Give me a lullaby, to let a dictator fall asleep It should be about a man who wins over all countries Viaducts, rivers, seas, silver, lithium, hills, salt and veal Everything he would need, to have an endless reign set
Pacifism has not brought any end to any reigns of emperors Endless man and woman had to let their life go to bring the Aggressors down. It was not Peace which brought Peace Count the butterflies, the birds, the rabbits, foxes and wolfs Endless Admirals fluttering to carry the world away, but
Admiral, where will you endure this winter? Where to fall asleep?
Counting the lost soldiers of your company, or the ones still alive? Hustling like a dying Admiral, remembering the frozen pain of a small boy A winterly childhood without the warm laughter of parents and grandparents Neither of them in a tree shadowed summer garden, spitting cherry stones Caressing babies, gathering apples and blueberries from heavy branches Endless nights telling each other winters tales of a dictator peacefully asleep
Ines Schiller, Schauspielerin_Wien _ Station bei Falco „Ganz Wien“ _ 25.Todestag _ Falco, Sänger, Musiker (*19.2.1957 Wien +6.2.1998 Dominikanische Republik)
GANZ WIEN
Er geht auf der Straß’n Sagt net wohin Das Hirn voll Heavy Metal Und seine Leber ist hin
Seine Venen san offen Und er riecht nach Formalin Des alles macht eam kan Kummer Weil er ist in Wien.
Ganz Wien – ist heut auf Heroin Ganz Wien – träumt mit Mozambin Ganz Wien – Wien, Wien, greift auch zu Kokain überhaupt in der Ballsaison Man sieht ganz Wien, Wien, Wien is so herrlich hin, hin, hin Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin Machen uns hin, hin, hin, 1,2,3
Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin Machen uns hin, hin, hin
Einmal wird der Tag kumman Die Donau außer Rand und Band Im U4 geigen die Goldfisch‘ Der Bruno längst im sich’ren Land, Der Hannes A
Dann lernen wir Schwimmen Treib’n tan ma eh. Alle Teuferl weisses Gewandl Und weiss wie Schnee
Wien
Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin Machen uns hin, hin, hin, that you know Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin Machen uns hin, hin, hin
Ganz Wien da, da, da, da Ganz Wien
GANZ WIEN
1982 / Text: Falco / Musik: Falco
Ines Schiller, Schauspielerin_Wien _ Station bei Falco „Ganz Wien“ _ 25.Todestag _ Falco, Sänger, Musiker (*19.2.1957 Wien +6.2.1998 Dominikanische Republik)
Station bei Falco_
Ines Schiller, Schauspielerin_Wien
2023 _ 25.Todesjahr_Falco, Sänger, Musiker (19.2.1957 Wien +6.2.1998 Dominikanische Republik)
Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wie ein zur ewigen Unvollständigkeit verdammtes Mosaik mit stabilisierenden Elementen.
Annette Schoenmueller, Mezzosopran
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die klare – individuelle wie kollektive – Ortung dessen, was überhaupt (noch, immer schon) besonders wichtig ist (war, sein wird). In diesem sich ständig verändernden Spannungsfeld Balance und Haltung, Zuversicht, Originalität und Würde bewahren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Kunst trägt stetigen Aufbruch und Neubeginn immerwährend in sich eingeschrieben. Klarheit, Radikalität.
Was liest Du derzeit?
Hanno Millesi: „Der Schmetterlingstrieb“
Andrej Tarkowski: „Die versiegelte Zeit“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Andrej Tarkowski: „Zur Verantwortung sollte man mich ziehen, wenn ich in meiner Kunst lüge.“
Vielen Dank für das Interview liebe Annette, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Annette Schoenmueller, Mezzosopran
Zur Person_Annette Schönmüller ist als international gefragte Vokalsolistin gleichermaßen im Feld klassischer Oper wie auch in zeitgenössischen Formaten tätig, u.a. am Theater an der Wien, Opernhaus Zürich, Münchener Biennale, Wiener Konzerthaus, Ruhrtriennale, Concertgebouw Amsterdam uvm. Projekten im Übergang Schauspiel/Musiktheater, sowie dramaturgisch-konzeptioneller Arbeit an der Schnittstelle Libretto-Komposition – Inszenierung gilt ihr besonderes Interesse.
