Interview _ Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Fährt ein Österreicher gerne nach Deutschland?
Ich kann da nur für mich sprechen: als Österreicher bin ich jedenfalls immer sehr gerne in Deutschland. Ich fühle mich hier immer recht wohl.
Ist Gastland grundsätzlich die Bezeichnung für Österreich in Deutschland?
Gute Frage. Vielleicht schon?
Ist Österreich als literarisches trojanisches Pferd in Leipzig?
Da österreichische Autor:innen bei deutschen Verlagen wahrscheinlich häufiger (eine Vermutung, die ich nicht beweisen kann) zu finden sind, als deutsche Autor:innen bei österreichischen Verlagen, könnte man das vielleicht so sehen.
Da wir aber von der gegenseitigen Bereicherung leben, besteht, denke ich, keine wirkliche Gefahr.
„Meaoiswiamia“ – ist dies eine (notwendige) Selbstkritik und Zukunftsansage des Literaturbetriebes?
Na ja, der Begriff „meaoiswiamia“ ist einerseits sicherlich eine notwendige Selbstkritik. In Richtung mehr Offenheit und Inklusion. Andererseits führt er sich aber, wenn man anschaut, wie viele österreichische Autor:innen und Verlage da trotz Teilnahme mit Stand in Leipzig nicht im Programm „meaoiswiamia“ inkludiert wurden, eigentlich ad absurdum.
Du bist Schriftsteller und Komponist. Hat Österreich die besseren Musiker:innen oder Schriftsteller:innen?
Ich würde sagen, es steht da ziemlich unentschieden.
Bach oder Bernhard?
Natürlich beide (vor allem, wenn mit Bach Johann Sebastian gemeint ist).
Herzlichen Dank!
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Zur Person_Roland Freisitzer, 1973 in Wien geboren, wuchs Roland Freisitzer in Moskau, Warschau, Kapstadt und St. Pölten auf, bevor er sich 1989 erneut nach Moskau begab, um Komposition zu studieren. Der Komponist und Dirigent ist Dozent im Bereich der zeitgenössischen Musik an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie stellvertretender Schulleiter an der Friedrich Gulda School of Music in Wien. 2021 erschien sein Debütroman Frey bei Septime Verlag. 2023 erscheint sein zweiter Roman Die Befreiung und mit Emily Maguires Ein Einzelfall auch seine erste Romanübersetzung bei Septime
Liebe Isabella Feimer, ist Österreich als Gastland die vorauseilende Revanche für den deutschen (Sommer) Gast?
Sommer Gast garstig
Die Handtücher schon ausgeworfen
Fischer nein Sprachnetze
rächen sich stets an den Sandkörnern
die nicht abzuwerfen sind
Eines nimmt man immer
Meistens mehr mit
und
Abzuwarten bleibt:
Der nächste Sommer
Was liest ein österreichischer Gast in Deutschland?
Zwischen den Zeilen
Hinter sich her
Über sich hinaus
Haltlos
Mit Anstand
Liebevoll
Widerständig /
Bücher
Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?
Zu dieser Frage fällt mir
Fernweh
ein
und Nahweh
gäbe es dieses Wort
Ist „Meaoiswiamia“ als majestetischer Plural gemeint mit dem Österreich narzisstisch geschickt Deutschland überlistet?
Mehr wie wir
Ist das andere
Das sich in Sprache sucht in ihr auch findet manchmal gut verlieren kann
Mehr ist wir
Ist anders
Als es war und sein könnte
Ist immer mehr und mehrer
Wir
die wir Sprache überlisten
wollen
Dieses Mehr
…oder als Selbstkritik des Literaturbetriebes?
/
Wer kann besser lesen – Deutschland oder Österreich?
Sind hier Lesende gemeint?
Herzlichen Dank!
Zur Person_Isabella Feimer, 1976 geboren, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft und arbeitet seit 1999 als freie Regisseurin und Schriftstellerin in Wien. Sie schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und Essays. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise. Zu ihren Inspirationsquellen zählen ihre Reisen, die sie gepaart mit Wanderlust und Wissensdrang auf alle fünf Kontinente führten, und die intensive Beschäftigung mit Bildender Kunst, Fotografie und Film.
