„Wir werden Mittel und Wege finden um weiter zu existieren. Das haben wir schon immer“ Fabian Lenthe, Schriftsteller_Nürnberg 5.12.2020

Lieber Fabian, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Ich wache zwischen zwei und drei Uhr nachts auf, weil mich eine geheime Macht vom Schlafen abhält, oder weil ich nüchtern werde. Ich weiß nicht, was ein gesunder Schlafrhythmus ist, deshalb kenne ich jeden Fleck an meiner Decke persönlich. Gegen sechs Uhr fällt mir vielleicht ein Gedicht ein, oder ich sehe mir zum tausendsten Mal Apocalypse Now an, bis ich endlich wieder einschlafen kann. Spätestens um elf Uhr wache ich wieder auf, öffne die Kühlschranktür und schließe sie wieder enttäuscht. Das wiederholt sich drei- bis viermal, bis ich es schaffe das gesamte Pfand in einer riesigen Tasche zu meinem Lieblingsdiscounter zu bringen. Zum Frühstück gibt es Bohnen mit Speck und ein Helles, manchmal auch Heringshappen. Dazu höre ich Deutschlandfunk, oder lese Hesse, weil ich um diese Uhrzeit keine Musik ertrage. Danach mache ich ein Schläfchen und träume von einem besseren Leben. Um achtzehn Uhr werd ich meistens wieder wach, trinke ein paar Gläser Rotwein und rauche. Ab circa neunzehn Uhr beginne ich zu schreiben, bis ich währenddessen einschlafe. Dann beginnt alles von vorne.

Fabian Lenthe, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jede*r sollte einen ausreichenden Vorrat an alkoholischen Getränken und anderen Genussmitteln zuhause haben. Unbedingt alle Rechnungen bezahlen, damit man es schön warm und kuschelig hat und man soviel lesen und oder Filme sehen kann, wie man will. Da ich keine Familie, Frau oder Kinder habe, kann ich zu allem anderen nichts sagen.

Vor einem Aufbruch und einem Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Theater, Film, der Kunst an sich zu?

Der Mensch wird sich all dem anpassen, und somit auch die Kunst. Wir werden Mittel und Wege finden um weiter zu existieren. Das haben wir schon immer.

Was liest du derzeit?

Hesse, Houellebecq, Berg, Camus, Tucholsky

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Wir halten den Tod, die Armut und körperliche Schmerzen für unsre hauptsächlichsten Feinde. Wer weiß aber nicht, daß dieser Tod, den einige das Schrecklichste aller Schrecknisse nennen, von andern der einzige Hafen gegen die Stürme dieses Lebens, das höchste Gut der Natur, die einzige Stütze unsrer Freiheit, das allgemeine und schnelle Heilmittel gegen alle Übel genannt wird?“

(Michel de Montaigne)

Vielen Dank für das Interview lieber Fabian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Fabian Lenthe, Schriftsteller

Foto_privat

26.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Rückzug ins Private, den die Pandemie erfordert, ist keine Lösung für unsere gesellschaftlichen Probleme“ Adrian Kasnitz, Schriftsteller _ Köln _ 5.12.2020

Lieber Adrian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin meist gut ausgeschlafen, wenn der Tag beginnt. Die Arbeit am Schreibtisch hat sich nicht viel verändert. Vielleicht, dass die Grundstimmung düsterer ist, auch in den Texten. Und dann fehlt das Gespräch, die Veranstaltungen, die zufällige Begegnung als Input fürs Schreiben. Das vermisse ich sehr. Nachmittags mache ich häufig einen Spaziergang durch den Park. Treffe manchmal auch schreitend Leute, die ich sonst zum Café getroffen hätte. Wenn es um 17 Uhr dunkel wird, könnte ich bereits einschlafen. Das ist der Grund, warum ich anderntags zeitig munter bin.

Adrian Kasnitz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren. Gelassenheit üben. Bewegung suchen. Und dieses verlorene Jahr akzeptieren, denn wir werden nicht alles nachholen können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

So sehr wir uns das auch wünschen, es wird kein Zurück in die Welt vor 2020 geben. Den Künsten kommt auch in dieser Zeit die Rolle zu, dass zu reflektieren, was da mit uns passiert. Wie sich Gesellschaft verändert, wie Reiche nochmals reicher werden. Wie Ausgeschlossene noch mehr weggedrängt werden. Wie unabhängige Strukturen zerbröseln. Wie Kontakte abreißen. Wie machtlos wir eigentlich sind. Der Rückzug ins Private, den die Pandemie erfordert, ist keine Lösung für unsere gesellschaftlichen Probleme. Da gibt es für Künstler*innen viel zu tun.

