„Nicht morgen wieder in alte Ideen und Muster verfallen“ Lukas Lauermann, Cellist_Wien 4.10.2020

Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während des sogenannten Lockdowns hatte ich zum ersten Mal seit meiner
Schulzeit wieder einen recht geregelten Tagesablauf. Ich bin froh, dass das
inzwischen nicht mehr so ist. Dass die Tage nicht mehr ablaufen, eine Schablone
ausfüllen, sondern ich wieder all dem nachgehen kann, was ich liebe, was mich
außerhalb von Regeln denken und bewegen lässt.

Lukas Lauermann _ Julia Haimburger

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ‚jetzt‘ aus dieser Frage zu streichen. Nicht morgen wieder in alte Ideen und
Muster zu verfallen, von denen man für einen Moment so deutlich wie noch nie
gesehen hat wie kaputt sie sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Jede*r ist immer relevant, vollkommen unabhängig von irgendeinem System.
Diese (eigentliche) Selbstverständlichkeit, die als Offenheit bezeichnet wird,
kann und muss Kunst bekräftigen.

Was liest Du derzeit?

Christoph Schlingensiefs Animatograph: Zum Raum wird hier die Zeit (Roman
Berka)

Welches Zitat, welchen Teximpuls möchtest Du uns mitgeben?

Für mich hat ein Künstler nur eine Aufgabe, nur eine einzige Aufgabe und nichts
weiter als diese Aufgabe und das ist, Illusionen zu beseitigen, die man sich über
die Dinge macht.‘ (Morton Feldman)

Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Lukas Lauermann, Cellist und Komponist

https://lauermann.tumblr.com/

Foto_Julia Haimburger

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Fahrenheit 451“ – Fulminante Uraufführung TAG Theater Wien, 3.10.2020.

Da sind die Stadt und das Leben auf, vor und von den Bildschirmen. Das tägliche Glück vieler...

Aller?

Und da sind die Bücher. Gejagt und verbrannt von der Feuerwehrtruppe mit der Zahl 451 am Revers. Brände werden gelegt, um das gedruckte Wort zu vernichten. Das ist der Job – ohne Worte, ohne Hinterfragen. Oder doch?

Es gibt eine Norm. Das Verordnete. Dem ist zu folgen.

Wie der Droge. Bis zur Überdosis.

Doch der Schmerz zerreißt Verbot und Norm.

Montag beginnt sich Gedanken zu machen, Bücher zu verstecken.

Und da ist Clarisse. Ein freier Geist. Wort und Stimme. Musik. Schönheit.

Und da der Literaturprofessor. Er weiß über das vergessene Lesen, Verstehen, Denken.

Montag will mehr darüber erfahren…

Und der Feuerwehrmann Montag in der Zerrissenheit zwischen Bildschirm und Buchtitel. Lesen-Wollen in der bunten niederdrückenden Welt…

…im Warten, im Donner des Krieges, mit Worten im Kopf…und nicht allein…

Die Dramatisierung des Romans „Fahrenheit 451“ (1953) des US-amerikanischen Autors Ray Douglas Bradbury (1920 – 2012) ist eine Herausforderung in Textfassung und Inszenierung. Dass dies eine höchst spannende und dramatische wie zeitkritische sein kann, beweist das TAG Theater Wien fulminant in dieser Uraufführung. Die Inszenierung von Susanne Draxler und Mimu Merz greift mutig und selbstbewusst nach dem Herz des Textes und das hervorragende Ensemble mit Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert lässt es in Spannungsaufbau und Dynamik hervorragenden Schauspiels laut und zeitlos pochen. Da sind ein Fragen, Ringen, Zweifeln und Wagen auf der Bühne zu sehen und zu spüren, das Publikum und Welt aufmerksam anzusprechen weiß. Und das im Spielraum eines kongenialen Bühnenbildes, das Effekt und stille Wucht hervorragend setzt wie in Variabilität beeindruckt. Wie das Ensemble darin spielt und umgeht ist Sonderklasse.

