portrait_privat.

28.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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