Was liest Du derzeit?

„Beyrouth 2020“ von Charif Majdalani, über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruch des Libanon.

„Der Himmel“ von Nona Fernández. Kurzgeschichten aus Chile und Argentinien, die mir ein Freund geschenkt hat.

Und „Fast nichts“, Gedichte von Paul Bowles in der spannenden Übersetzung von Jonis Hartmann.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Riffelglaskammern in denen wir leben

Unsere freiwilligen Kristallmuscheln“, von denen Paul Bowles spricht,

müssen wir unbedingt verlassen!

Vielen Dank für das Interview lieber Adrian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Adrian Kasnitz, Schriftsteller

Foto_privat.

4.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Was bleibt uns am Ende des Tages eigentlich übrig?“ Dan Shambicco_Schriftsteller_ Riehen/Schweiz_5.12.2020

Lieber Dan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch mein zweites Standbein hat sich mein Tagesablauf so gut wie nicht geändert. Jedoch fehlt mir in der momentanen Situation, besonders durch das Ausbleiben des normalerweise so lebendigen alltäglichen Geschehens, die Inspiration.

Denn Dichten und Schreiben ist für mich eine Art den Moment zu erfassen, sich schwerelos in ihm zu verlieren. Es sind jene wichtigen alltäglichen Momente, in denen die Funken von Kreativität und Inspiration in uns eindringen wollen. Jeder dieser Funken kann sich als ein Aufruf an unser Leben erweisen.

Zurzeit beschäftigen mich aber auch Fragen wie: Was bleibt uns am Ende des Tages eigentlich übrig? Und mit welchem Inhalt wollen wir unsere Lebenszeit füllen?

So dachte ich auch während des »Lockdowns« im Frühjahr, im Grünen bei etlichen Sonnenstunden, intensiv über Zeit, ihren unersetzlichen Wert und ihr Verfallsdatum nach. Aber auch über jene Zeit, welche sich durch kein Verfallsdatum auszeichnet. Dabei realisierte ich aufs Neue, wie schnelllebig unser Dasein doch ist, wie häufig ich abgelenkt bin und mit einem Auge oft bereits ins »Dort und Dann« blicke. Wie oft wir in unserer Eile das eigentliche Geschenk der Zeit übersehen.

Aber ich bleibe zuversichtlich: Das kostbare an den bisweilen hoffnungslos erscheinenden Situationen ist immer die gegebene Chance, dass gerade jene Zeiten uns dazu dienen können, unsere Wurzeln für die wesentlichen Dinge des Lebens zu vertiefen. Dazu gehört auch ein viel bewussterer Umgang mit der Zeit.

Dan Shambicco, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns letzten Endes im Hinblick auf die gegenwärtige Situation mit folgenden wertvollen Gedanken auseinanderzusetzen: Was wollen wir überhaupt nach der Krise mit unserer persönlichen Freiheit anstellen? Was für ein Leben wollen wir eigentlich danach führen, noch dasselbe? Und wohin wird uns die Zeit tragen, wenn wir wieder damit beginnen, uns ihr zu widmen?  Wir werden zum Nachdenken aufgefordert.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Krisensituationen stellen uns schonungslos vor große Herausforderungen, können uns aber gleichzeitig dabei helfen, den Blick zu klären, indem sie unabweisbar jene immateriellen Werte in den Fokus rücken, die bedeutsam sind. Wie etwa den unersetzbaren Wert einer Freundschaft, unserer persönlichen Freiheit und Gesundheit. Aber auch das Glück zu arbeiten, einer würdevollen Beschäftigung nachgehen zu können. 

Diese fundamentalen Werte müssen wir vor einem Aufbruch und Neubeginn noch mehr verinnerlichen. Die Literatur- und Kunstszene kann dabei als wertvoller Vermittler agieren und somit jene Werte den Menschen noch näher bringen. Letzten Endes bleibt die Literatur und Kunst unersetzbar.

Was liest Du derzeit?