Franzobel, Schriftsteller_ Bachmannpreisträger 1995 _ Fotos _ Prater Wien 5/22
Lieber Stefan, Dein neu erschienener faszinierender Roman „Einsteins Hirn“ („Einsteins Hirn“ Franzobel. Roman. Paul Zsolnay Verlag. 2023) begibt sich auf die Lebensspuren des US-amerikanischen Pathologen Thomas Stoltz Harvey, der dem toten Albert Einstein sein Hirn entnahm und dieses mit auf seine Lebensreise in allen Schattierungen mit. Diese persönlichen Lebensstationen öffnen auch die gesellschaftlichen Fragen, Positionen zu Mensch, Welt, Wissenschaft, Religion und Zeit.
Der österreichische Schrftsteller Franzobel vor dem Haus von Albert Einstein in Princeton/New Jersey/USA. Foto:Franzobel (folgende)
Wie kam es zu diesem literarischen Stoff und Ausgangspunkt für Dich?
Ich denke, der Stoff war ein kosmisches Geschenk, jedenfalls wusste ich sofort, dass ich über diesen Thomas Harvey, der 42 Jahre mit Einsteins Hirn gelebt hat, schreiben muss, weil es eine irre Geschichte ist, die unglaublich viel Potential enthält.
Princeton, Spital, in dem Albert Einstein (*14.März 1879 Ulm/D)am 18.April 1955 starb. Foto:Franzobel (folgendes)
Wie gestaltete sich der Schreibprozess?
So wie Harvey von dem Hirn besessen war, war ich es von dem Stoff. Natürlich war auch viel Recherche notwendig und gab es mit dem Text auch Kämpfe, aber größtenteils war es ein einziger furioser Schreibrausch.
Du hast ausgedehnte Recherchereisen für „Einsteins Hirn“ unternommen. Welche Stationen hast Du besucht und was war dabei besonders beeindruckend?
In Lawrence, Kansas, konnte ich Menschen treffen, die Harvey kannten. Leute, die in der Plastikfabrik gearbeitet haben, in der auch der 80jährige Harvey als Hilfsarbeiter beschäftigt war. Seine Quäkerfreunde, einen Mann, der in dem Gefängnis gearbeitet hat, in dem Harvey eine Weile lang als Arzt tätig war. In Princeton sah ich Einsteins Wohnhaus, den Ort, wo damals das Spital stand, in dem der große Physiker gestorben ist und Stunden später von Harvey obduziert worden ist. Außerdem war ich länger in Manhattan. Am beeindruckendsten aber war die Wüste in Algerien und ein heiliger Berg in Sri Lanka.
Dein Roman stellt sich den Fragen von Leben, Endlichkeit und Unendlichkeit auf vielfältige spannendste Weise. Hat das Schreiben am Roman deine Perspektiven dazu verändert?
Kann man sich überhaupt verändern? Schreiben ist immer wie in einen Traum eintauchen und das tapsige Gefühl danach gleicht dem Gehen in warmem, frischem Sand. Die Spuren sind jedes Mal neu und wenn man auf spitze Steine tritt, sticht es jedes Mal aufs Neue.
Religiöse wie wissenschaftliche Sozialisation beginnt meist mit Schuleintritt. Wie hast den Religions- und Physikunterricht in der Schule erlebt und was braucht es für Dich da pädagogisch heute?
Klebrig. Ich habe Schule immer als Zwang empfunden, wo Begeisterung eher zerstört als gefördert wird. Der Institution Schule ist immer noch das Leitmotiv zur Fabrikation williger Untertanen anzumerken. Man müsste das völlig neu denken, was nicht leicht ist, weil bei den Erwachsenen das Ich-habs-auch-überlebt-und-es-hat-mir-nicht-geschadet vorherrscht. Schule ist ein System, das alle unglücklich macht und Kreativität zerstört, weil es die Genialität des einzelnen verdurchschnittlicht.
Welche Bedeutung haben Wissenschaft und Religion für eine Gesellschaft?
Glaube kann sehr bereichernd sein, so lange er nicht darauf beharrt, der einzig wahre und richtige zu sein. Dann gibt es auch keine Konkurrenz zur Wissenschaft, der wir natürlich allen Fortschritt und Luxus verdanken. Die Erkenntnisse der letzten hundertzwanzig Jahre sind ebenso atemberaubend wie die im Namen der Religion verübten Verbrechen.
