„Pier Paolo Pasolini in persona“ Gespräche und Selbstzeugnisse. Wagenbach Verlag 2022

Das Wort im Hören, Dialog, Fragen und auch Schweigen war ein ganz wesentlicher Paramenter im so umfangreichen wie vielschichtigen Werk des italienischen Filmregisseurs, Dichters und Autors Pier Paolo Pasolini  (*1922 Bologna  +1975 ermordet in Rom). Dem Interview kommt dabei in verschiedensten Formen eine bedeutende Rolle zu. Für den gefeierten wie angefeindeten Künstler war das klar zur Sprache bringen, was Leben, Gesellschaft, Kunst betrifft und bewegt ganz wesentlich. Die vielen Interviews für Zeitungen, Fernsehen, Radio geben ein beeindruckendes Zeugnis davon. Ebenso auch der Zugang Pasolinis zum Interview als Kunstform in der Selbstbefragung. Pasolini liebte das Wort im Gesagten wie Ungesagten.

Der vorliegende Interviewband gibt nun einen wunderbaren Über- und Einblick in den Künstler Pasolini als Befragten in einem Zeitrahmen von Ende der 1950er Jahre bis zu seinem Tod 1975. Persönliche Zugänge zur Kunst, biographische Stationen, Schwerpunkte künstlerischer Tätigkeit wie gesellschaftliche Stellungnahmen zu Entwicklungen der Zeit bilden dabei den Mittelpunkt und lassen Positionen Pasolinis klar sichtbar werden.

Beeindruckend ist wie offen Pasolini über sein Leben, Familie, Erfahrungen, Wege der Kunst spricht und dabei deutlich macht, wie wichtig Authentizität als Suche nach Wahrheit in Leben und Kunst für ihn war. Es ist ein universeller Wert, dem er sich in Anstrengung und Konsequenz verpflichtet weiß. Der Dialog, ob mit dem Publikum im Kino, den Leser:innen seiner Gedichte, Schriften oder im Interview, ist dabei der entscheidende Angelpunkt von Erkenntnis und Verstehen als Brücke von Kunst und Leben. Pasolini ist auch in der Interviewform sehr direkt und scheut nicht klare Aussagen und Positionen.

„Pasolini im Gespräch, das bedeutet intellektuellen Mut und unendliche Zärtlichkeit für Mensch und Leben.“

Pier Paolo Pasolini in persona“ Gespräche und Selbstzeugnisse. Wagenbach Verlag 2022

Walter Pobaschnig 8_22

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„Grimassen. Verfolger Tod“ Jacqueline Thör, Schriftstellerin _Give Peace A Chance _ Recklinghausen/D 18.8.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Grimassen. Verfolger Tod

In gerade erst geborenen Gesichtern

Viele, Tausende, doch

Ein Schrei

Peace? No Peace.

Ein weiteres.

Auf dem Kopf die kleine

Cappy

Eilend; im Sprung.

Als Ranzen das Gewehr. Lässig, über der Schulter

Chance? No chance.

Heute über Trümmer wie über Mauern, heute

Abschiednehmen für?

Nachts wach – en.

Chance? No chance. Denn

Endlos währt der Krieg der Älteren


Jacqueline Thör, 18.8.2022

Jacqueline Thör, Schriftstellerin  

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Jacqueline Thör, Schriftstellerin  

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 10.8.2022.

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„Literatur muss das Wesentliche ausdrücken“ Andreas Praller, Schriftsteller _ Hamburg 18.8.2022

Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wache auf und denke über die Interviewfrage nach, wie mein Tagesablauf aussieht. Und um sie gut zu beantworten, versuche ich, mich auf ebendiesen Tagesablauf zu konzentrieren: zum Beispiel auf das Kochen von Kaffee, auf die Gespräche mit meiner Freundin, die mich erfüllen –  ach ja: und mein Geld verdiene ich als Erzieher, ich arbeite mit Grundschulkindern. In den Sommerferien bin ich mit meinen eigenen Kindern zum Haus meiner Kindheit gereist. Sie haben dort aufschlussreiche Entdeckungen gemacht!

