
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100. Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Doris Fleischmann, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Doris, welche Zugänge gibt es von dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als ich Anfang der Neunziger Jahre in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (ÖGfL) gearbeitet habe, war Wolfgang Kraus, damals Präsident, sehr angetan von Ingeborg Bachmann und hat mir voller Stolz erzählt, dass er der erste gewesen wäre, dem sie „Böhmen liegt am Meer“ vorgelesen habe, damals Anfang der Sechziger Jahre in den Räumen der ÖGfL.
Ich denke, Ingeborg Bachmann hatte zwei Gesichter: das Gesicht der erfolgreichen, immer etwas zerbrechlich wirkenden Ausnahmeschriftstellerin, aber auch das Gesicht der privaten (und doch öffentlichen) Frau, die von der intellektuellen Gesprächspartnerin bis zur leidenden Geliebten so viele verschiedene Facetten in sich trug, die wohl nie alle ans Licht kommen werden.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann ist unbestritten eine der wichtigsten österreichischen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. Sie hat sich mit der Rolle der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft auseinandergesetzt, mit der nationalsozialistischen Vergangenheit unseres Landes (und ihres Vaters) und sie hat ihren eigenen literarischen Ton gefunden, eindringlich und klar. Wenn man sich Aufnahmen anhört, auf denen sie Gedichte und Prosa vorträgt, kann man sich ihrem Leserhythmus nicht entziehen.
Möchtest du bestimmte Werke hervorheben und warum?
In meinem Bücherschrank steht ein Band mit Ingeborg Bachmanns Erzählungen. Ich würde „Undine geht“ hervorheben: „Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.“
„Hans“ fungiert hier als Chiffre für den männlich-enttäuschenden Liebhaber, und Ingeborg Bachmann hatte ja tatsächlich Liebhaber mit dem Vornamen Hans: Hans Weigel und Hans Magnus Enzensberger.
2016 haben wir in der AGA Arbeitsgemeinschaft Autorinnen ein ganzes Heft zum Thema „Alle Männer heißen Hans“ herausgebracht. Ich habe damals ein fiktives (natürlich sehr zynisches) Interview mit dem Verleger Hans W. Schmidt anlässlich seines 80. Geburtstages geschrieben: „Na ja. Wissen Sie, ich habe einfach nur mit den Augen zwinkern müssen, und keine Frau hat meiner Einladung zu einem Glas Wein widerstehen können oder zu einem Theaterbesuch oder zu einer kleinen Reise. (Lacht.)“
Was hättest du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gerne persönlich kennengelernt, vor allem um mir ein eigenes Bild machen zu können. Die Mystifizierung von Ingeborg Bachmann habe ich nie verstanden. Sie war eine sehr widersprüchliche Person, denke ich, und dieser Mythos Bachmann ist bestimmt durch ihren frühen geheimnisvollen Tod entstanden. Ich hätte sie wahrscheinlich gefragt, wo sie sich zu Hause fühlt und wo sie schreiben kann.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich bin am Recherchieren und möchte kleine literarische Porträts schreiben.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Jahre kommen und vergehen, die Menschen kommen und gehen, und die Zeit und die Menschen wollen mir wohl, und ich habe meinen Platz unter der Sonne.“
Aus: Ingeborg Bachmann, Auch ich habe in Arkadien gelebt, Zeitschrift Morgen, Wien 1952
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Doris Fleischmann, geboren 1970 in Wiener Neustadt, lebt und arbeitet in Wien; viele Jahre im Kulturbetrieb tätig; schreibt Prosa. Regelmäßige Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, eine Co-Herausgeberschaft.
Ihr Debütroman „Alles, was bleibt oder Ein Haus in Wien“ erschien 2018 im Hollitzer Verlag, Wien. Im April 2022 erschien ihr Kurzgeschichtenband „Spaziergänger zwischen den Welten“ im Pilum Literatur Verlag, Strasshof an der Nordbahn.
Doris Fleischmann ist Mitglied beim Literaturkreis Podium, der Literaturgruppe Textmotor sowie der Arbeitsgemeinschaft Autorinnen. Mitglied des Österreichischen PEN-Clubs.
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Doris Fleischmann _ privat.
Walter Pobaschnig 3.5.26





































































