„Letztlich kommt es darauf an, dass man etwas teilen kann“ Verena Dolovai, Schriftstellerin  _ Bad Hall, Gastatelier der Kunstsammlung OÖ _ 28.7.2022

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Frage trifft mich in einer Ausnahmesituation an: Ich verbringe den Juli in der wunderschönen Villa Rabl, dem Gastatelier der Kunstsammlung OÖ zum Schreiben und habe einen völlig anderen Tagesablauf als in meinem Alltag in Klosterneuburg. Ich kann mir die Zeit von früh bis spät frei einteilen. Ein Luxus, der mich anfangs auch vor Herausforderungen gestellt hat. Ich bin es nicht gewohnt, ohne Zeitkorsett und in Stille den Tag anzugehen. Zu Hause lebe ich mit 3 halbwüchsigen Kindern, einem Mann, einem Kater. Und dann ist da ja noch mein Job als Juristin bzw Übersetzerin. Das Schreiben nimmt sich dennoch immer einen Platz, es ist sehr durchsetzungsstark.

Verena Dolovai_Schriftstellerin  _
im Schreibatelier Villa Rabl, dem Gastatelier der Kunstsammlung OÖ

Hier in Bad Hall genieße ich, dass ich dem Schreiben den Raum geben kann, den es einfordert.


Ich stehe nicht viel später als daheim auf, dh gegen 6.30. Ich habe mir ein Ritual angewöhnt: Vorhänge aufziehen, Lüften, in den Park hinausschauen, Kaffeemachen.
Meistens starte ich dann gleich am Küchentisch mit dem Schreiben.
Je nach Wetter gehe ich vor- oder nachmittags laufen. Ich brauche sehr viel Bewegung in der Natur und werde schnell kribbelig, wenn ich diese Energie nicht abbauen kann. Ich kann meinem Kopf nur soviel zumuten wie mein Körper auch ausgleichen kann.

Meine Essenszeiten sind flexibel, das mag ich. Manchmal hole ich mir abends etwas von den ausgezeichneten und vielfältigen Lokalen in Bad Hall.
Weil es so warm ist, kann ich bis spätabends draußen sitzen und schreiben. Am besten funktioniert das auf einer Parkbank. Dabei beobachte ich gern meine Umgebung, die Menschen und erfreue mich an ihrer Ausgelassenheit: spielende Kinder, miteinander redende, lachende Leute.

Spätabends ziehe ich die Vorhänge zu und erinnere mich an meinen Opa, der das täglich im Gastzimmer des Gasthofs meiner Großeltern gemacht hat. Allerdings habe ich keinen Stab dafür wie er damals.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Je länger ich allein bin, desto bewusster wird mir, wie sozial wir Menschen sind und wie sehr wir einander brauchen. Rückzug und Freiraum sind wichtig, aber letztlich kommt es darauf an, dass man etwas teilen kann.

Die Krisen, die mediale Welt, die Digitalisierung haben großes Potential, Angst zu machen. Es ist für jedes Alter in unterschiedlicher Weise fordernd, ständig neue Informationen und Daten zu verarbeiten, zu filtern, sich eine Meinung zu bilden. Vieles ist flüchtig, unverbindlich geworden. Ich glaube, dass wir trotz digitaler Vernetzung nie das Menschsein verlieren sollen. Ich meine damit den persönlichen Austausch, auch das einander Berühren. Und vielfach einfach tun statt darüber reden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Kunst, insbesondere die Literatur, hat für mich seit jeher die Rolle, die Welt zu beschreiben, sie zu zeigen und letztlich, ganz wichtig in meinen Augen, zu unterhalten. Kunst ist die unabdingbare „2. Welt“ ohne die es finster und langweilig wäre.

Literatur bedeutet für mich auch Spiel mit und Freude an der Sprache.

Was liest Du derzeit?