Andreas Praller, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns alle als Lebewesen ist es natürlich besonders wichtig, die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten zu erhalten – da sind wir uns doch alle einig, oder?  Als Individuen ist uns nicht allen dasselbe (gleich-)wichtig –  genau deshalb, weil wir Individuen sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Was ist denn ein Aufbruch? Etwas bricht auf, was vorher verschlossen war, nicht sichtbar. Das ist ein Geschehnis. Und es ist ein Entschluss und eine Entschließung und eine Öffnung. Und es ist immer wieder etwas Neues.

Und „was wird dabei wesentlich sein“? Wesentlich wird dabei ein Wesen sein (an dem sichtbar wird, was Menschen sein können).

Und die „Rolle der Literatur, der Kunst“?  Der Literatur (als Kunst) kommt dabei keine Rolle zu, denn dies ist kein Theater, in dem Rollen verteilt und gespielt werden, sondern das echte Leben. Und darin muss auch die Literatur (als Kunst) nur sie selbst sein, also das Wesentliche ausdrücken: Das Wesen. Ich denke dabei an ein bestimmtes Wesen, und Andere denken an andere Wesen. Individuen ticken nicht synchron – und deshalb gibt es auch keinen kollektiven gesellschaftlichen „Aufbruch und Neubeginn“, wie die Frage suggeriert. Es ist ein punktuelles Phänomen – aber deshalb nicht weniger bedeutsam.

Was liest Du derzeit? 

Die Mitteilungen meiner Freundin! Und: Zeitungen, gute Zeitungen. Und: Niklas Luhmann – kommt bei mir immer wieder hervor, seit den Neunziger Jahren schon.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„…Und offenbar gab „es“ eine Zeit, in der Zeit und Raum noch auf eine geradezu minimalistische Weise eins waren. Und davor gab es noch nicht mal nichts, weil es kein Davor gab – genauso wie es nichts gibt, was nördlich vom Nordpol ist. Es gibt offenbar etwas, was sich uns nicht offenbart, was wir nicht ergründen können, weil es keinen Grund hat. Sicher ist jedenfalls, dass Menschen inzwischen ein Gerät konstruiert haben, mit dem sie (also wir) so weit in den Weltraum hinein schauen können, dass dies (aufgrund der Zeit, die das Licht braucht, um uns zu erreichen) zugleich bedeutet, in eine andere Zeit zurück zu schauen, in eine frühe Phase des Universums, als die Elemente entstanden, aus denen alles entstehen würde, also auch wir selbst – eine irritierende Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Was bedeutet das jetzt für unser Leben? Zunächst einmal, dass es einfach erstaunlich ist: Diese Entstehung von letztlich aus Sternenstaub entstandenen Stern-Entstehungs-Beobachtern…“

Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Andreas Praller, Schriftsteller

Foto_privat.

4.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Schöne im Werk Ingeborg Bachmanns“ Zur Aktualität einer zentralen ästhetischen Kategorie nach 1945. Lina Uzukauskaite. Universitätsverlag Winter.

Es ist ein umfassendes, vielschichtiges Werk, welches die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann verfasste und das bis heute vielseitig inspiriert. Die neu erscheinende Werkausgabe Ingeborg Bachmanns bietet dabei stetig neue Einblicke in Textvarianten wie persönlichem Austausch in Briefwechsel wie Dokumenten.

Neue Einblicke bietet auch die vorliegende Studie der litauischen, in Salzburg lehrenden, Literaturwissenschafterin Lina Uzukuauskaite, die mit einer genialen Herausarbeitung ästhetischer Kategorie ein neues innovatives Licht auf die Bachmannforschung wirft, welches begeistert staunen lässt.

Die Autorin, langjährige ausgezeichnete Kennerin des Bachmann Gesamtwerkes, geht in Lyrik, Prosa, Hörspiel und dem Roman „Malina“ den literarischen Spezifika des Schönen in ästhetischer Konzeption und literarischer Komposition ein und eröffnet damit ganz neue Einblicke auf ein Werk, das bisher in den Deutungskategorien zwar vielfältig aber dies bisher noch nicht umfassend in den wissenschaftlichen Blick nahm.