Die Bedeutung wie die Kritik an Wissenschaft nahm in den letzten Jahren gesellschaftlich zu. Wie siehst Du diese Spannungen und wie kann es hier wieder zu einem guten Miteinander kommen?
Die Dummheit ist tatsächlich grenzenlos und angesichts der vielen Unrechtssysteme denke ich mir oft, Himmel, lass Hirn regnen. Religiöse Hardliner sollten sich in Klöster zurückziehen und den Rest der Menschen in Ruhe lassen. Wissenschaftsfeindlichkeit ist leider sehr verbreitet und nicht selten der Keim für ein inhumanes, menschenverachtendes System. Für mich lauten die Zauberworte Toleranz, Gelassenheit, Humor und Freiheit.
Was bedeutet Dir persönlich Religion?
Spiritualität ist eine Bereicherung. Ich gehe auf Reisen immer in alle Tempel, Kirchen, Moscheen, Synagogen, und liebe es, an religiösen Ritualen und Festen teilzunehmen, weil mich das ergreift. Noch wichtiger ist mir aber das Staunen über die Vielfalt der Natur. Der Mensch hat die Bestimmung zu leben, und seine erste Pflicht ist es, das Leben zu achten. Wenn man an eine unsterbliche Seele glaubt oder daran, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, sieht sofort alles anders aus, wird auch die Welt ein bisschen besser.
Harvey war Mitglied der Quäkerreligionsgemeinschaft. Du hast mit Mitgliedern gesprochen. Welchen Eindruck hast Du da über Harvey und den alternativen Lebensstil in dieser Gemeinschaft gewonnen?
Auch Einstein war fasziniert von dieser friedliebenden, unhierarchischen Gemeinschaft. Die „Gesellschaft der Freunde“, wie sie sich selbst nennen, ist eine faszinierende Religionsgemeinschaft, die im Gegensatz zu den meisten anderen nichts Schlimmes angerichtet hat. Ich mag die Quäker sehr.
Das tägliche „Universum“ von Harvey in Liebe, Beruf, Perspektive ist ein brüchiges. Was lässt Harvey immer wieder neue Kraft finden?
Harvey war ein sympathischer Kerl, der sehr gläubig war, das Leben geliebt hat und eine große Leidenschaft, ja fast Besessenheit hatte – das Hirn von Albert Einstein.
Harvey lebte gegen Ende seines Lebens in Nachbarschaft zum amerikanischen Autor W.S.Burroughs. Hatten die beiden Kontakt? Sind die Wohnhäuser heute Museen?
Der Beat-Poet und der Pathologe mit Einsteins Hirn waren befreundet. Museen sind beide Häuser nicht. Burroughs kleines rotes Häuschen wird gerade zum Mieten angeboten, und Harvey wohnte in einer einfachen Wohnhausanlage.
Wohnhaus von William S.Burroughs (*5.Februar 1914 St.Louis, Missouri + 2.August 1997 Lawrence/Kansas), Schriftsteller, „Naked lunch“ (1959), in Lawrence/Kansas. Foto:Franzobel
Im Roman spricht „Einsteins Hirn“. Was würdest Du Einstein selbst fragen wollen?
Natürlich würde mich interessieren, wie ihm das Buch gefällt.
Wo befindet sich Einsteins Hirn heute?
Es heißt, das Hirn ist in Chicago und die plastifizierten Streifen sind in Philadelphia. Aber wer weiß, vielleicht befinden sich die in Formaldehyd eingelegten Hirnwürfel auch in meinem Nachtkästchen? Oder als Kimchi bei einem Koreaner?
Was sind Deine kommenden Projektpläne?
Nordgrönland. Wieder ein historischer Roman, weil mir da gerade die liebste Form ist, aber auch die meiste Arbeit. Wieder hat mir das Schicksal eine unwahrscheinliche Informationsquelle geschenkt, aber davon später mehr.
Herzlichen Dank, lieber Stefan, für das Interview und Deinen großartigen Roman! Viel Freude und Erfolg weiterhin!
Roman Neuerscheinung:
„Einsteins Hirn“ Franzobel. Roman. Paul Zsolnay Verlag. 2023.