Ich bin mit meiner halben Bibliothek (ua T.C. Boyle, Tove Ditlevsen, Karl Ove Knausgard, Agota Kristof, Zeruya Shalev) angereist und habe alle Bücher schön gestapelt in der Villa, auch um es mir gemütlich zu machen. Ich habe schnell bemerkt, dass ich kaum eine Zeile lesen kann, wenn ich so tief im Schreiben drinnen bin.

Ein Buch, das ich dann doch begonnen habe, ist „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Eine Freundin meinte, das sei genau richtig für die Phase der einsamen Schriftstellerei, und ich wollte es immer schon lesen.

Ich finde es fantastisch, weil es zeigt, dass wir doch alle ähnlich ticken: Wir brauchen Ansprache (auch tierische) und eine Aufgabe. Sonst drehen wir durch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Lose your dreams and you will lose your mind (Rolling Stones)

Verena Dolovai_Schriftstellerin  _
im Schreibatelier Villa Rabl, dem Gastatelier der Kunstsammlung OÖ

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, eine schöne Zeit in Bad Hall und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Verena Dolovai_Schriftstellerin  

Verena Dolovai

Alle Fotos_Verena Dolovai_Schreibatelier Bad Hall/OÖ

22.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wege zu gehen, zu gehen, zu gehn, zu gehn… endlich!“ Isabel Belherdis, Künstlerin _ performing „Undine geht“ _ Klagenfurt 27.7.2022

Isabel Belherdis, Künstlerin _ performing „Undine geht“ _
Erzählung Ingeborg Bachmann (1961)
_

Faltungen auf Fels und Haut, Kanten, Kerben, Risse…gefaltet, um sich wieder zu glätten, verhärtet, um wieder zu fliessen, in den Haaren, im Himmel, in den Himmelhaaren und den Steinfingern, (…)


was für eine Reise durch die Zeit, die in meinem Gesicht Erzählungen entstehen lässt, Notenlinien, Klänge im Gesicht,  vom Aufblühen und Erstarren, vom Halten und vom Lösen, Stehen und Fallen, Schreien und Schweigen.


Alle Alter der Undine, mit allen Wassern gewaschen und dennoch den Wellen ausgesetzt und zerlaufen, zerlaufen in der Zeit, zeitlos, verlaufen um wieder den Weg zu finden, Stützpunkt, Markierung. 

Undine als Justitia, anklagend um Selbstjustiz zu üben: komm, komm nur, meine Hand an Deinem Namen, meine Hand an meinem Halfter, komm, und erfahre Gerechtigkeit, erfahre den Sinn…


der Sinn, lose um die Kehle gelegt rutscht er auch mir über die Schulter, über die Hüften bis ich selbst nackt bin bis auf die Haut, auf die Knochen. Einzeln sollst Du sie zusammenlegen, zu einem Haus sollst Du sie bauen, meinem Haus, einziehen bei mir, die kein Zuhause hat nur Namen, Namen zu gründen, Tafeln zu lesen, Fenster zu öffnen, Wege zu gehen, zu gehen, zu gehn, zu gehn… endlich!

Isabel Belherdis, Künstlerin _ performing „Undine geht“ _ Klagenfurt _
Erzählung Ingeborg Bachmann (1961)
_

Station bei Ingeborg Bachmann_

Undine geht _Erzählung _ Ingeborg Bachmann _ 1961_

Isabel Belherdis, Künstlerin _Graz _ performing „Undine geht“

http://www.belherdis.com/

https://www.facebook.com/IsabelBelherdis/

Text/Performance_Isabel Belherdis

Konzept/Regie_Walter Pobaschnig

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_2022

Walter Pobaschnig 7_22

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„Kunst kann die Welt vielleicht erträglicher machen“ Sannah Jahncke, Schriftstellerin _ Berlin 27.7.2022

Liebe Sannah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich. Es kommt immer darauf an, wie ich geschlafen habe. Am liebsten arbeite ich spät, wenn keine:r mehr etwas von mir will, in seltenen Fällen auch sehr früh. Meistens gähne ich dabei viel. Kürzlich wurde mir aber erklärt, dass ich mit dem Handballen nur über die Stirn fahren muss, von unten nach oben, um den Gähnreiz zu unterdrücken, so halte ich dann recht lange durch.