„Ein Theaterabend, der Mensch und Welt viel zu sagen hat  – in Bewusstsein, Denken, Spiel und Zärtlichkeit.“

Kritik&alle Fotos_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com   3.10.2020

Fahrenheit 451

Von Ray Bradbury

Bühnenfassung von Susanne Draxler und Mimu Merz

Vorstellungsdauer100 Minuten, keine Pause

Deutsch

Premiere: Sa. 03. Okt. 2020, 20.00

Es spielen:  Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert

Ausstattung: Elisabeth Gressel

Bühnentechnik: Andreas Nehr, Alexander Schlögl

Dramaturgie: Tina Clausen

Licht: Hans Egger, Katja Thührriegl

Maske: Beate Lentsch-Bayerl

Regie: Susanne Draxler

Regieassistenz: Renate Vavera

Regiehospitanz: Marissa Hübel

Sound: Mimu Merz

Textfassung: Susanne Draxler, Mimu Merz

Videoregie: Mimu Merz

Ton/Video: Peter Hirsch

TAG, Theater an der Gumpendorfer Straße,

Gumpendorfer Straße 67, 1060 Wien

https://literaturoutdoors.com   3.10.2020

„Und wie sehr wir Kunst brauchen, wird uns dankbar klar!“ Inge Maux_Schauspielerin_Niederösterreich _ 3.10.2020

Liebe Inge, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wir leben auf dem Lande- mein Mann Manfred Schmid und die wundervollen rumänischen Pflegerinnen Titiana und Daniela sowie unsere Hündchen Suri und Pepita und unser Dauergasthund Prinz Ebi!! Mein Tagesablauf ist hier eigentlich immer gleich- ich male jeden Tag , ich lese sehr viel und tippe jeweils die neuen Seiten für die Biografie meines Mannes in den Computer und mache wunderbare Spaziergänge mit den Hunden und genieße den Garten… Während dem  Corona Lockdown konnte ich es gar nicht fassen, dass hier alles wie immer ist und wir in dieser wunderbaren Idylle leben- aber nichts mehr “ wie immer ist”- dass im Bewusstsein schlagartig alles anders war- einfach unfassbar- man ist gefangen in dieser wunderschönen Natur- weiß dass es einen unsichtbaren Feind gibt- soviele Menschen sterben- ein Ausnahmezustand herrscht, der noch nie da war- nicht einmal im Krieg- und der uns alle und überall betrifft- und nach  außen hatte sich für uns hier auf dem Lande eigentlich nichts geändert- das war einfach “ spooky”… Ein Film den ich drehen sollte wurde verschoben- mittlerweile konnte ich ihn drehen- Sprecherjobs wurden wieder möglich -Reisen nach Wien- und jetzt der idyllische Alltag wie immer….aber ALLES hat sich verändert- im Bewusstsein-

Inge Maux

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksichtnahme – Gemeinschaftsgefühl- verstärktes MITEINANDER- wo uns „Trennendes „ auferlegt wurde-Verbundenheit- innere Empathie und die Welt- das Leben mit neuen Augen sehen-Sorgsamkeit-Achtsamkeit-Dankbarkeit und 💗 LIEBE

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke dass sich  für alle Menschen jetzt und auch für uns Künstler extrem viel verändert hat!! Nichts ist mehr wie vorher ( außer der ländlichen Idylle)- es hat sich ein neues Bewusstsein herauskristallisiert und das ist auch eine große Chance zum Umdenken und verändern! Auch für das Wertbewusstsein- was zählt wirklich – was brauchen wir nicht?! Und wie sehr wir Kunst brauchen wird uns dankbar klar!!! Nahrung für die Seele-für die Sinne- für den Geist…und wie sehr wir unsere Mitmenschen brauchen- das Miteinander erleben- das Gegenüber- den Austausch- die Isolation hat uns das mehr als deutlich gemacht- und uns gleichzeitig zur BESINNUNG gebracht! Wir werden- müssen -neue Wege gehen und finden!! Das ist eine spannende Herausforderung und eine immense Chance- auch auf allen künstlerischen Gebieten- und das ist bei all dem Schweren und Erschwertem eine echte große Chance- wir müssen und sollten Sie nützen- und es ist ein Grund zur FREUDE!!

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Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade „ Der zerbrochenene Spiegel von Merce Rodoreda gelesen- ( Auf der Placa del Diamant und Der Garten  über dem Meer- habe ich bereits verschlungen) eine so außergewöhnlich tolle Autorin von der ich jede Zeile lesen will, die sie geschrieben hat!!! Jetzt lese ich Marlon Brando – The naked actor von George Englund – jedem aus unserer Zunft sehr zu empfehlen und die Biografie von Woody Allen!! Dann warten auf mich Der Apfelbaum von Christian Berkeley und Die Brüder Saphir von Topsy Küppers !! Und viele viele Köstlichkeiten in meiner literarischen Vorratskammer!! Im Zusammenhang mit Woody Allen habe ich mir die Biografie von Diane Keaton „ Damals-heute“ bestellt… bin lesesüchtig!!!