„Zehn sehr böse Geschichten“ von Alfonso Pecorelli.

Der Autor nimmt seine Leser mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Unterhaltsam, und mit diesem Etwas, das süchtig macht.  

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Hinblick auf das Jahr 2021:

»Jedes Kind weiß, was der Frühling spricht. Lebe, wachse, blühe, hoffe, liebe, freue dich und treibe neue Triebe. Gib dich hin und fürchte das Leben nicht!«

Hermann Hesse

Vielen Dank für das Interview lieber Dan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dan Shambicco, Schriftsteller

Gedenkstätte Riehen | Riehen | Dan Shambicco (dan-shambicco.com)

Foto_Lukas Leuenberger

29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen alle Menschen an jedem Tag. Literatur erzählt davon. Kunst bildet es ab “ Isabella Krainer, Schriftstellerin _ Neumarkt/Stm. _ 5.12.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer. Ich steh früh auf, funktioniere, komm spät nach Hause und setze mich an den Schreibtisch. Mit dem Unterschied, dass mich das Etikett „Systemerhalt“ mehr unter Druck setzt, als zu arbeiten, um mir das Schreiben leisten zu können. Sprich, noch mehr Arbeit.

Manchmal fahre ich auch aus der Haut. Heldin, die ich bin. Doch Unfreiheit auszuhalten, ist nicht die Kunst, der ich mich verschrieben habe. In solchen Momenten weiß ich dann wieder, dass ein Etikett nicht mehr ist als etwas auf ein Produkt Geklatschtes.

Und dann ist sie wieder da, die Literatur. Die Liebe zum Schreiben. Hilft mir durch 2020. Ist relevant. Zeigt, was Kunst kann. Öffnet den Käfig.      

Isabella Krainer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für andere wichtig ist, weiß ich nicht. Oder nicht mehr. Dass plötzlich jede*r für oder gegen etwas ist, gibt mir zu denken. Auch, dass Meinung auf einmal so kundgetan wird. So aufgetischt. Früher hätte ich mir sowas gewünscht, Haltung.

Jetzt sehe ich bloß noch Kinder die Sandburgen bauen, während andere Kinder bereits aufs Niedertrampeln warten. Einfach so, aus Prinzip. Und es dann tun. Jetzt, wo Trump weg ist, sollten wir es ihm nicht weiter nachmachen, dieses plumpe Empörungsspiel.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen alle Menschen an jedem Tag. In welche Richtung es geht, hängt davon ab, woran wir glauben, was wir wissen, woran wir denken, an wen und warum.  Literatur erzählt davon. Kunst bildet es ab. Hören wir auf, uns zu hinterfragen, geht die Welt unter. So einfach ist das.

Was liest Du derzeit?

„Normale Menschen“ von Sally Rooney. Was eigentlich nicht stimmt, weil ich es schon längst gelesen habe. Kurz nach „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Was auch nicht stimmt, weil ich mir beide Bücher angehört habe, bevor ich sie mir dann gleich nochmal gekauft habe, weil sie so gut sind.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, daß man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, …“.

Aus: Neue Vahr Süd.

Sven Regener  

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Krainer, Schriftstellerin

ISABELLA KRAINER

Foto:privat

1.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen die Kunst, um Krisen zu überwinden“ Margot Mayrhofer, Schauspielerin _ Brixen _ 5.12.2020

Liebe Margot, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Im Gegensatz zum letzten Lockdown, in dem ich mir meine Tagesstruktur selbst zusammenbasteln musste, ergibt sich diesmal alles von selbst: Gegen 8Uhr stehe ich auf, es gibt Frühstück, die homeschooling-Kinder trotten zum Laptop während ich noch einen Kaffee trinke, oder zwei. Die Jüngere braucht noch Hilfe, also betreue ich sie vormittags bei den Schulaufgaben.

Nachmittags bekomme endlich ich den Computer, ich muss ein paar Online-Projekte vorbereiten, Kunst findet ja neuerdings ausschliesslich in Web statt…es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen, aber ich bin froh, arbeiten zu können. Irgendwann verlasse ich mit rauchendem Kopf die Wohnung, gehe mit dem Hund am Fluss spazieren. Das Wetter in Südtirol ist zur Zeit herrlich, das Gehen ordnet die Gedanken. Ab und zu treffe ich zufällig Bekannte oder Freunde, die man bewusst zur Zeit ja garnicht treffen darf. Social distancing. Wir reden solange, bis ich merke, dass der Hund nicht mehr an meiner Seite ist, das passiert mir oft. Ich denke, er macht das absichtlich, damit ich mich länger draussen aufhalte… ich bin dann nämlich viel besser drauf. Kluges Tier.