Sannah Jahncke, Schriftstellerin 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass sich die Sonne zeigt. Wärme im Allgemeinen. Dann wieder Regen. Fragen stellen. Verletzlichkeit zulassen und unbedingt Zahnseide.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht daran, dass Kunst die Welt besser macht, vielleicht erträglicher, aber besser, nein. In sehr glücklichen Fällen schafft sie es, sich leichter in ihr zu navigieren. Das ist im besten Fall Aufbruch, vielmehr aber Anstoß.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich viele Reddit-Foren über Otherkins, die Polizeireviere in Berlin Neukölln, Clusterwolken und Angebote von tauschwohnung.de. Ansonsten bin ich mit Laura van den Berg I hold a wolf by the ears gerade fertig geworden, dann stecke ich mitten in Elsa Dorlins Selbstverteidigung und lese erneut Juan S. Guse Miami Punk sowie Mariana Enriquez The Dangers of Smoking in Bed.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Jung, verschuldet und hochmotiviert.“

T-Shirt Spruch einer Frau, die heute Morgen neben mir auf die U8 wartete.

Sannah Jahncke, Schriftstellerin 

Vielen Dank für das Interview liebe Sannah, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sannah Jahncke, Schriftstellerin 

Fotos_Florian Glück

30.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gehen Sie bitte weiter!“ Kurt Fleisch, Schriftsteller _Give Peace A Chance _ Wien 27.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE


Gehen Sie bitte weiter!

Im Anfang war…

Verblendung.

ENDE

Peter Pan war mein Held.

ENDE

Aneignung,

Chaos.

ENDE

Angriff.

Chaos.

Hiob,

Atlantis,

Nimmerland…

Chimären, nichts weiter – gehen Sie bitte weiter!

ENDE


Kurt Fleisch, 18.7.2022

Kurt Fleisch, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Kurt Fleisch, Schriftsteller

https://www.bananenfisch.net/

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 18.7.2022.

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„Literatur und Kunst reflektieren, was ist und was war.“ Jolanda Spirig, Schriftstellerin _ Marbach/CH 26.7.2022

Liebe Jolanda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe zwischen 5 und 7 Uhr auf, hole mit eine Tasse Kaffee und lese die News auf dem iPad. Zwischen 8 und 9 Uhr nehme ich die Treppe ins Büro. Ich bearbeite meine Mails, bereite meine Lesungen und literarischen Rundgänge vor und feile an meinen Texten. Seit einigen Jahren gönne ich mir einen Mittagsschlaf und am späten Nachmittag einen Spaziergang.

Jolanda Spirig, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir auf Fakten setzen und in Kontakt bleiben mit unserem inneren Selbst. Das war schon in der Pandemie wichtig. Und das gilt auch für den Krieg in der Ukraine. Dass ein solcher Krieg mit all seinen Gräueltaten und Heldengeschichten im heutigen Europa möglich ist, macht mich ratlos. Das Patriarchat hat nichts von seiner Toxizität eingebüsst. Pussy Riot, die mutigen Moskauer Musikerinnen, haben das frühzeitig erkannt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst reflektieren, was ist und was war. Sie geben unseren Gefühlen Raum und schaffen ein gemeinschaftliches Erlebnis. Mit Literatur und Kunst können wir den Alltag hinter uns lassen, in andere Welten eintauchen. Nach der langen Pandemiezeit nehme ich die Begegnungen an kulturellen Anlässen als sehr beglückend wahr.

Was liest Du derzeit?

„Zigeuner“ und „Das Benefizium des Ettore Camelli“ von Isabella Huser. Wir
bereiten ein Literaturgespräch in St. Gallen vor.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In meinem Buch «Schürzennäherinnen» porträtierte ich die Gründerin des
Schweizer Modelabels Akris. 1959 hörte sich Alice Kriemler-Schoch mit grossem
Interesse einen Vortrag über die «Wühlarbeit des Kremls in Europa» an. Vor
zehn Jahren fand ich diesen Tagebucheintrag aus der Zeit des kalten Krieges
sehr, sehr gestrig. Heute sehe ich ihn in einem ganz anderen Licht. Tragen wir
Sorge zu unserer Demokratie.

