
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Christoph Kleinhubbert, Schriftsteller _ Herne/D
Lieber Christoph, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine erste Begegnung mit Ingeborg Bachmann war die Lektüre von MALINA in einem Literaturkurs am Gymnasium. Das war gegen Ende der siebziger Jahre.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie findet klare und ehrliche Worte. Sie schafft es mit ihrer Sprache zu berühren (das kann so angenehm wie auch unangenehm sein).
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nein, das kann ich nicht, dafür habe ich zu wenig von ihr gelesen. Dem Grunde nach ziehe ich ihre Gedichte ihren Prosatexten vor. Ihren Band „Die gestundete Zeit“ finde ich ziemlich gut.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Der Satz von „den alten weißen Männern“ ist schon reichlich überstrapaziert worden (soweit ich weiß hat Frau Bachmann den auch nie gesagt) aber tatsächlich sind es gerade „alte weiße Männer“ die in einem, bis vor ein paar Jahren nicht für möglich gehaltenem Ausmaß Kriege führen, die Erde ausbeuten, Geld scheffeln, die Menschheit als Verhandlungsmasse ansehen, Wohn – und Lebensräume zerstören, vor Völkermord nicht zurückschrecken und die so unberechenbar sind, das man (mittlerweile vieler alter Sicherheiten beraubt) täglich mit weiteren, schlimmen Steigerungen des Wahnsinns rechnet. Da hatte Frau Bachmann mit ihrem Thema „die Männer sind unheilbar krank“ einen prophetischen Blick in die Zukunft getan. Ich denke aber, das heutige Ausmaß, das von der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt derzeit ausgeht, hätte sie sich in dieser Dimension nicht vorstellen können. Für mich sind das auch keine Menschen. Eher Monster in Menschenverkleidung … Monster, Aliens, was auch immer Nichtmenschliches im Kostüm eines alten weißen Mannes.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ob mit oder ohne Frau Bachmann … wie wir lieben, wie wir leben wollen, müssen wir für uns selbst entscheiden. Ich denke: wenn ein Paar über sich, ihre Zusammengehörigkeit, ihr gemeinsames Leben reflektiert und sagt: Das haben wir gut gemacht, dann war es ein glückliches zusammen lieben und leben. (… nimm es als kleine Anspielung auf den Suhrkamp/Piper-Band zum Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch).
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das Martyrium ist so ein religiös geprägter Begriff. Es beschreibt landläufig einen Prozess in dem man langes, schweres Leid und Leiden, extreme Qualen, auf sich nimmt um Zeugnis abzulegen von Treue zu Gott. Oder Soldaten die unter unmenschlichsten Bedingungen in Schützengräben liegen und ihr Land verteidigen. Ich denke Schreiben ist ein Vorgang in dem man sich selbst in ziemlicher Einsamkeit begegnet und lernen muss sich selbst auszuhalten. Schreiben ist auch Befreiung, es ist zudem ein mächtiges kreatives Instrument. Wenn mir ein guter Text gelungen ist, bin ich glücklich, geradezu euphorisch und jedes Mal frage ich mich dann: Wird dir das noch einmal gelingen? Als „Schreibender“ zu existieren ist für mich ganz normal. Außenstehende mögen da manchmal denken, ich sollte mit meiner Zeit was Besseres anfangen. Insofern stimme ich Frau Bachmann bei „absonderliche Art zu existieren“ und „einsam“ voll zu.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Was ich in ihren Texten oft finde, ist eine Art von „Grundtraurigkeit“ die bei ihr zu Wort gekommen ist. Ohnmacht, Vergeblichkeit, Vergänglichkeit, Einsamkeit, Gebrechen und Krankheiten … und am Ende steht der Tod, er wird in jedem Fall siegen und das Leben und die Liebe werden verlieren. Eigentlich sind das die zentralen Themen der Menschheit und kommen in der Literatur, in der Musik, im Film und der Malerei immer wieder vor.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Diese Frage kann ich nur unter der Voraussetzung beantworten Ingeborg Bachmann und ich seien so gute Freunde gewesen, dass man sich „was fragen oder sagen dürfe“. Dann würde ich ihr sagen: Gib dich nicht auf. Such dir einen neuen Platz in dieser Welt. Übernimm für dich Verantwortung und lass ruhen, was nicht zu ändern ist.“ Und vor allem: „Schreib mehr Gedichte!“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
2024 ist bei Ralf Friel im Verlag moloko + die MONDLANDUNG erschienen. Ein Buch mit Gedichten von mir und wunderbaren Collagen von Boris Kerenski. Wir haben nachgelegt und ein weiteres gemeinsames Projekt mit dem Titel SCHNITTWUNDEN liegt fertig bei moloko + und soll in diesem Jahr veröffentlicht werden. Dann wird es eine weitere Ausgabe des literarischen Magazins PRESSWURST geben. Sie wird wie sonst auch bei Rodneys Underground Press erscheinen. Ein drittes Projekt mit Boris Kerenski ist beinahe fertig und ich arbeite bereits an einem neuen Gedichtband als möglichen Nachfolger für den Gedichtband DER LETZTE SOMMER DER SCHÖNHEIT der 2024 bei Trikont Duisburg/Dialog Edition erschienen ist. Ich bin also momentan voll ausgelastetJ.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Es sind gleich die ersten 3 Zeilen ihres Gedichts „Alle Tage“ – „Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt. Das Unerhörte / ist alltäglich geworden.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Immer wieder gerne. Und vielen Dank für Deine Arbeit und Deinen unermüdlichen Einsatz für die Literatur und die Kunst.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Christoph Kleinhubbert _ privat.
Walter Pobaschnig, 3.5.26