Am frühen Abend zünden wir Holz im Kamin an, und setzen uns davor, um dem Feuer zuzusehen. Das beruhigt total. Überhaupt geniesse ich es zur Zeit extrem, die Abende frei zu haben. In einem Schauspieler-Haushalt kommt sowas nicht so oft vor. Schöne Familienzeit eigentlich.

Überhaupt erlebe ich mich in diesem Lockdown viel gelassener als im letzten. Ich schaue viel ins „Narrenkastl“, herrlich. Im Frühjahr war meine innere Unruhe riesig, meine Energie allerdings winzig. Der Stress groß, die Effizienz gen Null.  „Die Krise als Chance zur kreativen Entfaltung!!“- Bei mir hat sich da garnix entfaltet.

Margot Mayrhofer, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Miteinander. Offenheit. Hinter jeder Maske ist ein Mensch mit einer Geschichte.

Vor einem Aufbruch und einem Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Theater, Film, der Kunst an sich zu?

Kunst und Kultur spiegeln die Gesellschaft wieder, helfen uns dabei, zu reflektieren und unseren Platz zu finden. Wir brauchen die Kunst, um Krisen zu überwinden. Kunst ist Soulfood. Kunst ist lebensrelevant.

Was liest du derzeit?

Vea Kaiser, Makarionissi

Theaterspielpläne – in Vorfreude auf das, was kommt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Menschen samma olle

Blinde Henderl, oame Haserln

Und aus unsere Achselhöhlen

Riachts wia aus oide Gurknglasln.

(Josef Hader)

Vielen Dank für das Interview liebe Margot, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Der Dank ist ganz meinerseits!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Margot Mayrhofer, Schauspielerin

Foto_Mirja Kofler

26.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst hat keine große Lobby“ Robert Kleindienst, Schriftsteller_Salzburg 5.12.2020

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nachdem ich mich im Frühjahr als „Hauslehrer“ für meinen siebenjährigen Sohn versuchen durfte, mittags als Koch und nachmittags als Freizeitbetreuer mein Bestes gab, während mein Schreibort zunehmend verwaiste, bin ich jetzt wieder dort angekommen, wo ich damals aufgehört habe, zu sein: In meinem vierten Roman, in dessen Welt ich täglich viele Stunden verbringe im Wissen, dass auch er bald wieder Geschichte einer langen Reise ist, in absehbarer Zeit zwischen zwei Buchdeckeln abgedruckt, um andere mitreisen zu lassen in eine andere Welt.

Robert Kleindienst, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns (weiterhin) ständig daran zu erinnern, dass unser Gehirn nicht nur ein Organ sein darf, mit dem man denkt, dass man denkt, sondern es durchaus auch zum Denken benutzt werden darf: Zum kritischen Hinterfragen, zur Selbstreflexion, vor allem aber auch zum Mut, uns im Namen der Toleranz das Recht vorzubehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren, um mit Popper zu sprechen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Der Aufbruch wird hoffentlich nicht für viele der Anfang vom Ende sein, denn gerade jetzt stehen viele, die ohnehin schon am seidenen Faden hingen, weiter am Abgrund, auch wenn hierzulande zumindest gewisse Auffangnetze gespannt worden sind. Was trotz all dem vielerorts deutlich sichtbar ist: Dass Kunst keine große Lobby hat, nur das Offensichtliche zutage tritt, geschätzt wird, was glänzt, strahlt, sich gut herzeigen und verkaufen lässt. Das, was dahintersteht, die Arbeit unter Tage sozusagen, bleibt (wieder) viel zu oft im Verborgenen.

Was liest Du derzeit?