Alle Fotos_USA_Haus Einstein/Spital_Haus Burroughs _ Franzobel 2022
Fotos_Portrait/Franzobel _ Walter Pobaschnig_Wien Prater _ 5/2022
Lieber Chris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Morgenritual: während ich am Klo sitze, springt meine 1,5-jährige Tochter aus dem Bett und schaut nach, was ich mache.
U-Bahnritual: eigene Texte redigieren oder fremde Texte lesen
Arbeiten, quasi.
Mittagsritual: mit dem Notizbuch ins Café und entweder Ideen brainstormen oder einen Text verfassen, denn ich dann später in die SM speie. Noch viel später kommt es vielleicht auf meinen Blog. Und dann in ein Buch, wo es für immer in Vergessenheit gerät. Dann, irgendwann findet es wer und denkt sich: der Adel war vielleicht doch nicht so blöd, oder war er für eine Sekunde ein Genie?
Arbeiten, quasimodo.
2. U-Bahnritual: Handy-Surfen, weil nix geht mehr.
Einkaufsritual: gegen die Müdigkeit ankämpfen, Mindfullness praktizieren und manchmal trotzdem Schokolade kaufen.
Abendritual: Tochter bespaßen, Hygienebestimmungen einhalten und in den Schlaf langweilen. All das mit viel Lachen und teilweise Musik.
Spätabendritual: eine Ehe pflegen, so gut es geht.
Chris Adel, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ist man arm, einen kühlen Kopf und Humor bewahren – was bleibt uns anderes übrig.
Ist man reich, im Ausland – weit entfernt – eine Wohnung kaufen und bereithalten, damit ich dort mit meiner Familie einziehen kann.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Das klassische Zitat kommt mir immer wieder unter: „Zuerst das Fressen, dann die Moral.“ In diesem Sinne: Prost Mahlzeit. Aber ehrlich gesagt, sehe ich keinen großen Umbruch: stattdessen wird er langsam vonstattengehen, aus demographischen Gründen. „Wir“ werden uns zahlentechnisch halbieren, der Rest wird nachrücken, das sind statistische Fakten. Die erste Generation „Digital Natives“ ist auch schon groß: was sie mit unserer Welt machen, wird mehr ihre Zukunft bestimmen als das, was die jetzigen Herrscher planen und das „alte Denken“ wird aussterben, weil es keinen Platz mehr auf unserer Welt hat.
Was liest Du derzeit?
„Flow und Kreativität“ von Mihaly Csikszentmihalyi
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich habe dennoch soviel Mut zu hoffen, dass mir sehr bald die ganze Welt gehört, und stehn mir wirklich alle Türen offen, schlag ich sie wieder zu, weil es mich stört, dass ich aus goldnen Schüsseln fressen soll. Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch, ich bin mit Unglück bis zum Halse voll und bleibe unter dem Holunderstrauch, auf den noch nie ein Stern herunterschien, François Villon, verehrt und angespien.“
Paul Zech, frei nach François Villon
Vielen Dank für das Interview lieber Chris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Stephan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn irgend möglich beginne ich den Tag mit Laufen, dann Duschen, dann Tee und Büro – vor allem für das Hope Theatre Nairobi. Dann proben, schreiben, vorbereiten. 2020 war für mich wie für viele ein Jahr des Innehaltens – ich bemühe mich, die Überlegungen dieser Monate weiterzuführen und nicht wieder komplett in die extreme Selbstausbeutung zurückzufallen. Seit ich weiß, dass die Arbeit, die ich fast 40 Jahre lange mit großem Engagement erledigt habe nicht systemrelevant ist und die Bemühungen nach einem friedlichen, respekt- und verantwortungsvollen Miteinander gescheitert sind, arbeite ich weniger aber nicht weniger emphatisch. Ich bemühe mich, mit der Resignation zu leben und sie irgendwie positiv zu verwerten.
