„Literatur ist ein Wagnis, ein Experiment“ Ursula Kirchenmayer, Autorin _ München _ 27.4.2023

Liebe Ursula Kirchenmayer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wecke die Kinder, mache mir einen Kaffee, räume die Spülmaschine aus, schmiere Brotzeiten, packe Rucksäcke, die Kinder frühstücken und ziehen sich an. Irgendwann werden wir, die Erwachsenen, ungeduldig, wir denken an die Uhrzeit, wir flehen und werden laut, wir entschuldigen uns, wir werfen alle unsere montessorischen Grundsätze über Bord und ziehen den Kindern überstürzt Schuhe und Jacken an. Meistens bringt mein Partner die Kinder in den Kindergarten.

Ich räume die schmutzigen Teller in die Spülmaschine und setze mich an den Schreibtisch, der eigentlich unser Esstisch im Wohnzimmer ist, denn mein Arbeitszimmer wurde von den Kindern, die sich noch ein Zimmer teilen, schleichend in ein zweites Spielzimmer verwandelt. Das macht mir nichts aus, im Gegenteil, am Esstisch arbeite ich am liebsten. Die nächsten Stunden sind kostbar, da begrenzt, und weil ich das weiß, konzentriere ich mich.

Ursula Kirchenmayer, Autorin

Die Kinder geben meinen Tagen Struktur, Haushalt und Arbeit sind fast eine Einheit geworden; wenn ich nachdenken muss, hänge ich Wäsche auf. Manchmal gibt es E-Mails zu beantworten, oder Interviewfragen, so wie jetzt, und gelegentlich auch Deadlines abzuarbeiten – denn wie die meisten Autor*innen bin ich auf Stipendien finanziell angewiesen. Meistens aber schreibe ich einfach, oder überarbeite bestehenden Text. Das Mittagessen kommt dabei oft zu kurz.

Um 14 Uhr bin ich es, die die Kinder abholt. Der Nachmittag wird von den Kindern bestimmt, nur in dringenden Fällen versuche ich nebenher zu arbeiten. Das ist meist keine gute Idee: am Ende sind alle frustriert, Tränen fließen.

Dieser Winter war hart, weil wir viel krank waren, häufig war eines der Kinder zuhause, oder auch beide, und da mein Partner einen Job hat, der besser entlohnt wird als meiner, war ich es, die das abfangen musste, und es war meine Arbeit, die darunter gelitten hat.

Jetzt freue ich mich schon sehr auf den Sommer.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen ernst nehmen, dass Teile der Bevölkerung gerade offenbar ihr Vertrauen in den Staat und in die Medien, auch in die Politik verlieren. Wir müssen raus aus unseren Blasen – nicht alle fühlen sich in den aktuellen Debatten gehört. Wenn man sich einmal Deutschland anschaut, da ist die Armutsquote zwischen 2010 und 2019 um 40 Prozent gestiegen! Das trifft zunehmend auch die Mittelschicht. Und Armut ist vererbbar. In Österreich gibt es einen ähnlichen Trend. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft unserer Kinder. Wir müssen uns mehr um die Welt kümmern, deren Ressourcen begrenzt sind, aber auch mehr umeinander. Wir müssen lernen uns wieder zuzuhören. Es ist doch verrückt: Das reichste 1 Prozent emittiert doppelt so viel wie ganze 50 Prozent der Ärmeren. Warum werden dann ausgerechnet die Reichsten so zaghaft besteuert? Wir müssen unser bestehendes System hinterfragen, vielleicht von Grund auf neu denken. Wir müssen langsamer werden, weniger und bewusster konsumieren, wir müssen lernen zu verzichten. Das geht uns alle etwas an. Aber gleichzeitig müssen wir endlich und ganz besonders auch diejenigen in die Verantwortung nehmen, die tatsächlich etwas bewegen könnten. Keine Privatjets mehr, keine Flüge zum Mars.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst können die Dinge in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zeigen. In der Literatur ist Platz für Zwischentöne. Literatur bewegt, trifft, schmerzt – anders als eine rein theoretische Analyse. Ich glaube fest daran, dass Literatur deshalb auch eine im brecht’schen Sinne gesellschaftsdurchwirkende, eine heilende Kraft hat. Und Literatur ist nicht schnelllebig. Es kann Jahre dauern einen Roman zu schreiben, es kann Wochen dauern einen Roman zu lesen. Literatur ist damit auch ein Relikt aus einer anderen Zeit. Sie lädt uns ein stehen zu bleiben, uns umzuschauen. Beim Lesen dürfen wir langsam sein. Literatur ist, genau wie die Kunst, ein Wagnis, ein Experiment – und als solches muss sie es sich erlauben können auch mal zu scheitern. Die prekären Schaffensbedingungen von Künstler*innen lassen das aber kaum zu. Das trifft im Übrigen ganz besonders Menschen, die zusätzlich noch Care-Arbeit leisten. Die meisten ausgeschriebenen Stipendien sind Aufenthaltsstipendien, aber als Mutter zweier kleiner Kinder kann ich mich darauf nicht bewerben. Man muss es sich leisten können Künstler*in zu sein. Das ist ein großes Problem, denn: Wenn nur eine kleine Elite überhaupt dazu in der Lage ist Kunst und Literatur zu produzieren, wessen Geschichten erzählt sie dann noch?

Was liest Du derzeit?