Vielen Dank für das Interview liebe Jolanda, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jolanda Spirig, Schriftstellerin

http://www.jolandaspirig.ch

Foto_Willi Keller www.willikeller.ch

11.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gewalt“ Falk Fatal, Schriftsteller_ Give Peace A Chance _ Wiesbaden 26.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gewalt

Invasiert

Verschlingt

Empathie

Pazifismus

Erliegt

Angesichts

Contrafaktischer

Eskalations

Amphetamine

Charmierende

Hoffnungsträger

Ausgemerkelt

Notrufend

Chancenlos

Erlegen


Falk Fatal 18.7.2022

Falk Fatal, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Falk Fatal, Schriftsteller

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 18.7.2022.

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„Theater hat die Aufgabe zu provozieren“ Ronja Jenko, Schauspielerin _ Eisleben/D 25.7.2022

Liebe Ronja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Also jetzt-jetzt? Oder allgemein?

Jetzt und die letzten Tage habe ich keinen Tagesablauf, weil ich mich seit dem ersten Tag der Theaterferien mit Corona zuhause befinde und einfach in den Tag hineinlebe – mit der Hoffnung, dass der zweite Strich auf meinem Test endlich nicht mehr auftaucht.

Ronja Jenko, Schauspielerin _
in „Emil und die Dedektive“

Und allgemein: Da ich an einem Repertoiretheater mit kleinem Ensemble spiele, bin ich sehr eingespannt. Was aber nicht heißt, dass es sowas wie einen Rhythmus gibt. Das merke ich immer, wenn ich versuche mit jemandem extern einen Termin zu vereinbaren. An einem normalen Arbeitstag stehe ich gegen 8h auf, frühstücke in Ruhe und die Probe beginnt um 10h. Zwischen 14 und 19h habe ich Mittagspause und dann nochmal Probe bis 22h. Dazwischen wird Text gelernt, die Probe nachbereitet, gekocht und gegessen. Das geht so von Montag bis Samstag (wobei wir Samstag abends nicht proben, sondern meistens eine Vorstellung spielen). Wenn wir morgens eine Kindervorstellung spielen, stehe ich meistens um 6h auf, bin um 8h im Theater um mich aufzuwärmen, vielleicht noch Einsingen mit den Kolleg*innen und um 9.30h geht’s auf die Bühne. Bei Abendvorstellungen ähnlich, da bin ich zu meiner Maskenzeit im Theater. Und da wir Frauen meistens die ersten in der Maske sind, ist das auch mal vor 18h….

Ronja Jenko in „Nur ein Tag“

Im Sommer spielen wir manchmal auch im Theatergarten, dann aber erst um 21h, da kommt also nie ein richtiger Rhythmus auf. Und wenn ich in einem Stück nicht mitspiele, oder in einer Szene nicht dran bin, dann habe ich auch mal spontan frei.

Ronja Jenko in „Freie Wahl“

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalten, das Gute sehen und uns gegenseitig eine Stütze sein. Spaß haben und Liebe verteilen. Menschlich sein.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke, wesentlich wird, dass wir endlich verstehen, wohin uns unser Individualismus führt und dass wir eben nicht alles haben können. Wir müssen lernen, Abstriche zu machen, wenn es um das Wohl Aller geht. Das bezieht sich auf Corona, auf die Umwelt, auf den Krieg und seine Folgen und eigentlich auch auf alles andere.

Und Theater hat da meiner Meinung nach – wie immer – die Aufgabe, einen Spiegel vorzuhalten und auch zu provozieren, um zum Umdenken anzuregen. Aber genauso ist unsere Aufgabe, Hoffnung zu schenken, eine Ausflucht zu bieten und Menschen für einen kurzen Moment in eine andere Welt mitzunehmen und ihnen Freude zu bringen. Und das Schönste ist ja, wenn die Freude überschwappt und wir selbst genauso viel davon haben, wie das Publikum.

