Liebe Birgit, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan lebe ich so, dass ich selten und wenn vor allem wochenends literarisch schreiben kann. Dann gehe ich mit meinem alten Laptop in mein Lieblingscafé hier in der Heidelberger Altstadt. Dort gibt es Licht, schwere Vorhänge, ein wunderbares Frühstück und sicherlich das, was solche Orte ausmacht: Geheimnisse. Natürlich liebe ich eh Cafés mit Charme und Tradition. Vor vielen Jahren habe ich in Prag gelebt und im Café Slavia am Moldauufer geschrieben. Damals traf ich dort auch Schriftstellerfreunde. Heute ist das Schreiben eine kleine Kostbarkeit, da ich als Wissenschaftlerin arbeite und mich aufgrund von großen gesundheitlichen Sorgen innerhalb der Familie viel um meine Liebsten kümmere.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir müssen die Demokratie verteidigen. Diese steht durchaus weltweit und allerorten unter Druck. Dazu ist es nötig, gegen Rechtsradikalismus, aber auch gegen Islamismus und jene Linken, die mit diesem in Schulterschluss gehen, vorzugehen. Unsere Städte, unsere europäischen Staaten müssen wieder ein sicherer Ort für Juden sein. Gegen steigenden Antisemitismus, aber auch Antiziganismus und gegen Menschenfeindlichkeit generell muss eingeschritten werden. Zentral ist, dass wir jenseits politischer Grabenkämpfe Gemeinsames finden und in der Gesellschaft wieder miteinander sprechen können. Gleichzeitig kommt es aber nicht nur auf das Wortefinden an, wir müssen auch handeln und, das sage ich bewusst pathetisch, das Gute unterstützen, etwa die Proteste im Iran, die mir Hoffnung machen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wie viele Dichter und Dichterinnen vor ihr hat Ingeborg Bachmann immer darüber nachgedacht, wie eine neue Sprache, eine, die uns Wege aufzeigt, nicht als Instrument außerhalb unserer selbst jedoch, sondern als genuin zu uns gehörig, aussehen könnte. Sie hat das beispielsweise in einer Kurzgeschichte verarbeitet, wo ein Vater sein Kind nicht in der Sprache der Täter, in und mit einer kontaminierten Sprache, erziehen möchte – jedoch an diesem großen Vorhaben zu scheitern scheint. Mir bedeutet in diesem Zusammenhang auch ihr Gedicht „Was wahr ist“ sehr viel: Hier treibt das „Wahre“ „Risse in die Wand“. Literatur kann einen Ort hinter dem Bestehenden aufzeigen, einen stets auch utopischen Ort, den wir nie erreichen, aber als Ziel ansteuern, anstreben können. Dialektisch kann sie zeigen, was noch nicht ist, aber sein könnte. Zum Purismus, zur Ideologie, darf dieses Vorhaben aber nicht gerinnen, wir haben im 20. Jahrhundert gesehen, was dies bedeutet. Es geht nicht darum, gegen das scheinbar schlechte Bestehende totalitär eine neue Reinheit etwa der Sprache zu proklamieren. Vielmehr ist das Ziel, dass Literatur uns Räume – des Denkens, Fühlens, Erfahrens – eröffnet, Türen aufstößt, uns staunen lässt, ohne dabei alles radikal dekonstruieren und zunächst zerstören zu müssen.
Was liest Du derzeit?
Oft lese ich mehrere Bücher parallel, so auch jetzt. Ich lese Han Kangs „The white book“, Miniaturen zur Farbe Weiß. Neben dem Bett liegen die Gedichte von Louise Glück, die große U.S.-amerikanische Lyrikerin, die man hierzulande nicht so kennt bisher. Dann lese ich noch ein älteres kleines Buch, Vilma Link, Vorzimmer, eine Art Novelle über das Büro aus weiblicher Perspektive. Das lese ich auch aus historischem Interesse, da ich mich für die Literatur, die Ideen und Vorstellungen der 1970er-Jahre sehr interessiere, vermutlich auch, weil ich in diesem Jahrzehnt geboren wurde. Christian Kracht, „Air“ habe ich ferner auf der Liste. Und gerade kam das Buch eines guten Freundes an, Olaf Dittmann, „Die Federn schwarz“, das werde ich natürlich auch lesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Dann nehme ich doch gern etwas von der großartigen Louise Glück: In ihrem Gedicht „Iris“ heißt es:
„At the end of my suffering
there was a door.“
Dieses Bild finde ich wundervoll, da es das Leiden nicht negiert, uns jedoch buchstäblich eine Tür zeichnet und zeigt.

Vielen Dank für das Interview, liebe Birgit, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen: Birgit Hofmann, Schriftstellerin, Wissenschaftlerin
Zur Person/über mich: Birgit Hofmann (*1975) lebt und arbeitet als Wissenschaftlerin in Heidelberg. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Für ihre Promotion über den „Prager Frühling“ erhielt sie den Hans-Rosenberg- Gedächtnispreis. Sie war Stipendiatin u.a. der Heinrich-Böll-Stiftung in Heidelberg und Wien und des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Prag, arbeitete als freie Journalistin und ist zertifizierte Online-Redakteurin. Für ihr literarisches Schreiben erhielt sie mehrere Auszeichnungen. So war sie eingeladen zum „Klagenfurter Literaturkurs“, mehrmals vertreten in der Endauswahl zum Publikumspreis beim „Wiener Werkstattpreis“, auf der Longlist beim Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb und Finalistin des Würth-Literaturpreises. Sie war Stipendiatin des Förderkreises deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg und der Scout-Finch-Stiftung. Zuletzt stand sie auf der Shortlist des Heidelberger Autor:innenpreises. Über B. Hofmann: https://www.pigeonpublishing.de/authors/birgit-hofmann
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7.2.2026_Interview_Walter Pobaschnig