Die kommenden Gedenkjahre an Ingeborg Bachmann bekommen damit einen wichtigen Impuls und es wird mit Aufmerksamkeit und Spannung zu sehen sein, wie dies in der Forschung aufgenommen und fortgeführt werden wird.

Neben FachwissenschafterInnen werden aber auch Lesebegeisterte einen vielseitig besonderen Gewinn aus dieser hervorragenden wissenschaftlichen Arbeit ziehen können.

„Ein Geschenk für begeisterte Bachmann LeserInnen wie die Literaturwissenschaft

„Das Schöne im Werk Ingeborg Bachmanns“ Zur Aktualität einer zentralen ästhetischen Kategorie nach 1945. Lina Uzukauskaite. Universitätsverlag Winter.

https://www.winter-verlag.de/de/detail/978-3-8253-4820-5/Uzukauskaite_Das_Schoene_im_Werk_Bachmanns/

Walter Pobaschnig 8_22

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„Wir können schöne Erlebnisse schaffen“ Alyssandra Singh, Schauspielerin _ Wien 17.8.2022

Liebe Alyssandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Leben spielt im Rampenlicht, die Bühne bietet mir die Plattform meine Zuseher zu begeistern.

Jeder Tag sieht bei mir derzeit anders aus, u.a. ob bei dem Dreh das Licht des Sonnenaufgangs, normales Tageslicht oder ein Nachtsetting gewünscht ist. Es gibt Tage, da stehe ich bereits um 7:00 morgens im Festsaal, um noch eine letzte technische Probe durchzuführen, bevor die Veranstaltung, bei der ich moderiere, präsentiere oder auf den Aerial Silks performe, um 9:00 startet. Eines der Theaterstücke, bei dem ich demnächst spiele, geht bis kurz vor Mitternacht. Bis ich dann anschließend das Bodypainting, das aufwendige Make-Up und Haarstyling entfernt habe, vergehen meist weiter 1-2 Stunden. Das heißt, es wird 2 Uhr nachts, bis ich endlich ins Bett komme.

Was bei mir an keinem Tag fehlen darf, ist der morgendliche Kaffee, das Beantworten von E-Mails und Nachrichten, das Einlesen in aktuelle wirtschaftliche und Finanz-relevante Geschehnisse, Stimm- und Aerial Silks Training, als auch die Telefonate mit meinen Liebsten. Die Highlights meines Lebens teile ich auch gerne auf meinen Social Media Kanälen und meiner Webseite alyssandra-singh.com .

Alyssandra Singh, Schauspielerin, Moderatorin, Aerial Silks Akrobatin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir sind in einer Zeit mit vielen Veränderungen und die Sehnsucht nach Stabilität und schönen Erlebnissen ist bei vielen sehr groß. Diese Stabilität und innere Ruhe finden wir bei uns selbst: Zum Beispiel beim bewussten Genießen der eigenen Lieblingsmusik und Meditationen.

Die schönen Erlebnisse können wir schaffen, indem wir zum Beispiel geliebte Menschen regelmäßig treffen oder wir uns bei einem Theaterstück in eine andere, wunderschöne (Fantasie-) Welt eintauchen.

Wichtig ist gerade in solche Zeiten zu verstehen: Was bereitet uns Freude? Wie kann ich das, was mir Freude bereitet, auch tun und umsetzen? Freude gibt uns die Kraft, um mit den Veränderungen und Situationen umzugehen, die uns fordern.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Wichtigste aus meiner Sicht ist, all dem was kommt, mit einem Lächeln entgegenzutreten. Es wird Situationen geben, die wird man kaum verändern können. Wir können uns jedoch entscheiden, ob wir diese Situationen mit einem Lächeln annehmen oder mit Hass daran innerlich zerbrechen.