Was liest Du derzeit?

Ich muss gestehen, dass ich privat sehr wenig lese. Deshalb ist mein aktueller Lesestoff das nächste Stück, das auf dem Spielplan steht: „Kabale und Liebe“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte euch zwei Zitate mitgeben. Das Erste ist ein kurzer Dialog aus meinen Lieblingskinderstück „Nur ein Tag“ (Martin Baltscheit), das allen Mitwirkenden eine große Herzensangelegenheit ist:

Fliege: Gehen wir an die Arbeit.

Wildschwein: Welche Arbeit?

Fliege: Wir machen ihn glücklich.

Fuchs: Oh, gute Idee!

Wildschwein: Äh, versteh ich nicht.

Fliege: Na Glück! Das hat jedes Lebewesen verdient.

Wildschwein: Liebe kleine Fliege, das ist ja ganz reizend von dir, aber…

Fliege: Keine Widerrede, wer nur einen Tag hat, braucht das ganze Glück in 24
Stunden. […] Also, gehen wir das Glück suchen!

Das zweite Zitat kommt aus dem Jugendstück „Freie Wahl“ (Esther Rölz), das
mich jedes Mal sehr aufwühlt:

Bruno: Uns fehlt’s an Demut vor der Schöpfung.

Denise: Vor wessen Schöpfung?

Bruno: Scheißegal. Wir haben nur die eine.

Ronja Jenko, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Ronja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ronja Jenko, Schauspielerin

http://www.ronjajenko.com/

Fotos_1 Petra Lulei ,2,4,5 Julia Fenske; 3 Markus Scholz; 6 Ute Seidel.

22.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Graue Nebelschleier über den Wolkenkratzern“ Berenice Brause, Schauspielerin _ Give Peace A Chance _ Celle/D 25.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Graue Nebelschleier über den Wolkenkratzern

Ich denke an das Davor und dein Gesicht

Vollbracht und vollstreckt

Ein Schuss und noch einer fällt

Pirschen durch Gras und Hände vorm Gesicht

Erschossen liegt er noch am Fluss

Aufarbeiten und Fragen in der Nacht

Chromatische Aufzählung von Gedanken als Traum

Erinnern und Loslassen

Antarktis in meinem Herzen

Choräle von Engelsstimmen

Hunderttausende und noch mehr gegangen

Anderswo vorüber

Nacht bricht aus

Choräle von Kinderstimmen

Er ist noch hier.

Bérénice Brause 19.7.2022

Bérénice Brause, Schauspielerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Bérénice Brause, Schauspielerin

Foto_Emanuel Droneberger

Walter Pobaschnig _ 19.7.2022.

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„Freiheit bedeutet ein Bewusstsein und einen Sinn zu finden und zu leben“ Verena Spiesz, Schauspielerin _ acting „Teorema“ _ 100.Geburtstag P.P.Pasolini _ Wien 24.7.2022

Verena Spiesz, Schauspielerin _ acting „Teorema“ (Film, 1968, P.P.Pasolini) _
100.Geburtstag P.P.Pasolini (*1922 Bologna +ermordet 1975 Rom)

Liebe Verena, Du warst heuer bei der Verleihung des österreichischen Filmpreises in Grafenegg. Welche Themen standen da im Mittelpunkt?

Themen waren unter anderem die budgetären Herausforderungen für den österreichischen Film wie auch #MeToo.

Hervorgehoben wurde auch die Vielfältigkeit im österreichischen Film. Da gibt es Drama, Komödie und vieles mehr auf höchstem, auch international anerkanntem Niveau.

Wie erlebst Du als junge österreichische Schauspielerin die Möglichkeiten an Filmprojekten in Österreich zu partizipieren?

Ich finde es schade, dass nicht mehr auf Öffnung und Variation in der Besetzung geachtet wird, um auch noch unbekannten Schauspieler:innen die Möglichkeit zu geben und dies dem Publikum zu bieten.