Kindheit von Tove Ditlevsen. Und Motherhood von Sheila Heti. Ich fange endlich wieder an mehr zu lesen; meine kleine Tochter ist jetzt drei, sie verschwindet manchmal für längere Zeit im Kinderzimmer, und plötzlich ist die Zeit wieder da. Das ist schön.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Zeit der Dinge überrollte uns. Das Gleichgewicht, das lange zwischen dem Warten auf etwas Neues und seinem Besitz geherrscht hatte, zwischen Entbehrung und Erfüllung, war gestört. Mittlerweile riefen neue Produkte keine Abwehr oder Begeisterung mehr hervor, sie beschäftigten nicht mehr die Fantasie. (…) Unbegrenzte Möglichkeiten zeichneten sich ab. (…) Sechzigjährige bekamen Kinder. Durch das Lifting gefror die Zeit auf den Gesichtern.“

Annie Ernaux, Die Jahre

Ursula Kirchenmayer, Autorin

Vielen Dank für das Interview, liebe Ursula, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ursula Kirchenmayer, Autorin

Zur Person_Ursula Kirchenmayer, geboren 1984 in Lugoj, Rumänien, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München. Sie studierte Literarisches Schreiben in Leipzig und
gewann zahlreiche Literaturwettbewerbe. Ihre Texte erschienen in Zeitschriften
und Anthologien sowie im Rundfunk, u.a. in BELLA triste, poet, STILL und auf
SWR2. ›Der Boden unter unseren Füßen‹ ist ihr erster Roman

Ursula Kirchenmayer, Der Boden unter unseren Füßen. Roman. dtv.

Eine junge Familie, eine Nachbarin und das Recht auf ein Zuhause
Kurz vor der Geburt ihres Sohnes finden Laura und Nils die lang ersehnte
Altbauwohnung, das Glück scheint perfekt. Wäre da nicht die psychisch kranke
Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Ungefragt legt sie ihre Hand auf Lauras
Bauch – und alles verändert sich. Als sie eines Tages sogar die Wohnungstür
eintritt, beginnt ein Kampf, auch um Gespenster der Vergangenheit und die
eigenen Ideale. Wer hat die größere Daseinsberechtigung, wer mehr Anspruch
auf Wohnraum in einem System, das nicht allen gerecht werden kann?


In ihrem Debütroman wirft Ursula Kirchenmayer drängende Fragen unseres
gesellschaftlichen Zusammenlebens auf und porträtiert ebenso einfühlsam wie
schonungslos die Verletzlichkeit junger Eltern in der Großstadt.
»Niemals zu klar und mit einem fesselnden Feingefühl für die Ängste und
Ansprüche der jungen Mittelschicht legt Ursula Kirchenmayer mit diesem
Roman den Finger in gleich mehrere Wunden.« Alina Herbing

Ursula Kirchenmayer, Der Boden unter den Füßen, dtv Verlag _ Originalausgabe 400 Seiten _ 2023

ISBN: 978-3-423-28313-7
EUR 23,00 [DE] – EUR 23,70
[AT]
ET 12. Januar 2023 , 1. Auflage
Format: 12,5 x 19,6 cm
Sprache: Deutsch

Fotos_Sascha Kokot

3.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Leipziger Buchmesse: „österreichisch ist für Deutschland sowieso ein einziger Rechtschreibfehler“ Harald Darer, Schriftsteller_Wien 26.4.2023

Österreich_Gastland Leipziger Buchmesse 2023

Interview _ Harald Darer, Schriftsteller_Wien

Harald Darer, Schriftsteller _ Wien

Was macht einen österreichischen Gast aus?

Er beschwert sich darüber, dass daheim alles besser ist.

Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?

Leider nicht, Hans Krankl ist mit seiner Autobiographie „Wie ich ihn ihnen einmal zweimal hintereinander hineingetan habe“ nicht rechtzeitig fertig geworden.

Ist „Meaoiswiamia“ ein majestetischer Plural, mit dem narzisstisch geschickt Deutschland (endlich) überlistet wird?

Nein, die Österreicher glauben, es handelt sich um einen Rechtschreibfehler, und die Deutschen wundern sich nicht, weil österreichisch für sie sowieso ein einziger Rechtschreibfehler ist.

…oder ist „Meaoiswiamia“ auf den Literaturbetrieb bezogen?

Es ist durchaus denkbar, dass es außer dem österreichischen noch einen gibt.

Wer kann besser lesen – Deutschland oder Österreich?

Die Deutschen, wenn die Sätze nicht zu lang und keine Austriazismen dabei sind.

Herzlichen Dank!

Zur Person_Harald Darer, Schriftsteller, geboren 1975 in Mürzzuschlag, Steiermark

begann nach der Lehre zum Elektroinstallateur und einschlägigen Weiterbildungen mit dreißig Jahren zu schreiben. Sein Debütroman »Wer mit Hunden schläft« erschien 2013 im Picus Verlag. 2015 folgte »Herzkörper«, im Jahr darauf »Schnitzeltragödie«, 2019 »Blaumann«

https://der-darer.net/

Aktueller Roman: Mongo, Harald Darer, 2022.

Mongo, Harald Darer. Roman.

Einband gebunden, Umfang 224 Seiten, Format 13,5 x 21,0

ISBN 978-3-7117-2119-8

Ersch.Datum März 2022

Buch €24,00

E-Book €17,99E-Book

Walter Pobaschnig _ 26.4.2023

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Leipziger Buchmesse: „Literatur ist immer mehr“ Felix Kucher, Schriftsteller _ Klagenfurt 26.4.2023

Österreich_Gastland Leipziger Buchmesse 2023

Interview _ Felix Kucher, Schriftsteller _ Klagenfurt

Felix Kucher, Schriftsteller _ Klagenfurt

Lieber Felix Kucher, was macht den österreichischen Gast aus?

Der wundert sich über das seltsame Motto, mit dem sich sprachlich wohl nur Österreicher nördlich des Alpenhauptkammes identifizieren.

Ist Österreich für Deutschland nicht immer (nur) ein Gastland?

Hm. Also ich lese das aktiv und passiv: Österreich ist eh immer Gast in Deutschland (Buchmessen, österreichische Autor*innen in deutschen Verlagen, Millionenshow),  Deutschland ist eh immer Gast in Österreich (Uni-Professor*innen, FeWo-Besitzer am Wörthersee, nachmittägliche deutsche Reality-Soaps in österreichischen Wohnzimmern).

Wird Leipzig das Literatur-Cordoba für Österreich?

Zwischen Cordoba und Waterloo ist – gut österreichisch – alles möglich. Und nix fix.

Ist „Meaoiswiamia“ Ausdruck des österreichischen Minderwertigkeitskomplexes?

Soll das Gegenteil bedeuten, hab ich gehört: Weltoffenheit, Grenzüberschreitung. Aufgabe der Nabelschau und so. Könnte natürlich auf Minderwertigkeitskomplex basieren.