Die Kunst hat die Möglichkeit, die Zuseher zum Lachen zur bringen, ihnen Freude zu bereiten und in wunderschöne Fantasiewelten einzutauchen. Weiters kann die Kunst dabei helfen, die Geschehnisse aus anderen Perspektiven zu betrachten und somit dem oder anderen zu helfen, zum Beispiel, Veränderungen als neue Chancen wahrzunehmen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese derzeit sehr viel tiefgründige Informationen zum Thema Finanzsysteme, Volksökonomie und Rechtssysteme. Mir persönlich ist es wichtig zu verstehen, welche Möglichkeiten und Gefahren es für uns als Gesellschaft gibt und in welche Richtung sich die Politik, Finanz- und Wirtschaftssysteme weltweit entwickeln.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Selbstverantwortung, Empathie und Wertschätzung sind meine persönlichen ,,Schlüssel“ zur Glückseligkeit.

Alyssandra Singh, Schauspielerin, Moderatorin, Aerial Silks Akrobatin

Vielen Dank für das Interview liebe Alyssandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Alyssandra Singh, Schauspielerin, Moderatorin, Aerial Silks Akrobatin

Fotos_privat.

23.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gedanken aus Ginster, wispernder Störenfried von Gethsemane“ Gundula Schiffer, Schriftstellerin_ Give Peace A Chance _ Köln 17.8.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gedanken aus Ginster, wispernder Störenfried von Gethsemane

Irrgänger in den Dachsparren meines durchwühlten Stübchens

Vögel scharren im Rollladenkasten all di yorn ihr unsicheres Nest

Ein Fest-Sitzen gegen den Fluchinstinkt, meine gemästeten Hände

P assanten sind mir zur Spucke worden und die Poesie pudert sich

Ein Totengräbergesicht, stumm, fletscht die Lefzen, zuckt zuletzt

Als ich lerne, Ukrainisch: heißt „Grenze“ ihr kämpfendes Segment

Chasaren galoppieren über den Tisch, ist unzerstörbar der Kusari

Ein Backwerk das keine Kornkammer kennt wer hat Angst vor

Apologie die ein Vertrag(en) ist gegen Frühlingsopfer – Le sacre!

Chöre schicken ein Kreischen, capisce? Selbst unter Kirschblüten

Herrscht Krieg. Blut zum Zeichen – wer überspringt mein Odessa?

Arbiträr sagt Herr Saussure was für mich schützend klingt: Mariupol

Nach Maria, Metropolis, starke Kraft, Mitternacht, das Komplet, die

Chemie stimmt hier nicht, dies Waffen-Eisen zischt: ein Kurzschluss

Eile, zeig ihnen deine Papiere, Jehuda, das Längerfristige, Liebster!

Gundula Schiffer, 5.8.2022

Gundula Schiffer_Dichterin, Übersetzerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Gundula Schiffer, Dichterin, Übersetzerin

www.gundula-schiffer.de

Foto_Simone Scharbert

Walter Pobaschnig _ 5.8.2022.

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„Macht den Preis zu was Neuem“ Mara Genschel, Schriftstellerin _ 46. Bachmannpreis_Rückblickinterview _ Klagenfurt 17.8.2022

Mara Genschel, Schriftstellerin _ Berlin
_ Bachmannpreisteilnehmerin 2022

Liebe Mara, wie sieht Dein Rückblick auf die Literaturtage in Klagenfurt 2022 aus?

Das ist eine riesige Bühne.

Die Aufmerksamkeit, die man dort hat, steht in keinem Verhältnis zur sonstigen Arbeit, jedenfalls nicht in der unabhängigen Literaturszene, was übrigens schade ist. Ich wollte das genießen, damit spielen, es ausreizen. Wirklich als Erweiterung meines Arbeitsfeldes: wie kann ich mich performativ da einklinken, welche Bilder will ich erzeugen. Ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ein Erfolg nicht zwingend an eine Auszeichnung gekoppelt sein wird.

Was war für Dich erwartet was überraschend?

Im Kontext des Bachmannpreises kursieren bekanntlich jede Menge Rituale und
Gepflogenheiten, die dort auch sorgfältig am Leben gehalten werden. Ich sehe das als
Teil meiner Arbeit, gerade auch in ihrem performativen Aspekt: ein bestimmtes
ritualisiertes Verhalten aufzuklappen, zu spiegeln, zu vergrößern. Und zwar sowohl im
Text selbst, als auch in meinem öffentlichen Verhalten als Autorin.