Ich verstehe natürlich, dass man auf bekannte Gesichter setzt, aber für die Entwicklung des Films wie auch der Schauspiellandschaft ist dies eine Engführung und künstlerische Falle, in die der österreichische Film nicht (noch mehr) tappen sollte.

Welche Filmprojekte wären für Dich spannend?

Ich kann mir ganz viele Rollen vorstellen in Thriller, Komödie, Drama, möchte sehr gerne Charakterrollen spielen.

Hättest Du Dir auch vorstellen können in einem Film von Pier Paolo Pasolini, (italienischer Regisseur, Schriftsteller 1922-1975), der heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, zu spielen?

Im Film „Teorema – Geometrie der Liebe“ (1968), der ja Thema unseres Fotoshootings ist, setzt Pasolini sehr stark auf die Darstellungskraft der Schauspieler:innen und die Bildkraft im Film. Als Schauspielerin natürlich ein sehr spannendes Filmprojekt. Und obwohl die Sexualität im Zusammenhang von Gesellschaft, Religion und Existenz dramatisch thematisiert wird, ist relativ wenig nackte Haut zu sehen. Dies wäre heute kaum vorstellbar. Pasolini setzt dagegen auf einen sehr ausdrucksstarken Dialog in Mehrdeutigkeit. Da sind sehr viel Geheimnis und auch Anspruch drin.

Ich finde als Schauspielerin Filme sehr interessant, die aufrütteln und Wahrheiten, Missstände aufzeigen, die so noch nicht erkannt wurden.

Was schätzt Du an dem Regisseur Pasolini?

Der Film „Teorema“ ist ja aus dem Jahr 1968. Ich schätze da die Aufmerksamkeit und Langsamkeit in Drehbuch und Spiel, das ist für mich als Zuseherin sehr wohltuend als Kontrast zur filmischen Gegenwart.

Schön, wenn die Kamera sich Zeit nimmt und der Blick von Schauspieler:innen wirken darf und nicht sofort die Szene wechselt.

In den 1980er Filmjahren war es ja auch so. Ich finde das spannend wie entspannend. Es ist für mich großes Kino und nicht langweilig.

An welche Filme der 1980/90er Jahre denkst Du da?

Etwa an „Das Messer“ (1985) mit Glen Close und Jeff Bridges oder an „Philadelphia“ (1993) mit Tom Hanks und Denzel Washington. Ich mag das langsame Tempo in diesen Filmen.

Du hast Dir im Vorfeld zu unserem Fotoshooting und Interview den Film „Teorema“ von Pasolini angesehen. Welche Zugänge gibt es für Dich jetzt?

Schauspielerisch gesehen, wenig Text, wenige Dialoge, viel Präsenz im Ausdruck. Sehr viel passiert in den Blicken.

Nacktheit kommt im Film im Gegensatz zu heute mehr bei den Männern als bei den Frauen vor.

Es gibt ziemlich viel Verzweiflung, die sich im Film und bis zum dramatischen Ende immer mehr steigert.

Es ist ein Film, der nachwirkt.

Wie siehst Du die Figur des Gastes im Film?

Ein zeitlos gutaussehender Mann kommt aus dem Nichts. Wird mit einem Brief angekündigt und verlässt mit einem Brief auch wieder die Familie.

Der Film hat mich an „Zoff in Beverly Hills“ (1986) mit Nick Nolte, Bette Midler und Richard Dreyfuss erinnert. Auch da verändert ein Gast eine Familie und schläft mit den Familienmitgliedern, allerdings nur mit den weiblichen, nicht mit den männlichen – Gegensatz zu „Teorema“. Am Ende verlässt er die Familie, um schließlich doch zurückzukehren. Ein Happy End also. Aber das ist Hollywood, nicht Pasolini. (lacht)

Sexualität als Weg der Befreiung, der Selbsterkenntnis und Veränderung wie Zerstörung im Film. Wie siehst Du Sexualität in der Gegenwart?