…oder auf den Literaturbetrieb selbst bezogen?

Literatur ist IMMER mehr. Fragt sich bloß, als was.

Was hat Österreich, was Deutschland nicht hat?

Eine gute Verlagsförderung. Schmäh haben die Deutschen eh auch.

Herzlichen Dank!

Felix Kucher, Schriftsteller _ Klagenfurt

Aktueller Roman:

„Vegetarianer“

Roman. 232 Seiten. Picus 2022

ISBN 978-3-7117-2120-4

„Mit so viel literarischer Raffinesse über Mensch und Zeit zu schreiben, ist einmalig!“

Literatur outdoors 3_22

Besprechung: https://literaturoutdoors.com/2022/03/22/vegetarianer-felix-kucher-picus-verlag/

Felix Kucher, Schriftsteller _ Klagenfurt

Zur Person_Felix Kucher, geboren 1965 in Klagenfurt, aufgewachsen in Völkermarkt. Studium der Klassischen Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt.

Mag. et Dr. phil. Schulleiter. Lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien.

https://felix.kucher.at/

Fotos_Paul Feuersänger

Walter Pobaschnig _ 26.4.2023

https://literaturoutdoors.com  4/23

„Geduld“ Lotte Hubmann, Bildende Künstlerin _ Give Peace A Chance _ Graz 26.4.2023

GIVE PEACE A CHANCE


G EDULD

I DEALISMUS

V ERGEBUNG

E RMUTIGUNG

ASCENSION-trans,form in red-earth.heaven&universe by Lotte Hubmann, June2019, P1160198



P ROBLEMLÖSUNG

E MPATHIE

A UFMERKSAMKEIT

C HARAKTERSTÄRKE

E INSICHT


ASCENSION-trans.form by Lotte Hubmann, P1230106



A USDAUER

SKINning by Lotte Hubmann, P1070796



C OURAGE

H ANDLUNGSBEDARF

A UFGESCHLOSSENHEIT

N OTWENDIGKEIT

C OUNTDOWN

E RNEUERUNG

Freedom I, 2022 by Lotte Hubmann, P1220656


Lotte Hubmann, 19.4.23

Lotte Hubmann, Bildende Künstlerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Lotte Hubmann, Bildende Künstlerin

Fotos_Lotte Hubmann

Walter Pobaschnig _ 19.4.2023

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Leipziger Buchmesse _ „Ich finde, wir sind nicht besser, anders, größer, besonders.“ Silvia Pistotnig, Schriftstellerin _ Wien 26.4.2023

Liebe Silvia Pistotnig, Dein neuer Roman „Die Wirtinnen“ erzählt die dramatischen Lebensgeschichten von drei Frauen im gnadenlosen Ausgesetztsein patriarchaler Gewalt in Familie, Gesellschaft, Politik im Bogen eines Jahrhunderts. Der Schauplatz ist Kärnten.

Wie kam es zu diesem Romanprojekt und wie gestaltete sich der Entstehungsprozess?

Die Grundidee waren drei Frauen in drei Generationen: Großmutter, Mutter und Tochter. Ich wollte, dass die drei sich füreinander verantwortlich fühlen, gleichzeitig nichts voneinander wissen. So bemerken sie gar nicht, wie viel Ähnlichkeiten sie haben.

Für einen Roman war das allerdings zu wenig. Also habe ich nachtedacht und bin irgendwann auf den Ort der Handlung – das Gasthaus – und die Geschichte mit den Talenten gekommen. Irgendwie kamen dann immer weitere Dinge auf: das „Tschapperl“, das weggenommene Kind usw. Das hat sich beim Schreiben entwickelt.

Dass es in Kärnten spielt hat den einfachen Grund, dass ich aus Kärnten komme. Der Schauplatz Kärnten wird gern thematisiert. Dabei spielt er absolut keine Rolle. Die Geschichte könnte auch in Gramatneusiedl spielen. Schreibt man das so?

Silvia PistotnigSchriftstellerin _ Wien
„Die Wirtinnen“ Silvia Pistotnig. Roman.
Wien, Verlag Elster & Salis, 2023.

Du warst im April des Jahres auch auf Lesungsstationen in Kärnten. Wie wurde Dein Roman am „Schauplatz“ aufgenommen?

Gut! Ich hatte bis jetzt nur einen Lesungstermin in Kärnten. Der war in der Stadt, da ging ich zur Schule. Es kamen Schulkolleg*innen, Lehrer*innen und Bekannte von früher. Schön war das. „Daham“ halt.

Für die literarischen Prototypen „Oma Johanna, Tochter Marianne und Enkelin Gertrud“, die „Wirtinnen“ in Generationenfolge, gibt es kein Entkommen aus Lebensenge und Gewalt. Wie siehst Du Gegenwart und Zukunft der Urenkelin? Was braucht es für ein selbstbestimmtes Leben als Frau heute und morgen?

Bei der Frage kommen mir gleich zehn andere in den Kopf. Was ist ein selbstbestimmtes Leben? Gibt es das? Inwieweit kann man ein selbstbestimmtes Leben führen?

Im Fall der drei Frauen in meiner Geschichte würde es wohl bedeuten, dass sie ihr Talent ausleben können und es ihr Leben bestimmt.

Dazu hätten sie wissen müssen, dass es so etwas wie ein selbstbestimmtes Leben gibt und es möglich ist. Ein*e Mentor*in wäre vielleicht eine Hilfe gewesen. Eine Person, die  die Frauen fördert, ihnen zeigt, dass ihr Talent eine Chance beinhaltet, die sich sogar finanziell lohnen kann. Das ist etwas, das für Johanna eine Rolle spielt. Aber für sie ist klar: Kunst und Musik ist nichts für arme Leute.

Vielleicht hätten Johanna und Marianne trotzdem ausbrechen und das Bekannte und Gewohnte verlassen können. Bekanntes und Gewohntes bieten aber – selbst wenn sie Gewalt und Enge beinhalten – Sicherheit. Und wer gibt die gern auf?

Ich glaube, dass das nach wie vor so ist. Wenn ich in einem Umfeld aufwachse, in dem ich die Möglichkeiten nicht er-kenne, wie soll ich wissen, wie ich es erreiche?