Was meinen Auftritt betrifft, war klar: die einen werden vor den Kopf gestoßen sein, den
anderen geht es nicht weit genug. Sobald ein Vorgehen von der Norm abweicht, werden
die Referenzen gern chaotisch und irgendwie gigantoman, gerade von konservativer
Seite. Nach dem Motto „dann hätte sie wenigstens das Studio in die Luft jagen müssen“.

Dass es viele im Publikum gefeiert haben, führte wiederum schnell zum Kleinkunstvergleich. Wenn das die Definition von Kleinkunst ist, dass Leute lachen und angeregt sind, dann mache ich gern Kleinkunst.


Grundsätzlich habe ich geschaut, wie ich mich „unregelmäßig“ verhalten kann. Ich bin
nicht beim traditionellen Empfang des Bürgermeisters (vorm. FPÖ) gewesen, weil ich
denke, dass es absurd wäre, meine Präsenz in den Dienst so einer Politik zu stellen.
Vermutlich ist diese reine Abwesenheit kaum jemandem aufgefallen. So etwas müsste
konzertierter, geschlossener inszeniert werden, damit es als Zeichen gelesen werden
kann. So war es eher eine private Entscheidung, die sicher auch andere schon getroffen
haben. Elias Hirschl war zum Beispiel auch nicht dort.

Sehr stark fand ich wiederum, dass wir Teilnehmenden es am Ende, bis kurz vor der
Verleihung fast geschafft hätten, alle Preise geschlossen unter uns aufzuteilen. Es
fehlten letztlich nur zwei Stimmen. Das hat mich vielleicht am meisten überrascht, wie
zugewandt und solidarisch die Stimmung bei allen, gerade auch den sogenannten
„Favoriten“ war. Man merkt, dass es inzwischen einfach andere Fragen im
Selbstverständnis von Schriftsteller*innen gibt, die eben nicht nur die individuelle
Karriere betreffen.


Wie beurteilst Du das diesjährige erstmalige Setting der Zweiteilung in Lesebühne
und der Jury im Studio?


Als ich davon erfahren habe, hab ich schon erstmal geflucht, weil mich gerade das
typische Bachmannpreissetting am meisten interessiert hatte: in einer Situation zu
lesen, die komplett künstlich ist, einem Studio, und eben NICHT auf der klassischen
Lesebühne.

Davon abgesehen war die Bühne im Garten dann natürlich ein wundervolles Fernseh-Klischee. Im Grunde doppelt künstlich, das hat mir wieder gefallen. Die Jury war dort allerdings sehr ausgeblendet und eigentlich hätte ich gerne mehr Kontakt zur Jury gehabt, auch spielerisch. Ich habe später ja auch versucht, mich ins Gespräch einzuklinken. Ich fürchte, durch die zusätzliche, interne Übertragung hatte das leider was Schwerfälliges. Das denke ich jetzt auch, wenn ich an Philipp Tingler denke. Ich würde mich gern mit ihm besaufen und über seinen Performancebegriff diskutieren.

Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?

Inspiration weniger, vor allem Erfahrung – die Arbeit mit „dem Fernsehen“, auch schon
im Vorhinein mit dem ZDF für das Portraitvideo. Die Arbeitsteilung, die Zuständigkeiten
und die Abläufe, auch in dieser Dimension des Literaturbetriebs. Das war für mich alles
total neu und aufschlussreich.

Was möchtest Du kommenden Teilnehmer:innen mitgeben?

Verbündet euch. Macht den Preis zu was Neuem.

Liebe Mara, herzlichen Dank für Dein Interview und Deine Fotoimpressionen, viel Freude und Erfolg weiterhin!