Liebe Isabella Straub, was macht den österreichischen Gast aus? Er nimmt ein Sackerl auf die Messe mit. Keine Tüte.
Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich? Solang es nicht das Literatur-Corona wird, ist alles gut.
Wer sind unsere elf Besten am Literaturfeld? [Die Antwort wurde mit magischer Tinte geschrieben. Die Schrift erscheint, sobald man das Blatt in die Sonne legt.]
Ist „Meaoiswiamia“ als majestetischer Plural gemeint mit dem Wir geschickt Deutschland narzisstisch überlisten? Ich lese das eher als Krankenschwesterplural und füge noch ein -d hinzu. Meaoiswiamiad. Passt für jede Messe.
Wer kann besser lesen – Deutschland oder Österreich? Wie? Sorry, kann das nicht entziffern …
Herzlichen Dank!
Zur Person_Isabella Straub, geboren in Wien, lebt in Klagenfurt am Wörthersee. Studium der Germanistik und Philosophie, danach Werbetexterin. Der Roman „Südbalkon“ (2013) war auf der Shortlist des Bremer Literaturförderpreises, des Franz-Tumler-Preises und gewann den Debütpreis der Erfurter Herbstlese. Zuletzt erschien von ihr„Das Fest des Windrads“.
Aktueller Roman von Isaballa Straub:
Isabella Straub, Wer hier schlief. Roman; Blumenbar bei Aufbau;
Lieber Tex Rubinowitz, ist Österreich als Gastland die vorauseilende Revanche für den deutschen (Sommer) Gast?
Ich glaube, die Österreicher sind realistisch genug, zu erkennen, dass der deutsche Sommergast als Synonym für unsensible Präsenz, Lautstärke und Arroganz inzwischen eine Chimäre geworden ist, zumal im pseudoauthentischen Tiroler Ambiente ungarische Servicekräfte Gästen aus Sachsen Kaßspatzln erklären und servieren müssen, während die autochthonen Tiroler dem Rascheln des Geldes in der Kasse lauschen
Was zeichnet den österreichischen Gast aus?
Er fällt nicht weiter auf, und sobald er den Mund aufmacht, findet man ihn in Deutschland niedlich, das ist einerseits Vorteil, man kann so nicht verlieren, und andererseits nimmt man ihn nicht ernst, auch wieder ein Vorteil, beweisen zu können, was man kann und mitgebracht hat
Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?
Cordoba als immerwiederkehrendes Beispiel eines Zufalls ist mittlerweile so weich wie Knäckebrot im Regen geworden, in Deutschland kennt man das gar nicht, die kleinere DDR hat auch mal die westdeutsche Fußballnationalmannschaft besiegt, im ostdeutschen Leipzig wird man sich eher daran erinnern, wenn überhaupt, und Literatursiege, die gibt es nicht, die Zahl der Literaturpreise gegeneinander aufzurechnen, führt zu nichts, denn das würde implizieren, dass Juries unter nationalen Gesichtspunkten entscheiden würden und sich damit diskreditieren und unglaubwürdig machen
Ist „Meaoiswiamia“ als majestetischer Plural gemeint, um Deutschland geschickt narzisstisch zu überlisten, oder als Selbstkritik am Literaturbetrieb?
Ich verstehe den Slogan eher als onomatopoetisches Verwirrspiel a la Ernst Jandl, ja, kann eine List sein, etwas, was nicht so schnell erfassbar ist, eher wahrzunehmen als durchzuwinken, also ein Trick, der noch dazu den Vorteil hat, dass Deutsche ihn putzig finden, weil sie den Satz nicht verstehen, man kann ihnen also alles unterjubeln, es muss nur gut klingen
Henne oder Ei? Wer zuerst? Wer war literarisch zuerst da? Österreich oder Deutschland – Wer ist literarische Henne oder literarisches Ei?