Aber vielleicht ist es gar nicht so und die meine drei Frauen führen ein absolut selbstbestimmtes Leben. Sie betreiben ein Gasthaus und sind ihre eigenen Chefinnen. Ist das nicht selbstbestimmt?

Wie ich die Gegenwart und die Zukunft der Urenkelin sehe – ich weiß es nicht. Das ist die Generation meiner Kinder. Ich versuche mir nicht zuviele Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Das macht mir Angst.

Was ist Dir im Schreiben wichtig?

Ich will nicht langweilen, weder die Leser*innen noch mich.

Österreich ist Gastland auf der Buchmesse in Leipzig. Was zeichnet für Dich österreichische Literatur aus?

Ich ziehe keine Grenzen, wenn ich ein Buch lese, gefällt es mir oder nicht. Ich entscheide nicht danach, ob die/der Autor*in aus New York, Payerbach oder Guatemala City kommt. Entweder interessiert mich die Geschichte oder Text – oder eben nicht. Ich finde es seltsam, dass wir gerade in der Literatur diese Grenzen einziehen. Als wäre die österreichische Literatur mehr wert als … keine Ahnung, die nigerianische. Und drei Meter über der Grenze ist alles anders? Wo sonst gibt es eine bessere Chance grenzenlos zu sein als in der Kunst und Literatur?

Am Ende ist das Marketing, natürlich will sich das Gastland Österreich in Leipzig vorstellen und gut darstellen und auch ich profitiere ja davon. Trotzdem: Ich finde, wir sind nicht besser, anders, größer, besonders. Wir sind „@meaoiswiamia“. In dem Sinn ist das Motto gut gewählt.

Wer sind Deine drei Lieblingsautorinnen und -autoren aus Österreich?

Ich habe nicht nur drei Lieblingsautor*innen. Ich habe so viele liebenswerte Autor*innen kennengelernt und mit einigen von ihnen verbindet mich mittlerweile eine Freundschaft.

So gesehen hat sich meine Arbeit voll ausgezahlt.

Dein erster Roman erschien 2010: Nachricht von Niemand, Skarabaeus, Innsbruck/Bozen/Wien; Haymon Verlag, 2014; 2017 folgte Tschulie, Roman, Milena Verlag; 2021: Teresa hört auf, Roman, Milena Verlag und aktuell 2023: Die Wirtinnen, Roman, Elster & Salis, Wien.

Wie hast Du in diesen Jahren als Schriftstellerin Literatur in den Komponenten von Verlagswesen, Literaturkritik, Kollegen:innen und Leser:innen erlebt? Was wünscht Du Dir für die Gegenwart und Zukunft darin?

Ich wünsche mir Bestseller, Buchpreise und ausgebuchte Lesungen. Die Reihenfolge kann variieren.

Nein, aber im Ernst: Klar will ich was erreichen mit meinen Büchern. Da bin ich durchaus eitel. Ich schreib nicht für mich und ja, ich möchte Erfolg haben! Es tut weh, wenn andere es „schaffen“ (wobei auch immer die Frage ist, was „schaffen“ heißt) und man selbst hat das Gefühl, nicht weiterzukommen. Und ich glaub, das geht vielen so, auch wenn es wahrscheinlich wenige öffentlich zugeben. Als müsste man innerlich soviel aus dem Schreiben schöpfen, dass einem das Außen egal ist. Ich sags gleich: Bei mir ist das nicht so, ich find das Außen wichtig.

Als Autor*in ist es gut, eine dicke Haut zu haben. Es steckt so viel Herzblut drinnen. Leider habe ich keine dicke Haut. Dann bekomme ich Frust-Anfälle und möchte nie wieder schreiben! Ich weiß auch nicht, warum ich es dann doch wieder mache. Zwischendurch versuche ich es nicht so ernst zu nehmen. Ich mein, wen juckts ob ich das jetzt mach oder nicht, was spielt das im Gesamten für eine Rolle?

Zwei Gedankenspiele zum Bachmannpreis bitte noch: Du bist eingeladen. Wen wünscht Dir als Mitlesende und in der Jury?

Christopher Wurmdobler, Barbara Kadletz, Peter Waldeck, Katharina Tiwald,  Gudrun Seidenauer und Felix Kucher als Mitlesende, Susanne Kristek und Stefanie Jaksch als Jury. Wir würden weniger lesen, aber viel lachen.

Du gewinnst. Welches Kärntner Lied würdest Du als Dankesrede anstimmen?

Ich würde das bekannte Kärntner Lied ‚one moment in time‘ singen.

Mit welchen drei Kärntner:innen würdest Du gerne gemeinsam ein Kärnten-Buch schreiben?

Mit keiner/keinem. Mir reicht, wenn ich eins schreibe.

Welche kommenden Projekte planst Du?

Ein Buch mit Müttern, Vätern und Kindern.

In Anlehnung an ein Bachmann Zitat: was ist der Literatur zumutbar?

Keine Grenzen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Silvia Pistotnig, viel Freude und Erfolg weiterhin!

Silvia PistotnigSchriftstellerin _ Wien

Zur Person: Silvia Pistotnig, 1977 in Kärnten geboren, ist Autorin und Redakteurin. Sie hat Kommunikations- und Politikwissenschaften in Wien studiert, wo sie heute mit ihrer Familie lebt.

»Die Wirtinnen« ist ihr vierter Roman. Zuvor veröffentlichte sie »Teresa hört auf« (2021) und »Tschulie« (2017, beide im Milena Verlag). 2010 erschien ihr Debüt »Nachricht von Niemand« (Skarabaeus Verlag).

Pistotnig wurde u. a. mit dem Projektstipendium des Bundes und dem Literaturförderpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet.

Silvia Pistotnig

Aktueller Roman_ Silvia Pistotnig: Die Wirtinnen _ Wien: Elster & Salis, 2023.

360 Seiten, Hardcover, € 24,70.

ISBN 978-3-03930-046-4.

