Lieber Reinhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin momentan sehr mit Schreibarbeit eingedeckt: dem Fertigstellen meiner Promotion, dem Fertigstellen von meinem nächsten Lyrikmanuskript, das in Kürze bei der Wiener Edition Melos erscheint; wenn dann noch Zeit bleibt, arbeite ich an meiner Kurzgeschichtensammlung.
Und, es steht ein Neuanfang mit meiner Partnerin bevor: wir werden von Würzburg nach Wien umziehen.
Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist schwierig, auf die aktuelle Weltlage und unsere Probleme – Ukraine-Konflikt, Pandemie, Umweltzerstörung – schnelle und richtige Antworten zu finden. Andererseits ist zeitlos, was uns als Gesellschaften zusammenhält: Engagiert sein, die und den Anderen ‚sehen‘, wo man kann die eigene Stimme einsetzen, für Solidarität und für Frieden, der niemals selbstverständlich ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Auch hier fällt mir vermutlich bloß etwas Altbackenes ein, das dennoch wichtig bleibt: die Kunst als Vermittlerin zwischen uns Individuen, als eine Sprache vorerst ohne Verzweckung, ohne Funktionszusammenhang, die uns dadurch zur humanen, humanistischen Verständigung dienen kann.
Was liest Du derzeit?
Ferdinand von Schirachs Roman „Tabu“, und die aktuellen Short Stories von T.C. Boyle, „Sind wir nicht Menschen“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Früher in der Zeit vor der Box, hatten meine Tochter und ich ein Freitagnachmittagsritual: Ich hielt auf dem Heimweg bei dem italienischen Restaurant gleich um die Ecke von unserem Haus, trank etwas, plauderte ein bisschen mit denen, die ich kannte, und rief dann Katie an und lud sie zu unserem Vater-Tochter-Abendessen ein, um ein wenig Zeit nur mit ihr zu verbringen, in ihr zu lesen, an den Gedanken und Gefühlen einer jungen heranwachsenden Frau teilzuhaben. Aber das taten wir nicht mehr.“
Aus: T.C. Boyle, „Wiedererleben/Sind wir nicht Menschen. Stories“
Vielen Dank für das Interview lieber Reinhard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer
Foto_Susanne Schäflein
3.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Wecker klingelt um 07:07 Uhr (ich liebe die Sieben), manchmal bin ich vorher wach. Ich mag es, ein wenig Zeit zu spüren und langsam sein zu dürfen, bevor der Tag seine Imperative rausholt.
Meine Arbeit als Bestatterin kann sehr unterschiedliche Elemente enthalten: Gespräche mit Angehörigen, Totenfürsorge, Trauerfeiern, Verstorbene vom Sterbeort abholen, Schreibtischarbeit und Formalitäten, vorbereiten von Ritualen und Zeremonien.
Da ich, zwar nur noch wenig, auch als freie Texterin arbeite, sitze ich abends manches Mal am Schreibtisch und schreibe noch.
In den freien Momenten schreiben sich meine Gedichte aufs Papier und die Geschichten.
Bettina Strang, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt manches, was mir zeitlos wichtig erscheint. Das Innehalten zum Beispiel. Das Wundern. Das Hinsehen, Zuhören, Aussprechen. Der Mut. Das Miteinander.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Mut wird wesentlich sein. Die Bereitschaft sich selbst und die Welt wirklich anders zu denken und zu leben. Literatur und Kunst empfinde ich als Wegweiser, Heimat von Utopien und atemberaubenden Ausdruck des Menschseins. Sie ist ein Motor, eine Lupe, ein Zufluchtsort, ein Seziermesser, eine Hoffnung, ein Pflaster und eine Wonne.
Was liest Du derzeit?
Don DeLillo – Die Stille
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es gibt kein Dazwischen“, sagte ich. „Jeder Ort, an dem wir vorbeifahren, ist in diesem Moment hier. Dazwischen ist eine Illusion.“
(Russel Hoban – Turtle Diary)
Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Einen Augenblick bitte!“, so beginnt im Alltag einer hektischen Großstadt oft ein Gespräch im besonderen Moment einer Aufmerksamkeit. Ein Wiedererkennen, Erinnern oder Mitteilen kann der Grund sein. Es ist gleichsam ein Anhalten des rasenden Tempos der Bewegung der Vielen im Vielen. Ein „Augenblick“ nimmt dabei das Tempo heraus und hält fest. Den Blick der Augen im Moment. Den Dialog von Mensch zu Mensch. Von Linse zu Linse.
