„Das Schöne ist, dass die Kunst nicht erkrankt, sondern nur die Bühne splittert“ Patricia Hempel, Schriftstellerin _ Berlin 5.12.2020

Liebe Patricia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich, abgesehen von den alltäglichen Einschränkungen, die das Privatleben beanspruchen, eigentlich nicht großartig verändert. Meine Firma setzt seit März auf Homeoffice und wir haben das Glück weder in Kurzarbeit zu stehen noch war mein Arbeitsplatz durch Corona in Gefahr. Das wäre natürlich anders, wäre mein Debütroman „Metrofolklore“ nicht im Herbst 2017 erschienen, sondern in diesem Jahr. Meine Gedanken sind bei allen, die nicht wie ich den Luxus haben, ihr Brot unabhängig vom Kulturbetrieb zu bestreiten oder gerade viel Geduld und Flexibilität mitbringen müssen – sei das auf virtueller Lesereise oder auf die nächsten freien Slots der Verlage wartend. 

Patricia Hempel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mich erschrecken die verschiedenen Diskurse, die gerade vor allem in den sozialen Netzwerken stattfinden. Sie sind nicht selten unsozial und übergriffig, haben wenig mit echten, hilfreichen Debatten zu tun, die uns gemeinsam weiterbringen. Man merkt deutlich, dass sich viele Menschen wund und angreifbar fühlen, aus verschiedenen Gründen. Mich hat auch erschreckt, welche geschichtsträchtigen Gesellschaftstraumata jetzt an die Oberfläche sickern und auch wie hilflos und/oder radikal mit ihnen umgegangen wird. Viele meinen, sie wüssten die Antworten auf all solche Fragen, die sich mit einer Sichtweise allein nicht beantworten lassen: Es hilft sicher, sich mehr auf sich selbst zu konzentrieren und dadurch stabiler zu werden. Das kann man dann nach außen kanalisieren und weitergeben.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle, die Literatur und Kunst immer spielen sollten: Einen Spiegel vorzuhalten und Reflexion zu ermöglichen. Das Inspirierende oder Verstörende berührt uns ja mit oder ohne Pandemie. Das Schöne ist, dass die Kunst nicht erkrankt, sondern nur die Bühne splittert. Ich hoffe sehr, dass die gerade entstehenden Behelfsformate und Inszenierungsalternativen den Betrieb nachhaltig bereichern – aber vor allem, dass man bald wieder Lesungen erleben darf, auf denen man zusammenkommt. Der Betrieb wird eine Weile brauchen sich davon zu erholen, doch ich wünsche mir, dass es durch die vielen Erscheinungsaufschübe nicht zu einer stärkeren (ohnehin vorliegenden) Übersättigungssituation kommt. 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade drei Bücher gleichzeitig. Manches Buch ist Recherche für meinen Roman, ein anderes purer Zeitvertreib. Ich hatte aus Neugier einen Fitzek in der Hand und verstand nicht, was die Leute in die Geschichte holt, erkannte auf den Seiten kein Geheimrezept. Gerade lese ich viel Lyrik, vielleicht bin ich zu abgelenkt für längeres Stoffe. Auf meinem Nachttisch liegt der Band „Fiere“ der schottischen Autorin Jackie Kay. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Spontan fällt mir ad hoc nichts Zeitgemäßes ein, ohne zum Bücherregal zu rennen, doch ich finde immer sehr viel düstere Weisheit bei den alten Russen. Ich glaube es war Tolstoi, der geschrieben hat, dass alles ein gutes Ende für diejenigen nimmt, die warten können. 

Vielen Dank für das Interview liebe Patricia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Patricia Hempel_Schriftstellerin

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Metrofolklore/84777

Foto_Dirk Skiba

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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