Bachmannpreis 2022_im Rückblickinterview:

Mara Genschel, Schriftstellerin_Berlin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2022

https://hoeherevasen.wordpress.com/

46.Bachmannpreis _ Tage der deutschsprachigen Literatur _ Klagenfurt 22. – 26.6.2022

Alle Fotos/Farbe_Mara Genschel; ORF Garten Lesebühne _Walter Pobaschnig

Interview _Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig 8_22

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„Ich möchte im Theater Thesen, Antithesen und Hypothesen.“ Okan Cömert, Schauspieler _ Wien 16.8.2022

Lieber Okan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen. Duschen. Frühstücken. Text ackern. Proben. Kochen. Text ackern.

Proben. Duschen. N Bierchen zwitschern. Mit meiner Frau telefonieren. Ein paar Folgen Modern Family anschauen. Schlafen

Okan Cömert, Schauspieler 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sparen…

Kommt ganz auf die Priorisierung an. Allgemein gesprochen: Hungersnot beenden, die knapp 20-30 existierenden Kriege bzw Konflikte beenden, die Klimakatastrophe aufhalten, postkoloniale Strukturen brechen. Rassismus und Sexismus bekämpfen und und und. Es gibt eine Reihe von ganz besonders wichtigen Dingen. Ganz sicher den Kopf nicht in den Sand stecken. Lösungsorientiert bleiben, im eigenen Kosmos und auch darüber hinaus, wohin der eigene Radius halt ausreicht. Auch wenn vieles in eine sehr dunkle Richtung zu gehen scheint, gibt es viele Fortschritte in der Welt in unterschiedlichsten Bereichen. Wer hätte sich vor 20 Jahren vorstellen können, dass Drucker entwickelt werden, die lebendes Gewebe herstellen können…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das ist eine sehr schwierige Frage…

Also ganz abgesehen von den zeitgeistlichen Themen wäre es sehr wünschenswert, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, im Theater auf eine Live-Kamera, die Videos auf einer Leinwand projiziert, um wettbewerbsfähig mit Film und Fernsehen sein zu können oder dadurch bemüht ist eine Unmittelbarkeit zu erzeugen, zu verzichten. Oftmals ist es linear und einfallslos.

Das bereits existierende Misstrauen gegeneinander und die soziale Verdrossenheit wuchsen während der Pandemie gegenüber allem. Gegenüber der Politik, der Begegnung von Menschen. Die körperliche Angst vor einer Infektion führte zu einer sozialen Entfremdung.

Ja bescheuert, wenn man die ganze Zeit über „social distance“ spricht.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Psychotherapie brauchen, ist horrend angestiegen.

Klimawandel. Wirtschaftskrise. Echo Chamber. Jeder Mensch im Internet ist nur noch ein berechenbares lukratives Objekt. Inflation. Geostrategische Machterweiterung sind wieder total in.

Und das ist ja nur ein kleiner Teil von all dem, was passiert. Und auch sehr beeinflusst von den öffentlichen Medien. Es gibt so viel zu erzählen. Und viele Dinge wiederholen sich, als würden wir nur sehr wenig von der Geschichte lernen. Aber das ist ja auch nicht zur Gänze war. Natürlich nicht. Das Theater sollte nicht genauso wie ich jetzt fast durchgängig mit einer Problemübersicht beschäftigt sein, sondern auch Möglichkeiten, Optionen, Wünsche, Träume und optimistische Zukunftsaussichten schaffen. Beides ist die Aufgabe des Theaters. Ich möchte im Theater Thesen, Antithesen und Hypothesen. Weg von Verallgemeinerungen, hin zu komplexeren Zusammenhängen. Mehr Perspektiven.

Ein sehr geschätzter Schauspielkollege, Günter Gräfenberg hat mir von 5 Dingen erzählt, die einem Menschen ein langes Leben schenken sollen:

Neugier. Dankbarkeit. Optmismus. Humor. Enthusiasmus. Und genau das braucht das Theater auch und wird es immer brauchen.

Was liest Du derzeit?