Fotografie ist eben dieser Dialog von Mensch zu Mensch. Ein Dialog im Bild. Eine Momentaufnahme des flüchtigen Lebens. Ein Festhalten der Zeit. Erinnern und wiederbegegnen.
Die Fotografie des Stadtlebens ist eine besondere Form der Kunst wie des menschlichen Dialoges. Es ist der individuelle Blick auf das Allgemeine, das immer das Besondere ist. Ein einmaliger unwiederholbarer Moment. Mensch. Zeit, Bild.
Die Ausstellung „AUGENBLICK!“ STRASSENFOTOGRAFIE IN WIEN, vom 19. Mai 2022 bis 23. Oktober 2022 im Wien Museum MUSA, 1010 Wien, Felderstraße 6–8, gibt einen beeindruckenden Überblicküber die Straßenfotografie Wiens im Zeitraum von über 150 Jahren, von den 1860er Jahren bis in die Gegenwart.
Plätze, Straßen, Gebäude der Stadt werden dabei in ihrem historischem Prozess ebenso dokumentiert wie der „menschliche Augenblick“ der Bewegung, des Gesprächs oder des Ruhens in der Großstadt im Weg durch die Zeiten.
Der vorliegende Ausstellungsbegleitband dieser beeindruckenden wie einmaligen Fotodokumentation fügt nun zahlreiche Essays von Kulturwissenschafter:innen zu den abgebildeten Fotos der Ausstellung hinzu, die aus verschiedenen Blickwinkel in die fotografischen Blickwinkel blicken und diese wissenschaftlich perspektivisch öffnen.
„Eine ganz bemerkenswerte fotografische wie kulturwissenschaftliche Dokumentation Wiens“
Lieber Bernhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Analog zur Textzeile „So I start a revolution from my bed“ aus Oasis-Song „Don´t Look Back in Anger“, koordiniere und übe ich ausgerüstet mit Laptop, Handy und aktueller Lektüre auf meinem Couchbett meine multiplen Aufgaben für den von mir mitbegründeten Theatervereins „Wiener*innen Wahnsinn“ aus. Mein Aufgabenspektrum umfasst Autor, Regisseur-to-be, Produktions- und Kommunikationsleitung.
Zwischen diesen Identitätssprüngen esse ich viel proteinhaltige Nahrung und gehe dreimal die Woche zum Krafttraining ins Fitnesscenter, um das alles körperlich -um es auf Wienerisch zu sagen- „zu d`erheben und d`erstemmen“😉
Wichtig ist mir, dass jede Woche arbeitsfreie Wochenenden eingehalten werden.
Bernhard Bilek, Autor, Regisseur, Theatermacher, Kultur- und Kommunikationsmanager
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Augenblick genießen, an das Leben und nicht an Demagog*innen glauben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film, der Kunst an sich zu?
„Das einzige Beständige ist der Wandel“, sagte Techno-DJ Sven Väth mal in einem TV-Interview und zitierte dabei den antiken griechischen Philosophen Heraklit. Deswegen finde ich es wichtig, loslassen zu können und auch loslassen zu müssen. Nichts ist von Dauer und Beständigkeit, am wenigsten das Leben. Wesentlich ist für mich die Solidarität mit meinen Mitmenschen, der Gemeinschaftssinn, denn wir alle sitzen im gleichen Boot der Endlichkeit unserer aller Leben. Wir sollen unsere Vielfalt akzeptieren, uns nicht gegenseitig das Leben schwer machen und uns gegenseitig ausgrenzen. Wir sollen uns auch nicht Leid, Gewalt und Grausamkeit zufügen wie leider aktuell ganz nah in der Ukraine geschieht. Denn da lassen die politisch Verantwortlichen nicht von alten Konzepten, Ideen und Fixierungen los.
Theater/Film bzw Kunst an sich können meiner Meinung nach keine kollektiven Konflikte und Dynamiken lösen, aber sie können auf fruchtbaren Boden fallen bei individuellen Menschen, die ihren Teil dazu beitragen können und diesen Trost, Hoffnung, Freude, Gemeinschaft und Inspiration spenden.