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte 3 Zitate von Martin Buber nennen:

ALLES WIRKLICHE LEBEN IST BEGEGNUNG

AM DU WERDEN WIR ERST ZUM ICH

DAS ZWISCHEN MUSS TÄGLICH NEU AUFGEBAUT WERDEN

💝

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Vielen Dank für das Interview liebe Inge, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Inge Maux_Schauspielerin, Malerin, Fotokünstlerin

Biografie

Alle Fotos_Inge Maux

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bürgerliches Trauerspiel“ Martin Gruber und aktionstheater ensemble. Mitreißende Uraufführung WERK-X, Wien, 1.10.2020.

Zuerst ist da die Kreide. Und die Linie, die Grenze. Das Eigene, das Unsrige. Und das Verbot. Und die Lust daran. Das muss sein. Das ist das Spiel. Das sind die Regeln. Woher sonst die Lust nehmen? Seit Lessing…

Das Unbehagen und das Schuldgefühl. Alles hat seinen Preis. Was nichts kostet. Wir wissen um Wert und Sinn. Um Opfer.

Die Kreide macht die Stimme sanft. Mensch ärgere Dich nicht. Versteckt das Innere.

Bis das Dunkle in uns rauskommt. Der Wolf. Bis wir zerfetzen, fressen. Bis alles zerplatzt. Wie das Virus. Aber nein, so weit ist es nicht. Die Kreide hält. Nur einen Fuß sind wir drüber. Draußen ist das Virus…

Das Innen hält. Hält fest zusammen.

Der Liegestuhl und der Alkohol.

Wir sind synchron.

Für unseren Müll gibt es Käfige. Vom Balkon bis Kuba.

Wir sind nicht allein, oder? Liebe, Beziehung, Freundschaft. Wir wissen was Papa und Mama dazu sagen.

Thymian-Sex im Liegestuhl allein ist wunderbar. Und dazu Tränen am Bahnhof jetzt.

Saufen und kochen. Der SUV und die Fahne. Der Kaiser und die Trauer.

Und auch für unsere Schuld ist Platz. Wir wissen uns zu helfen.

Unsere Welt ist erklärt. Von klein auf. Mit ausgeschlagenen Schneidezähnen.

Und der Wolf ist draußen…

Pandemie. Here we go…

Bis es dunkel wird…

Das Aktionstheater Ensemble zieht unserer Zeit den Backenzahn. Den eitrigen. Den stinkenden. Den verwachsenen. Und es macht dies mit künstlerischer Dynamik und Raffinesse, die einzigartig sind. Eine solche Kraft, Wucht und Intelligenz lassen nur begeistert staunen.

Martin Gruber und das aktionstheater ensemble ziehen in der großartigen Uraufführung „Bürgerliches Trauerspiel“ alle Register bester Schauspielkunst, die packt und schüttelt, berührt und still wie nachdenklich werden lässt. Inszenierung und Spiel erschaffen so dichte Momente des Ausdrucks und der Ansprache, dass das Publikum nie davor sondern immer mittendrin ist. Und dabei sich im Sessel manchmal etwas zusammenzieht, weil es so unmittelbar trifft und offenlegt.

Das aktionstheater ensemble stellt die Frage – Wer bin ich? – an das Wohnzimmer unserer Zeit. Es reißt die Tapeten der Generationen herunter und blickt auf die nackte Mauer. Zu dem Mobiliar in Raum und Kopf darin. Packt mit fulminantem Spielwitz den wackeligen Zahn von Wert und Gesellschaft. Dieser Griff an die Wurzel kommt an. Ist zu spüren. Schmerzt. Das Publikum entscheidet dann selbst ob Plombe oder Wurzelbehandlung, Implantat oder Brücke. Im Wohnzimmer. Zuhause. Mit einem künstlerischen Röntgen im Liegestuhl, das besser nicht sein könnte.  Pandemie, here we go. Prost.

BÜRGERLICHES TRAUERSPIEL (2020)

Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble in Koproduktion mit Landeshauptstadt Bregenz/Bregenzer Frühling, Landestheater Linz, in Kooperation mit WERK-X Wien.

