50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _Iris Radisch, Literaturkritikerin, Redakteurin, Autorin _ Hamburg
Bachmannpreisvorsitzende 2003 bis 2008
Bachmannpreisjurorin 1995 bis 2001
Liebe Iris, Du warst langjährige Jurorin und Juryvorsitzende beim Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum. Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Die Lebendigkeit, das Unvorhergesehene, der Zusammenstoß der Temperamente und Köpfe, das noch Unbegradigte der Literatur, man ist hier nah an der Quelle der literarischen Kreativität.
Wie hast Du als Jurorin die Lesungen, die Jurydiskussionen, die Preisverleihungen und die Begegnungen rundum erlebt?
Eigentlich ist es eine Überforderung für alle, für die Zuschauer und Zuschauerinnen, die Lesenden, für die Jury. Aber das ist gerade der Reiz, alle gehen an ihre Grenzen und manchmal darüber hinaus. Es gibt kein Skript, man weiß nie, was passiert. Es gibt wenig derartig Authentisches, das auch noch live im Fernsehen übertragen wird.
Wie gelingt es Objektivität zu bewahren?
Das gelingt überhaupt nicht und sollte in meinen Augen auch nicht der Anspruch sein. Gerade das Offene und manchmal auch Emotionale gehört dazu. Auch der Irrtum. Man kann Literatur nicht wie im Labor messen und sollte es in Klagenfurt vielleicht auch nicht versuchen. Da die Jury ja sehr groß ist, korrigieren sich die schlimmsten Dummheiten und Fehlurteile schon wieder. Der lebendige Streit und die unplanbare Diskussion über Literatur ist für mich lehrreicher als der höfliche Austausch von unangreifbaren Argumenten. Fehler passieren in so einem Zirkus natürlich, aber ist das wirklich so schlimm?
Wie hat sich diese Funktion auf Deinen weiteren beruflichen Weg ausgewirkt?
Dass ich hinterher auch wieder sehr gerne lange, möglichst objektive Literaturkritiken am Schreibtisch geschrieben habe – zum Ausgleich.
Was braucht der Bachmannpreis für eine zukünftige gute Entwicklung?
Tapfere Juroren und Jurorinnen, die sich trauen, überraschende Texte und ungewöhnliche Schreibweisen zu nominieren, auch mal wieder solche, die nicht schon sämtliche Verlagslektorate und Literaturagenturen durchlaufen haben.
Was möchtest Du aktuellen Juroren:innen, Teilnehmer:innen und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Ewig weitermachen und mutig bleiben.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Iris Radisch, geboren 1959 in Berlin, ist Literaturkritikerin, Redakteurin und Buchautorin. Seit 1990 schreibt sie für die Wochenzeitung Die Zeit, deren Feuilleton sie von 2013 bis 2021 leitete. Sie gehörte zum Team der ZDF-Sendung «Das literarische Quartett» und war Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, deren Vorsitz sie fünf Jahre innehatte. 2013 erschien das Buch Camus − Das Ideal der Einfachheit, das viele Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Ebenfalls bei Rowohlt erschienen Die letzten Dinge – Lebensendgespräche (2015) und Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben (2017). Iris Radisch | Rowohlt Verlag 22.6.2026

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Iris Radisch _ Thorsten Wulff_Rowohlt Verlag
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 22.6.2026