Ich finde es auch in Ordnung, wenn Kunst uns hilft unser Leben erträglicher zu gestalten und in manchen Fällen einfach eine synästhetische Erfahrung -gerne mit Irritationen- ist 😉 Ohne die filmischen Werke von David Lynch oder Madonnas musikalischen Backkatalog würde ich nicht leben wollen. Für mich gehören auch Drag Queens und Drag Kings zu den größten lebenden Künstler*innen, weil sie über ihr Zeichenrepertoire von Make-Up, Perücken, Kleidung und Körperformen die biologistischen Konstruktionen von Identität und Geschlecht so bildgewaltig subversiv unterwandern und dekonstruieren, die besonders Religionen und rechte Ideologien uns allen immer ideologisch aufzwingen wollen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese immer gleichzeitig mehrere Sachen quer. Aktuell reicht mein Lesespektrum von einer Werkmonographie des britischen Regisseurs Ken Russell über von Kleists „Die Marquise von O“ und Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ bis zu allem, was ich filmhistorisch und -wissenschaftlich über den Stummfilmstar Rudolph Valentino in meinem Bücherregal finde.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der (Johnny) glaubt: Dass man für das Leben: Des für einen richtig ist: Kämpfen muss. (…). Der liebe Gott ist wurscht. Und der Himmel auch. Aber nicht des Leben. (…) Einfach die Beine in die Hand nehmen und dem Leben in die Arme werfen. Und drauf (scheißen): Was andere sagen. Die sind ja nur neidig: Weil´s Angst haben: Dass man keine Angst hat. Vorm Leben.“
(Mitzi in „Trümmerherz“, 6. Szene, Seite 18)
Vielen Dank für das Interview lieber Bernhard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Bernhard Bilek _ Autor, Regisseur, Theatermacher, Kultur- und Kommunikationsmanager
Foto_Matthias Heschl
1.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Da ist das Leben. Und da ist da Schmerz. Zuerst der Schmerz dann das Leben. Oder das Leben und dann der Schmerz. Unten, oben, überall. Zu Wasser und zu Land. Seegurken, Schlangensterne, Trilobiten. Der Skorpion. Schrift. Kind. Der Tod. Der Schinderhannes. Millionen Jahre.
Und jetzt Ekaterina Manos` Körper. Schmerz, Tinte. Der Meister tut es. Überall. Sisi hat dazu geraten.
Und da ist die Bühne. Die Musik. Die Band. Polly X. Das Blau. Das Strahlen. Und da ist Nana. Im Keller.
Und so geht es fort. Jetzt nach Bad Aussee zum Meister. Da ist auch der Skorpion. Das Wasserbecken und die Wanduhren. Die Rituale. Die Geburt…
Das Geworfensein. Woher? Wohin?…es geht weiter…
Ines Birkhan, Schriftstellerin und Performerin legt mit ihrem Roman „abspenstig“ eine geniale phantastische, sprachmächtige Elegie von Existenz, Schmerz und verschlungener Utopie vor, die begeistert. Hier mutet sich Sprache alles zu und traut sich alles. Taucht in die Tiefen des Lebens unseres Planeten einmalig wort- und sinnverspielt hinab und lässt dabei Wörter in allen Harmonien, Dissonanzen und Chorälen variantenreicher Erzählmodi einmalig klingen.
Ines Birkhan ist der Rockstar der modernen Literatur. Mutig, leidenschaftlich, grenzenlos. Sprache wird zum in alle Richtungen und Möglichkeiten gewundenen Instrument von Reflexion und Konzeption und erinnert dabei in musikalischer Analogie an Jimi Hendrix, dessen „star spangled banner“ einer Generation ein staunendes Denkmal setzt. „abspenstig“ tut dies gleichsam der Erde. Eine universelle Lebensgeschichte unseres Planeten im Werden und Vergehen zwischen Schmerz, Verhängnis und Möglichkeit als einmalige sprachliche Performance. Ein modernes Epos, das Kultur, Gesellschaft, Vergangenheit, Traumata, Rituale und Befreiung in einer zentralen Erzählfigur verdichtet, auftauchen und verschwinden lässt. Die Mitte ist dabei immer die Sprache, welche dem bildhaften Aufblitzen existentieller Erkenntnis einen Rahmen zu geben sucht, diesen überschreitet und ständig neu definiert, wie entlang den Grenzen ihrer selbst und damit jenen der Welt weiterschreitet, weiterexperimentiert.
Die Wiener Schriftstellerin und Bachmannpreisteilnehmerin 2019, beeindruckt auch im Konzept einer narrativen Struktur, die phantastisch assoziert wie zahlreiche naturwissenschaftliche, mythologische, literarische Referenzen öffnet und Leserin und Leser wie in einem Sog bis zum Ende in Komödie und Tragödie führt und packt. So viel verdichtetes Wissen, Verknüpfungskunst und story – sensationell!
Ines Birkhan weckt die Sprache zum Leben, da wo der Buchstabe schon tot zu sein schien. Ein tiefgründiges roadmovie von Existenz und Planet in mitreißender Faszination literarischer Wort- und Erzählkunst.