Stephan Bruckmeier,Regisseur
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich wurde im Juli 2022 60 Jahre alt und habe schon vieles auf der Welt sehen und erleben dürfen. Ich glaube, dass Bescheidenheit und Rücksichtnahme die wichtigsten Themen unseres Lebens sein sollten und jetzt ganz besonders. Ich glaube aber auch, dass die Minderheit der Egoisten wieder erstarkt und uns „Naive“ überrollt und ausbeutet. Und das meine ich global. Das Internet brachte eine unglaubliche Erneuerung unseres Weltverständnisses, denn wir können uns mittlerweile über fast alles informieren, in Wort und Bild. Und was machen wir damit? Wir fallen in alte Muster zurück, Populismus, die Kraft des Halbwissens, Aggressivität, Kriegstreiberei und rücksichtslose Ausbeutung.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ehrlich gesagt glaube ich noch immer an die Kraft der Kunst. Theater, Literatur, bildende Kunst – wir können durch die Kunst Fragen stellen, Gemeinschaften bilden und den Diskurs und das gegenseitige Verständnis fördern. Daher werde ich nicht aufgeben, auch wenn ich nicht mehr an das Gelingen einer großen globalen Veränderung glaube. Die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen war die ganz große Revolution – sozusagen die Klimax aller Revolutionen – und sie ist gescheitert. Ein wichtiger Teil meiner Theaterarbeit findet in afrikanischen Ländern statt. Ich sehe die Welt also zumindest von 2 Blickrichtungen – das hat mich sehr verändert. Ich erlebe eine neue, fast schon fanatische Einteilung in richtig und falsch beziehungsweise in gut und böse, auch in unserer demokratisch orientierten Gesellschaft – das ist sehr beängstigend. Es hilft nichts, wir müssen lernen, anderen zuzuhören und tolerant zu sein. Da könnte die Kunst hilfreich sein.
Was liest Du derzeit?
„Das verlorene Paradies“ von Abdulrazak Gurnah.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Alle Menschen sind gleich an Rechten und Würde geborgen (Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)
Stephan Bruckmeier, freischaffender Künstler mit Schwerpunkt Theater
Vielen Dank für das Interview lieber Stephan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Steffen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meinen Tagesablauf kann ich wirklich als konfus, manchmal auch als chaotisch bezeichnen. Das ist überwiegend der empfindlichen Gesundheit geschadet, die mich hier und da am Tage plötzlich ermüden lässt und mir schläfrige Ruhepausen abnötigt. So geraten Tag und Nacht manchmal arg durcheinander, ein Nachtmensch war ich aber immer schon.
Gern ziehe ich die kreativen und freudvollen Arbeiten dem Bürokratischen vor, schiebe es weiter nach hinten, bis es hier und da sich meldet und brenzlig auflodert. Ich versuche, niemals mehr als einen auswärtigen Termin anzusetzen, um Stress aus dem Weg zu gehen.
Unterwegs in der Bahn lese ich und staune, wie wenige das noch tun, aber ich habe es eben geschafft, bis heute ohne Mobiltelefon zu leben, dem Lieblingsgerät der Bahnfahrer. Daheim schaffe ich es momentan nicht, so viel zu lesen, wie früher. Meine Neigung wandte sich mehr der kürzesten literarischen Form zu: der Lyrik und ich bediene mich in meiner im Lauf der Jahre schier unerschöpflichen Lyrikbibliothek.
Gibt es weitere Rituale in dieser Mixtur eines Tagesablaufs? Einmal die Woche muss es sein: da gehe ich in meine Lieblings-Sushi-Bar, eine Erbgewohnheit, ausgelöst während meiner Lebenszeit in Asien.
Neben dem eigenen Schreiben benötige ich natürlich viel Zeit, für die von mir herausgegebene Lyrik-Edition NEUN, samt engem Kontakt mit Autoren und Buchgestaltern. Nach meinem gerade erscheinenden Gedichtband „Prinzenverstecke“ wird bald mein vierter Band der „Ephebischen Novellen“ zum griechischen Mythos um Hyakinthos erscheinen. Außerdem plane ich Lesungen und ein weiteres Literaturfestival im Sommer, diesmal der Lyrik gewidmet.