Fotos_Walter Pobaschnig 6/21 _ Wien/Kreuzgasse

Interview_Walter Pobaschnig  4_23

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„Literatur muss ein safe space sein, muss für alle da sein“ Sarah Beicht, Autorin _ Mainz 26.4.2023

Liebe Sarah Beicht, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist auf schöne Weise geregelt ungeregelt. Meistens arbeite ich einen halben Tag für andere und einen halben Tag für mich. Die Baustellen sind zahlreich und wahnsinnig vielseitig, sodass immer Neues vor der Tür steht. Dazwischen lese ich, morgens, mittags, abends, mache mir Notizen, schaue aus dem Fenster und kraule die Katzen.

Sarah Beicht_Autorin, Moderatorin, Veranstalterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Frieden und Ruhe, Gelassenheit, Trost und Zuversicht. Große Begriffe für große Krisen unserer Zeit. Was für den Einzelnen wichtig ist, muss jeder für sich allein beantworten. Dem Individuum steht die Gemeinschaft entgegen, die Stärkung des Zusammenhalts und Mitgefühls. Ambivalenzen auszuhalten ist dabei essenziell.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und die Künste waren schon immer zentral. Keine Disziplin ist so beständig, so wirkmächtig und nachhaltig wie das geschriebene Wort. Kritisch und kraftvoll muss sich die Literatur mit der Gegenwart auseinandersetzen und sie abbilden, muss ein safe space sein für PoC, für LGBTQIA+, muss Allianzen bilden, muss inklusiv sein, muss für alle da sein. Aufbruch und Neubeginn stehen nicht erst bevor.

Was liest Du derzeit?

Aktuell befinde ich mich in der Korrekturphase meiner Novelle „Weiße Kreidekreuze“, die bald im Verlag Brot&Kunst erscheint. Zum Vergnügen schmökere ich in dem Bildband „Astrologie“ aus der im TASCHEN Verlag erschienenen Library of Esoterica.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I began to realize how important it was to be an enthusiast in life. He taught me that if you are interested in something, no matter what it is, go at it at full speed ahead. Embrace it with both arms, hug it, love it and above all become passionate about it. Lukewarm is no good. Hot is no good either. White hot and passionate is the only thing to be.” – aus Roald Dahl: My Uncle Oswald (1979)

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sarah Beicht_Autorin, Moderatorin, Veranstalterin

Zur Person_Sarah Beicht, geboren 1993 in Mainz, ist freie Autorin, Moderatorin und Veranstalterin. 2021 erschien ihr erster Erzählband „Ein Kreis aus Salz“ im Rhein-Mosel-Verlag, 2023 folgt die Novelle „Weiße Kreidekreuze“ im Verlag Brot&Kunst. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie moderiert regelmäßig literarische Veranstaltungen im ganzen Rhein-Main-Gebiet. Gemeinsam mit Ingo Bartsch betreibt sie „die Leselampe – eine Lesebühne in Mainz“, für das Literaturhaus Wiesbaden kuratiert sie die Lesebühne „Textkontor“.

Weitere Infos unter www.letterwald-mainz.de.

Foto_privat

31.3.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gewalt und Krieg sind so aufregend“ Zoltan Lesi, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Wien 25.4.2023

GIVE PEACE A CHANCE


Gewalt und Krieg sind so aufregend,

Immerhin, wer will schon langweiligen Frieden?

Verdammt nochmal, es ist doch viel spannender,

Einen Feind zu haben, der bekämpft werden muss!


Propaganda und Rüstungsindustrie sind unsere besten Freunde,

Echter Frieden ist so unrealistisch und naiv,

Aber hey, solange wir unser eigenes Ding machen,

Chancen auf Gewinn und Macht sind immer gegeben.

Entspanne dich, und nimm es nicht so ernst,


Am Ende wird es immer jemanden geben, der verliert,


Chaos und Zerstörung sind einfach zu erreichende Ziele,

Hör auf, an Frieden zu glauben – das ist für Weicheier!

Nichts kann die Befriedigung eines Sieges übertreffen,

Toten? Zerstörung? Unwichtige Legoteile, so lange es nicht mit mir passiert,

Es ist das Recht des Stärkeren, zu herrschen und zu kontrollieren,

Also kämpft weiter, bis zum Sterben.


Dies ist der Nachsatz, den ich beinah verschluckt hätte

Der Autor übernimmt keinerlei Haftung für jegliche Schäden

oder Konsequenzen, die aus der Verwendung des Gedichts

für solche Zwecke resultieren könnten. Jegliche Verwendung

des Gedichts liegt allein im Verantwortungsbereich des Nutzers.

Zoltan Lesi, 16.4.2023

Zoltan Lesi, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Zoltan Lesi, Schriftsteller

Zur Person_Zoltán Lesi (geb. 1982 in Ungarn) veröffentlichte drei Gedichtbände und ein Kinderbuch auf Ungarisch. Als Abschluss seines Aufenthaltsstipendiums in Stuttgart erschien in Kooperation mit der Akademie Schloss Solitude 2019 sein erstes deutschsprachiges Buch ‚In Frauenkleidung‘ in der Übersetzung von Nóra Keszerice (edition mosaik). Das Buch erschien noch in polnischen, slowakischen, französischen Übersetzungen.

https://www.liberladen.org/product/zoltan-lesi-in-frauenkleidung/

Foto_Gergely Máté Oláh

Walter Pobaschnig _ 16.4.2023

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Bachmannpreis – Rückblickinterview „Resümee: Hat sich ausgezahlt. Empfehle ich weiter.“ Karin Peschka, Schriftstellerin _BKS Publikumspreisträgerin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2017 _ Wien 25.4.2023

Karin Peschka, Schriftstellerin _ Wien _
BKS Publikumspreisträgerin _Bachmannpreisteilnehmerin 2017
_ Rückblickinterview _
5. – 9.7.2017 Klagenfurt
Karin Peschka, Zweite von rechts, BKS Publikumspreis;
weiter von links – John Wray – Deutschlandfunkpreis; Gianna Molinari – 3sat Preis; Ferdinand Schmalz – Bachmannpreis 2017; Eckhart Nickel – Kelag Preis;
Preisverleihung ORF Studio Klagenfurt 9.7.2017.

