„Swing. Dance to the right“. Martin Gruber und das aktionstheater ensemble begeistern im Werk X, 1120 Wien. 13.1.2018

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Eine leere Bühne. Die eingangs sorgsam ausgefüllten Stimmzettel des Publikums in der ersten Reihe zu zukünftigen Produktionen sind nun achtlos auf den Boden geworfen. Punschkrapferl gibt`s dafür. Aber niemanden der Tarantino gleich auftretenden einförmig eleganten Protagonisten interessiert das jetzt. Jetzt wird getanzt. Und erzählt. Ein Spaghetti Western der Wortkaskaden, deren Pointen nur am Lautesten sein müssen. Pulp und Fiction. Rauchende Colts der Sprache. Wer zieht schneller? Es muss zum Rhythmus der Gruppe passen. Die Form braucht Schlagobers. Oder auch nur Schlag und Schuss. Pinguine, Zeltfeste, Chinesen und strahlende Zähne. Wir haben viel und nichts zu sagen im Gleichschritt mit blauem Auge, heruntergelassener Hose und geöffneter Bluse. Distanzen braucht hier niemand mehr. Wertfrei und triebhaft. Immer schön vor und zurück. Bis es ins Leere geht. Zu Stille und Schatten. Und die Einsamkeit der Bühne bleibt…

Dem Wiener aktionstheater ensemble gelingt in der Idee und Inszenierung von Martin Gruber ein glänzend verdichtetes Drama um Vertrauen und Verrat, das konsequent und erschütternd subtile Mechanismen von gesellschaftlichen Stimmungswellen im Verlust von Individualität und Humanität tiefgründig offenlegt. Die Übersetzung hypnotischer Infektion gesellschaftlicher Prozesse narzisstischer Machtansprüche in eine grandios rasante Wort- und Tanzchoreografie ist ein atemberaubender Kunstgriff modernen Theaters.

Der Kommentar zur politischen Gegenwart ist zweitrangig gegenüber dem Furor, der schauspielerischen Brillanz und der Intensität der Darstellung, die eindrucksvoll zeigt wie hellhörig und innovativ kritisch Kunst zu allen Zeiten sein muss.

Es ist den DarstellerInnen Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Martin Hemmer, Isabella Jeschke, Nicolaas van Diepen zu einer außergewöhnlichen Ensembleleistung in höchsten körperlichen und verbalen Ansprüchen und Können zu gratulieren. Ebenso Andreas Dauböck zu einer eindringlichen musikalischen Choreografie wie auch dem gesamten Video- und Bühnenteam.

„Swing. Dance to the right.“ Martin Gruber und das aktionstheater ensemble.

Weitere Termine 22.1./23.1. und 24.1.2018 im Werk X, 1120 Wien.

Walter Pobaschnig, Wien 1_2018  

Fotos: Walter Pobaschnig

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„Unter der Drachenwand“ Buchpräsentation und Gespräch mit dem Autor Arno Geiger und Katja Gasser, Lesung Markus Hering, im Akademietheater Wien, 10.1.2018.

„Die Gegenwart schreibt immer mit…“ betont der österreichische Autor Arno Geiger (Deutscher Buchpreis 2005) im Gespräch mit Katja Gasser, Leitung Literatur ORF Kultur, anlässlich der Präsentation seines neuen Romans „Unter der Drachenwand“ im Akademietheater Wien. In eindringlicher wie fokussierter Perspektivität öffnet und beleuchtet Geiger das emotionale Innenleben der Hauptprotagonisten, deren Wege und Gedanken in Enttäuschung und Hoffnung sich gegen Ende des II.Weltkrieges kreuzen. Der Autor betont, es gehe ihm um „Atem und Pulsschlag“ der Charaktere, um autobiographische Dichte in literarischer Reflexion „radikaler Subjektivität“. Literatur müsse „Dämonen“ des Lebens   „heraufholen und mit diesen umgehen“. Damit beweist Literatur auch „Haltung“ und kann auch eine gewisse Form von „Vergangenheitsbewältigung“ wie „Trost“ leisten. Die „offene Neugier“ des Schriftstellers ist dabei der wesentliche Wegweiser.

Ein großartiger Abend in Gespräch und Lesung mit vielen anspruchsvollen wie anschaulichen Einblicken in den Prozess des Schreibens wie der Stellung der Literatur in der Gegenwart, für den sich das Publikum mit begeisterten Applaus bedankte.

Arno Geiger, Unter der Drachenwand, Hanser Verlag.