„Ein Roman als genial einzigartiger wie tiefsinniger Sprach-Trip. Laut, still, wild, grenzenlos!„
Da war das Aufwachsen für Marie. Der Rahmen in Familie und Gesellschaft. Doch es währte nicht lange. Schwangerschaft. Kind. Arrangement. Dann die Liebe. Ein neuer Weg.
Ein neuer Weg auch draußen. Die Welt in Bewegung. Eine Geburt auch da. Ein Kind?
Marie ist dabei. Schrei nach Leben.
Doch dann die Dunkelheit, der Schmerz. Alles wendet sich, verändert sich…bis zum Wiedersehen…
Alena Mornstajnova, vielfach ausgezeichnete tschechische Schriftstellerin, legt mit dem Roman „Es geschah im November“ eine mitreißende Lebensgeschichte vor, die historische Referenzen aufnimmt und frei weitererzählt. Die Autorin stellt die Frage nach Wegen von Leben und Geschichte erschreckend aktuell und entfaltet ein Bild von Freiheitswillen und Unterdrückung, das spannend wie erschüttert erzählt wird.
„Zweifellos ein Roman zur Zeit. Eindringlich, erschütternd wie tragisch visionär“
Lieber Stefan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zwei Leben führe ich zu unterschiedlichen und immer wechselnden Anteilen, ob mit ob ohne Pandemien. Eines als freier Hörfunkredakteur in Frankfurt, Schichtdienstler, der entweder halb noch in der Nacht aus dem Bett muss (3.30 Uhr), oder aber einen späten Feierabend hat. Instrument in diesem meinem Job ist die Sprache, auch bei einem kleinen Radiostück geht es um Dramaturgie, einen fesselnden Einstieg, ein rundes Ende. Das bedeutet aber auch: Es bleibt, zumal mit fortschreitendem Alter, schwer, dann noch am „Feierabend“ literarisch aktiv zu werden und die eine Textseite zu schreiben, die ich gerne jeden Tag schreiben würde.
Stefan Sprang, Schriftsteller
Die andere Existenz: Die, in der ich schreiben kann, schreiben darf, schreiben will. Das sieht dann so aus: Eine Eule bin ich – und wenn es kein Termin-Korsett gibt, schlafe ich aus. Darum beginnt mein Tag dann meist (aber auch frühestens) um elf. Zunächst: Ein wirklich heißes Bad, 45 Minuten, dazu Jazz, Gilles Petersons „World Wide Show“, eine „Sunny Side Up“ Wiederholung, je nach Stimmung. Atem-Meditation, nachdenken: „Was ist voraus?“ Die nächsten Zeilen, das nächste Kapitel. Mein Anlauf, ein gemächlicher. Die Angst vor der Einfallslosigkeit klein halten. Lese in Newsportalen, beantworte Mails, recherchiere, übertrage handschriftliche Notizen, sortiere Notizen im Skript. Denn vor 14, 15 Uhr schaffe ich es einfach nicht, einen brauchbaren und eben literarisch gemeinten Satz zu schreiben. Aber dann schreibe ich und schreibe … Nicht lang, aber beseelt. Vier Stunden, für mehr reichen Inspiration/Konzentration gleichwohl selten. Dann mache ich Sport (unspektakulär: Heimfahrrad), koche gerne, nichts Aufwendiges, das nur am Wochenende. Schaue Nachrichten, schaue Filme und Serien, trinke Wein (mehr als gut sei, sagt mein Ärzteteam), lese vielleicht auch. Aber das ist weniger als vor zehn Jahren. Die Hirnkapazität, die nötigen Areale ermüden fix. Aber ganz spät schreibe ich noch einmal … Bis es dann drei Uhr ist und sogar ich schlafen will. Ich liebe das Schreiben in der Nacht: Das Gefühl, weit und und breit der einzige Mensch zu sein, der noch wach ist und also ein „Nachtwächter“. Mein kleiner persönlicher Nonkonformismus. Aber vielleicht auch einfach nur meiner persönlichen inneren Uhr geschuldet.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht Angst in die Seele sickern lassen, sich nicht noch weiter einkasteln und schwerstfällig werden/bleiben. Im Gegenteil: Sich regelmäßig einmal um sich selber drehen auf der Stelle, auf der man steht, um zu sehen – so viel wie möglich von den anderen Stellen, auf denen Menschen stehen. Und dann zu verstehen. Sich wenigstens wieder ums Verstehen bemühen. Sich klar machen, dass die Lage ernst ist, aber wir nicht Opfer eines numinosen Schicksals sind. Opfer sind wir allein unserer selbst.