„Diese Bewegung ins Offene, in eine andere Sprache, ein anderes Leben“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Christa Prameshuber, Schriftstellerin _ Zürich 17.7.2026

Ingeborg Bachmann _ Christa Prameshuber

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Christa Prameshuber, Schriftstellerin _ Zürich

Liebe Christa, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Ich bewundere Bachmann nicht nur wegen ihrer Texte, sondern wegen der Haltung dahinter bewundert. Sie erschien früh als eine, die sich etwas zu sagen zutraut, und die zugleich ihre Verletzlichkeit nicht verbirgt. Diese Verbindung von Stärke und Offenheit hatte in ihrer Zeit etwas Ungewöhnliches, vielleicht sogar Widerständiges.

Berührt hat mich auch ihr Weg nach Rom. Diese Bewegung ins Offene, in eine andere Sprache, ein anderes Leben. Für mich ist das nicht abstrakt: Meine Schwester lebt dort, und ich bin oft durch die Straßen gegangen, die auch Bachmann kannte. Bachmann sagte 1973 « Es sind nicht die Schönheiten der Architektur, nicht die Orangenbäume und nicht die herrliche Architektur, sondern die Art zu leben. Ich habe hier leben gelernt»

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus? Sie ist

Bei Ingeborg Bachmann ist Sprache nie bloß ein Mittel, sondern ein riskanter Raum. Sie weiß um ihre Gefährdung, um ihre Geschichte, um ihren möglichen Missbrauch. Gerade deshalb arbeitet sie mit einer äußersten Genauigkeit. Ihre Sätze sind verdichtet, klar, rhythmisch, oft von fast musikalischer Strenge. Jedes Wort scheint geprüft, abgewogen, als müsste es sich rechtfertigen.

Gleichzeitig stehen ihre Figuren, ebenso wie das lyrische Ich, unter einem inneren Druck. Sie bewegen sich in Spannungsfeldern zwischen Nähe und Distanz, Anpassung und Widerstand, Liebe und Verletzung. Diese Konflikte sind bei Bachmann nie rein privat. Sie zeigen, wie Macht und Gewalt in Beziehungen hineinwirken, wie sie sich in Sprache, in Gesten, im Unsichtbaren festsetzen. zwischen innerer Zerrissenheit und äußerer Gewalt.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ihr Gedicht „eine Art Verlust“ finde ich grossartig. Und natürlich «Malina»

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute? Sie wäre heute moderner denn je und ihr Stimme würde gehört werden

Bachmann kritisiert nicht nur das Patriarchat als Begriff, sondern eine tiefere Struktur: eine Welt, in der Macht sich in Sprache, Beziehungen und scheinbar Privatem festsetzt. In Malina zeigt sie, dass Gewalt nicht nur physisch, sondern auch psychisch und sprachlich wirkt, erschreckend aktuell.

Heute haben wir Begriffe für vieles, was sie freigelegt hat. Diskurse über Machtmissbrauch und strukturelle Gewalt sind sichtbarer, etwa durch #MeToo, das genau jene verborgenen Mechanismen ans Licht bringt, die Bachmann literarisch gestaltet hat.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Bachmann zeigt Liebe nie als bloßes Glücksversprechen. Sie legt offen, wie sehr sie von Macht, Sprache und Geschichte durchzogen ist. Der oft zitierte, zugespitzte Satz über die „unheilbar kranken“ Männer ist weniger biologische Feststellung als Diagnose eines Systems: einer beschädigten, gewaltförmigen Ordnung von Beziehungen.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Wenn Ingeborg Bachmann das Schreiben als „verdammt“ beschreibt, meint sie eine existentielle Erfahrung: sich der Wahrheit auszusetzen, sich nicht zu schonen und auch das Unsagbare anzurühren. Darin liegt etwas Schmerzhaftes, aber ebenso Widerstand und Selbstbehauptung – ein Zwang zur Wahrhaftigkeit.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ihre Texte leben von ihrer Musikalität, von Rhythmus und Klang, von starken Bildern, die zwischen Traum und Realität vermitteln, und von einer radikalen Reduktion: Vieles bleibt offen, Leerstellen werden zum eigentlichen Raum der Bedeutung.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich würde ihr sagen, dass viele ihrer Fragen noch immer nicht erledigt sind.

Und ich hätte sie gefragt:
Ob sie je das Gefühl hatte, dass ein Text „genug“ ist.
Und ob sie geglaubt hat, dass Schreiben nicht nur freilegt, sondern auch heilt, zumindest für einen Moment.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe dieses Jahr bereits eine Anthologie herausgegeben: „Wannst net fort muasst, so bleib?“ mit 32 oberösterreichischen Autorinnen, die über Identität, Heimat sowie das Bleiben oder Gehen nachdenken.

Wannst net fort muaßt, so bleib?: Autorinnen aus Oberösterreich erzählen

Fast zeitgleich ist eine weitere Anthologie erschienen, bei der ich Mitherausgeberin bin: „Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle. Schuhgeschichten“. Eine Sammlung von Texten, in denen sehr unterschiedlicher Schuhe die Hauptrolle spielen.

An zwei weiteren Anthologien habe ich ebenfalls mitgewirkt; beide erscheinen im Herbst 2026.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“ (sehr aktuell)

„Ich existiere nur, wenn ich schreibe“

Herzlichen Dank für das Interview!

Christa Prameshuber, Schriftstellerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Foto: Christa Prameshuber _ privat

Walter Pobaschnig, 3.5.2026

https://literaturoutdoors.com

Hinterlasse einen Kommentar