Liebe Karin Peschka, Du hast 2017 am Bachmannpreis in Klagenfurt teilgenommen und den BKS Publikumspreis gewonnen. Wie kam es zu Deiner Teilnahme und wie gestaltete sich Deine Vorbereitung?

Zur Teilnahme kam es ganz profan: Der Verlag hat eingereicht und ich wurde eingeladen. Ich weiß noch, dass ich die Nachricht in Luxemburg bekommen habe, auf dem Busbahnhof, von meinem Verleger per SMS: „Klagenfurt ruft.“ Das war unmittelbar vor der Leipziger Buchmesse 2017.

Zur Vorbereitung habe ich geübt, deutlicher zu lesen. Drei, vier Wochen vorher war ich sehr nervös. Bis mir bewusst wurde: Ich bin knapp fünfzig, die Jury ist plus/minus auch in meinem Alter. Ich kann mir anhören, was gesagt wird. Nichts davon wird mich überhöhen oder fertigmachen. Danach hatte ich das Nervöse recht gut im Griff.

Welche Erwartungen hattest Du?

Zu behaupten, ich hätte keine, wäre gelogen. Aber welche ich genau hatte, weiß ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich mir eine bessere Jury-Bewertung erwartet. Aber dass die Teilnahme an den TddL einen großen Werbewert hat und sich gut im Lebenslauf macht, versteht sich von selbst und war für mich auch ein Grund, mich darauf einzulassen.

Gab es im Vorfeld der Veranstaltung Kontakte zu den Mitlesenden und der Jury und wie war der Kontakt (Kontaktmöglichkeiten) vor Ort?

Im Vorfeld nicht, aber direkt in Klagenfurt schon. Zur Jury habe ich keinen Kontakt gesucht, das wär mir eigenartig vorgekommen, aber mit den Kolleginnen und Kollegen gab es viele Gelegenheiten. Hab die Tage als sehr lässig und angenehm in Erinnerung.

Welchen Text hast Du in Klagenfurt vorgestellt?

„Wiener Kindl“, einen Text aus meinem Erzählband „Autolyse Wien“, der dann im Herbst 2017 bei Otto Müller erschienen ist. 

Wann hast Du gelesen und wie hast Du Dich unmittelbar auf Deine Lesung vorbereitet?

Ich war die erste der Lesenden. Beim Warten auf meinen Auftritt hab ich backstage erzählt, dass meine Schwester mit dem Ingeborg-Flachmann (hatte mir der Eferdinger Freundeskreis im Vorfeld geschenkt) noch im Zug sitzt. Sie hatte gehofft, dass ich später lesen werde. Also kein Schnaps zur Aufmunterung vor der Lesung. Worauf mir ein Marillenschnaps serviert wurde. Um 9.50 Uhr vormittags. Um 10 Uhr hatte ich meinen Auftritt. Sehr aufmerksames Team.

Studiosetting _ ORF Studio _ Bachmannpreis 2017 _ vor Lesungsbeginn _ 6.7.2017
Perspektive im Lesestuhl
Eintreffen der Jury _
von links _ Sandra Kegel, Stefan Gmünder, Michael Wiederstein _ nicht am Foto – Meike Feßmann, Hildegard Elisabeth Keller, Klaus Kastberger, Hubert Winkels (Vorsitzender) _
davon in aktueller Jury 2023 _ Klaus Kastberger
Moderation _ Christian Ankowitsch
Reihenfolge und teilnehmende Lesende
Karin Peschka nimmt zur Eröffnungslesung Platz _
Austeilen des Lesetextes für das Saalpublikum
vor der Lesung

Wie hast Du die Jurydiskussion persönlich erlebt?

Wie durch einen Vorhang aus Kameras und einem nachträglich einsetzenden Adrenalinschub.

Jurydiskussion _ Lesung Karin Peschka

Mit welchem Feedback und persönlichen Emotionen hast Du den Lesungsort danach verlassen?

Ich habe mich über ein, zwei Jury-Aussagen geärgert. Oder waren es drei? Mein Lebensgefährte, der mich gut kennt, hat mich gleich in die Sonne gezogen, weg vom Gelände, dort hab ich mich ausgeschimpft, bin auf einem Stein gesessen, ein Marienkäfer taumelte durch die Luft und prallte von mir ab, ich hab gelacht: Damit war alles wieder gut.

Die Jurybegründung habe ich erst Wochen später in Ruhe nachgehört. War interessant und ok.

Stehplatz im gefüllten Lesestudio
Lesepause…
Treffpunkt im sonnigen ORF Garten

Wie gestalteten sich für Dich die weiteren Lesungstage und die Preisverleihung?

Schöne, sonnige Tage, nette Menschen. Immer radelte irgendwer zum See. Auf Bänken sitzen und Eis essen. 

Klagenfurt _ Lendkanal _ Rizzibrücke
Blick von Maria Loretto über den Wörthersee _
Traditioneller Abend-Empfang der Stadt Klagenfurt
Entspannung in Loretto _
Michael Wiederstein (ganz links, Juror), Urs Mannhart (Lesender),
Dr.Henriette Riener
„Drei Wege zum See – Ingeborg Bachmann outdoors“ –
szenische Wanderung (Wohnhaus Ingeborg Bachmann _ Kreuzbergl _ See)

mit Schauspielerin Christina Wuga

Ich war bereits direkt nach meiner Lesung zu hundert Prozent sicher, dass ich keinen Preis gewinnen werde und hatte auch schon meine Familie darauf eingestimmt: Macht euch keine Hoffnungen, und es geht mir gut, keine Sorge. Falls ich noch eine Resthoffnung hatte, hab ich sie vor mir gut versteckt.

Bei der Preisverleihung hatte ich als Publikumspreisgewinnerin Barbi Marković am Schirm und mich auch schon zu ihr umgewandt. Als mein Name genannt wurde, war ich völlig überrascht. Große, große Freude.

Preisverleihung _ Bachmannpreis 2017 _ gespannte Jury…
…und Lesende
Karin Peschka _ Preisverleihung _ BKS Publikumspreis
Die Preisträger:innen Klagenfurt 2017

Wie bist Du als Schriftstellerin und persönlich von Klagenfurt abgereist und welche Erinnerung und Resümee hast Du in Abstand an den Bachmannpreis?