Ich glaube, dass es keine genuin österreichische Literaturattitüde oder Erzählhaltung gibt, außer, dass man sich in Österreich vielleicht mutiger und schneller Dinge traut, zu schreiben, zu machen, zu zeigen, auch Scheitern zu riskieren und zuzulassen, um daraus wieder neue Energien zu generieren, aber das sind vermutlich Klischees, aber dass der eine oder die andere vor der einen oder dem anderen war, bezweifle ich, nationale Attitüden haben ja immer etwas Folkloristisches, das soll in den Herkunftsländern bleiben, das macht ja ihren Reiz aus, und nur dadurch funktionieren sie woanders, traurig genug, dass in Österreich jeder und jede inzwischen zur Verabschiedung „Tschüß“ sagt, was vor 30 Jahren noch undenkbar war, während in Kiel niemand etwas „leiwand“ findet
Herzlichen Dank!
Zur Person_ Tex Rubinowitz, geboren 1961 in Hannover, lebt seit 1984 als Witzezeichner, Maler, Musiker und Schriftsteller in Wien. 2014 erhielt er den Bachmann-Preis.
Interview _ Katharina J.Ferner, Poetin und Performerin _ Salzburg
Katharina J.Ferner, Poetin und Performerin
Liebe Katharina J.Ferner, was zeichnet den österreichischen Gast aus?
Ich denke, die Vielfalt ist schon sehr groß und das Programm breit gefächert. Das ist nicht unbedingt eine österreichische Spezialität, aber der Bezug zur Vielsprachigkeit speziell durch die Einbindung der Dialekte ist ja schon im Leitthema präsent. Ich würde also behaupten, es gibt keine Angst vor Unverständnis, sondern eher Hinweis sich auch mit der Varietät in den nicht-genormten Literatursprachen zu beschäftigen.
Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?
Bitte nicht Cordoba.
Ist „Meaoiswiamia“ als majestätischer Plural gemeint mit dem Österreich literarisch geschickt narzisstisch überlistet?
Vielleicht als ästhetischer Plural?
…oder ist es eine Selbstkritik am Literaturbetrieb?
Selbstkritik kann ich am Programm nicht ablesen. Es ist eine kritische Antwort am angestaubten „mia san mia“, wie Katja Gasser, das ja u.a. darlegte. Aber wohl auch humorvoll auszulegen.
Wer kann besser lesen – Deutschland oder Österreich?
Das ist eine Frage für die Statistiken.
Herzlichen Dank!
Katharina J.Ferner, Poetin und Performerin _ Salzburg
Aktuelle Bücher_
Krötentage, Gedichte, Limbus, 2022, ISBN 978-3-99039-219-5EUR 15,–
Der Anbeginn, Roman, 2020, Limbus, ISBN 978-3-99039-184-6EUR 22,-
Zur Person_Katharina J. Ferner lebt als Poetin und Performerin in Salzburg. Redaktionsmitglied der Literaturzeitschriften Mosaik. Mitarbeit bei Morgenschtean, sowie &Radieschen. 2016-2019 Mitbetreuung der Lesereihe ADIDO (Anno Dialekt Donnerstag) in Wien. 2019 Lyrikstipendium am Schriftstellerhaus Stuttgart. Seit 2020 arbeitet sie gemeinsam mit anderen Autor*innen mit der Lungauer Kulturvereinigung über das Format „Junge Literatur im Lungau“ zusammen. Sie tourte im Team von HÖRHIN –Eine Initiative zur Förderung von Lese- und Sprachkompetenz an Volksschulen durch Österreich. Mit dem Fotografen Mark Daniel Prohaska entstand das Projekt „Homeage“, in dem KJF literarische Straßennamen Salzburgs mit Texten zeitgenössischer Autor*innen beliest. Seit Jänner 2021 erscheint unter dem Titel „Ferner dichtet“ wöchentlich Poesie in der Salzburger Krone. Teilnahme am Bachmann-Wettlesen 2021. Gemeinsam mit Kalinka Kalaschnikow veranstaltet sie die Lesereihe „…das nackte Wort“.