Mit hohem Tempo werden ständig Grenzen ausgelotet und auch verschoben. Dabei gibt es aber viele Diskrepanzen in der Authentizität. Wo sich wieder eine Klammer zu Pasolini schließen würde.

Sehr problematisch finde ich die Sexualisierung der Frau überall auf der Welt.

Wie siehst Du die Entwicklung der Filmfiguren in Teorema?

Die Haushälterin wird in der Begegnung mit dem Gast zur Heilerin. Sie verändert sich absolut positiv. Auch der Sohn, der seine künstlerische Ader entdeckt bzw. dazu stehen kann. Bei der Tochter folgt die völlige Zerstörung. Die Mutter wird zur Getriebenen. Der Vater lässt von seinem Besitz los. Ist diese Befreiung Glück für ihn?

Wie siehst Du dies beim Vater?

Grundsätzlich bedeutet Freiheit, ein Bewusstsein und einen Sinn zu finden und dies auch zu leben. Und damit Glück entstehen zu lassen. Ansonsten bleibt es Gefühl. Beim Vater bleibt dies für mich offen.

Was kannst Du als Frau und Schauspielerin von „Teorema“ mitnehmen?

Unabhängigkeit ist sehr wichtig im Leben. Es ist schön, wenn ein Mensch befreit, aber es gilt nicht hängenzubleiben, wenn jemand gehen will. Darüber hinwegkommen und weitermachen in seiner gewonnenen Freiheit und Unabhängigkeit. Ansonsten ist man ja wieder gefangen. Für mich trifft der Film da einen Kern von Existenz, Liebe, Gesellschaft.

Wie siehst Du das Bild des Menschen bei Pasolini?

Verletzlich, fragil, Stabilität suchend oder wollend. Und alles in Bewegung setzend, diese Stabilität zu bekommen. Daran verzweifelnd, wenn dies nicht gelingt.

Gab es bisher berufliche Berührungspunkte zu Pasolini?

Nein.

Was sind Deine beruflichen Pläne derzeit?

Ich arbeite gerade an zwei Theaterstücken, auf die ich mich sehr freue!

Wie sehen die Sommerausblicke aus?

Ich bin Moderatorin beim Wiener Kultursommer. Und vielleicht gibt es die Möglichkeit zu einem Filmdreh, mal sehen.

Darf ich Dich abschließend zu einem „Teorema“ Akrostichon bitten?

T äuschend harmonisch ist die Familie.

E in fremder Mann kommt zu Gast.

O hne Bedenken, frei.

R eicht jedem mehr als nur die Hand.

E r hilft.

M itnichten.

A m Ende sind nicht alle glücklich.

Verena Spiesz, Schauspielerin _ acting „Teorema“ (Film, 1968, P.P.Pasolini) _
100.Geburtstag P.P.Pasolini (*1922 Bologna +ermordet 1975 Rom)

Liebe Verena, vielen Dank für das Interview und das szenische „Teorema“ Fotoshooting anlässlich des 100. Geburtstags von P.P.Pasolini! Viel Freude und Erfolg für alle Projekte!

100.Geburtstag _ P.P.Pasolini (5.3.1922 Bologna – +ermordet 2.11.1975 Rom) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt zum Film „Teorema“ P.P.Pasolini (1968):

Verena Spiesz, Schauspielerin _Wien

Walter Pobaschnig 7_22

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„Groß“ Christian Schleifer, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Wien 24.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE


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V ieler Menschen

E xistenzangst



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E ndlose Kriege überall,

A ber sieh und glaub, an

C hancen,

E rhebe dich, steh




A uf und sieh jeden Tag als




C  hance. Als Chance, du selbst zu sein.

H eb dein Herz und deinen Geist

A uf dass die Menschheit sich befreie von

N ar(r)zissten,

C hancen ergreifen

E ndlich sprengt Ketten.


Christian Schleifer, 21.6.2022

Christian Schleifer, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Christian Schleifer, Schriftsteller

Fotos_Sebastian Räuchle

Walter Pobaschnig _ 21.6.2022.

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