Regie: Martin Gruber; Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth,

Dramaturgie:  Martin Ojster, Andreas Erdmann; Musik: Kristian Musser, Nadine Abado, Alexander Yannilos; Bühne, Kostüme: Valerie Lutz; Regieassistenz: Tanja Regele, Hacer Göcen; Mit: Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle, Benjamin Vanjek und Kristian Musser, Nadine Abado, Alexander Yannilos.

Nächster Spieltermin_ Sa. 3.10., WERK-X, Oswaldgasse 35A, 1120

http://aktionstheater.at/produktionen/buergerliches-trauerspiel-2020/   2.10.2020

Walter Pobaschnig, literaturoutdoors, 1.10.2020

Alle Fotos_Romana Fürlinger_Walter Pobaschnig

„Literatur muss die Themen und Probleme unserer Zeit aufzeigen, aber auch eine Flucht aus dem Alltag bieten“ Giuliano Musio_Schriftsteller _Bern _ 2.10.2020

Lieber Giuliano, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Inzwischen kann ich besser mit der ständigen Ungewissheit darüber umgehen, ob der nächste Auftritt, die nächste Lesereise stattfinden wird. Ich konzentriere mich auf die verlässlichen und von Corona unabhängigen Lebensbereiche: feste Tagesrituale und die Arbeit am nächsten Buch.

Giuliano Musio Affolter Savolainen

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass das Bewusstsein für unsere eigene Fehlerhaftigkeit, unser Unwissen und unseren subjektiven Blick den Kampf für Gerechtigkeit und Solidarität voranbrächte. Das bedeutet, dass es die Bereitschaft braucht, die eigenen Überzeugungen immer wieder infrage zu stellen und gegebenenfalls zu ändern, Fehler einzugestehen, zuzuhören, statt sich von bloßer Empörung leiten zu lassen, und vorsichtig mit Urteilen zu sein. Ich arbeite selbst an all diesen Punkten.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin leider weniger optimistisch und glaube, dass wir unsere alten Gewohnheiten nicht so schnell loswerden. Die Hoffnung auf Veränderung muss dennoch aufrechterhalten bleiben, selbst wenn diese nur im Kleinen stattfinden sollte. Für mich muss Literatur die Themen und Probleme unserer Zeit aufzeigen, aber auch eine Flucht aus dem Alltag bieten. Im Idealfall macht sie beides zugleich.

 

Was liest Du derzeit?

»Happy End« von Joachim Lottmann und »Eisfuchs« von Tanya Tagaq.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Man darf unklar von dem reden, wohin das Licht der klaren Sprache nicht leuchtet.« (Jean Améry)

Vielen Dank für das Interview lieber Giuliano, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Giuliano Musio, Schriftsteller

https://www.giulianomusio.com/

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mit Literatur und Kunst können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen“ Katharina Adler. Schriftstellerin _ München 1.10.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Arbeiten, schreiben ist für mich zentral. Darum herum die Alltagsdinge und Familie, Freunde, Sport, Spaziergänge, Bücher, Filme, Ausstellungen. Das alles miteinander in Einklang zu bringen, gelingt oft und manchmal nicht. Auch das war schon vor dem Virus so. Und trotzdem hat sich Corona über vieles gelegt. Eine gewisse Leichtigkeit Menschen zu treffen oder an vielbesuchte Orte zu gehen ist fort. Sorge ist dafür da, wie es mit Lesungen, Theater, Konzerten, dem Nachtleben weiter gehen soll. Im Sommer half die warme Luft, die lauen Abende draußen. Aber ich weiß jetzt schon, dass mir im Herbst und Winter die Euphorie stickiger Räume fehlen wird. Das ist mir erst so wirklich klar geworden: an ungelüfteten Orten habe ich schon so viel Großartiges erleben dürfen.