Interview _ Cornelia Travnicek, Schriftstellerin_ Wien
Cornelia Travnicek, Schriftstellerin_ Wien
Liebe Cornelia Travnicek, ist Österreich als Gastland die vorauseilende Revanche für den deutschen (Sommer) Gast?
Deutschland hatte noch eine Rechnung in einer Après–Ski-Bar offen.
Was liest ein österreichischer Gast in Deutschland?
Die Verspätungsanzeige der Deutschen Bahn.
Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?
Es spielen so viele österreichische Autor:innen in deutschen Verlagen, ich denke nicht, dass man da noch von einem Ländermatch sprechen kann.
Ist „Meaoiswiamia“ als majestetischer Plural narzisstisch gemeint, um den Minderwertigkeitskomplex zu überwinden, oder als Selbstkritik am Literaturbetrieb?
Wir sind mehr als die behauptete Summe unserer (kleinen) Teile. Und wenn schon nichts anderes, ist das Motto zumindest ein fixer Conversation Starter.
Was kann Österreich aus Deutschland und Deutschland aus Österreich gestohlen bleiben?
Die Kaiserhymne?
Wer macht die schöneren Bücher – Deutschland oder Österreich?
Zur Person_Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Studierte an der Universität Wien Sinologie und Informatik und arbeitet Teilzeit als Researcher und Projektmanagerin in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Übersetzt Kurzprosa und Lyrik aus dem Chinesischen. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. erhielt sie 2012 den Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem Roman „Junge Hunde“. Ihr dritter Roman „Feenstaub“ war auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises 2020. Neben einigen eigenständigen Publikationen veröffentlichte sie auch diverse Texte in Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen (wie Die Zeit, Der Standard, Volltext, LICHTUNGEN, Manuskripte).
Der Roman „Chucks“ wurde 2015 als österreichische Produktion verfilmt (DOR Film, Ertl-Hiebler).
Texte von Cornelia Travnicek wurden in diese Sprachen übersetzt:
Axel Karner, Schriftsteller_Wien/Zlan _ Humbert Fink Preisträger 2022
Axel Karner, Schriftsteller_Wien/Zlan _ Humbert Fink Preisträger 2022
AXEL KARNER Probstheida
1 lüg was gern hätt
brings ums eck
mutter war jüdin
in leipzig der vater daheim im reich
ein luder und dreck
homs gsogt drahs ham dei mame da vota heim ins reich
in leipzig mit luther und dr eck
2 postille sagt buchnarb geordnet griff willkommen
fräulein meyer hieß zu gebot tobt überall
ich les mein wort
gar schwall redheafiawos
Axel Karner
Zur Person_Axel Karner: Geboren 1955 in Zlan. Arbeitete als Lehrer für evangelische Religion, darstellendes Spiel und soziales Lernen in Wien. In der Bibliothek der Provinz erschienen: „Kreuz“. Gedichte. Mit Scherenschnitten von Joseph Kühn (2003); „Schottntreiba“. Gedichte. Mit Illustrationen von Ingeborg Kofler (2004); „Vom ersten Durchblick des Gewebes am zehnten November und danach“. Kriminalgeschichten (2007). Im Wieser Verlag: Die Stacheln des Rosenkranzes. Lissabonner Gedichte (2007); Chanson Grillée. Gedichte. Illustriert von Anne Seifert (2010); Der rosarote Balkon (2012); Der weiße Zorn (2015); Die Zunge getrocknet / Jezik posušen. Fünf Gedichte in vier Sprachen und eine Nulllinie. Mit Zeichnungen von Wilhelm Dabringer. Slowenisch von Ivana Kampuš (2019).
Interview _ Franzobel, Schriftsteller _ Bachmannpreisträger 1995_ Wien
Franzobel, Schriftsteller _ Bachmannpreisträger 1995_ Wien
Ist Österreich als Gastland die Revanche für den deutschen Gast?