Nachdem ich kläglich daran gescheitert bin, die eben erschienene kroatische Übersetzung meines Romans „Zeit der Häutung“ zu lesen, wende ich mich aktuell wieder Büchern zu, die ich besser verstehe: „Cox oder der Lauf der Zeit“ etwa von Christoph Ransmayr, „Tito – Der ewige Partisan“ von Marie-Janine Calic oder „Bewimpertes und Rostblättriges“ von Peter Gruber.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Hör gut hin, Kleiner / es gibt Weißblech, sagen sie, / es gibt die Welt, / prüfe, ob sie nicht lügen.“ (Ilse Aichinger)

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Robert Kleindienst, Schriftsteller

https://www.robertkleindienst.at/

Foto_Michael Namberger

13.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zusammenhalt und Verständnis dafür, dass jeder sein eigenes „Packerl“ mit der Situation zu tragen hat“ Teresa Bönisch, Schauspielerin_Wien 5.12.2020

Liebe Teresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich finde solche Fragen immer spannend. Schon als Kind habe ich es geliebt, seitenlange Fragebögen im Freundeskreis auszufüllen. Aber jetzt muss ich einfach nur grinsen, weil mir mein Tagesablauf so unspannend vorkommt.

Eine tägliche Routine habe ich aber:

Ich schreibe am Morgen alles nieder, was mir im Kopf herumschwirrt. Das ist befreiend und ich habe dadurch das Gefühl, klarer in den Tag starten zu können. Ich arbeite nebenberuflich am Markt, an den „freien“ Tagen, fokussiere ich mich auf die Realisierung neuer Projekte, singe lauthals zu Seiler und Speer, obwohl ich nicht im Dialekt singen kann, was mir meine Nachbarin bestätigt.

Teresa Bönisch_Schauspielerin _ Hotel Regina_Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für mich ist es Zusammenhalt und Verständnis dafür, dass jeder sein eigenes „Packerl“ mit der Situation zu tragen hat. Das setzt voraus, dass man seinem Gegenüber im Alltag stets mit Empathie und einem offenem Blick begegnet. Achtsamkeit und Entschleunigung neu schätzen zu lernen, war und ist für mich bereichernd.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich wollte in den letzten Wochen und Monaten sehr oft eine Freiheit umarmen, die ich bislang als selbstverständlich wahrgenommen habe, wie Heimweh ohne Rückfahrt-Ticket. Wenn ich dann an Gespräche mit KollegInnen in der Kunst denke, empfinde ich diese alles andere als eingeschränkt, sondern viel offener und ehrlicher als je zu vor. Man schont sich nicht und das tut gut. Ehrlichkeit.

Was liest Du derzeit?

Astrid Lindgren

Die Menschheit hat den Verstand verloren _Tagebücher 1939 – 1945

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist unbedeutend, verglichen mit dem, was in uns steckt. Ralph Waldo Emerson

Oder auch einfach ein Zitat einer Freundin, mit dem sie jedes Gespräch beendet:

Lebe, du Laus!

Teresa Bönisch_Schauspielerin _ Hotel Regina_Wien

Vielen Dank für das Interview liebe Teresa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Teresa Bönisch, Schauspielerin

https://www.teresa-boenisch.at/

Fotos_Walter Pobaschnig_Hotel Regina_Bösendorfer Suite_Wien 10_2020.

26.09.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Den eigenen Schrei aufnehmen und an sieben einsame Orte in die isländische Landschaft schicken“ Klakradl_Musikformation_Wien _ 5.12.2020

Liebe Nicole, liebe Birgit, lieber Stefan, lieber Markus – wie sieht jetzt euer Tagesablauf aus?

N: Wie bereits im März bin ich durch das Wegfallen sämtlicher Auftritte derzeit hauptberuflich in der Kinderbetreuung tätig. Dafür werde ich aber sehr klug ins nächste Jahr starten, weil Ö1 mein ständiger akustischer Begleiter ist – diese Woche gab es zum Beispiel eine Schwerpunktreihe zum Thema „Die Fliege“. Außerdem nimmt einem der Nebel jegliches Gefühl für Uhrzeit, da gibt einem ein Radiosender  auch etwas Halt.

Markus: Seit der Geburt meiner Tochter vor einem Jahr hat sich mein Tagesablauf total geändert. Ausschlafen gehört somit der Geschichte an und Komponieren für Klakradl ist somit eher Abends möglich.  

Stefan: Ich bin ebenfalls Vater geworden und Schlaf ist immer noch Mangelware.

Birgit: Ich schlaf im Grunde durch. 

Still_Musikvideo Klakradl_ GrundniGProductions

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Birgit: Sich über die Frage Gedanken zu machen ist schon mal ein guter Anfang.