Katharina Adler _ Christoph Adler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bemerke in letzter Zeit immer wieder den Wunsch bei mir, dass alles schnell vorbei gehen soll und wir zurück zu dem können, wie es vor dem Virus war. Doch dann zügele ich mich. Zurück. Das kann es doch auch nicht sein.
Die „Krise als Chance“ ist eine Floskel, auf die ich bisher in allen Krisen meines Lebens eindreschen wollte. Mittendrin sah ich da nie eine Chance, fand es einfach nur fürchterlich. Wenn es dann aber ausgestanden war, musste ich mir eingestehen, ich war an einem anderen Punkt als zuvor. Meist an einem besseren.
Das bedeutet trotzdem nicht, dass ich Krisen willkommen heiße. Dieses Virus fordert zu viele Tote, zu viele Kranke, zu viele Einbußen – emotional, finanziell, kulturell, besonders die Bildung betreffend usw. – um das alles als Chance verbrämen zu können. Aber wenn die Krise schon einmal da ist, dann ist das wenigstens ein Schimmer am dunklen Horizont. Deshalb glaube ich, gerade ist es wichtig, Geduld zu haben und sich die Zeit zu nehmen Fragen zu stellen. Welches Potential birgt die Situation, trotz allem? Was könnte danach besser sein als zuvor?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe erst einmal, dass wir es als Aufbruch und Neubeginn begreifen und nicht als Einbruch und Stagnation. Wenn das gelingt, wäre das ja schon enorm. Für Aufbrüche waren die Literatur und Kunst schon oft seismographische Instrumente. Mit diesen Instrumenten können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen. Da ist erst mal alles möglich, jenseits der alltäglichen Realität. Aber im besten Fall ist die Realität dann von der Imagination beeinflusst. Darin liegt viel Potential.

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade einen Roman fertiggelesen, der schon lange auf meiner Liste stand: „Ghana must Go“ von Taiye Selasi. Prosa, die umhaut und virtuos afrikanisches Erzählen zwischen Nigeria und Ghana mit dem Genre des amerikanischen Familienromans verknüpft.

Ansonsten arbeite ich mich gerade durch Bücher zum Thema „Solidarität“. Teils aus Interesse, aber auch als Überblicksrecherche für meinen neuen Roman.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe, ehrlich gesagt, keine große Vorliebe für Zitate, auch wenn es zweifellos ganz großartige gibt. Und doch habe ich oft das Gefühl, es sind Aphorismen, die Einsicht und Inspiration simulieren, wo es sich doch einfach nur um ein paar aus dem Zusammenhang gerupfte Sätze handelt. Es herrscht eine Tendenz gerne Dinge auf einen Nenner bringen oder in ein paar Sätzen zusammenfassen zu wollen (auch bei mir). Aber ich glaube, es ist letztlich ein größerer Gewinn, sich in komplexere Zusammenhänge hineinzudenken. Ausführlichkeit. Das wäre mein Impuls. Aber über alle, die so ein richtig griffiges Zitat aus dem Ärmel schütteln, das einem den Atem nimmt und dann vielleicht kurz neu denken lässt, freu ich mich schon auch.

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Katharina Adler, Schriftstellerin

Foto_Christoph Adler

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Regenschatten“ Seraina Kobler. Roman. Kommode Verlag

Der suchende Blick zu den Staren am Himmel. Es ist schon November. Sie kommen nicht. Ihre Bewegung, das Einssein, das Weiter ohne tägliche Gedanken. Das fehlt jetzt. Wie die Wolken…Und wie weiter jetzt in der umgebenden Katastrophenlandschaft? In der Hitze. Das warme Wasser überall. Die dampfenden Wälder…

Sie blickt aus dem Fenster und denkt nach. Denkt zurück. An die Welt und ihre Wege. Damals. Die Liebe. Die Bewegung. Das Einssein. Das Weiter ohne tägliche Gedanken…David. Jetzt der Riss. Sein Verschwinden….

Doch noch einmal erinnern. Den Anfang. Den süßen Wein. Das immergleiche Lied. Das Wort am Sofa – „Wir sprangen über die Sätze, beendeten sie füreinander, dass es bald egal schien, von wem sie kamen…“.

Lebensfarben. Liebesfarben. Rausch der Tage und Nächte…

Und die neue Wohnung. Ein Neubeginn. Neues Leben. Überall. Auch in ihr. Und nun Herausforderungen. Entscheidungen. Wege…und die Welt geht unter…

Seraina Kobler legt mit „Regenschatten“ einen spannenden Roman zur Zeit vor, der das Leben in aller Leichtigkeit und Dramatik von Mensch, Liebe und zerbrechender Welt am Hals und Kragen zu packen weiß. Die in Zürich lebende Autorin setzt die Unabwägbarkeiten von Tag und Nacht eines Lebens vor den kraftvollen Spiegel der Sprache und lässt Licht und Schatten von Bewegung und Ereignis mitreißend darauf fallen und prallen. Jedes Wort trifft ins Herz von Traum und Hoffnung, Sonnenstrahlen und Regenschatten über einer untergehenden Welt.