Der deutsche Gast hat nur einen Nachteil, er kommt in Masse, aber eigentlich ist er der angenehmste. Russen verwüsten Hotelzimmer, Italiener und Chinesen sind laut, Araber geldverdorben, Amerikaner enervierend. Für den vorauseilenden Gehorsam der österreichischen Gastronomen, die Pfannkuchenstreifen, Lendchen, Rührei und Aprikosen auf Speisekarten setzen, kann er ja nichts.
Was macht einen österreichischen Gast aus?
Der ist misstrauisch, vergleicht alles mit daheim und neigt zur Rudelbildung. Der Österreicher ist immer etwas schlampig und nur selten elegant. Er kann nicht gehen, weil seine Füße dafür gemacht sind, auf Bergwiesen Kuhfladen auszuweichen. Meist ist er schüchtern, betrinkt sich, um die Fremde auszuhalten, und wird dann ausfällig. Der Österreicher im Ausland bindet jedem ungefragt auf die Nase, dass er kein Deutscher ist, und identifiziert sich mit Mozart, Lipizzaner und Schwarzenegger. Ein Widerling.
Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?
Literarisch ist Österreich wie Indonesien, das Literaturland Austria ist ein Archipel, der aus lauter Inselbegabungen besteht. Hunderte Monolithen mit einem völlig eigenen Stil, damit sind wir dem politisch korrekten Einheitsbrei der Germanen natürlich turmhoch überlegen.
In Österreich gibt es eine Tradition, die sich vom Wiener Volksstück, den Kabarettisten der Zwischenkriegszeit und dem Austropop nährt, die ihresgleichen im deutschen Sprachraum sucht. Wir haben kein Bürgertum, sondern sind allesamt Abkömmlinge von illegitimen Pfarrerseitensprüngen, degenerierten Adeligen, Bauern, Proletariern oder Gesinde, das macht uns so stark.
Ist „Meaoiswiamia“ als majestetischer Plural gemeint mit dem Wir geschickt Deutschland narzisstisch überlisten?
Sagen wir so, der Schmäh der Österreicher ist für Deutsche unbegreiflich und in andere Sprachen nicht zu übersetzen.
Ein Beispiel gefällig?
Vor kurzem hat mir ein Freund erzählt, dass er das Bressehuhn von Bocuse nachkochen wollte. Das kommt in einen großen Topf voller Meeressalz. Zufällig sieht er in der Auslage eines Feinkostladens drei Kilo von diesem Salz. Also geht er hinein und fragt, ob sie etwas mehr haben. Daraufhin der Verkäufer: „Was is mit ihnen, wollns a Meer eröffnen?“
…oder ist „Meaoiswiamia“ auf den Literaturbetrieb bezogen?
Ich weiß nicht, was sich die Verantwortlichen dabei gedacht haben, hoffe aber, der Titel ist bei ein paar Flaschen Wein entstanden und man hatte eine Mordsgaudi. Vielleicht hat ja irgendwann zu nächtlicher Stunde jemand gefragt, ob es jemand gibt, der mehr verträgt? Meaoiswiamia? Oder man wollte auch ein Meer eröffnen?
Wer kann besser lesen – Deutschland oder Österreich?
Machen wir uns nichts vor, jedes Volksschulkind in Hannover spricht ein besseres Deutsch als die meisten österreichischen Literaten, dafür ist bei uns jeder Hackler lustiger als der deutsche Durchschnittskabarettist.
Lesen ist wieder etwas anderes, das ist wie die Genialität oder das Bewusstsein, da wissen Hirnforscher auch nicht, wie sie das fassen sollen. Oder war Vorlesen gemeint? Da sind die Österreicher schlechter, aber amüsanter. Aber das sind natürlich lauter Klischees.
Herzlichen Dank!
