„Macht den Preis zu was Neuem“ Mara Genschel, Schriftstellerin _ 46. Bachmannpreis_Rückblickinterview _ Klagenfurt 17.8.2022

Mara Genschel, Schriftstellerin _ Berlin
_ Bachmannpreisteilnehmerin 2022

Liebe Mara, wie sieht Dein Rückblick auf die Literaturtage in Klagenfurt 2022 aus?

Das ist eine riesige Bühne.

Die Aufmerksamkeit, die man dort hat, steht in keinem Verhältnis zur sonstigen Arbeit, jedenfalls nicht in der unabhängigen Literaturszene, was übrigens schade ist. Ich wollte das genießen, damit spielen, es ausreizen. Wirklich als Erweiterung meines Arbeitsfeldes: wie kann ich mich performativ da einklinken, welche Bilder will ich erzeugen. Ich habe mir von Anfang an gesagt, dass ein Erfolg nicht zwingend an eine Auszeichnung gekoppelt sein wird.

Was war für Dich erwartet was überraschend?

Im Kontext des Bachmannpreises kursieren bekanntlich jede Menge Rituale und
Gepflogenheiten, die dort auch sorgfältig am Leben gehalten werden. Ich sehe das als
Teil meiner Arbeit, gerade auch in ihrem performativen Aspekt: ein bestimmtes
ritualisiertes Verhalten aufzuklappen, zu spiegeln, zu vergrößern. Und zwar sowohl im
Text selbst, als auch in meinem öffentlichen Verhalten als Autorin.

Was meinen Auftritt betrifft, war klar: die einen werden vor den Kopf gestoßen sein, den
anderen geht es nicht weit genug. Sobald ein Vorgehen von der Norm abweicht, werden
die Referenzen gern chaotisch und irgendwie gigantoman, gerade von konservativer
Seite. Nach dem Motto „dann hätte sie wenigstens das Studio in die Luft jagen müssen“.

Dass es viele im Publikum gefeiert haben, führte wiederum schnell zum Kleinkunstvergleich. Wenn das die Definition von Kleinkunst ist, dass Leute lachen und angeregt sind, dann mache ich gern Kleinkunst.


Grundsätzlich habe ich geschaut, wie ich mich „unregelmäßig“ verhalten kann. Ich bin
nicht beim traditionellen Empfang des Bürgermeisters (vorm. FPÖ) gewesen, weil ich
denke, dass es absurd wäre, meine Präsenz in den Dienst so einer Politik zu stellen.
Vermutlich ist diese reine Abwesenheit kaum jemandem aufgefallen. So etwas müsste
konzertierter, geschlossener inszeniert werden, damit es als Zeichen gelesen werden
kann. So war es eher eine private Entscheidung, die sicher auch andere schon getroffen
haben. Elias Hirschl war zum Beispiel auch nicht dort.

Sehr stark fand ich wiederum, dass wir Teilnehmenden es am Ende, bis kurz vor der
Verleihung fast geschafft hätten, alle Preise geschlossen unter uns aufzuteilen. Es
fehlten letztlich nur zwei Stimmen. Das hat mich vielleicht am meisten überrascht, wie
zugewandt und solidarisch die Stimmung bei allen, gerade auch den sogenannten
„Favoriten“ war. Man merkt, dass es inzwischen einfach andere Fragen im
Selbstverständnis von Schriftsteller*innen gibt, die eben nicht nur die individuelle
Karriere betreffen.


Wie beurteilst Du das diesjährige erstmalige Setting der Zweiteilung in Lesebühne
und der Jury im Studio?


Als ich davon erfahren habe, hab ich schon erstmal geflucht, weil mich gerade das
typische Bachmannpreissetting am meisten interessiert hatte: in einer Situation zu
lesen, die komplett künstlich ist, einem Studio, und eben NICHT auf der klassischen
Lesebühne.

Davon abgesehen war die Bühne im Garten dann natürlich ein wundervolles Fernseh-Klischee. Im Grunde doppelt künstlich, das hat mir wieder gefallen. Die Jury war dort allerdings sehr ausgeblendet und eigentlich hätte ich gerne mehr Kontakt zur Jury gehabt, auch spielerisch. Ich habe später ja auch versucht, mich ins Gespräch einzuklinken. Ich fürchte, durch die zusätzliche, interne Übertragung hatte das leider was Schwerfälliges. Das denke ich jetzt auch, wenn ich an Philipp Tingler denke. Ich würde mich gern mit ihm besaufen und über seinen Performancebegriff diskutieren.

Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?

Inspiration weniger, vor allem Erfahrung – die Arbeit mit „dem Fernsehen“, auch schon
im Vorhinein mit dem ZDF für das Portraitvideo. Die Arbeitsteilung, die Zuständigkeiten
und die Abläufe, auch in dieser Dimension des Literaturbetriebs. Das war für mich alles
total neu und aufschlussreich.

Was möchtest Du kommenden Teilnehmer:innen mitgeben?

Verbündet euch. Macht den Preis zu was Neuem.

Liebe Mara, herzlichen Dank für Dein Interview und Deine Fotoimpressionen, viel Freude und Erfolg weiterhin!

Bachmannpreis 2022_im Rückblickinterview:

Mara Genschel, Schriftstellerin_Berlin _ Bachmannpreisteilnehmerin 2022

https://hoeherevasen.wordpress.com/

46.Bachmannpreis _ Tage der deutschsprachigen Literatur _ Klagenfurt 22. – 26.6.2022

Alle Fotos/Farbe_Mara Genschel; ORF Garten Lesebühne _Walter Pobaschnig

Interview _Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig 8_22

https://literaturoutdoors.com

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