„Ein Roman, der Wert und Zeit des Lebens fulminant am Kragen packt.“

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„Literatur beschreibt die Welt, und sie kann das auch komplexer als im Vampir- und Kettensägen-Epos“ Martina Bergmann, Schriftstellerin_ Borgholzhausen_30.9.2020

Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer: Ich stehe um ungefähr halb acht Uhr auf, trinke Kaffee und erledige etwas Hausarbeit. Ich müsste um neun Uhr im Buchladen sein, was aber nie so ganz auf den Punkt klappt. Egal, schließlich bin ich da der Chef. Ich packe die Warenlieferungen aus, fahre den Computer hoch und gehe nochmal kurz außer Haus, um mit dem Nachbarn weiter Kaffee zu trinken. Bis um zehn lese ich Zeitung oder schaue an die Wand. Und dann geht der Tag los. Ich bediene Kunden und schreibe Seiten. So gegen neunzehn Uhr wundere ich mich, dass ich tatsächlich ungefähr erledigt habe, was für den Tag anlag. Dann fahre ich nach Hause und bin privat.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Dass wir uns nicht verdrießen lassen. Wir haben immer noch Strom, Wasser, Telefon und genug zu essen im Kühlschrank. Solange das gegeben ist, rege ich mich aus Prinzip nicht auf und bekomme auch schlechte Laune, wenn andere es mit ihrem Gemecker übertreiben.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur beschreibt die Welt, und sie kann das auch komplexer als im Vampir- und Kettensägen-Epos. Da wir in aufregenden Zeiten gehen, freue ich mich auf weniger langweilige Bücher. Ich gebe mir auch wirklich Mühe, selbst keinen Blödsinn zu schreiben.

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade verschiedene Bücher von Frauen, die an der Seite eindrucksvoller Männer gelebt haben, zum Beispiel Karola Bloch und Marlene Hobsbawm. Und die sind auch jeweils eindrucksvoll! Das ist für meine Arbeit. Und privat amüsiere ich mich mit Lily King, Writers & Lovers. Da geht es ja um eine Frau, die um absolut jeden Preis Bücher schreiben will. Als ich fünfzehn war, wollte ich selber auch schon mal Schriftstellerin werden. Papa hat mir dann einen Job beim Haller Kreisblatt organisiert. Morgens die Zeitung austragen. Man musste dazu um vier Uhr oder so aufstehen. Er meinte, wieso, ist doch mit Geschriebenem. Ich meinte, ich mach garantiert nie wieder eine Arbeit, wo man so früh aufstehen muss und wurde erst mal Buchhändlerin. Im Buchhandel zu arbeiten, heißt nämlich auch (Nebeneffekt), man muss um neun oder zehn da sein. Als ich bei Thalia war, sogar oft erst um halb zwölf. Das fand ich toll. Ich bin gar keine Langschläferin, aber ich mochte den Verlauf eines Arbeitstages, der nicht so früh zu Ende ist. Ich schreibe meine Bücher auch eher nachmittags und abends.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Das Leben ist schön.

Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Martina Bergmann, Schriftstellerin

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Verarmung des Gemeinsamen – Kunst und Literatur kann hier themenführend sein“ Renate Silberer, Schriftstellerin_Linz _ 29.9.2020

Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Sommer war es fast genauso, wie in der ersten Lockdown-Phase. Meine beiden Kinder waren ferienbedingt zu Hause, wir verbrachten den Tag gemeinsam. Zwischendurch hatte ich meine Schreibzeiten. Ich arbeite an meinem Roman, der sich mit den Auswirkungen der NS-Pädagogik auf die Folgegenerationen befasst, und im März 2021 erscheinen wird.

Renate Silberer

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns alle, keine Ahnung. Für mich ist wichtig, dass die Schulen wieder geöffnet sind und alle Kinder einer Klasse gemeinsam unterrichtet werden. Die Zeiten des monatelangen homeschoolings sind hoffentlich vorbei.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube die Isolation des Einzelnen wird ein größeres Thema werden und die Frage, wie sich diese Vereinsamung in unserer Gesellschaft auswirken wird, gerade auch in Kombination mit dem sich verbreitenden Narzissmus. Die Verarmung des Gemeinsamen, Kunst und Literatur kann hier schon themenführend sein.