Franzobel, Schriftsteller _ Bachmannpreisträger 1995_ Wien
Zur Person_Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, erhielt u. a. den Ingeborg-Bachmann-Preis (1995), den Arthur-Schnitzler-Preis (2002) und den Nicolas-Born-Preis (2017). Bei Zsolnay erschienen zuletzt der Krimi Rechtswalzer (2019) sowie die in zahlreiche Sprachen übersetzten historischen Romane „Das Floß der Medusa“ (2017), „Die Eroberung Amerikas“ (2021) und Einsteins Hirn (2023).
Liebe Ines Birkhan, Du hast 2019 am Bachmannpreis in Klagenfurt teilgenommen. Wie kam es zu Deiner Teilnahme und wie gestaltete sich Deine Vorbereitung?
Ich wurde von Nora Gomringer eingeladen. Meine Vorbereitung lag im Erarbeiten eines Videos, das als eine Art entfernter Ableger des Texts gedacht war. Ich wollte kein vom ORF gedrehtes Video-Portrait zu meiner Person.
Eröffnung Bachmannpreis 2019 _ Mittwoch 26.Juni _ Eintreffen der Teilnehmer:innen _ Ines Birkhan _ zweite von links
Lesereihenfolge 2019
Die Lesereihenfolge wird immer vom Los entschieden.
Ziehung Lesereihenfolge _ Ines Birkhan _ Moderation: Christian Ankowitsch _ Jury (Teil) sitzendHubert Winkels (Vorsitzender, Klaus Kastberger, Nora Gomringer (Einladende von Ines Birkhan), Stefan Gmünder
Donnerstag, 27. Juni:
10.00 Uhr Katharina Schultens
11.00 Uhr Sarah Wipauer
12.00 Uhr Silvia Tschui
13.30 Uhr Julia Jost
14.30 Uhr Andrea Gerster
Freitag, 28. Juni:
10.00 Uhr Yannic Han Biao Federer
11.00 Uhr Ronya Othmann
12.00 Uhr Birgit Birnbacher
13.30 Uhr Daniel Heitzler
14.30 Uhr Tom Kummer
Samstag, 29. Juni:
10.00 Uhr Ines Birkhan
11.00 Uhr Leander Fischer
12.30 Uhr Lukas Meschik
13.30 Uhr Martin Beyer
Moderation BACHMANNPREIS 2019: Zita Bereuter und Christian Ankowitsch. Links _ Hubert Winkels (Juryvorsitzender) Clemens J. Setz _ Rede zur Literatur am Eröffnungsabend _ „KAYFABE UND LITERATUR“ https://bachmannpreis.orf.at/v3/stories/2987078/index.html.Live Interview Clemens J.Setz _ ORF _ links sitzend Sarah Wipauer (Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2019)
Welche Erwartungen hattest Du?
Als Nora Gomringer bei unserem Gespräch vor dem ersten Lesetag meinte, ich solle mich darauf gefasst machen, dass mein Text einen schweren Stand haben wird, war ich ganz von den Socken. Warum? – dachte ich. Ich bin da sehr naiv. Erstens durchschaue ich gewisse doch vorhandene Machtspiele nicht und zweitens hatte ich nicht damit gerechnet, dass einzelne Jurymitglieder vielleicht mit Scheuklappen ausgestattet sind und, wie mir schien, recht unbewandert in bestimmten Einflüssen, die von anderen Kunstfeldern in die Literatur hineinreichen. Ich meine hier inhaltlich für meinen Text relevante Einflüsse wie – die Aufweichung von Grenzziehungen zwischen Mensch/Tier, Innen/Außen, halluzinativ-surrealistische/reale Welt. In anderen Medien sind diese Trennlinien eine offene Spielwiese. Vor allem in der visuellen Kunst oder im Tanz. Was in TV-Serien punkto Komposition oder Genre-Transgression längst etabliert ist, gilt in der Literatur des Öfteren als zu schwierig oder unverständlich.
Gab es im Vorfeld der Veranstaltung Kontakte zu den Mitlesenden und der Jury und wie war der Kontakt (Kontaktmöglichkeiten) vor Ort?