Markus: HALTEN –  Abstand halten, Zusammenhalten, Durchhalten,…

Nicole: … und Respektlosigkeiten zurückhalten.

Stefan: Beim 1. Lockdown war immer die Rede vom „Social Distancing“. Jetzt wurde das zum Glück zu „Physical Distancing“ weiterentwickelt. Trotz des Lockdowns müssen wir die Nerven behalten und dürfen unsere Menschlichkeit zueinander nicht verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Markus: Ich denke, dass jeder, der möchte, diese „Fermate“ im Großen und Ganzen als Chance für etwas Neues annehmen kann. Weiters glaube ich, dass der Musik und Kunst im Allgemeinen ein größerer Stellenwert zugeschrieben werden wird, da es nunmehr nicht als selbstverständlich angesehen werden kann. Dadurch profitieren auch die Künstlerinnen und Künstler.

Stefan: Jössas, du Optimist! Ich hoff, die Gesellschaft hat nach erstem und zweitem Lockdown nicht vergessen wie wichtig die Kultur im Land ist und dass ein Streaming Konzert kein Live Erlebnis aufwiegen kann.

Birgit: Eh nicht, aber durch Streaming hat man zumindest die Möglichkeit, sichtbar zu bleiben und zumindest ein bissl in die Tristesse reinzugretschen. Es macht aber langfristig gesehen wesentlich mehr Spaß, gratis Content zu produzieren, wenn man damit nicht dringend Geld verdienen muss.

Was lest ihr derzeit?

Birgit: Da ich momentan sehr wenige Menschen treffe, stürze ich mich als Ausgleich in die Soziologie und lese: Andreas Reckwitz – Das Ende der Illusionen. Politik, Kultur und Ökonomie in der Spätmoderne.

Stefan: Bernhard Aichners „Totenfrau“.

Markus: Susanne Lütje und Eleni Livanios – „Der liebste Papa der Welt“

Nicole: Klingt hochinteressant, Markus, ich les grad: „Brumm, Brumm. Mein Bagger.“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet ihr uns mitgeben?

Nicole: „Niemand mag die Fliege.“ (Aus den Ö1 Dimensionen: „Freund und Fliege“.)

Markus: „Nicht das Beginnen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten!“ (Katharina von Siena)

Birgit: Keinen Textimpuls, aber was für die Psychohygiene: Es ist momentan so vieles so ärgerlich und bevor man vor lauter Frust implodiert, empfehle ich die Seite: lookslikeyouneediceland.com –  dort kann man seinen eigenen Schrei aufnehmen und der wird dann durch Lautsprecher an sieben einsamen Orten in die isländische Landschaft geschickt.

Vielen Dank für das Interview liebe Birgit, Nicole, Markus und Stefan, viel Freude weiterhin für Eure großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Birgit, Nicole, Markus, Stefan: Bittesehr!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Klakradl _ Musikformation

Klakradl | [:klak:] (klakmusic.com)

Foto_Musikvideo Klakradl_ GrundniGProductions

1.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich glaube Kunst kann in Zeiten der Veränderungen diese sichtbar machen“ Annkathrin Dehn, Tänzerin _ Wien 5.12.2020

Liebe Annkathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In den letzten Wochen war kein Tag wie der andere und Planung oft kaum oder nur wenig möglich. Jetzt bin ich praktisch im Homeoffice und es kehrt hoffentlich wieder etwas Ruhe ein für die nächsten Wochen.

Annkathrin Dehn, Tänzerin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir sollten den vielen Neuerungen nicht mit dem Gedanken an Überforderung entgegen gehen, sondern weiterhin versuchen Freude daran haben, kreativ neue Ansätze zu verfolgen. Diese Zeit bringt uns auch dazu, das zu hinterfragen, was wir tun, um dabei festzustellen, was uns wirklich wichtig ist. Die Leidenschaft dafür dürfen wir nicht verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Performance, der Kunst an sich zu?

Ich glaube Kunst kann in Zeiten der Veränderungen diese sichtbar machen und dabei gleichzeitig einen Weg und ein Ziel vorgeben. Im Umgang mit schwierigen Situationen aller Art braucht es immer kreative Ideen. Künstler sind dafür die Spezialisten, nicht auch deshalb haben wir es im Moment vielleicht auch so schwer.