Zum erneuten Male habe ich begonnen das Silmarillion von J.R.R. Tolkien zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Einsicht eines Menschen leiht ihre Flügel keinem anderen“

Khalil Gibran

Vielen Dank für das Interview lieber Okan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Okan Cömert, Schauspieler 

Fotos_Marco Riebler

5.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gründe, um einen Krieg anzuzetteln, gibt es scheinbar viele“ Silke Tobeler, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _Hamburg 16.8.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Gründe, um einen Krieg anzuzetteln, gibt es scheinbar viele

Immer hat einer irgendwann irgendetwas

Verlangt oder gesagt, was der andere nicht (mehr?) hinnehmen mag –

Eine Bagatellisierung?

Prüfen wir doch die Kriege, die andere vom Anzetteln bis zum Sieg oder Niederlage erlebten, ich zum Glück nicht.

Erich Kästner schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg das Gedicht

Als der nächste Krieg begann – über den

(Bes)Chluss

Einfach Nein zu sagen. Ist das naiv?

Anfangen mit dem Pazifismus, hätten wir alle viel früher müssen.

Chronische Vergesslichkeit scheint eine Weltkrankheit zu sein.

Hatte Karl Kraus nicht vor hundert Jahren vorm Ende der Menschheit gewarnt?

Anzunehmen, dass Waffen Frieden schaffen, erscheint mir

Naiv. Aber wer bin

iCh, um darüber

Ein Urteil fällen zu können?


Silke Tobeler, 9.8.2022

Silke Tobeler, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Silke Tobeler, Schriftstellerin, Kunstbloggerin

WILLKOMMEN

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 9.8.2022.

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„Der Kreis des Weberknechts“ Ana Marwan. Roman. Otto Müller Verlag

Ana Marwan, Bachmannpreisträgerin 2022 _ Im Interview _
Station bei Malina_Wien_Walter Pobaschnig _

Pressebüro Evangelische Kirche _ Foto: Marco Uschmann,

Jetzt sitzt er im Flugzeug. Am Weg zu einem Begräbnis. Und denkt dabei auch an das eigene und aller an Bord, denkt an den Absturz, den Tod. Wie wohl alle einmal in der Luft, beim Start, der Landung.

In der Berichterstattung darüber wäre er ein Teil der Gesamtsumme der Toten. 224. Mehr wohl nicht. Aber immerhin. „…Man hat oft genug das Pech alleine zu sterben.“ Aus diesen Gedanken und lebend wieder am Boden angekommen, geht es zum Friedhof. Zum Tod und doch ins Leben hinein. Zu Kontakten mit Menschen, die es sonst nicht gibt für ihn. Denn er hat als Lebensform das Alleinsein gewählt und das ist Glück für ihn, „eine Art Einsamkeit, die er vollkommen nannte.“

Gerda weint. Und jetzt brechen Leben, Leiden, Schuld, Gewissen vor ihm auf. Wie ein Absturz. Doch er denkt nach, kein Mitleid, geht weiter. Und dann Mathilde an der Zugstation. Die 8 und die 9. Hausnummern. Nachbarschaft. Ein Gespräch, und Netze beginnen sich zu spinnen. Fein, fest, ohne Ziel…

„Wir sehen uns bestimmt wieder.“

Ein Weg, ein Flug beginnt für ihn und er weiß nicht wohin seine Gedanken, seine Einsamkeit und die Welt herum führen werden…

Ana Marwan, Bachmannpreisträgerin 2022, begeistert in ihrem Debütroman mit einem Sprachzauber, der vom ersten Satz an in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Hier kommt jedes Wort, jeder Satz aus dem pochenden literarischen Herz der Möglichkeiten von Form und Inhalt modernen Erzählens und Ana Marwan greift nach diesen selbstbewusst und genial. Da sind Überraschung, Spannung, Humor, ganz feine Ironie und immer wieder vieldeutige Textimpulse, die Sinn und Unsinn von Mensch und Welt auf den Punkt bringen und wieder in die Luft werfen.

Es ist eine spielerische Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, die Ana Marwans Sprache auszeichnet und einzigartig macht. Ein sensationelles Romandebüt, das modernes Erzählen neu definiert!

„Der Kreis des Weberknechts“ Ana Marwan. Roman. Otto Müller Verlag

Interview_Ana Marwan 7_2022

Literatur – Bachmannpreis

Walter Pobaschnig 7_22

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