Ich kannte weder Mitlesende noch Jurymitglieder zuvor. Der Kontakt vor Ort zu den anderen Autor*innen war sehr gut, sehr locker, ohne Ellbogen etc… Es ergaben sich interessante Gespräche. Bezüglich Jury: Nora Gomringer hat tatsächlich die eingesandten Texte gelesen und daraus ausgewählt. Das rechne ich ihr hoch an.
Ines Birkhan _ am Weg zur Lesung
Welchen Text hast Du in Klagenfurt vorgestellt?
Ich habe einen Auszug aus meinem inzwischen veröffentlichten Roman abspenstig (2022, Verlag TEXT/RAHMEN) gelesen.
Wann hast Du gelesen und wie hast Du Dich unmittelbar auf Deine Lesung vorbereitet?
Ich habe am letzten Tag als erste gelesen. Keine speziellen Vorbereitungen.
Wie hast Du Deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Gleich zu Beginn trat eine Erwartungshaltung einiger Jurymitglieder hervor, nämlich, dass ich bei der Lesung performativ(er) agieren würde. (Ich nehme an wegen meines Hintergrunds als Tänzerin/Choreografin). Ich fand das ganz unverständlich, denn der Textauszug war ja offensichtlich für eine Wasserglas-Lesung gedacht. Hätte ich stimmlich/körperlich „performen“ wollen, wäre der Text anders strukturiert gewesen. Die anschließenden Interpretationen des Auszugs gingen für mich zum Teil ins Leere. Was mich geärgert hat, war die Unterstellung, der Text sei sprachlich nicht durchgearbeitet. Ich glaube, die Juryleute hatten da einen Text vor sich liegen, den sie einfach nicht einordnen konnten. Etwas überspitzt gesagt und vielleicht nicht auf alle Jurymitglieder zutreffend: Die formal/inhaltlichen Aspekte waren ihnen so fremd, dass sie nur den Kopf schütteln konnten. Ich empfand das als Schwäche seitens der Jury, denn der Text steht nicht im luftleeren Raum und zeigt durchaus Querverbindungen zu künstlerischen, philosophischen und eben auch literarischen Strömungen. Als ich von Hildegard Keller aufgefordert wurde, etwas zur Diskussion beizusteuern, war ich froh. Das gab mir die Möglichkeit, kurz über meine kompositorische Herangehensweise zu sprechen.
Mit welchem Feedback und persönlichen Emotionen hast Du den Lesungsort danach verlassen?
Einer der Mitlesenden hat nachher im Bezug auf meine Antwort bei der Jurydiskussion gesagt: „Wow, du hast für uns alle ein Korsett gesprengt!“ Ich weiß nicht, ob für alle, aber für mich – ja. Hätte ich auf die, wie mir damals vorkam, feindselige Haltung meinem Text gegenüber nichts antworten können, wäre ich unglücklich gewesen.
Nach der Lesung
Wie gestalteten sich für Dich die weiteren Lesungstage und die Preisverleihung?
Preise sind natürlich ein Ding für sich. Aber, wenn man an so einer Veranstaltung teilnimmt, finde ich es unehrlich so zu tun, als würde man nicht gerne eine Anerkennung für die Arbeit bekommen. Ich habe mich vor allem für Birgit Birnbacher und Ronya Othmann gefreut.
gespannte Erwartung bei den Lesenden vor der Preisverleihung am Sonntag _ 29.6. Birgit Birnbacher (Bachmannpreis 2019, Mitte); Leander Fischer (Deutschlandfunkpreis, links); Julia Jost (KELAG-Preis, zweite von rechts); Yannic Han Biao Federer (3sat-Preis, rechts);Ronya Othmann (BKS-Bank-Publikum – Preis, zweite von links).
Wie bist Du als Schriftstellerin und persönlich von Klagenfurt abgereist und welche Erinnerung und Resümee hast Du in Abstand an den Bachmannpreis?
Einige persönliche Begegnungen habe ich als schön empfunden, die haben mich getragen. Es war richtig, dort gewesen zu sein. Ich habe etwas über den Literaturbetrieb gelernt.