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wesentlich wäre eine noch ganz andere Zeitenwende, eine universelle Mentalitäts- und Wünschewende. Ich wünschte mir eine Genügsamkeit derer, die sich stets mehr als genug leisten wollen, eben weil sie es können. Der Kosmos der Dinge: Größer werden die Fahrzeuge und versiegelten Flächen, Kommunikationsinstrumente sind Körperteile, Haben ist Ausholbewegung zum Wegwurf, Lifestyle religiös-sakrosankt (never ever Tempolimit, auch nicht auf der Bahn in die apokalyptische Höllenklamm) – aber dieses stofflich Zunehmende frisst uns nun mal weg vom elementar humanen Raum, vergiftet Klima, sozial, erdatmosphärisch. Dabei ist Binsenweisheit, dass die wahre Welt nicht die Warenwelt ist. Seht auf meine „role models“: Großeltern, die so schlicht lebten (die in Schonnebeck sogar ohne „Festnetz“ und eigenes Badezimmer) und doch zufrieden, weil umgeben von leibhaftiger Gemeinsamkeit. Möge also Oma Almas Geist „Influencer“ werden. Corona und Krieg entlarven, was unser Junkietum ist, was Gier, Sucht, Abhängigkeit bei den einen. Aber wo die einen leben, da gibt es auch die anderen. Die sich am Ende des Tages nicht mal mehr erinnern können, wonach sie süchtig sein wollten. Darum mein neues Lieblingswort: DEMUT, ein aussterbendes (beinahe wie „Telefonzelle“). Aber das ist es doch: Wir müssen die Demut retten, die Einsicht zurückgewinnen, dass es etwas gibt, was notwendig ist. Nämlich zu sehen, dass es so vieles gibt, das nicht zunehmen und mehr werden darf, während anderes genau das wieder muss. Die Zahl der Dollar-Millionäre wird nach Schätzung von „Credit Suisse“ bis 2025 auf 84 Millionen Menschen steigen. Der Autobauer „Mercedes“ hat deshalb beschlossen, noch teurere Luxus-Karossen zu bauen. Drastische Zeichen der Zeit! Unsere Gesellschaften treiben auseinander, schnell, schneller, explosivst. In „helden: tot“ habe ich es so ausgedrückt: „Wir müssen etwas riskieren, sagen die, die nichts verlieren können. Wir müssen flexibel sein, sagen die, die ihren Platz haben. Wir müssen die Angst überwinden, sagen die, die nichts zu fürchten haben. Wir müssen mehr Verantwortung übernehmen, sagen die, denen sie egal sein kann.“
Aber, jetzt, ja, ja, die Frage nach Kunst und Literatur will doch auch beantwortet sein. Und ja, ich drücke mich darum herum. Weil, da kann ich keine Hoffnung machen. Also ohne Umschweife Thomas Brasch zitiert. Kunst, so Brasch, „war nie ein Mittel, die Welt zu ändern, aber immer ein Versuch, sie zu überleben“. Ich widerspreche nicht. Verneige mich dankbar vor Kunst und Literatur, denn ich bin ein Überlebender dank ihrer und – hoffe ….
Was liest Du derzeit?
„Effingers“ von Gabriele Tergit, ein Familienepos, da kann mir der Mann mit seiner Bandwurmsatz-Libido gestohlen bleiben. Und wenn wir schon beim Stil sind: Parallel lese ich „Hundesohn“ von Sonja M. Schultz. Einer der besten Gegenwartsromane, den ich seit langem in die Hand bekommen habe. Furioser Sound, Bilder und Beschreibungen, originell, treffend, Sprache, die einem das Hirn durchschüttelt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
Albert Camus, „Der Mythos des Sisyphos
Vielen Dank für das Interview lieber Stefan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Stefan Sprang, Schriftsteller
Stefan Sprang, geb. 1967 in Essen, lebt dort im Südviertel und in Frankfurt/M. als Radiojournalist und Schriftsteller. Sein Roman-Debüt „Fred Kemper und die Magie des Jazz“ erschien 2011, sein Roman „Ein Lied in allen Dingen. Joseph Schmidt“ folgte 2019 (2. Auflage 2020), 2021 dann ein „Heimatroman“ „Henry Becker und der Sommer der Erinnerung“. Die Produktion seines akustischen Monodramas „Engel“ ist in Vorbereitung (GehörGang, Berlin).1999 „Kurt-Magnus-Preis“ der ARD. 2016 Einladung zur „Bayerischen Akademie des Schreibens“ und 2020 zum Literaturpreis „Irseer Pegasus“.
Foto_Peter Schiborr
4.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.