Ich bin als die abgereist, als die ich gekommen bin, mit ein bisserl mehr Ego, einem Preis, einer Urkunde im Gepäck und dem guten Gefühl, dass ich finanziell profitieren werde und somit wieder eine Zeitlang unbeschwert arbeiten kann. Und der Aussicht auf ein Jahr Stadtschreiberei in Klagenfurt.

Resümee: Hat sich ausgezahlt. Empfehle ich weiter.

Wie hat die Teilnahme am Bachmannpreis Deine weitere schriftstellerische Laufbahn beeinflusst?

Mein Name ist bekannter geworden, die Teilnahme wird in vielen Lesungsankündigungen oder in Besprechungen immer wieder erwähnt. Zusätzlich war und ist der finanzielle Aspekt nicht zu unterschätzen: Jeder Preis ermöglicht ein freieres Schreiben, hilft bei der Konzentration auf das nächste Buch, den nächsten Text.

Gibt es noch Kontakt zu Mitlesenden, Jury, Journalisten*innen oder Bezugspersonen in Klagenfurt?

Ja, zum Teil schon. Zur damaligen Jury nicht, abgesehen von Begegnungen und zT durch soziale Medien. Klagenfurt und besonders das Team vom Musil-Museum ist mir vor allem durch die Stadtschreiberei ans Herz gewachsen.

Würdest Du noch einmal am Bachmannpreis teilnehmen?

In den nächsten Jahren habe ich es nicht vor. Aber vielleicht mit einem Spätwerk? 😉

Was wünscht Du Dir für den Bachmannpreis?

Das es ihn noch lange geben möge und er die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

Was möchtest Du den aktuellen Teilnehmer*innen mitgeben?

Keine Angst. Und gesunde Distanz, falls möglich. (Ist möglich, glaubt es mir.)

Welche Erinnerung hast an den Lesungsort Klagenfurt und welche Aktivitäten hast Du in der Stadt unternommen?

Gute Erinnerungen, viele Erfahrungen, einiges unternommen. Würde den Rahmen hier sprengen.

Abendstimmung am Wörthersee _ Loretto

Welche aktuellen Projekte gibt es derzeit für Dich?

Darüber möchte ich auch noch nicht viel erzählen. Neue Wege nach dem letzten Roman, mal sehen, was herauskommt.

Vielen Dank für das Interview, liebe Karin Peschka, und alles Gute!

Karin Peschka, Schriftstellerin _ Wien _
BKS Publikumspreisträgerin
_ Bachmannpreisteilnehmerin 2017 _ Bachmannpreis_Rückblickinterview _
5. – 9.7.2017 Klagenfurt

Bachmannpreis _ Rückblickinterview_

Karin Peschka, Schriftstellerin _ Wien _ BKS Publikumspreisträgerin – Bachmannpreisteilnehmerin 2017 _5. – 9.7.2017 Klagenfurt

Zur Person_ Karin Peschka

Geboren 1967, aufgewachsen in Eferding, Oberösterreich, als Wirtstochter. Besuchte die Sozialakademie Linz und lebt seit 2000 in Wien. Arbeitete u. a. mit alkoholkranken Menschen und mit arbeitslosen Jugendlichen, aber auch mehrere Jahre im Bereich Onlineredaktion und Projektorganisation. Karin Peschka publizierte in diversen Anthologien und schrieb Kolumnen für oe1.ORF.at. 2008 erschien in der Edition Neuhauser Kunstmühle ihr Kunstbuch „Sterntaler“ (mit Michael Hedwig).

Ihr Debütroman „Watschenmann“ wurde 2019 für die Bühne adaptiert und im Wiener Volkstheater aufgeführt.

Auszeichnungen:

  • 2013: Literaturpreis Wartholz für „Watschenmann“
  • 2014: Floriana Literaturpreis für  „Watschenmann“
  • 2015: Literaturpreis Alpha für  „Watschenmann“
  • 2015: Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien für „FanniPold“
  • 2016: Adalbert-Stifter-Stipendium und Elias-Canetti-Stipendium für „FanniPold“
  • 2017: Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis 2017 und Stadtschreiber-Stipendium 2018 der Stadt Klagenfurt für „Wiener Kindl“ (Auszug aus „Autolyse Wien“)
  • 2017: Nominierung für den Österreichischen Buchpreis 2017 („Autolyse Wien“)
  • 2019: Residenzstipendium Kosovo „Prishtina has no river“, September 2019
  • 2019/20: Projektstipendium des Bundeskanzleramtes zur Förderung der Arbeit am nächsten großen Schreibprojekt
  • 2020: Nominierung für den Österreichischen Buchpreis 2020 („Putzt euch, tanzt, lacht“)
  • 2020-2023: Robert-Musil-Stipendium für die Arbeit am aktuellen Roman „Dschomba“

https://peschka.at/

Karin Peschka

Aktueller Roman von Karin Peschka_

„Dschomba“ Karin Peschka. Otto Müller Verlag. 2023.

Veröffentlichung: 02/2023
ISBN: 978-3-7013-1303-7
376 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Preis: € 26
E-Book: € 21,99

Dschomba

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

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Walter Pobaschnig 3_23

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„On Air“ Peter Urban. Erinnerungen an mein Leben mit der Musik. Rowohlt Verlag

Es begann in einer Kirche. Priester und Messdiener sind am Weg. Ein besonderer Sonntag, denn der NDR überträgt live. Der Technik interessierte Jugendliche, der jetzt in die St.Marienskirche im weißen Messdienergewand mitschreitet und die liturgische Handglocke in der Hand hält, staunt über die Organisation und Details der technischen Verwandlung eines Ortes in einer Rundfunkübertragung. Und er gibt den Klangtakt vor. Ein Auftakt, der sich in der späteren Moderation, Gestaltung von über 4000 Sendungen fortsetzen soll…

Dazu kommen viele Begegnungen, Moderationen, Erlebnisse, Erfahrungen mit Musik wie legendäre Konzertübertragungen, etwa des Live-Aid Konzert 1985 (internationales Benefizkonzert in London Wembley zugunsten der Afrika Hilfe), und weitere Interviews, Berichte und features. Ebenso ist die Moderation des ESC Eurovision Song Contest (seit 1997) ein jährliches highlight.