Steffen Marciniak, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ein „uns alle“ ist ein schwieriges Unternehmen, denn Menschen sind Individualisten, die ihre eigens eingeschlagenen Wege beschreiten und solche wählen können, die mit Freude zur Erfüllung der Träume und Vorstellungen ihres Lebens beitragen. Wenn es dabei gelingt, nichts anzurichten, was anderen Schaden oder Leid zufügt, wäre viel erreicht. Und alle, die sich daran orientieren, sollten die Hoffnung nicht verlieren, dass auch der Rest sich davon überzeugen lässt. Ich hatte diese Hoffnung immer, doch mischt sie sich heute mit Zweifel. Wann endlich wird die alles hemmende Armut besiegt, in der Welt, aber auch in westlichen Gesellschaften? Nur das Ende der Armut kann Missgunst und Neid besiegen, die oft Grundlage für Hass und Hetze sind.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In erster Linie die Bildung verstärken, Wohlstand schaffen, um der Zerstörungswut den Boden zu entziehen. Nur wer sich bewusst wird, was er ist, weiß und kann und was es zu verlieren gibt, der kann sich gegen den Hass stemmen, der nicht aufzuhören scheint, und er lernt wenigstens, ein Wahlkreuz abzugeben. Kunst und Literatur kann wie es schon oft beschrieben wurde, die Sensibilität des Menschen stärken, nicht nachzulassen, tugendhaftes Handeln aufzuzeigen. In meinem Wesen liegt es eher, den zeitlosen Formen allgemein menschlicher Fragen von Leben, Bewahrung und Tod, Schönem, Gutem und Wahrem zu folgen; und natürlich immer wieder Bildung, die Hass, Hetze, Dummheit und Propaganda lächerlich erscheinen lässt. Ich mag nichts Radikales, weil das Angst, Depressionen und Verzweiflung gerade bei Unvermögenden auslöst. Das Setzen allein auf die Wirtschaft wird den Menschen kein Glück bringen. Kunst und Literatur sollen noch viel stärker ein anstrebbares Gegengewicht zum ständigen Höher, Schneller, Reicher werden, und den dafür Empfänglichen Erfüllung geben. Als Voraussetzung müssen Bedingungen geschaffen werden, die das nicht als Weg in die Armut erscheinen lassen.
Was liest Du derzeit?
Vor allem lese ich Gedichte, Gedichte in Bänden aus meiner Lyrikbibliothek, Klassiker des 20. Jahrhunderts, wie Stefan George und bin seit jeher immer auf der Suche nach wenig bekannten Namen. Aus der Gegenwartslyrik lese ich gerade Şafak Sariçiçek, Klaus Anders, Christian Lehnert oder Ralph Roger Glöckler. Bei Prosa bin ich leselangsamer geworden, las gerade Gabriel Wolkenfelds „Babylonisches Repertoire“. Zum erneuten Lesen habe ich mir jetzt wieder meinen liebsten Autor, den Georg-Büchner-Preisträger von 1932, Henry Benrath (d.i. Albert H. Rausch) mit seinem letzten Roman „Die Geschenke der Liebe“ vorgenommen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es muss vom eben erwähnten Albert H. Rausch sein: „Mit Menschen, welche weiße Tulpen lieben, kannst du über Gedichte sprechen“ (aus dem Band „Tempelstufen“)
Vielen Dank für das Interview lieber Steffen, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Steffen Marciniak, Schriftsteller
Zur Person: Steffen Marciniak, geb. in Stralsund, lebt in Berlin, studierte Kulturwissenschaften an der Humboldt-Uni. Schriftsteller, Herausgeber, Lektor, Antiquar. Bisheriges literarisches Hauptwerk sind seine „Ephebische(n) Novellen“ im Aphaia Verlag, „HYLAS oder Der Triumph der Nymphe“, KYPARISSOS oder Die Gabe des Orakels“ und „PHAETHON oder Der Pfad der Sonne“ (2014-2020), sowie drei Gedichtbände, zwei im Anthea Verlag: „ÄolsHarfenKlänge“ (2018) und „ErzEngelGesänge (2019) und einer im erlag der 9 Reiche: „Prinzenverstecke“ (2022). Beiträge in über 30 Anthologien. Herausgeber der Anthologie „Entführung in die Antike“ (2019) im Verlag PalmArtPress und der Lyrik-Edition NEUN beim Verlag der 9 Reiche (seit 2021, bisher 12 Bände bis 2022).
Mitorganisator des „Griechisch-Deutschen Literaturfestivals“, Moderator des „Wilmersdorfer Lesesalons“, Juror beim Hanns-Meinke-Preis für junge Lyrik (seit 2019).