 

Was liest Du derzeit?

Sympathiezauber, Texte zur Ethnografie von Michale Taussnig. Von Rosmarie Waldrop, Reproduktion von Profilen. Von Byung-Chul Han, Kapitalismus und Todestrieb und die Essays von Asli Erdogan, Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch. Zwischendurch lese ich immer wieder Gedichte und Texte von Elke Erb.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Schon seit Jahren eines meiner Lieblingszitate von Fredric Jameson: „Es scheint für uns heute leichter zu sein, uns den endgültigen Ruin der Erde und der Natur vorzustellen als den Zusammenbruch des Kapitalismus; vielleicht liegt das an einer Schwäche unserer Einbildungskraft.“

Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Renate Silberer, Schriftstellerin

Willkommen

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„Viele beklagen das Fehlen gesellschaftlicher Utopien, zu Recht“ Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin_ Leipzig_28.9.2020

Liebe Jayne-Ann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht anders als zuvor, abgesehen davon, dass ich vor der Pandemie öfters in die Stadt gefahren bin und Leute getroffen habe, was jetzt leider seltener passiert. Meistens bin ich vor sechs Uhr morgens schon auf, drehe per Rad eine Runde (ein Vorteil der Stadtrand-Lage), schreibe Tagebuch, arbeite an Texten, lektoriere, am Vormittag. Der Nachmittag gehört eher der Vereinstätigkeit (als Vorstandsvorsitzende in einem Landeskulturverband), da ist etliches zu regeln, von Stellenbesetzungen bis hin zur Neu-Planung von Veranstaltungen, von denen die meisten im ersten Halbjahr ja ausgefallen sind. Abends komme ich zum Lesen, Radio hören …

Jayne-Ann Igel

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gegenseitige Rücksichtnahme, solidarisches Verhalten, Hilfe anbieten, wo man die Notwendigkeit sieht – das gilt für mich im privaten wie öffentlichen Raum. Und daran sollten sich auch die Akteurinnen und Akteure in der Politik orientieren, im Sinne des Gemeinwohls, nicht am Gewinnstreben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich wäre glücklich, könnte es diesen Neubeginn geben, statt des „Weiter so“, das sich ja schon wieder abzeichnet. Wir haben in den letzten Monaten immer wieder wahrnehmen können, wie wichtig beispielsweise eine funktionierende Öffentliche Daseinsvorsorge ist, und wie sehr sie unter der neoliberalen Ausrichtung der gesellschaftlichen Belange schon gelitten hat. Wie viele Menschen unterm Gebot von Selbstoptimierung und Selbstausbeutung leiden, der marktförmigen Verfasstheit, die in alle Lebensbereiche Einzug gehalten hat.

Viele beklagen das Fehlen gesellschaftlicher Utopien, zu Recht, doch in der künstlerischen Weltsicht, Wirklichkeitsaneignung und Perspektive ist ein Hauch davon noch zu spüren. Hier kommt „Undenkbares“ ins Spiel, hat eine Entgrenzung statt, ist der Mut zum Wagnis noch vorhanden.

 

Was liest Du derzeit?

Es sind mehrere Bände, die ich parallel lese: Uwe Preuss „Katzensprung“, Ro

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Apropos Neubeginn, ich denke in diesem Zusammenhang an ein paar Zeilen von Marion Poschmann:  „Die politische Idee des Industriegebiets, dessen Bodenbelag von weitem wie Teppich wirkt, wäre ganz Innenraum: Bar jeden Wetters, bar jeder Obdachlosigkeit: Wo es in allen Lagerhallen ebenso aussieht wie außerhalb. Dazu kommen Automobile, auf Teppichen ausgestellt, hoher Komfort für Geräte, die lediglich über geliehene Intelligenz verfügen. Gerät, dessen Bilder verbreitet werden wie Herrscherporträts.“ (aus: Niedere Arbeiten, divenhaft ausgeführt. In: All dies hier, Majestät, ist deins. Lyrik im Anthropozän. Hrsg. Anja Bayer u. Daniela Seel, kookbooks, 2016).

Vielen Dank für das Interview liebe Jayne-Ann, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jayne-Ann Igel, Schriftstellerin

https://umtriebe.wordpress.com/

Foto_privat.

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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