Das Buch, das ein wunderbares Zeugnis autobiographischer Musik-, Kultur- und Zeitgeschichte ist, besticht wie begeistert in kompakter, spannender Erzähl-, wie Informationsform. Es ist ein großartiges Eintauchen in Bühne, Zeit, Leben, Gesellschaft, das Erinnern oder neu Kennenlernen, in jedem Fall mehr erfahren lässt über die faszinierende Welt moderner Musik wie moderner Technik und die Entwicklung und Möglichkeiten medialer Begleitung, Präsentation und Impulsen.

Ebenso ist es ein Miterleben eines besonderen Berufsbildes mit vielen Interviewhighlights (etwa David Bowie, Keith Richards, Yoko Ono), das in Vielfältigkeit, Kreativität wie Herausforderung beeindruckt.

„Ein wunderbares biographisches Meisterstück moderner Lebens-, Musik- und Gesellschaftsgeschichte!“

„On Air“ Peter Urban. Erinnerungen an mein Leben mit der Musik. Rowohlt Verlag

Verlag: Rowohlt Buchverlag

Erscheinungstermin: 18.04.2023

Gebundene Ausgabe, 544 Seiten

ISBN: 978-3-498-00295-4

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„Vielleicht wird die Kunst zum Zünglein an der Waage – sie darf sich nicht wegducken“ Markus Witte, Autor _ Nauen/D 25.4.2023

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wohne an vier Tagen der Woche in Nauen, kurz vor Berlin. An den übrigen drei Tagen bin ich in Hannover. An den Wochentagen tagsüber der Juristenberuf, im Homeoffice in Nauen oder im Büro in Hannover. Und viele Bahnfahrten.

Das Schreiben entfaltet sich vor allem am Abend. In Nauen, in meinem Arbeitszimmer, habe ich dann das Gefühl, sowohl nahe Berlin zu sein und zugleich in der Weite der brandenburgischen Landschaft.

Auch Vereinsaufgaben sind ein Teil des Abends. In Berlin bin ich Vorsitzender des Creative Writing Group e.V., ein über 30 Jahre alter, englisch-deutschsprachiger Literaturverein. In Hannover bin ich im Vorstand des Autor:innenzentrum Hannover e.V., wir sind in kurzer Zeit 80 Mitglieder geworden. Abends kommen also Vorstandstreffen oder Veranstaltungen hinzu.

Das ist der Grundrhythmus in jeder Woche. Lesungen, wie beispielsweise am kommenden Sonntag für eine neue Anthologie, sind dann das eigentliche Salz in der Suppe.

Markus Witte, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir kommt hierzu folgendes in den Sinn. Werten kommt in sehr ruhigen Zeiten auf den ersten Blick keine existenzentscheidende Rolle zu. Manchmal werden sie dann fast für austauschbare Accessoires gehalten. Zeiten, in denen existenzielle gesellschaftliche Umbrüche vonstattengehen, hat es, vor allem in Westdeutschland, lange nicht gegeben. Der russische Krieg in der Ukraine bringt lange verdrängte existentielle Fragen an uns als Gesellschaft auf den Tisch. Das gilt erst recht, wenn wir uns gedanklich in die Situation der Ukrainer versetzen. Welche Rolle spielt Deutschland bei der Unterstützung der Ukraine? Und wie ist es um die gesamte Sicherheitsarchitektur bestellt? Derart existenzielle Fragen stellen sich übrigens erstmals Ost- und Westdeutschland nach der Wiedervereinigung gemeinsam. Werten kommt in diesen Zeiten eine besondere Bedeutung zu. Werte werden jetzt besonders wichtig.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Freiheitswerte und Kunst sind untrennbar miteinander verbunden. Kunst, sofern sie sich nicht einer feststehenden Meinung andient, steht daher für die generelle Freiheit als solche. Für die Freiheit, eine andere Meinung oder einen anderen Lebensstil haben zu dürfen. Für die Freiheit, eine andere oder gar keine Religion haben zu dürfen. Die gegenwärtige Situation zwingt uns als Gesellschaft dazu, Werte und Kunst nicht nur neben dem Alltag in einem Paralleluniversum zur Schau zu tragen. Werte und damit auch Kunst sind unvermittelt zu Akteuren geworden. Sie können die Gewichte in den entscheidenden Fragen, vor denen die freie Welt jetzt steht, in die eine oder in die andere Richtung bewegen. Vielleicht wird die Kunst zum Zünglein an der Waage. Kunst, die nicht nur Accessoire sein will, darf sich hierbei nicht wegducken. Die Kunst muss diese Rolle annehmen.

Was liest Du derzeit?

„Jeder Aufbruch ist ein kleiner Tod“ von Ivana Sajko, aus dem Kroatischen übersetzt von Alida Bremer. Der Protagonist erzählt auf einer langen Zugfahrt nach Berlin. Dieses Denken im Takt des Ratterns des Zuges trifft mein Lebensgefühl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Worte sind Taten“ (Wittgenstein)

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Markus Witte, Autor

Zur Person_Markus Witte, geboren 1975 in Parchim (Mecklenburg-Vorpommern). Autor und Jurist. Wohnt in Nauen (Brandenburg) und Hannover. Lyrik und Kurzgeschichten, deutsch und englisch. Zuletzt zwei Gedichte in der Lyrik-Anthologie „Der Amelia Earhart Pfannkuchen“ (Moloko Print 2022). Zudem Fotografie und Fotoausstellungen. Die Grafik von Markus Witte „L VE“ als Teil der Originale-Drucks „More Money“ (42 Künstler, Herausgeberin Jo-Anne Echevarria-Myers, Auflage 100 nummerierte Originale) ist in der Sammlung der Harvard University Fine Arts Library und des Museum of Modern Art in New York (MOMA).

Webseite www.the-moment.com

Foto_Kristina Verzbilovska

23.3.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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