Was liest Du derzeit?

“Die schnellsten Frauen der Welt – Wie sich zwei Reporterinnen im 19. Jahrhundert ein einmaliges Wettrennen lieferten” von Matthew Goodman

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

>> Oft bist du nicht müde, weil du zu viel getan hast – sondern weil du zu wenig von dem gemacht hat, was dich innerlich zum Funkeln bringt. << Alexander den Heijer

Vielen Dank für das Interview liebe Annkathrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Annkathrin Dehn_Tänzerin, Choreografin, Sängerin, Tanzpädagogin

Foto_Matthias Dehn

5.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Schöne ist, dass die Kunst nicht erkrankt, sondern nur die Bühne splittert“ Patricia Hempel, Schriftstellerin _ Berlin 5.12.2020

Liebe Patricia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich, abgesehen von den alltäglichen Einschränkungen, die das Privatleben beanspruchen, eigentlich nicht großartig verändert. Meine Firma setzt seit März auf Homeoffice und wir haben das Glück weder in Kurzarbeit zu stehen noch war mein Arbeitsplatz durch Corona in Gefahr. Das wäre natürlich anders, wäre mein Debütroman „Metrofolklore“ nicht im Herbst 2017 erschienen, sondern in diesem Jahr. Meine Gedanken sind bei allen, die nicht wie ich den Luxus haben, ihr Brot unabhängig vom Kulturbetrieb zu bestreiten oder gerade viel Geduld und Flexibilität mitbringen müssen – sei das auf virtueller Lesereise oder auf die nächsten freien Slots der Verlage wartend. 

Patricia Hempel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mich erschrecken die verschiedenen Diskurse, die gerade vor allem in den sozialen Netzwerken stattfinden. Sie sind nicht selten unsozial und übergriffig, haben wenig mit echten, hilfreichen Debatten zu tun, die uns gemeinsam weiterbringen. Man merkt deutlich, dass sich viele Menschen wund und angreifbar fühlen, aus verschiedenen Gründen. Mich hat auch erschreckt, welche geschichtsträchtigen Gesellschaftstraumata jetzt an die Oberfläche sickern und auch wie hilflos und/oder radikal mit ihnen umgegangen wird. Viele meinen, sie wüssten die Antworten auf all solche Fragen, die sich mit einer Sichtweise allein nicht beantworten lassen: Es hilft sicher, sich mehr auf sich selbst zu konzentrieren und dadurch stabiler zu werden. Das kann man dann nach außen kanalisieren und weitergeben.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle, die Literatur und Kunst immer spielen sollten: Einen Spiegel vorzuhalten und Reflexion zu ermöglichen. Das Inspirierende oder Verstörende berührt uns ja mit oder ohne Pandemie. Das Schöne ist, dass die Kunst nicht erkrankt, sondern nur die Bühne splittert. Ich hoffe sehr, dass die gerade entstehenden Behelfsformate und Inszenierungsalternativen den Betrieb nachhaltig bereichern – aber vor allem, dass man bald wieder Lesungen erleben darf, auf denen man zusammenkommt. Der Betrieb wird eine Weile brauchen sich davon zu erholen, doch ich wünsche mir, dass es durch die vielen Erscheinungsaufschübe nicht zu einer stärkeren (ohnehin vorliegenden) Übersättigungssituation kommt. 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade drei Bücher gleichzeitig. Manches Buch ist Recherche für meinen Roman, ein anderes purer Zeitvertreib. Ich hatte aus Neugier einen Fitzek in der Hand und verstand nicht, was die Leute in die Geschichte holt, erkannte auf den Seiten kein Geheimrezept. Gerade lese ich viel Lyrik, vielleicht bin ich zu abgelenkt für längeres Stoffe. Auf meinem Nachttisch liegt der Band „Fiere“ der schottischen Autorin Jackie Kay. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Spontan fällt mir ad hoc nichts Zeitgemäßes ein, ohne zum Bücherregal zu rennen, doch ich finde immer sehr viel düstere Weisheit bei den alten Russen. Ich glaube es war Tolstoi, der geschrieben hat, dass alles ein gutes Ende für diejenigen nimmt, die warten können. 

Vielen Dank für das Interview liebe Patricia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patricia Hempel_Schriftstellerin

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Metrofolklore/84777

Foto_Dirk Skiba

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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