Wie hat die Teilnahme am Bachmannpreis Deine weitere schriftstellerische, künstlerische Laufbahn beeinflusst?
Nach der Veröffentlichung von abspenstig wurde der Roman von der Literaturkritik kaum wahrgenommen. Ich fühle mich wie ein Outcast, das muss ich offen sagen. Das gibt mir allerdings auch große Freiheit. Ich schreibe wirklich ausschließlich, was ich will und muss mich keiner wie auch immer gearteten Erwartungshaltung beugen. Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit irgendwann in der Zukunft besser verstanden werden wird. In anderen Sprachräumen womöglich schon jetzt.
Gibt es noch Kontakt zu Mitlesenden, Jury, Journalisten*innen oder Bezugspersonen in Klagenfurt?
Kontakte zu Mitlesenden – ja.
Würdest Du noch einmal am Bachmannpreis teilnehmen?
Nein.
Was wünscht Du Dir für den Bachmannpreis?
Er soll weiter bestehen bleiben. Es muss aber klar sein, dass es ein Mainstream-Event ist und Experimentelles dort scheel angesehen wird.
Was möchtest Du den aktuellen Teilnehmer*innen mitgeben?
Schaut, ob ihr aus dem Feedback der Jury etwas Interessantes für euch herausholen könnt. Bei mir war’s leider nicht so.
Welche Erinnerung hast an den Lesungsort Klagenfurt und welche Aktivitäten hast Du in der Stadt unternommen?
Ich war baden! Es war nämlich extrem heiß.
Klagenfurt _ Wörthersee
Welche aktuellen Projekte gibt es derzeit für Dich?
Ich schreibe an meinem neuen Roman Kosmopony und an einem Hörspiel.
Vielen Dank für das Interview, liebe Ines Birkhan, und alles Gute!
Bachmannpreis _ Rückblick _Interview:
Ines Birkhan, Schriftstellerin, Performerin _ Wien _ Bachmannpreisteilnehmerin 2019
Ines Birkhan, Schriftstellerin, Performerin _ Station bei Bachmann _ Lebensort Ingeborg Bachmanns _ Wien 6_19
Zur Person_Ines Birkhan – Schriftstellerin und Performerin
studierte Bildhauerei bei Alfred Hrdlicka und Gerda Fassel an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien, später Tanz und Choreographie am SNDO (School for New Dance Development), Amsterdam. Ab 2001 war sie als freischaffende Choreographin, Tänzerin und Performerin in Europa tätig und Co-Leiterin der Tanzkompanie Real Dance Super Sentai.
Seit 2005 verfasst sie Texte. Romane, Erzählungen, Performance-, Video- und Hörspieltexte
Romane:
– Chrysalis, Präsens Verlag, Wien 2009 – Angel Meat. Verwerfungen, Neofelis Verlag, Berlin 2012
– Untot, du geteilte Welt, Verlag Bibliothek der Provinz 2017
– abspenstig, Verlag TEXT/RAHMEN, Wien 2022
Ines Birkhan abspenstig Roman 232 Seiten, 120x 180 mm Klappenbroschur Preis: €16,00
– den kreisrunden Todengwalzer tanzen, Reihe Persephone, Peter Lang Verlag 2007
– Gang durch den Wald (Lesespiel), edition fabrik transit,2017
– in Literaturzeitschriften u.a.: Triëdere, LICHTUNGEN, entwürfe, Am Erker
Hörspiel: – Mit der Fliehkraft, Ö1-Kunstradio, AutorInnen-Produktion 2020
Stipendien/Preise:
2009 /2010: Aufenthaltsstipendium an der Akademie Schloss Solitude /Literatur 2010: START- Stipendium, BMUKK, Wien 2011: Reisestipendium, BMUKK, Wien 2014: Theodor Körner Preis/Literatur
2015: Projektstipendium, BKA, Wien 2017: Projektstipendium, BKA, Wien 2019: Nominierung zum Bachmann-Wettbewerb